Eigentlich haben sie sich schon gefreut zumindest die Terrasse ihrer Beiz auf Anfang März wieder öffnen zu können. Nun muss sich die Bergbauernfamilie Küttel auf Hinterbergen am Rigihang, Vitznau LU, halt weiter gedulden. Marcel (61) und Romy empfangen uns in der Corona-bedingt leeren Gaststube. Sohn Alex (30) und seine Frau Sonja kommen dazu, mit ihren Kindern Aline (2) und Valentin (4 Monate).

Die Musik-Auftritte fehlen

Sie haben kürzlich mit Unterstützung der Berghilfe einen sanierungsbedürftigen Wohnbau ersetzt, seit Weihnachten lebt nun bereits die junge Generation in der neuen Wohnung, als künftige Betriebsleiter. Hier haben schon viele Stubete stattgefunden, in der Ecke auf der Bühne steht der Kontrabass bereit. Und im Schaukasten Bilder von Auftritten und die CDs. Marcel Küttel spielt Handorgel in der bekannten Kapelle «Echo vom Vitznauerstock», seit bald 45 Jahren. Auch Sohn Alex hat die Musik im Blut, und spielt Schwyzerörgeli mit seiner Formation «Rigigruess».

Vor allem Vater Marcel ist schon weit herumgekommen mit vielen Auftritten, war auch schon im TV zu sehen, und spielte auf Kreuzfahrten und Flussreisen. Die Musik sei nicht nur Hobby, sondern auch finanziell nicht ganz unbedeutend. Allerdings habe er nun seit rund einem Jahr keine Auftritte mehr gehabt. «Das vermisse ich schon», sagt Marcel, für den Musik mehr als ein Hobby ist, er gab früher auch noch Musikschule.

Bergbeiz mit bester Aussicht

Ein wesentlich bedeutender Nebenerwerb ist der Restaurationsbetrieb. Sehr viele Touristen kehren vor allem im Sommer hier ein, schätzen neben der prächtigen Aussicht vor allem die regionale, frische Küche.

Küttels sind seit Jahrzehnten Bauern und Beizer, die Eltern von Marcel bauten schon 1968 ein Restaurant. Im Jahre 1964 wurde die jetzige Seilbahn gebaut. Sie war zu dieser Zeit die einzige Erschliessung. Da mit der neuen Seilbahn immer mehr Touristen die Hinterbergen besuchten, ergab sich so das Bedürfnis für eine Gaststube, erzählt Marcel Küttel.

Kein Flickwerk ohne Ende

Den Betrieb haben Küttels 1989 übernommen, 1998 wurde unmittelbar neben dem alten Haus ein Neubau realisiert, in welchem seither die Betriebsleiterfamilie wohnt. Dies, weil es aus Platzgründen nicht mehr möglich war, im gleichen Haus mit den Eltern zu wohnen.

In wenigen Jahren steht auf dem Betrieb wieder ein Generationenwechsel an. Die neue Wohnung dafür ist erstellt, Sohn Alex zog mit seiner Familie von Gersau wieder hinauf auf den elterlichen Betrieb. Der Ersatzbau wurde anstelle der bisherigen Altwohnung über der Gaststube erstellt. Eine Sanierung der vormals vermieteten Wohnung sei nicht sinnvoll gewesen. «Das wäre nur ein Hinauszögern, ein ewiges Flickwerk und viel teurer gewesen», sagt auch Romy Küttel. So klärten sie im Januar 2018 bei den Behörden für einen Ersatzneubau ab, mussten einige Konzessionen bezüglich Grösse machen. Wesensgleichheit und gleiche Grundrisse wurde ihnen vorgeschrieben. Die Wohnung ist wieder rund 150 m2 gross. Mehr Wohnraum wurde nicht zugestanden, da auf dem Betrieb schon eine weitere Wohnung vorhanden und die maximal zulässige Fläche erreicht ist.

Viel selber mit Holz gebaut

Für den Zimmermann Alex war klar, dass auf einen Holzbau gesetzt wird, mit Schweizer Holz. Viel eigenen Wald besitzen Küttels zwar nicht, aber bauen mit Holz hat hier am Berg gleichwohl grosse Bedeutung. Auf dem Betrieb ist gar eine alte Gattersäge noch in Funktion, mit welcher für den Eigenbedarf auch heute noch Bretter und Balken zugesägt werden.

Der Holzbau wurde auf den vorhandenen Sockel auf die Gaststube im EG aufgebaut. Rund 50 m3 reines Konstruktionsholz konnte er verwenden. Selbstredend bauten Küttels viel selber.

Viele Aushilfen im Sommer

Alex ist gelernter Koch, machte später eine weitere Ausbildung als Zimmermann, «das ist für einen Bergbauernbetrieb sehr nützlich, wenn man viel selber machen kann.» Anschliessend arbeitete er einige Jahre vollzeitlich in diesem Beruf. Seit 2015 allerdings nur mehr saisonal, den Sommer über ist er seither auf dem Hof und in der Gastwirtschaft tätig.

Im Hinblick auf die Betriebsübergabe absolvierte Alex vor zwei Jahren den Direktzahlungskurs. Auch Frau Sonja, Dipl. Pflegefachfrau, hilft den Sommer über mit, denn dann braucht es vor allem in der Beiz viele helfende Hände. Küttels können in der strengen Zeit auf viele Aushilfen von Verwandten und Bekannten zählen.

Auch die Bewirtschaftung der steilen Flächen ist im Sommer arbeitsintensiv, und braucht Helfer zum Heuen. Schön sei, dass im Sommer viele Weideflächen zur Verfügung stehen. Zwar erleichtere heute die Bergmechanisierung die Bewirtschaftung, gleichwohl bleibe viel Handarbeit, vor allem auf den umfangreichen Ökoflächen. Wegen Heubläsern habe er mit Gästen schon einige Diskussionen geführt. Da brauche es eben Erklärungen, meint Marcel.

Intermezzo mit Bio

Erklärungen brauche es auch wegen Bio. Ökologisch wurde der Betrieb schon immer bewirtschaftet. In den 90er-Jahren stieg Küttel auf Bio um, wirtschaftete rund 10 Jahre unter diesem Label. Schliesslich wechselte Marcel wieder, die immer strengeren Auflagen vor allem in der Kälbermast wollte er nicht mehr hinnehmen. «Für die Terra-Suisse-Kälber löse ich in der Regel mehr als früher mit den Knospe-Kälbern.»

Gutes Klima für Kälbermast

Kälbermast ist der Hauptbetriebszweig von Küttels, jährlich sind es rund 30 Stück für das Label der Migros. Neben den Kälbern von den eigenen Kühen werden noch rund zwei Drittel zugekauft und ausgemästet. Alle Tiere gehen in den Handel, das Fleisch im eigenen Restaurant zu verwerten, wäre zu aufwendig und kompliziert, zumal hier von Touristen vor allem Schnitzel gefragt seien.

Die Kälber sind rund 160 Tage alt, haben dann ein Schlachtgewicht von 140 kg. Neben Milch – ergänzt zum Ausgleich je nach verfügbarer Milchmenge mit Pulver aus dem Automaten – wird lediglich Heu gefüttert. Viel Platz, Tiefstreue und Auslauf sind wichtige Auflagen dieses Labels. Die Kälbergesundheit haben Küttels recht gut im Griff. Sie beziehen die zugekauften Kälber immer von den gleichen drei Betrieben aus der Region, welche bezüglich Stallklima gut passen.

Corona spüren Küttels auch in der Kälbermast, ohnehin seien die Preise für die Kälber Anfang Jahr tiefer. Nun komme noch der Absatzeinbruch dazu, zumal Kalbfleisch vor allem in der Gastronomie konsumiert werde. Überhaupt spüren Küttels die Corona-Krise, vor allem im Restaurant. «Der Sommer war zwar sehr gut, aber vorher und nachher wurde alles abgesagt, keine Stubete, keine Metzgete, keine Geburtstagsfeiern», bedauert Romy, die auf Erwerbsersatzentschädigung und wieder auf eine gute Sommersaison hofft.

Lange die Strasse ersehnt

Lange war Hinterbergen nur auf einem steilen Wanderweg oder mit der Seilbahn erreichbar. Alles musste früher mit der Bahn transportiert werden, vom Stroh bis zum Kalb. «Als die Strasse vor rund 10 Jahren kam, war das für uns wie Weihnachten, eine Verdoppelung der Lebensqualität», sagt Romy. Aber auch noch heute sei es bei winterlichen Verhältnissen besser, die Bahn statt die Strasse zu benutzen. «Gerade im Winter spürt man den Berg, das ist ein anderes Leben als unten im Tal.»

Die Strasse trage sehr wesentlich dazu bei, dass die jungen Leute weiterhin bereit seien, hier oben am Berg zu leben, zu arbeiten und die Landschaft zu pflegen, unterstreicht Marcel die Bedeutung einer zeitgemässen Erschliessung. «Da haben viele Leute im Tal teils eigenartige und idealisierte Vorstellungen vom Leben im Berggebiet.