«Unser Sohn Luca war lange der Meinung, dass Stallarbeit Frauenbüetz ist.» Die Meisterlandwirtin Beatrice Brechbühl aus dem bernischen Konolfingen lacht, als sie dies erzählt. Ihm sei nicht aufgefallen, dass auf anderen Betrieben die Männer für die Stallarbeit zuständig sind. Denn auf dem Hof von Familie Brechbühl ist Mama Beatrice die Betriebsleiterin. Sie wird von Ehemann Markus nach Kräften unterstützt, aber aus finanziellen Gründen arbeitet der gelernte Schreiner 80 Prozent auswärts.[IMG 5]

Krisen schweissen zusammen

Beatrice Brechbühl lacht oft und gerne und ihr Lachen ist ansteckend. Doch wenn sie aus ihrem Leben erzählt, so kann dem Gegenüber das Lachen schnell mal im Halse steckenbleiben. Es gab und gibt zahlreiche Momente, wo auch der Mutter von Melina (16 J.), Nadine (14 J.) und den Zwillingen Luca und Sophie (10 J.) mehr zum Weinen, als zum Lachen zumute ist. Dennoch bleibt sie stets positiv und kann auch negativen Erlebnissen etwas Gutes abgewinnen. Sie sagt: «Plötzlich geht immer irgendwo eine Türe auf. Und jede Krise schweisst meinen Mann Markus und mich wieder etwas näher zusammen.» Bei diesen Worten ist es nach kurzem Verschwinden auch wieder da, ihr ansteckendes Lachen.

Schlaflose Nächte und viel Bürokratie

Die Familie bewirtschaftet in der voralpinen Hügelzone einen Milchviehbetrieb mit neun Hektaren eigenem und neun Hektaren Pachtland. Neben den 30 Milchkühen gibt es 60 weitere Tiere (Aufzucht, Mast) und acht Schafe zu versorgen. Das Paar baut neben Mais und Gras wenig Weizen und Triticale an. Dies jedoch, um die Fruchtfolge der Futterbauflächen zu optimieren. Brechbühls sind Direktlieferanten, ihre Milch geht zu Aaremilch.

Bereits das Durchsetzen ihrer Berufswahl Landwirtin erforderte für die 44-Jährige viel Mut und Kraft. Auch die ausserfamiliäre Übernahme des Betriebes im Jahr 2007 gestaltete sich alles andere als einfach. Weil sie als Frau den Betrieb übernahm, mussten einige bürokratische Hindernisse aus dem Weg geschafft werden. Das Schlimmste sei jedoch gewesen, als auch noch ein privates Darlehen gekündigt wurde. «Da hatte ich schlaflose Nächte», erinnert sich Beatrice Brechbühl. Von Bekannten hätten sie jedoch viel Zuspruch und Unterstützung erfahren, was ihnen Mut gemacht habe. Zum Glück habe sich dann auch alles zum Guten gewendet.

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Der finanzielle Druck bleibt hoch

Der Zustand des Betriebes erforderte aber eine rasche Sanierung. Und so wurden bereits 2009 die ersten Investitionen getätigt. Die Heizung wurde erneuert und eine Waschküche und ein Büro wurden eingerichtet. 2011 folgte ein Um- und Neubau des Gustistalles. Ein neuer Milchviehstall, etwas unterhalb des Bauernhauses, aber über den Dächern des Dorfes Konolfingen BE gelegen, konnte im Dezember 2023 bezogen werden. All dies kostet. 

Vieles hat sich bei Brechbühls zum Positiven gewendet; die Stallarbeiten gestalten sich einfacher. Doch die finanzielle Situation ist es nicht. «Der finanzielle Druck war von Anfang an da und das ist er wegen des Stallbaus immer noch», verrät Beatrice Brechbühl. Die Familie ist daher weiterhin auf den Lohn von Markus angewiesen. 

Doch das bedeutet für ihn, dass er jeweils nach Feierabend in der Schreinerei noch zu Hause auf dem Betrieb mit anpacken muss. «Als Frau kann ich diesen Betrieb nicht allein führen. Es braucht die Mithilfe von Markus und teilweise auch von den Kindern», gesteht Beatrice Brechbühl. Neben den Arbeiten draussen ist sie auch für die Büroarbeiten, den Haushalt und die Kinder zuständig.

Das schlechte Gewissen der Mutter

Die Kinder sind zwar bereits etwas grösser, die Kleinkindphasen sind vorbei. Doch auch diese Zeiten waren sehr herausfordernd. Alle kamen zu früh zur Welt. Die beiden Älteren jeweils drei, die Zwillinge ganze acht Wochen. In dieser Zeit war Markus Brechbühl noch mehr auf dem Hof gefordert. Nur durch den Abbau von zuvor geleisteten Überstunden war es ihm möglich, seine Frau auf dem Betrieb zu ersetzen. 

Die Kinder waren von klein auf immer und überall dabei und wurden dadurch früh selbstständig. «Ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, eine Rabenmutter zu sein, kenne ich», gesteht Beatrice Brechbühl. Doch anders als Mütter, die auswärts arbeiten, sei sie jederzeit zu Hause für die Kinder da. Aber sie sagt auch klar: «Ich muss Prioritäten setzen und auch mal etwas liegen lassen.» Und die Prioritätensetzung falle meist nicht zugunsten des Haushaltes aus.

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Hilfe ist da – man muss sie annehmen

Eine grosse Unterstützung erfährt das Paar seit der Geburt der Zwillinge von den Nachbarn Elsbeth und Hansueli Arm. «Damals habe ich gelernt, Hilfe anzunehmen», erklärt die 44-Jährige. Den eigenen Eltern sei es aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich, Unterstützung zu leisten, erklärt die Betriebsleiterin. Doch Arms sind da und helfen, wo sie können. Beide sind für die Kinder wie Grosseltern. 

Elsbeth Arm ist es auch, die Beatrice Brechbühl einmal pro Woche bei der Wäsche unterstützt. Und noch eine wichtige Aufgabe übernimmt sie in Brechbühls Leben: «Sie ist meine Seelsorgerin.»

Der Kaffee in Ruhe am Morgen

Neben der guten Fee Elsbeth Arm sind es Telefonate mit Freundinnen, die Beatrice Brechbühl Kraft geben, wenn sie sich als weibliche Betriebsleiterin wieder mal unverstanden fühlt. Oder wenn der Status der «Zuechezüglete» aus einem Grund an ihr nagt oder sie den Neid anderer Bauern aus dem Dorf wegen des neuen Stalls spürt. 

«Wir arbeiten vorwärtsgerichtet und wollen nicht stehenbleiben, auch wenn wir mit unserer Arbeitsweise und unserer Einstellung im Dorf auffallen», erklärt sie. Doch das alles ist sofort vergessen, wenn man sie fragt, was ihr die Arbeit bedeutet. «Die Landwirtschaft und die Tiere bedeuten mir alles!», betont sie bestimmt und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Es mache ihr auch nichts aus, nur wenig Freizeit zu haben. «Ich brauche es, auf Trab zu sein, es muss immer etwas laufen», meint sie. Kraft tanke sie sonntags beim «Fernsehschlafen» und jeden Morgen beim Frühstück. Wenn alle aus dem Haus sind, nimmt sie sich viel Zeit für ihren Kaffee.

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Für die Zukunft hat Beatrice Brechbühl zwei grosse Wünsche: «Ich wünsche mir, dass der finanzielle Druck kleiner wird und «Küsu» somit weniger auswärts arbeiten muss. Und ich wünsche mir, dass die Kinder auch später noch, wenn sie grösser sind, gerne zu uns heimkommen.»

Fragen an Beatrice Brechbühl
 
Worüber können Sie lachen?
Abgesehen von Politik über alles. Auch über Charakterzüge einiger unserer Kühe.

Was ist Ihr Lieblingsplatz?
Ganz klar der Stall, beim Melken.

Von welchem Erlebnis erzählen Sie immer wieder?
Von den Geburten unserer vier Kinder. Alle kamen zu früh.

Welche Tätigkeiten im Alltag erachten Sie als sinnlos?
Sinnlos ist die Tätigkeit zwar nicht, aber die grösste Ehekrise haben wir beim Bschütten.

Welches Kompliment freut Sie?
Wenn meine Kinder sagen: «Muetti, du hast gut gekocht.»