Hitzewallungen, Schlafstörungen, depressive Stimmung: Beim Stichwort «Wechseljahre» fällt den meisten nur Negatives ein. Doch zum einen muss man Beschwerden nicht einfach hinnehmen. Zum anderen haben die Wechseljahre viel kreatives Potenzial, meint Dr. Esther Müller.

Sie ist Gynäkologin und ausgebildete Landwirtin. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner bewirtschaftet sie neben ihrer Praxistätigkeit den «Archehof uf em Bode» in Ramiswil im Solothurner Jura. Sie bezeichnet sich als Wanderin zwischen Schulmedizin und altem Heilwissen, hält Vorträge und führt Workshops für Frauen durch.

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Ein Drittel des Lebens

Der schlechte Ruf der Wechseljahre stammt aus einer Zeit, als Frauen mit 40 als «alt» galten und früh starben. Heute leben wir deutlich länger. Daher verbringen Frauen rund einen Drittel ihres Lebens im Klimakterium. «Die Wechseljahre sind etwas völlig Normales, für das sich keine Frau zu schämen braucht», so Esther Müller. «Wir Frauen müssen lernen, zu uns zu stehen und die positiven Seiten dieser Altersspanne zu geniessen.»

So haben Frauen in dieser Phase des Lebens meist mehr Zeit für eigene Projekte, da die «Brutpflege» abgeschlossen ist. Durch die Hormonumstellung wird nicht selten vieles im bisherigen Leben in Frage gestellt. «Die Wechseljahre sind wie die Pubertät, alles wird anders. Frau muss sich neu erfinden.»

Über die Hälfe aller Frauen erleben die Wechseljahre ganz ohne oder nur mit leichten Beschwerden. Doch was, wenn die Lebensqualität stark leidet? Dann können pflanzliche Mittel und/oder Hormone helfen.

Die Wechseljahre
Die Begriffe «Klimakterium» oder «Wechseljahre» bezeichnen das Ende der fruchtbaren Zeit einer Frau. Die Eierstöcke stellen die Produktion der Hormone Östrogen und Progesteron langsam ein. Die Phase beginnt meist zwischen 45 und 55 Jahren. Mit dem Begriff «Menopause» wird der Zeitpunkt bezeichnet, an dem nach zwölf aufeinander folgenden Monaten keine Regelblutung mehr eingetreten ist, im Durchschnitt mit 52 Jahren. Durch die Hormonumstellung zeigen sich bei vielen Frauen mehr oder weniger starke Begleiterscheinungen. Dazu können Hitzewallungen gehören, Reizbarkeit, depressive Verstimmungen und Stimmungsschwankungen, Libidoverlust, trockene Schleimhäute sowie Gelenk- und Muskelschmerzen.

Die neue Art der Hormontherapie

Therapien mit künstlichen Hormonen hatten etliche Jahre einen schlechten Ruf, vor allem in Hinblick auf Brustkrebs. Heute werden in der Schweiz praktisch nur noch bioidentische Hormone verschrieben. Studien ergaben, dass diese das Brustkrebs-Risiko nicht erhöhen. «Rauchen, ein hoher Alkohol-Konsum und starkes Übergewicht sind die grösseren Risiken», stellt Esther Müller klar.

Eine Hormontherapie kann bei Schlafstörungen helfen, bei depressiver Verstimmung, bei trockenen Schleimhäuten, Hitzewallungen, Konzentrationsschwächen und schmerzenden Gelenken. Zudem bremst sie den Knochenabbau bei einer frühen Menopause und schützt vor Herzkreislauf-Krankheiten.

«Mit einer Hormonersatz-Therapie kann man die Langzeitfolgen des Alters hinauszögern», so Esther Müller. «Doch die individuellen Risiken und der Nutzen muss jede Frau mit ihrer Gynäkologin abklären.» Wichtig ist auch, die eigene Einstellung zum Thema «Altern» zu überprüfen: Welchen Weg will man gehen? Will man die Alterungskurve bewusst flach halten? Oder sagt man sich «Natur ist Natur» und geht mit dem, was ist?

Normale Begleiterscheinung

Die Einstellung, «so tun, als wäre nichts», funktioniert in den Wechseljahren deutlich weniger als in jungen Jahren. «Frauen orientieren sich noch zu oft daran, wie Männer ihr Leben managen – obwohl wir die Hälfte der Menschheit ausmachen.» So betrachten viele Hitzewallungen als peinliche Schwäche. «Dabei sind sie eine normale Begleiterscheinung der Wechseljahre.»

Was hilft, um die Wechseljahre möglichst gelassen und mit wenig Beschwerden zu erleben, ist ein gesunder Lebensstil: Ausreichend Schlaf, Entspannung und Bewegung sowie Anpassungen beim Essen. «Die Ernährung muss sich in dieser Phase des Lebens ändern. Qualitativ hochwertige saisonale Lebensmittel ohne Schadstoffe bringt uns Frauen all die Vitalstoffe, die wir für Reparaturprozesse im Körper benötigen.» Dazu gehören viel Gemüse, Salat und Früchte – und wenig Fleisch.

Gerade bei quälenden Hitzewallungen nützt es laut Studien, das Körpergewicht um zehn Prozent zu reduzieren. Regelmässiger Sport bringt mehr Selbstwert. Dieser unterstützt Frauen, all-fällige Beschwerden gelassener zu ertragen.

Pflanzliche Helfer

Auch verschiedene pflanzliche Präparate bieten sich an, um den Hormonwechsel mit weniger Nebenwirkungen zu erleben. Zum Beispiel:

Salbei: hilft bei übermässigem Schwitzen, in Form von Tropfen, Tabletten oder Tee.

Traubensilberkerze: wirkt bei Hitzewallungen, Schweissausbrüchen und Schlafstörungen, zum Beispiel «Cimifuga» von Zeller.

CBD-Öl (10 %) oder Johanniskraut: wirkt stimmungsaufhellend und stabilisierend.

Soja oder Rotklee: enthalten Isoflavone. Diese hormonaktiven Inhaltsstoffe ähneln dem Östrogen.

Roter Gingseng: als Urtinktur oder Tee bei Erschöpfung.

Pflanzliche Mischpräparate: wie etwa «Cimifuga comp» oder «Sepia Comp» von Weleda oder «Nevoben» von Padma.

Für die zarte Schleimhaut

In den Wechseljahren werden die Schleimhäute dünner und trockener, auch im vaginalen Bereich. Hier können natürliche Präparate Linderung bringen.

Zur Verbesserung des Scheidenmilieus: Entweder einen Esslöffel Obstessig auf einen Deziliter Wasser geben. Oder einen Esslöffel Naturjoghurt in einem Deziliter Wasser auflösen.

Bei Ausfluss: Teebaum- oder Lavendelöl. Fünf Tropfen ätherisches Öl mit einem Teelöffel Kaffeerahm und drei Deziliter lauwarmem Wasser mischen.

Zehn Milliliter der jeweiligen Mischung in eine entsprechend grosse Spritze, einen Frauen-Katheter oder eine Vaginal-Dusche füllen. So weit in die Scheide einführen, dass die Spüllösung appliziert werden kann. Die Lösungen wirken auch als Sitzbad. Nach dem Bad den Genitalbereich trockentupfen und bei Bedarf eincremen. Als käufliche Alternative eignet sich das Set für Vaginalspülungen von «Multigyn» (Apotheke oder Drogerie).

Für die tägliche Vaginalpflege und/oder als Gleitmittel: Oliven-, Aprikosenkern-, Avocado-, Muskatellersalbei- oder Rizinusöl. Denn künstliche Gleitgels erhalten oft Konservierungsstoffe, die die Schleimhaut reizen. «Sonnenblumen- und Rapsöl sind weniger geeignet. Auch Melkfett sollte nicht an die vaginale Schleimhaut.»

Und wie sieht es mit homöopathischen Mitteln aus? «Sie wirken energetisch und nicht über die Inhaltsstoffe.» Homöopathie könne helfen, Entscheide anzuschubsen, um klarer zu sehen, was man in dieser neuen Lebensphase will.

Bewusste Entscheide

Auch der bewusste Entscheid, sich selbst mehr Raum für Selbstfürsorge zu gewähren, trägt dazu bei, den Wechseljahren etwas Positives abzugewinnen: Man ist auf dem Weg eine «weise» Frau zu werden. Unter diesem Begriff versteht Esther Müller Frauen, die mit sich selbst im Reinen sind. «Weisheit im Sinne einer Kombination von Gefühl und Verstand. Man akzeptiert den eigenen Typ und die Lebensumstände besser, auch wenn nicht alles perfekt ist.» Dazu braucht es unter anderem:

  • Selbsterkenntnis für die eigenen Stärken und Schwächen.
  • Die Bereitschaft, Altes loszulassen und einen neuen Raum zu schaffen.
  • Verständnis in Liebe.
  • Die Fähigkeit, Stress zu transformieren, zur Seite zu schieben.
  • Versöhnung mit dem Leben und dem Tod.
  • Mitgefühl und eine nicht wertende Haltung.
  • In Kontakt mit sich selbst sein. Denn Fürsorge bedeutet auch Selbstfürsorge.

«Es lohnt sich, in die innere Zufriedenheit zu investieren», sagt Esther Müller. Und: «Man kann in dieser Lebensphase mit anderem schwanger gehen als mit einem Baby, zum Beispiel mit Projekten. Auch diese können sehr erfüllend sein.»

Weitere Informationen: www.amadeum.ch

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Gelassenheitstee
40 Gramm Johanniskraut
40 Gramm Melisse
30 Gramm Baldrian
20 Gramm Weissdorn
10 Gramm Rosmarin
Mischen und mehrere Wochen lang zwei bis drei Tassen am Tag trinken, jedoch nicht am Abend.