Schon zwölf Tiere getötet
Innert Wochenfrist gab es vier Rissereignisse auf verschiedenen Glarner Alpen: Es wurden zwölf Tiere getötet und zwei gelten als vermisst - und dies nach erst drei Wochen seit dem Beginn der Alpsaison. Die Tiere waren durch Elektrozäune und Herdenschutzhunde geschützt.
Die Kommission Grossraubtiere und der Bauernverband erwarten von der Glarner Regierung, sich öffentlich klar zur Glarner Alp- und Weidewirtschaft zu bekennen. «Wir wünschen uns, dass sich der Regierungsrat mit aller Vehemenz und allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für eine schnelle, griffige Regulation einsetzt», schreibt die Kommission am 21. Juni 2022 in einem Communiqué. Die Jagdverwaltung müsse sicherstellen, dass ein proaktives Glarner Wolfsmanagement umgesetzt werde. Die Last des Wolfsdrucks könne nicht von der Landwirtschaft alleine getragen werden.
Vor einigen Wochen berichteten wir im Zusammenhang mit einer Veranstaltung zur Wolfspräsenz im Toggenburg über das Projekt Pasturs voluntaris, das von Pro Natura Graubünden lanciert wurde. Unter dem Motto «Gemeinsam für den Herdenschutz» entsendet Pasturs voluntaris Freiwillige, welche die Bauern beim Herdenmanagement unterstützen. Das Projekt soll dieses Jahr auf den Kanton Glarus ausgeweitet werden. Für die Fachkommission Grossraubtiere Glarnerland und den Glarner Bauernverband kommt das nicht in Frage, stellt Kommissionspräsident Thomas Elmer im Interview klar.
Herr Elmer, die Bestossung der Alpen hat vielerorts stattgefunden oder steht kurz bevor. Wie ist im Glarnerland die Stimmung bei den Tierhaltern, Älplern und Hirten?
Thomas Elmer: Es sind gemischte Gefühle beim Alppersonal. Auf der einen Seite freut man sich auf den Alpsommer, auf der anderen Seite ist wegen dem Wolf eine gewisse Anspannung spürbar. Der letzte Sommer lief im Kanton Glarus glücklicherweise glimpflich ab. Wir hoffen, dass es auch 2022 so sein wird, aber die Ungewissheit ist einfach da.
In wieweit betrifft Sie die Wolfsproblematik?
Ich bin nicht in der Alpwirtschaft tätig, bin aber Landwirt und halte Schafe und Grossvieh. Meine Schafe sind das ganze Jahr über auf dem Heimbetrieb, auf Weiden, die als geschützt gelten. Das Jungvieh gebe ich auf die Alp, allerdings mit einem mulmigen Gefühl.
Funktioniert der Herdenschutz im Kanton Glarus?
In gewissen Fällen funktioniert der Herdenschutz zur Zeit noch. Nach dem Rissereignis in Matt Anfang Mai in einer korrekt eingezäunten Herde mit genügend Strom kam es nun letzte Woche zu einem Übergriff auf einer Alp mit sechs toten Schafen. Die Schafherde wurde von mehreren Herdenschutzhunden bewacht. In diesen beiden Fällen hat ein hohes Niveau an Herdenschutz den Wolf nicht abhalten können. Aus meiner Sicht funktioniert der Herdenschutz nur, wenn unverzüglich Massnahmen ergriffen werden können gegen schadenstiftende Wölfe.
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Pasturs voluntaris soll auf den Kanton Glarus ausgeweitet werden. Offenbar stösst das Projekt bei Ihnen nicht auf Begeisterung.
Pasturs voluntaris ist ein Wolf in Schafspelz. Das Projekt kommt von den Umweltverbänden, also genau von den Leuten, die der Landwirtschaft überall und permanent das Leben schwer machen. Die Umweltverbände hatten grossen Anteil daran, dass die Jagdgesetzrevision abgelehnt wurde. Und diese Organisationen wollen uns jetzt bei unseren Problemen helfen? Das kaufen wir ihnen nicht ab.
Ich habe den schweren Verdacht, dass man bewusst übermässigen Herdenschutz betreiben will, um nachher zu sagen: «Seht her, es funktioniert, ihr müsst einfach mehr Herdenschutz machen.» Ich rate jedem Bauern, sich gut zu überlegen, ob er das Angebot von Pasturs voluntaris in Anspruch nehmen will. Wir von der Fachkommission Grossraubtiere Glarnerland und vom Glarner Bauernverband lehnen das Projekt ab, da es keine echte Unterstützung im Umgang mit dem Wolf ist.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, um das Alppersonal zu entlasten?
In erster Linie müssen sich alle Betroffenen zusammentun und gemeinsam für andere Rahmenbedingungen kämpfen. Wir brauchen eine Lösung, die ein einigermassen sorgloses Alpleben ermöglicht. Dann müssten wir gar nicht darüber diskutieren, wie wir das Alppersonal entlasten können.
Wir sind sehr interessiert an einer besseren Vernetzung mit anderen Kantonen, denn wir kämpfen alle mit denselben Problemen. Auch innerhalb der Landwirtschaft muss allen klar sein, was die Entwicklung mit dem Wolf für Folgen hat. Ich sehe unsere Aufgabe auch darin, öffentliche Aufklärungsarbeit zu leisten und zu zeigen, dass die Alp- und Weidewirtschaft mit der Wolfspräsenz in Gefahr ist.
Selbst die Umweltverbände räumen inzwischen ein, dass es ein strengeres Wolfsregime bei Problemwölfen brauche. Trauen Sie solchen Aussagen?
Nein, solchen Aussagen traue ich nicht mehr. Die Zusammenarbeit mit den Umweltverbänden ist sehr destruktiv, nicht nur beim Wolf, auch bei den Gewässerraumausscheidungen, bei der Raumplanung usw. Von diesen Leuten wurden und werden uns zu viele Steine in den Weg gelegt.
Glauben Sie daran, dass mit dem revidierten Jagdgesetz bis zum Alpsommer 2023 eine vernünftige Lösung für die Betroffenen vorliegt?
Nein, ich glaube nicht, dass wir in einem Jahr eine andere Ausgangslage haben. Die Koexistenz mit dem Wolf funktioniert nicht, das zeigen die Erfahrungen im Ausland.
Welchen Wunsch haben Sie für den Alpsommer 2022?
Die Alpzeit ist eine gute und schöne Zeit, die es zu erhalten gilt. Wir dürfen uns nicht zu sehr vom Negativen einnehmen lassen. Ich wünsche mir einen guten Sommer mit genügend Regen und Sonne, viel Gras und dass das Vieh im Herbst gesund wieder von der Alp zurückkommt.
Der Wolf auf der Anklagebank
Im Februar 2022 zog die Kommission Grossraubtiere Glarnerland die Aufmerksamkeit auf sich mit der Forderung eines Gerichtsprozesses für Wölfe, die Nutztiere angreifen. Die Idee kommt von André Siegenthaler, Mitglied der Kommission und Ziegenhalter aus Engi. «Wir fordern ein transparentes Verfahren, wenn ein Wolf Nutztiere reisst», hält er fest. Bei den Menschen sei schliesslich auch alles gesetzlich geregelt, schiebt er nach und bringt einen Vergleich: «Wenn jemand ein wenig zu schnell fährt, gibt es eine Busse. Bei Raserei oder Unfall mit Todesfolge kommt es zwingend zu einer Gerichtsverhandlung.» Beim Wolf hingegen sei unklar, wer was regelt und entscheidet. «Die Bearbeitung der Schadensfälle ist ein reiner Verwaltungsakt.» Wolfsangriffe seien keine Lappalien, sondern Kapitalverbrechen.
Der Wolf sei ein neuer Player im System Weidewirtschaft, so Siegenthaler. Die Spielregeln wurden aber nicht angepasst. «Das fordern wir nun.» Gemäss Siegenthaler ist eine Anpassung dringend nötig, eben ein Verfahren, bei dem unabhängige Instanzen entscheiden, was mit einem Wolf nach einem Riss passiert. Es brauche ein einheitliches System mit transparenten Abläufen. Die Verwaltung würde zudem entlastet, da ein unabhängiges Gremium entscheide.

