«Mit diesem Tier muss man künftig rechnen», hiess es kürzlich an einer BUL-Tagung zum Thema grosse Beutegreifer in der Schweiz. Die Rede war vom Goldschakal.
Zuerst für Fuchs gehalten
Das erste Foto eines solchen Tiers in der Schweiz entstand während des Luchsmonitorings in den Nordwestalpen im Winter 2011/ 2012. Danach blieben weitere Hinweise für einige Jahre aus, bis im Winter 2015/ 2016 ein Goldschakal in der Surselva fotografiert wurde. Kurz darauf wurde in der Nähe ein junger männlicher Goldschakal, vermutlich derselbe, aus Versehen von einem Jäger erlegt. Am 23. März 2016 wurde ein geschwächter Goldschakal im Kanton Schwyz erlegt, den man zuerst für einen Fuchs gehalten hatte.
Schwierig zu unterscheiden
Seither erreichen die Stiftung für Raubtierökologie und Wildtiermanagement (Kora) regelmässig neue Beobachtungen. «Momentan kann man in der Schweiz noch nicht von einer Population sprechen», sagt Ursula Sterrer auf Anfrage. Die Wildtierbiologin ist bei Kora zuständig für den Goldschakal.
Wer ist KORA?
Viele Daten rund um die Bewegungen, aber auch Verhaltensweisen der Grossraubtiere in der Schweiz stammen von der Stiftung Kora mit Sitz in Ittigen BE. Diese arbeitet im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt und auch der Kantone. Ihre Aufgabe ist die systematische Erfassung von Daten, Beobachtungen und Überwachungen von Luchs, Wolf, Bär und Goldschakal.
Es sei schwierig, die Sichtbeobachtungen zu verifizieren, denn «Goldschakale und Füchse zu unterscheiden, ist nicht einfach. Es gibt grosse Ähnlichkeiten». Aber es gebe Regionen, wo sich Beobachtungen häuften, «das ist natürlich interessant, zum Beispiel an der Grenze des Kantons Genf zu Frankreich, im Gebiet des Neuenburgersees und in der Region um den Obersee».
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Die Einwanderung erfolgt aus dem Südosten. Goldschakale können grosse Distanzen zurücklegen und deshalb überall in der Schweiz auftauchen.
Im Rudel unterwegs
Goldschakale leben ähnlich wie Wölfe im Rudel, das heisst, ein Elternpaar ist mit Nachkommen unterwegs. «Manche der älteren Nachkommen bleiben noch ungefähr ein Jahr bei den Eltern und helfen mit der Aufzucht der neuen Jungen», erklärt Ursula Sterrer. Bislang gebe es in der Schweiz keine bestätigten Hinweise auf Reproduktion. Alle Tiere, bei denen man das Geschlecht bestimmen konnte, wobei es sich zum grössten Teil um Totfunde handelte, waren bislang Männchen.
Goldschakale sind Allesfresser
Das Nahrungsspektrum des Goldschakals ist ähnlich wie beim Fuchs. «Sie sind Allesfresser, fressen Aas, Insekten, Pflanzen, Amphibien oder kleine Säugetiere. Sie sind aber als Paar oder im Familienverbund auch fähig, ein Reh zu reissen», sagt Ursula Sterrer. Deshalb wäre es theoretisch möglich, dass Goldschakale kleine Nutztiere wie Ziegen oder Schafe erbeuten.
Bisher gab es in der Schweiz erst einen bestätigten Fall: Am 15. August 2017 wurde in der Gemeinde Fideris GR ein gerissenes Schaf aufgefunden. Das Tier wies relativ feine Bissspuren auf, woran genetisch ein Goldschakal nachgewiesen werden konnte.
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«Keine grossen Sorgen machen»
«Ich denke nicht, dass man sich in der Landwirtschaft grosse Sorgen vor dem Goldschakal machen muss», hält Ursula Sterrer fest. Der Alpenraum eigne sich für Goldschakale nicht besonders. Sie leben eher im Talgebiet, wo es per se einfacher ist, Schafe und Ziegen gut zu schützen. Von Goldschakalen gerissene Nutztiere werden gemäss Jagdverordnung von Bund und Kanton entschädigt.
«Gemäss EU-Habitat-Direktiven sind Goldschakale ähnlich stark geschützt wie der Steinbock, in der Berner Konvention sind sie nicht gelistet.» Sollte es eines fernen Tages wirklich Probleme mit einer Population geben, wäre die Bejagung wahrscheinlich einfacher möglich als aktuell beim Wolf.
Heulen ähnlich wie Wölfe
Die Wildtierbiologin ist fasziniert von dem Tier: «Goldschakale sind unter anderem sehr interessant von ihrem Sozialverhalten her.» In der Schweiz hat sie noch keinen in freier Wildbahn gesichtet, in Italien, wo sie für ihre Masterstudie geforscht hat, allerdings schon. «Man kann per Tonband ihr Heulen simulieren, und dann reagieren sie auf diesen Reiz.» Sie heulen ähnlich wie Wölfe, ein bisschen höher, und bellen nicht wie Füchse, obwohl sie diesen optisch so sehr gleichen.