«Sind Sie wegen meines Beins hier?», fragte der Bauer, der hinten im Tal wohnte. «Ja», erwiderte Elisabeth Kohler knapp, und dies ganz bewusst. «Bauernregel Nummer 1: Je kürzer ich antworte, desto länger spricht mein Gegenüber», heisst es dazu in einer ihrer Kolumnen.
Elisabeth Kohler ist Wundexpertin bei der Spitex Region Interlaken BE. Ihr Einsatzgebiet reicht von Leissigen bis Niederried, von Habkern/Beatenberg bis nach Gündlischwand. «Ich komme täglich in der Welt herum», meint sie schmunzelnd dazu. «Und etwa die Hälfte der Menschen, die ich betreue, haben in irgendeiner Form einen bäuerlichen Hintergrund.»
Elisabeth Kohler ist zudem Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung (SAfW). In dieser Eigenschaft schreibt sie seit drei Jahren die bereits erwähnten Kolumnen. «Wir wollten nebst Weiterbildungsangeboten und Fachliteratur noch ein anderes Angebot auf unserer Webseite», sagt sie zu den Anfängen.
Sie erzählt in ihren Texten von ihrer Arbeit und Erlebnissen bei Spitex-Einsätzen, mal ernst, mal humorvoll. Sie gibt aber auch Einblicke in ihr Leben. Die Kolumnen kamen an, und die Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn erhielt viele Rückmeldungen. Nun sind 22 ihrer Texte im Buch «Der wunde Punkt»[IMG 3] erschienen.
Höherer Stellenwert als früher
«Wundbehandlung ist ein wichtiges Thema, das weiss man heute», sagt sie zu ihrem Engagement. In ihrer Grundausbildung als Pflegefachfrau sei der Stellenwert noch nicht so hoch gewesen. Als sie 2003, nach 13 Jahren Familienarbeit, wieder in den Beruf einstieg, sei sie bereits am dritten Tag von der Spitex-Organisation zu einer Patientin mit einer Wunde geschickt worden. «Vor Ort merkte ich, dass ich wenig über die gängigen Materialien wusste, die bei den unterschiedlichen Wunden verwendet werden. Also organisierte ich mir bei einer der Herstellerfirmen eine Beraterin.» Später absolvierte sie eine Weiterbildung zur diplomierten Wundexpertin sowie ein Masterstudium in Wundpflege. «Jetzt bilde ich als freiberufliche Fachdozentin selbst aus.»
Nicht zu lange mit medizinischem Rat warten
Wann sollte eine Wunde medizinisch begutachtet werden? «Wenn sie nicht innert drei Wochen abheilt oder sich verschlimmert», erklärt die Fachfrau. «Die erste Anlaufstelle ist jeweils die Hausärztin oder der Hausarzt.» Die Ursache der Wunden ist sehr unterschiedlich. Es können etwa Komplikationen nach Operationen sein oder Brandwunden. Häufig wird die Wundberaterin zu Patientinnen und Patienten geschickt, die ein offenes Bein haben. Darunter versteht man eine schlecht heilende Wunde am Unterschenkel, die seit mindestens vier Wochen besteht. Meist sind verschiedene Erkrankungen der Venen und/oder der Arterien der Grund dafür. Neben offenen Beinen sind durch Diabetes verursachte Wunden an den Füssen (diabetisches Fusssyndrom) ein häufiges Problem. «Das wird oft unterschätzt», so Elisabeth Kohler.
Beim Bauern weit hinten im Tal erkannte Elisabeth Kohler schon beim ersten Besuch, dass sie noch einige Male vorbeikommen musste. Daher bat sie den Mann, bei künftigen Behandlungen einen kleinen Teil seines voll gestellten Küchentisches abzuräumen. «Nein», erklärte er geradeaus. In einer ihrer Kolumnen beschreibt sie die Szene so: «Wie, nein?» frage ich ungläubig. Er pariert schlagfertig: «Wie kann ein Nein anders als mit einem Nein erklärt werden?» Bauernregel Nummer drei: «Unterschätze nie den Bauern.»
Eine Behandlung lohnt sich – auch im Alter
Die Akzeptanz ihrer Arbeit sei unterschiedlich, erzählt Elisabeth Kohler weiter. Manche Patientinnen und Patienten seien skeptisch, im Sinne von: «Was will denn die?» Andere hätten die Einstellung: «Ich bin schon alt, das lohnt sich nicht mehr. Das ist jetzt so, da kann man nichts machen.»
«Ich muss ihnen dann die Konsequenzen erklären», sagt Elisabeth Kohler. «Etwa, dass sie den Fuss verlieren, wenn sie nichts machen, aber dennoch noch lange leben können. Manchmal braucht es viel Überzeugungsarbeit.» Dazu komme, dass die Spitex-Mitarbeitenden zu einem nach Hause kommen. «Das ist für viele ein Eingriff in die Privatsphäre.»
Der Bauer hinten im Tal bevorzugte es schliesslich, für die Behandlungen auf den Spitex-Stützpunkt nach Unterseen zu fahren, statt seine Küche umzuräumen. Er kam sehr zuverlässig und nach rund sechs Monaten konnte die Wundbehandlung abgeschlossen werden. Beim letzten Besuch schenkte er Elisabeth Kohler sogar einen Käse.[IMG 2]
Salben und Tabletten helfen meistens nicht
«Die meisten wünschen sich bei einer Wunde eine schnelle Lösung und fragen nach einer Salbe oder Tablette», sagt Elisabeth Kohler. Das helfe selten. Auch Naturheilmittel wie Arnika oder Kamillenbäder seien nur bedingt wirkungsvoll. «Man darf den Moment nicht verpassen, wenn sich die Wunde verschlimmert. Denn eine Wunde ist immer eine Eintrittspforte für Keime.»
«So manche Bäuerinnen und Bauern möchten sich nicht krankschreiben lassen, weil sie sich das bei der vielen Arbeit auf dem Hof nicht leisten können», weiss Elisabeth Kohler von ihren Besuchen. Viele seien gut im Aushalten. «Manche haben ein Riesenpensum zu bewältigen und machen einfach weiter.» Nicht selten würde eine Wunde zudem als etwas Isoliertes angesehen. «Doch eine Wunde, die nicht abheilen will, ist immer ein Ausdruck von etwas anderem. Meist entsteht sie durch ein Zusammenspiel von verschiedenen Aspekten. Wundversorgung ist daher immer auch etwas Detektivarbeit.»
Was macht der Bauer auf der Bank?
In einer ihrer Kolumnen beschreibt Elisabeth Kohler ein anderes Erlebnis mit einem Bauern, der mitten im touristischen Interlaken auf einer Bank sass. Vor ihm eine Weide mit Kühen. Elisabeth Kohler beobachtete die Szene, weil sie etwas daran irritierte, doch auf Anhieb wusste sie nicht, was es war. Drei junge, englischsprachige Frauen fotografierten die Tiere mit Begeisterung. «Der Bauer schaut grimmig», heisst es im Kolumnentext. Eine der Frauen wandte sich an den Bauern. «Is this a Swiss cow?» Ist dies eine Schweizer Kuh? Erst schwieg der Bauer, nach wiederholtem Fragen antwortete er kurz: «Nei».
«Und plötzlich weiss ich, was mich irritiert», schreibt Kohler. «Der Bauer gehört da nicht hin. Kein einheimischer Bauer sitzt auf einer Bank, mitten am Tag an der Höhenmatte und schaut den Kühen zu.» Elisabeth Kohler setzte sich zu dem Mann und wollte wissen, warum er die Frage nach den Schweizer Kühen verneint hatte. «Das sind keine Kühe, das sind Guschti», murmelt er, schweissgebadet und vornübergebeugt. Es ging ihm sichtlich nicht gut. Mit etwas Geduld konnte ihm die Spitex-Fachfrau entlocken, dass er gerade beim Hausarzt gewesen sei. Er habe Schmerzen, doch der Arzt meinte, er solle abwarten. «Der sitzt nicht freiwillig auf einer Bank. Der erholt sich von seinen Schmerzen, die beim Gehen auftreten.»
Die Wundspezialistin vermutete, dass er auf der Bank sass, weil er an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) litt. Sie beschrieb dem Bauern seine Beschwerden und die Risikofaktoren. Zum Schluss gab sie ihm ihre Karte, notierte den Verdacht auf pAVK und empfahl ihm dringlich, dem Hausarzt die Beschwerden detaillierter zu schildern und darauf zu bestehen, dass seine Durchblutung abgeklärt würde. «Er nickte.»
Mit Begeisterung dabei: Frühpensionierung kein Thema
Für ihren Beruf wünscht sich Elisabeth Kohler mehr Teamarbeit. «Im Sinne von Interprofessionalität», erklärt sie. Für die Spitex sei man oft allein unterwegs und müsse allein entscheiden. «Es wäre schön, wenn wir näher bei den Hausärzten, Physiotherapeutinnen und der Ernährungsberatung wären.» Und sie wünscht sich die Umsetzung der Pflegeinitiative und fachliche Anerkennung für die nachfolgende Generation von Spitex-Fachleuten.
Elisabeth Kohler ist mit Begeisterung Wundspezialistin bei der Spitex. «Ich bin 60 und denke nicht an Frühpensionierung», bestätigt sie. «Mir gefällt es, bei Wind und Wetter irgendwo hinzufahren. Mein Beruf gibt mir Zufriedenheit und ich werde wertgeschätzt, auch wenn manchmal schwere Momente dabei sind.» Und auch mit dem Schreiben möchte sie nicht aufhören.