«Die Kuh wird die Energiesparlampe der zukünftigen Nahrungsmittelproduktion sein», ist sich Wilhelm Windisch sicher. Mit dieser These startete der deutsche Fachmann für Tier­ernährung jüngst in ein Referat an der Delegiertenversammlung von Braunvieh Schweiz, mit dem er aufzeigen wollte, weshalb Landwirtschaft und Klimaschutz auch künftig auf die Kuh bauen müssten.

Dramatischer Schwund von Ackerflächen

[IMG 2] «Die weltweite Verfügbarkeit von Ackerflächen nimmt durch Klimawandel und Überbauung dramatisch ab, wir werden uns in Zukunft eine Nahrungsmittelkonkurrenz zwischen Nutztieren und Menschen nicht mehr leisten können», prognostiziert der Experte. Und das habe keine moralischen, sondern ökonomische Gründe. 1970 hätten auf der Erde vier Milliarden Menschen gelebt, bis zum Jahr 2050 würden es zehn Milliarden sein. Dieses Wachstum sei nur dank einer Produktionssteigerung in der Landwirtschaft möglich. 

Zu viel Mais geht an Tiere

Nun komme aber eine Zeit der Verknappung auf uns zu, so Wilhelm Windisch. Das bedeute, dass die Erzeugung von pflanzlicher Nahrung absoluten Vorrang haben werde: «Im Moment verfüttern wir noch ein Drittel der globalen Getreide- und Maisernte an Nutztiere, das können wir uns nicht mehr erlauben.» Das heisse aber nicht, dass die Tierhaltung zukünftig keine Bedeutung haben werde. 

«Wir werden uns eine Nahrungsmittelkonkurrenz nicht mehr leisten können.»

Wilhelm Windisch, Professor am Lehrstuhl für Tierernährung an der Technischen Universität München (D).

Auf 70 Prozent der weltweiten Landwirtschaftsflächen sei nämlich kein Ackerbau möglich: «Es ist in diesen Gebieten zu steil, zu steinig oder zu kalt, sprich nicht ackerfähig. Wären diese Flächen ackerbaulich nutzbar, hätten das unserer Vorfahren schon lange getan», gibt Windisch zu bedenken. Aber auch auf den Äckern würden nur 20 Prozent der Biomasse für den Menschen verfügbar sein.

Das bedeute, dass bei einer rein veganen Ernährung 80 Prozent der zwangsläufig produzierten Biomasse nicht verwertet werde. Mit dieser nicht essbaren Biomasse könnten aber mithilfe von Tieren grosse Mengen an menschlicher Nahrung produziert werden, betont der Experte. «Nutztiere steigern den Gewinn an Nahrung auf derselben Fläche ohne Nahrungsmittelkonkurrenz um die Hälfte.» 

Kreisläufe als Lösung

Da der grösste Teil der produk­tionsbedingten Emissionen bereits beim Anbau auf dem Feld stattgefunden habe, sei eine Nichtverfütterung dieser Biomasse nicht verantwortbar, findet Wilhelm Windisch. Eine vegane Landwirtschaft benötige viel mehr Fläche für die gleiche Menge an Nahrung. Der zukünftige Weg müsse in Richtung der Kreislaufwirtschaft führen, wo Tiere eine tragende Rolle innehaben würden. Dennoch prognostiziert Windisch eine weitere Reduktion der Tierzahlen. Besonders die Geflügel- und die Schweinezahlen würden zukünftig stark zurückgehen, die Anzahl Rinder bleibe aber fast stabil.

Nicht das Kraftfutter der Kühe sei ein Problem, sondern wenn sich im Kraftfutter etwas für den Menschen Essbares befinde. Es gebe aber genügend Futtermittel wie Rapsextraktionsschrot oder Rübenschnitzel, die für den Menschen nicht essbar seien, aber gut in die Milchviehfütterung passen würden. Ein produktiver und effizienter Futterbau, eine präzise Fütterung, Tiergesundheit und Tierwohl und somit eine hohe Lebensleistung seien weitere entscheidende Faktoren für die Klimawirkung der Rinderhaltung. Sehr hohe Jahresmilchleistungen hingegen würden zukünftig wohl nur noch in wenigen Gebieten sinnvoll bleiben, entsprechend sollten auch die Zuchtziele angepasst werden. 

Kühe sind keine Klimakiller

Wiederkäuer würden zu Unrecht als Klimakiller bezeichnet, kritisiert Wilhelm Windisch. Da die viel kritisierten Methanemissionen aus der Rindviehhaltung in der Atmosphäre nach rund zwölf Jahren abgebaut würden, seien die negativen Klimaauswirkungen des Methans durch die tie­feren Rindviehzahlen in den ­vergangenen Jahren stark zurückgegangen. 1920 hätten in Deutschland 20 Millionen Rinder gelebt, heute liege dieser Bestand bei rund der Hälfte. Die Methanemissionen hätten bereits im Jahr 2003 die vorindus­triellen Werte unterschritten. 

«Die Rindviehhalter in der Schweiz und Deutschland haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht, davon träumen andere Wirtschaftszweige», so der Fachmann. Weitere Reduktionen hätten einen Kühlungseffekt auf das Klima – etwas, was sich die Landwirtschaft eigentlich honorieren lassen sollte. Weltweit sehe die Situation aber anders aus. Da steige der Wiederkäuerbestand jährlich um 2 Prozent.