«Sonne haben wir leider nicht zu bieten», sagt Daniela Brunner bei der Begrüssung am Bahnhof mit einem bedauernden Schulterzucken. Und das an einem Wintertag mit Postkartenwetter. «Unser Dorf liegt rund zwei Monate im Jahr völlig im Schatten», erklärt die 51-Jährige dazu. «Ich habe mich daran gewöhnt. Meinem Mann setzt die fehlende Sonne eher zu, obwohl er hier aufgewachsen ist.»

Mit dem Auto geht es zum Stall hinauf, der etwas ausserhalb des Dorfes liegt. Familie Brunner bewirtschaftet in Valendas im Bündner Safiental einen Landwirtschaftsbetrieb mit 40 Milchkühen und rund 35 Hektaren Nutzfläche. «Von Anfang Herbst bis in den Frühling bin ich immer mal wieder als Ablösung hier, um die Kälber zu tränken», sagt Daniela Brunner. Im Sommer sind aber alle Kühe auf der Alp. «Dann hält nur das weisse Stallkätzchen, das uns zugelaufen ist, hier die Stellung», ergänzt sie schmunzelnd.

Daniela Brunners Mann Hanspeter Brunner kommt zur Begrüssung ans Gatter. «Er ist ein leidenschaftlicher Bauer», wird seine Frau später beim Kaffee über ihn sagen. Zusätzlich zur praktischen Arbeit auf dem Hof engagiert sich Hanspeter Brunner als Vizepräsident bei IP-Suisse und ist in dieser Funktion oft unterwegs. Gut, dass Sohn Curdin Brunner ebenfalls auf dem Betrieb arbeitet. Zudem werden auf dem Hof seit 25 Jahren Lehrlinge ausgebildet. «Das war meistens schön und bereichernd», so Daniela Brunner.

Ein verwinkeltes Haus mitten im Dorf

Weiter geht es in Richtung Dorf. Valendas hat rund 300 Einwohner, liegt auf 810 Metern über Meer und wirbt mit dem grössten Holzbrunnen Europas, «dessen Brunnenstock eine Nixenfigur aus dem Jahre 1760 krönt», so die Tourismus-Website der Region Surselva. Familie Brunner lebt in einem mehrstöckigen, verwinkelten Haus, in dem auch die Schwiegermutter eine Wohnung hat. Der Schwiegervater ist vor vier Jahren verstorben. Daniela Brunner erinnert sich gerne an ihn. «Er war ein sehr weltoffener Mann.»

Sie ist in Landquart GR aufgewachsen, der Vater war Chauffeur, die Mutter arbeitete im Detailhandel. Daniela Brunner absolvierte das Lehrerseminar. «Ich war schon während der Schulzeit in der Jugendarbeit aktiv und wollte beruflich etwas mit Kindern machen oder mit Büchern», antwortet die Bündnerin auf die Frage nach dem Warum. «Ich habe es nie bereut, Lehrerin geworden zu sein.»

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«Ich muss die Landwirtschaft vertieft kennenlernen»

Ihren Mann Hanspeter lernte Daniela Brunner an einem Schwingfest kennen. «Er war Schwinger, ich Ehrendame. Einen Kranz gewann er nicht, aber dafür mich.» Obwohl Daniela Brunner schon in der Jugendarbeit mit Stallarbeiten und Pferden zu tun gehabt hatte, war sie sich zu Beginn der Beziehung bewusst: «Wenn das was werden soll, muss ich die Landwirtschaft vertieft kennenlernen.» Was sie erlebte und erfuhr, schreckte sie nicht ab, im Gegenteil. «Doch eine Sache habe ich etwas unterschätzt: Das Angebundensein, da beisse ich noch heute manchmal dran.» 

Nach der Hochzeit 1998 zog das Paar nach Valendas und in den kommenden Jahren kamen die Kinder Jann-Andri (28), Curdin (27) und Gianna (24) auf die Welt. Daniela Brunner arbeitete zwar auf dem Betrieb mit, war aber auch weiterhin mit einem Teilzeitpensum als Lehrerin tätig. «Wir hatten eine Generationengemeinschaft», sagt sie. «Meine Schwiegermutter war Handarbeitslehrerin, daher war ich als Lehrperson akzeptiert. Zudem kamen meine Eltern oft, das ging Hand in Hand.» 

«Jedes Kind findet seinen Weg»

Vor 16 Jahren absolvierte sie berufsbegleitend in Chur das Studium für Schulische Heilpädagogik. «Ich habe hier immer als Heilpädagogin gearbeitet, hatte aber kein Diplom», sagt Daniela Brunner zu ihrer Motivation. Als Heilpädagogin unterstützt sie Kinder mit Lernschwierigkeiten wie etwa Legasthenie, Dyskalkulie oder ADHS. «Wir schauen, ob ein Kind in der Schule in Not ist», erklärt sie zu ihrer Arbeit. Oft würden die Eltern befürchten, dass ein Kind dann abgestempelt sei. Doch nach 25 Jahren Erfahrung wisse sie: «Wenn wir es rechtzeitig auffangen können, findet jedes Kind seinen Weg.» 

Im Safiental werden die rund 100 Schulkinder in vier Schulhäusern unterrichtet, verteilt auf die Ortschaften Safien-Platz, Tenna, Versam und Valendas. Die Eltern pflegten hier bodenständige Werte und Grundhaltungen, so Daniela Brunner. «Den Wandel in der Gesellschaft merken aber auch wir.» Die digitalen Einflüsse würden sich ebenfalls bemerkbar machen, nicht nur positiv. «Sie wirken auf die kognitive Entwicklung und die Leistungsbereitschaft.»

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Nach der 9. Klasse müssen die Jugendlichen ihre Ausbildung ausserhalb des Tales fortsetzen, denn Ausbildungs- und Arbeitsplätze gibt es nur wenige. «Die Abwanderung ist hoch. Doch viele möchten dann als junge Erwachsene zurückkommen, wenn sie selbst Familie haben.» Denn durch die Schule würden sich hier im Tal alle kennen und viele kämen weiterhin in den Turnverein oder ins Unihockey-Training, egal, wo sie arbeiten.

Dass sich alle kennen, gilt nicht nur für die jungen Einwohnerinnen und Einwohner, sondern für das ganze Dorf Valendas. «Das macht es nicht immer einfach», meint Daniela Brunner schmunzelnd. «Denn auch im Frauenverein wollen die Mütter über die Schulkinder reden. Dann muss ich mich jeweils zurückziehen.»

Daniela Brunner hat verschiedene Hüte auf

Seit fünf Jahren hat Daniela Brunner an der Schule eine zusätzliche Aufgabe: Sie ist Schulleiterin. «Erst wollte ich nicht so recht, weil man dann immer im Sandwich ist», erinnert sie sich. Doch sie liess sich auf ein Ausprobieren ein und fand die Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule in Luzern spannend. «Es ging um Themen wie Führung, Schulentwicklung, Qualitätssicherung, Werte und Gesetze.» Heute arbeitet sie zu 45 Prozent als Schulleiterin und zu 30 Prozent als Heilpädagogin. Sie müsse sich bei Gesprächen mit Eltern immer bewusst sein, dass sie verschiedene Hüte trage. «Das deklariere ich jeweils auch klar.»

Daniela Brunner schätzt die abwechslungsreiche Arbeit auf dem Betrieb und in der Schule – und übernimmt nun noch eine zusätzliche Aufgabe: Ab nächster Woche schreibt sie regelmässig für die Kolumne «Bäuerinnensicht» in der Bauernzeitung. «Ich habe schon im Seminar gerne geschrieben und es reizt mich, etwas Neues auszuprobieren.»

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Sie ist eine leidenschaftliche Jodlerin

Freizeit gibt es für Daniela Brunner trotzdem. «Ich gehöre jetzt zum Unesco-Welterbe», antwortet sie lachend auf die Frage nach einem Hobby. «Ich jodle leidenschaftlich gerne.» Jede Woche probt sie mit dem Jödelchörli Garschenna. «Mir gefällt, was man mit der Stimme machen kann. Zudem berühren mich viele der Lieder.» Regelmässig geht Daniela Brunner auch ins Yoga, obwohl es am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig gewesen sei, «eine ganze Stunde mit sich selbst beschäftigt zu sein».

Gemeinsam mit ihrem Mann Hanspeter gönnt sie sich an einem Sonntag gelegentlich einen Ausflug in eines der Bündner Thermalbäder. «Auch wenn die Kinder ein wenig über unser bädele spötteln.» Im Alltag entspannt sie sich am Abend am liebsten mit Nervenkitzel, der so gar nicht zum beschaulichen Bündner Bergdorf Valendas zu passen scheint: «Ich liebe es, so richtig düstere Krimis und Thriller zu lesen. Dabei kann ich in die spannende Handlung eintauchen und mitermitteln, um mich dann wieder von neuen Wendungen überraschen zu lassen.» 

Fragen an Daniela Brunner

Was können Sie besonders gut?
(lacht) Da müsste man meinen Mann fragen.

Worüber können Sie lachen?
Über mich selbst. Ich bin generell ein aufgestellter Mensch.

Welches Landwirtschaftsthema beschäftigt Sie am meisten?
Der Milchpreis. Das hochwertige Produkt wird zu wenig geschätzt. Die viele Arbeit und die Kosten werden nicht entsprechend entlohnt.

Welches Alltagsritual gehört für Sie dazu?
Am Abend meine Thriller zu lesen. Ich mag generell Strukturen und habe meine Abläufe und Rituale, denn auf einem Hof muss man sonst oft sehr flexibel sein.

Was ist Ihr Lieblingslied und warum?
Das Jodellied «zLäbe i de Berge». Zudem mag ich Jütze.