«Soziales und Landwirtschaft haben extrem viele Berührungspunkte», erklärt Petra Garigliano – und nennt so ihre beiden Berufungen in einem Satz. Aufgewachsen ist Garigliano in Kölliken AG auf einem Kleinstbetrieb. «Das Haus hatte ein Strohdach, wir hielten zwei Hinterwäldler-Kühe, fünf Ziegen und Federvieh.» Sie kann sich noch erinnern, wie ihr Vater immer morgens vor und abends nach der Arbeit gemolken hat. Ihre Mutter hatte einen grossen Garten und eine Lohnbrüterei.
Der Alltag ist heute noch so vielseitig wie in der Kindheit
Der Samstag sei immer der «Büetztag» gewesen, erinnert sich die Aargauerin. Das hiess, die ganze Familie musste anpacken. Gemüse rüsten, schlachten und Würste herstellen, räuchern und Bienen halten. Eigentlich war es eine Art kleiner Selbstversorgerhof. Wie ihre Eltern das alles geschafft haben, das weiss sie heute nicht genau, wenn sie die damalige Zeit reflektiert. Wenn man der heute 45-Jährigen zuhört, so klingt ihr Alltag heute ähnlich vielseitig wie damals.
Gelernt hat die Bauerntochter etwas Bodenständiges: Charcuterie-Verkäuferin in einer Metzgerei, eine zweijährige Ausbildung. Später hat sie im Detailhandel an der Fleischtheke gearbeitet und dort Verantwortung als Rayonleitung übernommen. Der Druck, immer mehr verkaufen zu müssen und ein unschönes Erlebnis mit einem Kunden, haben sie dann aber zum Umdenken bewogen. «Da merkte ich, der Verkauf ist nicht meins, ich möchte etwas Soziales machen, etwas Dankbares.» So fand Petra Garigliano in einem Altersheim einen Job als Pflegehilfe, wieder auf der untersten Stufe der Karrierenleiter. Mit diesem Job habe sie ihre Berufung gefunden – und auch die Wertschätzung, die ihr im Verkauf gefehlt hat.
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Die Kühe fanden ihren Platz in der Diplomarbeit
Doch der Weg ging noch weiter: Von der Pflege im Altersheim zur Mitarbeiterin in der Psychiatrie und weiter in die Stiftung Seehalde, in der Petra Garigliano nun seit 15 Jahren arbeitet. Zuerst als Mitarbeiterin, heute als agogische Leitung. Dies bedingte, dass die Mutter zweier erwachsener Kinder die Höhere Fachschule besuchte und Sozialpädagogin studierte. Dies dauerte drei Jahre. In dieser Zeit zog sie zudem auf den Hof ihres jetzigen Partners. So ergab es sich auch, dass ihre Diplomarbeiten mit dem Thema Landwirtschaft verknüpft waren. «Für die Fachschule war dies ein ungewöhnlicheres Thema, Hunde oder Pferde kannte man, aber mein Thema mit den Kühen ist auch für sie spannend gewesen», erzählt Petra Garigliano.
Konkret hat die Sozialpädagogin bei den Menschen mit geistiger Beeinträchtigung die Kühe ihres Partners mit einbezogen. Die Erfahrung, dass eine Kuh, die am Zaun wartet, um gefüttert zu werden, nicht warten mag, baute einen gewissen Druck auf. Dieser Druck – und diese ehrliche und direkte Reaktion der Kuh, die sich immer mehr an das Gatter drückte, um ihr Bedürfnis kund zu tun – fruchtete. Sie konnte beobachten, wie die beeinträchtigten Menschen viel konzentrierter und effizienter arbeiteten. Darin sah Garigliano ein riesiges Potenzial.
Feine Antennen für Tier und Mensch
Auf dem Hof ist die empathische Frau am liebsten bei den Kühen. Diese sind aufgrund des Stallneubaus zurzeit im Nachbardorf untergebracht. Misten, füttern, Kälber tränken und «flattiere». Auch das Federvieh gehört zu ihren Aufgaben. Auf dem Traktor findet man sie nicht häufig, obwohl sie, nachdem sie am LZ Liebegg einen Frauen-Traktorfahrkurs besucht hat, einen eigenen Case 1455 gekauft hat. Bei den Kühen weiss Petra Garigliano, welche wo gestreichelt werden mag, sieht sofort, wenn mit einer etwas nicht stimmt oder sie brünstig wird. «Ich glaube, das kommt vom Sozialen. Für die Menschen, die teilweise nonverbal sind, brauche ich diese feinen Antennen», erklärt sie ihr Gespür. Auch auf der Arbeit erfüllt es sie, wenn sie mit verschiedenen Methoden herausfindet, was die Menschen für Bedürfnisse haben und mit ihnen dann selbstermächtigt diese Probleme lösen kann. «Einander auf Augenhöhe begegnen, das ist das Wichtigste!»
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Ihre Aufgaben gehen aber noch weiter: Sie hat einen kleinen Hofladen, das «Gugenhof-Chistli», ins Leben gerufen. Dort bietet sie Konfitüren und Sirup aus den eigenen Früchten, Salatsauce, Linzertorte und Nussstängeli an, ebenso Eier und jeweils am Samstag frische Zöpfe. Zudem gibt das Bauernpaar seine Milch neu in eine nahe Käserei und lässt daraus eigene Mutschli machen. Des Weiteren hält die Bäuerin im Sommer Truten, deren Fleisch sie per Direktvermarktung zu den Kund(innen) bringt. Ihre Walliser Kupfer- und Schwarzhalsziegen hält sie sowohl, um einen Teil zu metzgen – die Würste und Burger finden grossen Anklang – als auch für Ziegentrekking. Letzteres würde sie gerne zukünftig richtig aufbauen.
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Hof und Karriere vereinbaren und auf die Ressourcen achten
«Was ich immer abwägen muss, sind meine Ressourcen», bleibt Petra Garigliano realistisch. In der Stiftung habe sie einen Monatsplan, mit ihrem Partner mache sie meist einen Wochenplan. So haben sie die Termine im Griff und können die Arbeiten einplanen. Als Sozialpädagogin ist sie dort angekommen, wo sie hinwollte – und rundum zufrieden.
Auf dem Hof hingegen würde sie sich gerne noch weiterentwickeln. Das betrifft vor allem die Direktvermarktung. Garigliano möchte noch mehr Märkte besuchen und ihre Produkte dort anbieten. Und Camping-Stellplätze auf dem Hof, vielleicht sogar mit einem Frühstück mit hofeigenen Produkten. Sowohl die Ideen als auch die Möglichkeiten seien gegeben – dank des Hofs und einer ausgesprochen flexiblen Chefin. Das brauche es, um Karriere und Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen.