Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er verändert nicht gerne, auch dann nicht, wenn es eigentlich überfällig wäre. Die ausgediente Jeans, die nach jeder Wäsche wieder im Schrank landet, der Job, den man schon lange einfach nur noch macht, mit einem Chef, der einen eigentlich nie lobt, die Milchproduktion, die schon lange nicht mehr erlaubt, Rückstellungen zu machen und die Beziehung, die im Grunde nur noch eine Wohngemeinschaft ist und dazu noch eine schlechte.
Man muss Vertrautes loslassen
Die Liste ist noch lange nicht fertig. Beispiele, die in unserem Leben nach Veränderung rufen, gibt es unzählige. Bei jedem von uns. Das heisst, jeder von uns hätte Veränderungspotenzial. Ganz oft aber lassen wir alles lieber beim Alten. Denn Veränderung fällt schwer, weil es verlangt, das uns Vertraute und Bekannte loszulassen. Und statt den Job mitsamt dem Chef endlich an den Nagel zu hängen oder die Milchproduktion ganz einfach aufzugeben, verharren wir im uns Bekannten. Wenn man es genau betrachtet, ein Irrsinn.
Manchmal sind es schwerwiegende Entscheidungen, wie die Aufgabe einer Beziehung oder Ehe, die wir nicht fällen. Aber wir behalten tatsächlich auch diese Jeans im Schrank, auch wenn sie schon lange ersetzt werden sollte. Sie ist gäbig, auch wenn wir nicht mehr viel Gefallen daran finden.
Vertrautes gibt Sicherheit
Neue Wege sind uns fremd. Das, was da kommen könnte, verunsichert, ja beängstigt uns manchmal sogar. Das Altbekannte, auch wenn es uns im Grunde schon lange nicht mehr befriedigt, wir kennen es. Das ist uns vertraut und es gibt uns Sicherheit. Also bleiben wir lieber dabei, denn Veränderung ist ein Schritt in die Ungewissheit und dieser ist stets begleitet von einem beklemmenden Gefühl. Genau dieses Gefühl sorgt letztendlich oftmals auch dafür, dass die Kündigungspläne, die Pläne einen Produktionszweig aufzugeben, oder Trennungswünsche auf der Strecke bleiben. Das, was ich habe, was ich kenne, gibt mir Sicherheit. Also lasse ich es lieber dabei.
Durch die Angst hindurchgegen und Veränderung erleben
Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick sagte: «Wenn du immer wieder das tust, was du immer schon getan hast, dann wirst du immer wieder das bekommen, was du immer schon bekommen hast.» Es wird sich demnach nichts verändern, wenn wir es nicht selber tun. Und um zu verändern, müssen wir das Alte und Bekannte loslassen. Und das will gelernt sein. Aber wie? Wir müssen lernen, dieses beklemmende Gefühl nicht als Bremse zu nutzen. Wir müssen lernen, durch diese Angst hindurch zu gehen und zu erfahren, dass die Veränderung in ganz vielen Fällen etwas bringt, das uns guttut.
Auch ohne eigene Entscheidung ist Veränderung schwierig
Manchmal werden wir zum Loslassen gezwungen. Dann, wenn Kinder ausziehen. Dann, wenn jemand stirbt oder eine Trennung vollzieht oder auch dann, wenn wir eine Kündigung erhalten. Hier bleibt uns nichts anderes übrig, als loszulassen. Aber das macht es nicht unbedingt einfacher. Es erspart uns wohl den ersten Schritt, quasi den Entscheid, etwas zu verändern. Das Loslassen und die Suche nach einem anderen Weg hingegen bleiben bestehen. Was ist es aber nun, dass uns dazu bringt, etwas loszulassen?
Bis der Leidensdruck zu gross wird
Das Gegenteil von Komfort ist Diskomfort. Es ist ein Zustand, der uns unser Wohlbefinden raubt. Ist dieser so stark, dass wir immer wieder den unumgänglichen Wunsch verspüren, etwas in unserem Leben zu verändern, dann lassen wir los. Meist ist damit ein hoher Leidensdruck verbunden. Hin und wieder gar ein langer Leidensweg. Das entscheidet oft darüber, ob jemand es wirklich schafft, etwas anzupacken, und damit loslässt und verändert – oder eben nur wiederholt darüber nachdenkt. Dieser Leidensdruck veranlasst uns schliesslich, die Sache wirklich anzugehen. Oft hört man von Menschen, die «es wagten», sie hätten den Schritt schon viel früher tun sollen. Man denke an Hüftpatienten oder ehemalige Milchproduzenten.
Veränderung im Kleinen ist ein Anfang für Grosses
Verändern ginge aber auch, bevor einem fast der Kragen platzt. Aber eben, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Will man es dennoch ohne langwierigen Leidensdruck schaffen, etwas anzugehen, muss man nach vorne schauen und sich überlegen, wo man hinwill. Will jemand beispielsweise das Rauchen aufgeben, muss sie oder er wissen, was man in dieser Zeit, in der man geraucht hat, stattdessen tun könnte. Wer loslassen will, muss Ziele haben. Wo will ich hin? Wie soll es nach der Veränderung in meinem Leben aussehen? Oder was hat mich daran gehindert, dass ich bisher noch nichts geändert habe? Das sind Fragen, die uns dabei helfen, Ziele zu formulieren. Loslassen und verändern braucht Mut, Überwindung und Ziele, aber eben auch Übung. Wer auf grosse Veränderungen hofft und stets im Alten verharrt, soll erst mal im Kleinen üben und ein Kleidungsstück entsorgen, das man aus lauter Gewohnheit trägt, das aber eigentlich im Schrank nichts mehr verloren hätte. Das ist ein Anfang.