Sophie Bührer kennt man aus dem Fernsehen. Im November 2025 zeigte «SRF Reporter» ihre Geschichte in der dreiteiligen Dokumentation «Landwirtschaft trotz allem». Eine junge Landwirtin, die trotz Rückschlägen weitermacht.

Die Kameras zeigten den Alltag einer Frau, die gerade dabei war, ihren Betrieb nach einem schlimmen Blauzunge-Befall im Kuhstall wieder aufzubauen. Damals, als die Dreharbeiten liefen, hatte die Blauzungenkrankheit ihre Herde um rund zwölf von ursprünglich 45 bis 50 Tieren dezimiert. Bei der Milchwägung wurden einmal nur noch 28 Kühe gemolken. Verschiedene Symptome plagten den Bestand, darunter entzündete Klauen und festliegende Kühe. Das merkte man sofort an der Milchmenge. Der finanzielle Schaden: über 100 000 Franken.

Als die Sendung im November 2025 ausgestrahlt wurde, reagierte Sophie Bührer erstaunlich gelassen. «Es scheint schon fast normal geworden zu sein, dass wir im TV kommen», sagt sie heute. Bei der Reportage im November hatte sie keine grossen Reaktionen mehr erwartet. Kritik gebe es immer, «aber was ich von Verwandten und Bekannten gehört habe, war positiv.»

Heute, einige Monate nach der Ausstrahlung, stehen wir auf dem Hof in Bibern SH. Sophie kommt uns mit Jonah auf dem Arm entgegen. Der kleine Junge ist erst wenige Monate alt. Ihr erstes Kind hat sie kurz vor dessen Geburt verloren. Ein Schmerz, der bleibt. Aber das Leben auf einem Hof geht weiter. Die Kühe müssen gemolken werden, die Hühner gefüttert, die Administration erledigt. Jonah ist da, und mit ihm eine neue Zukunft.

«Wir haben eine Entwicklung durchgemacht», sagt Sophie, wenn sie auf die letzten Jahre zurückblickt – privat, aber auch betrieblich. «Als wir damals angefangen haben, waren auch Anfängerfehler drin. Es bleibt nicht aktuell, was damals war. Wir haben uns entwickelt, betriebstechnisch Fortschritte gemacht.» Kein Selbstmitleid, keine Dramatik. Einfach die Feststellung einer jungen Frau, die gelernt hat, mit Rückschlägen umzugehen.

Ein Weg, den ursprünglich niemand so geplant hatte

Dass Sophie Bührer überhaupt Landwirtin werden und den Betrieb dereinst übernehmen würde, war alles andere als geplant. Eigentlich hatte sie andere Pläne. «Ich war zu schlecht in der Schule, um eine Lehrstelle als Tierarztgehilfin zu bekommen», erzählt sie offen. Keine beschönigende Umschreibung, einfach die Tatsache. Also machte ihr der Vater einen Vorschlag: Komm doch auf den Hof.

Die Liebe zu den Tieren war ein guter Grund, um einzusteigen und die Lehre zu machen. Mehr brauchte es nicht. 2023 übernahmen sie und Partner Reto den Betrieb. 50 Milchkühe, 18 000 Legehennen, Ackerbau, eine Hofkäserei, eine Gastro-Küche und ein Hofladen – ein vielfältiger Betrieb mit entsprechender Verantwortung.

Ursprünglich war nicht vorgesehen, dass eine der beiden Töchter den Betrieb übernehmen würde. Sophies Schwester Mirjam war die Maschinistin in der Familie. Sie wollte Maurerin werden, aber die kaputten Knie hinderten sie daran. Also schlug sie einen anderen Weg ein und wurde Kosmetikerin und machte sich mit 22 Jahren selbständig. So fiel die Verantwortung Sophie zu. Dass sie einen Partner finden würde, der auch Landwirt ist, und dass die beiden eine Familie gründen würden – damit hatte sie nicht einfach so gerechnet.

Dass eine junge Frau einen solchen Betrieb übernimmt, war und ist nicht selbstverständlich. «Zuerst redete man viel darüber, dass ich den Betrieb übernehme», erzählt Sophie. Nicht nur in der Familie – auch im Bekannten- und Verwandtenkreis wurde diskutiert. «Magst du das überhaupt, kannst du das?» Die Fragen kamen von allen Seiten. Sophie wurde belächelt.

«Alle, die glaubten, ich könne das nicht, waren eher aus der älteren Generation», sagt Sophie. «Die kannten das nicht anders. Ein Mann muss her, um einen Betrieb zu führen. Das waren die kritischen Stimmen.» Gleichaltrige Berufskollegen hingegen fanden es gut, dass eine junge Frau den Schritt wagte. Heute ist man still. Die Zweifler haben nichts mehr zu sagen. Sophie hat bewiesen, dass sie es kann.

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Der Alltag zwischen Stall, Schreibtisch und Kinderwagen

Der Tagesablauf auf dem Hof hat sich seit Jonahs Geburt verändert. Sophie Bührer steht nicht mehr so früh auf wie früher. Sie lässt den Kleinen schlafen, bis er zwischen sieben und acht Uhr selbst erwacht. Um neun Uhr, nach dem Stall, essen alle zusammen Frühstück – eine Familienzeit, die ihr wichtig ist.

Einen grossen Teil des restlichen Tages muss Sophie im Büro verbringen. «Viel Bürokrieg auch wegen des Zolls», sagt sie. Der Betrieb hat auch Eigen- und Pachtland in Deutschland, direkt hinter der Grenze. Jede Parzelle muss im Ertragsausweis aufgeführt sein. «Man muss genau sagen, was dort wächst, welche Mitarbeiter unterwegs sind und wer was aus- oder einführt.» Schweizer Bürokratie trifft auf deutsche Genauigkeit – eine Kombination, die Zeit frisst. Mindestens zwei Stunden vor der Einfuhr muss sie dem Zoll ein Anmeldeformular mit allen Angaben zusenden. Administration, die sich nicht in Franken rechnet, aber gemacht werden muss.

Parallel dazu macht ihr Mann Reto aktuell die Betriebsleiterschule am Strickhof – eine Investition in die Zukunft. «Er überlegt, anschliessend noch die Meisterprüfung zu machen, aber vorerst hat er von der Schule genug gesehen», erzählt Sophie. Gleichzeitig baut sich Reto noch einen Betriebszweig als Lohnunternehmer auf. Ein zusätzliches Standbein, das Sinn macht in Zeiten, in denen Milch allein nicht mehr reicht.

Welche Pläne hat Sophie Bührer für die Zukunft? «Wünsche und Pläne habe ich immer», sagt sie. «Das ist nicht anders als vorher. Aber man geht anders dran, weil man vieles nicht ohne Hilfe machen kann, insbesondere mit einem Kleinkind. Es bremst mich vielleicht auch, was gar nicht so schlecht ist.» Es klingt nach einer Frau, die gelernt hat, Prioritäten zu setzen und die weiss, dass nicht alles auf einmal geht.

Eine Rechnung, die so kaum mehr aufgehen kann

Was hätte sie anders gemacht, wenn sie nochmal von vorne anfangen könnte? Sophie Bührer überlegt lange. «Ich weiss es nicht, auch wenn es eine gute Frage ist.» Dann lacht sie. «Ich würde es einfach wieder so machen. Fehler zu machen, gehört dazu. Das bringt einen weiter.»

Würde sie grundsätzlich etwas anders machen? Auf diese Frage wird Sophie plötzlich sehr konkret. «Aus finanzieller Sicht müsste man mit den Milchkühen aufhören.» Der Satz sitzt. «Zudem ist zu wenig Wertschätzung vorhanden. Und mit den ganzen Auflagen bezüglich der Gülleausbringung, die nicht richtig gelöst ist, oder der Extensivierung von Wiesen, die auch Auswirkungen auf die Gesundheit hat – da häuft man sich einen Stapel von Auflagen an, die nicht zu Ende gedacht sind. Und bei denen nicht alle Auswirkungen berücksichtigt werden.»

Der Vergleich zu den Legehennen macht es deutlich: «Bei den Legehennen kann man das Futter per Telefon bestellen. Das geht beim Futter der Milchkühe nicht, wo man viele Vorschriften berücksichtigen muss. Es gibt weniger Administration und weniger Arbeit.» Aber dann kommt der entscheidende Satz, der alles erklärt: «Die Kühe sind meine Herzenstiere. Darum höre ich nicht auf.»

Wenn die Milchsammlung zur Unsicherheit wird

Natürlich hätten sie und Reto sich überlegt, mit den Milchkühen aufzuhören. Die Zahlen liegen auf dem Tisch. Die ganze Mechanisierung ist auf Raufutterverzehrer ausgerichtet. Alles andere auf dem Betrieb ist rentabel – nur die Milch eben nicht. Aber die Kühe sind der Antrieb, der Grund, aus dem sie weitermacht, obwohl die Wirtschaftlichkeit dagegenspricht.

Noch kommt die Arnold Produkte AG aus Schönenberg TG und holt die Milch ab. «Wir sind froh, dass sie noch jemand holt», sagt Sophie. «Wir wissen nicht, wie lange das noch so sein wird.» Die Unsicherheit schwingt mit.

Die Veränderungen in der Umgebung sind massiv. Bibern hatte früher eine eigene Milchsammelstelle. Das ist schon länger Geschichte. «Beim Durchsehen alter Unterlagen fand man ein Milchbüechli mit der Nummer 43. Im Jahr 1987 waren es dann nur noch sieben Milchwirtschaftsbetriebe, die Milch abgaben», weiss Sophie Bührer von ihrem Vater. Und heute? «Wir sind seit 25 Jahren die letzten Milchbauern im Dorf. Wir sind rar geworden», stellt Sophie fest. «Es gibt auch Dörfer hier in der Region, die keine Milchbauern mehr haben.»

Das Sterben der Milchbetriebe hat verschiedene Gründe. Der Futterbau ist aufgrund des trockenen Klimas eine Herausforderung in der Region. Im Sommer gebe es zwei Monate kaum Graswachstum. Dann der Milchpreis – «Thema Nummer eins, wenn es ums Aufgeben der Milchbetriebe geht», sagt Sophie. Oder es sind die Nachfolger, die fehlen. Diese drei Faktoren verstärken sich gegenseitig.

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Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Die Milchproduktion des Betriebs hat unter der Blauzungenkrankheit massiv gelitten. In den besten Zeiten produzierte der Betrieb 500 000 Kilogramm Milch pro Jahr. Seit der Blauzunge sind es nur noch 300 000. Mehr junge Tiere durch die Verluste, und Kühe, die wieder starten mussten. Die Produktion läuft langsam wieder an, aber die Lücke ist gross.

Von der Gesamtproduktion vermarktet Sophie rund 40 000 bis 50 000 Kilogramm direkt: Rahm, Butter, Joghurt, Käse und Glace. Der Hofladen, die Hofkäserei – Bührers bieten alles rund um Milch an. «Der Hof ist eingerichtet für Milchkühe. Die Käserei, der Hofladen mit den Milchprodukten – das hält mich an der Produktion», erklärt Sophie. Dann kommt wieder dieser Satz: «Aber die Wirtschaftlichkeit eben nicht.» Es ist ein Dilemma: Die Infrastruktur steht, die Kundschaft ist da, die Leidenschaft sowieso. Nur der Preis stimmt nicht. Die Auflagen werden mehr, die Wertschätzung weniger.

Was müsste passieren, damit Sophie Bührer mit den Milchkühen aufhören würde? Sie antwortet, ohne zu zögern: «Wenn nochmal so eine Krankheit ausbrechen würde.» Die Blauzunge war knapp an der Grenze. Andere Betriebszweige mussten das finanziell tragen. Nochmal würde das System nicht halten.

«Wenn der Milchpreis weiter sinkt, dann müssen wir uns schon überlegen, ob das Ganze noch tragbar ist.» Die Formulierung ist vorsichtig, aber die Botschaft klar. Es gibt eine Schmerzgrenze. Auch für Herzenstiere.

Eine Option: Den Stall auszuräumen und Wohnmobilplätze zu vermieten. «Das rentiert», sagt Sophie lakonisch. Der Tourismus boomt, Stellplätze sind gefragt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre es die logische Konsequenz.

Der Betrieb würde weiter fortbestehen, in einem anderen Rahmen – aber ohne Milchkühe? Das kann sich Sophie heute noch nicht vorstellen.

Der Betrieb wurde vom Dorf eingeschlossen

Wachsen sei auf dem Hof schwierig, erklärt Sophie Bührer. «Aufgrund der Landschaftsschutzzone ums Dorf ist Siedeln unmöglich. Und unter dem Stall geht direkt ein Bach durch.» Überlegungen zu einem neuen Stall gab es, «aber in welche Richtung wachsen?»

Ein typisches Schweizer Problem: Die Betriebe werden von der Siedlungsentwicklung eingeschlossen, können nicht mehr wachsen, verlieren an Wettbewerbsfähigkeit. Pro Tag verschwinden zwei bis drei Landwirtschaftsbetriebe. Bibern ist ein Beispiel dafür, wie sich eine Region verändert.

Ein Hoffnungsschimmer ist die Direktvermarktung. Deutsche kommen, um bei Sophie einzukaufen – umgekehrter Einkaufstourismus. «Die Qualität der Produkte nach unserem Motto ‹Äs hät nur drin, wa dri ghört›», vermutet sie als Grund. Die Kundschaft kommt aus dem Kanton Schaffhausen, aber auch aus Kloten ZH oder anderen Ecken der Schweiz. Die Direktvermarktung funktioniert. Sie schafft Wertschöpfung über den reinen Milchpreis hinaus – auch wenn sie die fehlende Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion nicht kompensieren kann.

Sophie Bührer steht da, mit Jonah auf dem Arm. Hinter ihr liegen Verluste, die kaum jemand verkraften würde. Ein totes Kind. Zwölf verendete Kühe. Über 100 000 Franken Schaden.

Trotzdem macht sie weiter. Weil Aufgeben keine Option ist. Und: weil sie ihre Kühe liebt.

So hat sich der Betrieb entwickelt

Der Betrieb ist laufend gewachsen und erweitert worden:

Vor 1951: Stall mit zwei Kühen und fünf Schweinen am Haus angebaut. Dabei war auch eine Wagnerei.
1963: Bau eines Anbindestalls für 23 Kühe
1993: Umbau zu einem Laufstall für 23 Kühe
1998: Erweiterung Laufstall für 60 Kühe plus Neubau Rinderstall und Gülleloch
2005: Einführung Fressen direkt ab Fahrsilo
2006: Umstellung von Munimast zu eigener Aufzucht
2009: Neubau Solaranlage Kuhstall
2010: Neubau Legehennenstall
2012: Einbau Melkroboter, Mistroboter, Einstreuer
2020: Neubau von Hofladen/Produktion und Hofkäserei
2023: Erweiterung Hofladen

Betriebsspiegel Wagis Farm Bibern

Sophie und Reto Bührer, Bibern SH

LN: 50 ha nach IPS, trockener Standort, sehr schwere, tonige Böden
Kulturen: Kunst- und Naturwiesen, Silomais, Urdinkel pestizidfrei, Sonnenblumen, rund 400 Hochstammbäume
Tierbestand: 50 Milchkühe, eigene Aufzucht ca. 30 Tiere, 18 000 Freiland-Legehennen in einer BZG
Weitere Betriebszweige: Verschiedene Lohnarbeiten, Hofladen in Selbstbedienung, Hofkäserei, Eigenproduktion von Milchprodukten, Backwaren, Teigwaren, Apfelsaft, Mehl, Öl, Schnaps, alles in allem rund 200 Produkte
Arbeitskräfte: 8 Arbeitskräfte seit Bau Hofladen

www.wagis-farm.ch