Es brauche Begegnungen und Dialog, um zu gemeinsamen Lösungen zu kommen. Das betonte Kantonsrat und Landwirt Martin Birrer, der kürzlich einen Podiumsanlass des Fachpools Landwirtschaft der Luzerner FDP mit Pro und Kontra zur Massentierhaltungs-Initiative (MTI) leitete, zum Thema «Wie leben Nutztiere im Kanton Luzern? Wir machen Zukunft.». Und zum vermeintlichen Graben in der Bevölkerung meinte Birrer, dass es in der Stadt nicht nur vegane Velofahrer und auf dem Land nicht nur fleischfressende Autofahrer gebe.
Mut zu neuen Wegen
Diesen Ball nahm Hasan Candan, SP-Kantonsrat aus der Stadt Luzern, auf. Er sei Metzgerssohn, esse Fleisch und fahre Auto. Er wisse sehr wohl um die vielen Widersprüche und den Spagat von Meinungen, wenn es um Landwirtschaft und Konsum gehe. Die Bauern sollten aber Probleme nicht verdrängen und die Gesellschaft sei eben kritischer geworden. Er nannte die «ungesunde Entwicklung» in der Pouletmast, häufig gebrochene Brustbeine bei Legehennen, Tierhaltung und Klimawandel, Futtermittelimporte, fehlende Biodiversität oder nach wie vor belastete Seen.
In der Tat sei Landwirtschaft systemrelevant, deshalb wollten auch alle mitreden. Die MTI setze Weichen für die künftige Tierhaltung und stelle das Tierwohl ins Zentrum. Für mehr Innovationen und Unternehmergeist bleibe mit 25 Jahren Übergangsfrist genügend Zeit. Es brauche Mut für neue Wege, gerade die Luzerner Landwirtschaft habe mit der intensiven Tierhaltung ein Klumpenrisiko. Es sei auch fragwürdig, wenn auf dem grössten Teil der Ackerfläche Tierfutter wachse. Die bisherige konventionelle Produktion stehe im Widerspruch zu den neuen Konsumtrends wie Vegi und Vegan. «Die Landwirtschaft sollte sich verändernden Marktgewohnheiten anpassen, sonst bleibt sie irgendwann auf der Strecke.»
«Konsumenten müssen Auswahl nutzen.»
Markus Kretz weist auf Absatzprobleme bei Labelfleisch hin.
Markus Kretz, Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband aus Schongau, wies demgegenüber auf den hohen Stellenwert der Tierhaltung hin, mit der im Kanton 80 Prozent der landwirtschaftlichen Wertschöpfung von rund einer Milliarde Franken erwirtschaftet werde.
Viel besser als Ausland
Aufgrund dieser Dominanz sei es wohl nicht so einfach, Alternativen zu finden. Im übrigen richte sich die Produktion nach dem Konsum: Die Schweine- und Rindviehbestände hätten auch in Luzern in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen, während die Bestände beim Geflügel stiegen. Und überhaupt habe die Schweiz das strengste Tierschutzgesetz, kenne Programme wie BTS und RAUS und obendrauf gebe es noch eine Vielfalt von Labels. Dort gebe es aber teilweise Absatzprobleme für Labelfleisch. «Die Auswahl ist da, die Konsumenten müssen diese aber auch nutzen.»
Markus Kretz verglich die Haltung hierzulande mit jener im Ausland. Dort gebe es kaum Bestandeslimiten und auch kaum Auflagen zu Kastration, Enthornen, Schwanzkupieren oder Vollspaltenböden. In der EU würden noch immer die Hälfte der Hühner in Käfigen gehalten. Die Annahme der Initiative wäre der Todesstoss für die Poulethaltung in der Schweiz, meinte Kretz. Es bräuchte 20 000 mobile Ställe, um die Bedingungen einhalten zu können, das sei raumplanerisch nicht realistisch. Auch bräuchte es 189 000 t mehr Futter, um die gleiche Pouletfleischmenge produzieren zu können, wegen der ineffizienteren Produktion in kleineren Beständen.
«Bauern müssen sich dem Markt anpassen.»
Hasan Candan weist auf veränderte Konsumgewohnheiten hin.
Hasan Candan bedauerte in der Replik die bewahrende Haltung von Kretz. So weiter wie bisher mit einer Landwirtschaft, die zu wenig Rücksicht auf Ökosysteme nehme, sei keine Option. Von bleibenden Tierbeständen auszugehen, sei nicht realistisch. Er gehe von sinkendem Fleischkonsum aus, dann liege es auch drin, dass die Tiere mehr Raum bekämen.
In der Diskussion ging es auch um Themen wie Food Waste, Fütterungsverbot von Schlachtnebenprodukten, geschlossene Kreisläufe, Gülletourismus und Widersprüche zwischen Tierwohl und Umweltschutz. Martin Birrer zog das Fazit, dass die Bauern offen für neue Gedanken sein sollten, aber auch noch besser informieren müssten, was sie tun. Und die ganze Gesellschaft sei in der Pflicht, nicht nur die Landwirtschaft.