Nachdem in Medienberichten nun während längerer Zeit stets der Pflanzenschutzmitteleinsatz der Schweizer Landwirtschaft angekreidet worden war, gibt es nun ein neues Thema. Die Emissionen sind die neuen Pflanzenschutzmittel, Ammoniak und Stickstoff die neuen Aufreger statt Chlorothalonil und Co.
«NZZ am Sonntag» ganz boulevardesk
«So ein Sch ...» titelte die als seriös geltende «NZZ am Sonntag» vergangenes Wochenende ganz boulevardesk. «Schweizer Bauern spritzen zu viel Gülle auf ihre Felder und verschmutzen damit die Umwelt. Tricksen einzelne sogar das System aus, das den Überschuss an Stickstoff eindämmen soll?», lautete der Lead des Artikels.
«Ammoniak – Alptraum ohne Ende», hiess es derweil diese Woche bei der SRF-Wirtschaftssendung Eco. Die Fieberkurve steigt, kurz bevor der Ständerat nächste Woche über eine mögliche Sistierung der Agrarpolitik 2022+ (AP 22+) debattiert.
Teure Abluftreinigung
Dass solche Schlagzeilen den Puls bei manchem Bauern, bei mancher Bäuerin hochschnellen lassen, ist verständlich. Die Ammoniakemissionen sind für die Branche kein neues Thema. Bestrebungen, diese zu senken, gibt es viele. So verlangen gewisse Kantone beim Bau von neuen Geflügelställen teure Abluftreinigungsanlagen. Dies, obwohl keine offiziell akzeptierten Ammoniak-Messungen für Schweizer BTS-Geflügelställe existierten, so der kritische Unterton in einem kürzlich veröffentlichten Artikel in der «Schweizer Geflügelzeitung». BTS steht für Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme.
Für die vergleichsweise kleinen Stallgrössen in der Schweiz stellten solche Anlagen eine unverhältnismässige hohe Investition dar, auch angesichts der Tatsache, dass nur vier Prozent der Ammoniakemissionen aus der Geflügelhaltung kämen, hiess es im Artikel weiter.
Ärger als Antrieb
Aus Ärger über Negativ-Schlagzeilen oder kaum erfüllbare Richtlinien kann aber manchmal etwas Gutes entstehen: Innovation. Wut im Bauch ist ein Antrieb, so lange man sich davon nicht übermannen lässt. Bewiesen haben das zwei Landwirte aus Hellsau BE. Mathias Leuenberger und sein Vater Hans wollten eine neue Pouletmasthalle bauen und ärgerten sich über die strengen Anforderungen des Kantons. So sollten sie eine Holzfassade bauen, obwohl die Halle aus Stahl ist.
Dann kam plötzlich die Idee auf, den Zwischenraum so gut zu isolieren, dass die Halle den Minergie-Standard erreichen würde. Letztes Jahr konnten die beiden die weltweit erste Pouletmasthalle mit entsprechendem Zertifikat in Betrieb nehmen. Das Gebäude mit Wärmerückgewinnung und Solaranlage auf dem Dach produziert mehr Energie, als es verbraucht.
Bei jedem Mastpouletstall möglich
Das Projekt wurde nun während eines Jahres auf Herz und Nieren getestet. Der Monitoring-Bericht kommt zum Schluss, dass Minergie bei jedem neuen Mastpouletstall grundsätzlich möglich sei. Die Technik sei ausgereift und die Betriebssicherheit hoch. Dank geringerer relativer Feuchtigkeit und folglich guter Qualität der Einstreu, seien auch die Ammoniakemissionen geringer, heisst es. Das hat einen positiven Effekt auf die Tiergesundheit, so wurden bei den Mast-poulets kaum Fussballengeschwüre festgestellt.
Hohe Investition
Der Weg dahin war für Leuenbergers aber alles andere als einfach. Sie mussten nicht nur viel Durchhaltewillen beweisen, sondern auch deutlich mehr investieren, als wenn sie eine konventionelle Halle gestellt hätten. Längerfristig sollten die Mehrkosten für die bessere Wärmedämmung, die Wärmepumpe, den Wärme- und Stromspeicher sowie die Photovoltaik-Anlage durch die tieferen Energiekosten kompensiert werden.
Finanzierung ist tricky
Die Finanzierung ist nur einer der limitierenden Faktoren, warum in der Schweiz noch nicht mehr Minergie-Ställe gebaut wurden. Mittlerweile gibt es noch einen zweiten in Zimmerwald BE. Einzelne Betriebe liebäugeln dem Hörensagen nach mit der neuen Technik. Generell sei das Interesse in der Branche aber noch klein, bedauern Branchenkenner.
Engagement nötig
Wichtig wäre hier auch Engagement von Beratern, Abnehmern und Politik. Wer hohe Anforderungen stellt, sollte Initiativen in die nachhaltige Richtung nicht ausbremsen. Diese sind es wert, unterstützt zu werden, mit Forschung, Know-how, erfüllbaren Richtlinien und womöglich auch mit barer Münze. Auf dass die Medien vermehrt über positive Bestrebungen berichten würden.