Familie Patchwork auf dem Bauernhof: Was Coach Michèle Pête rät Thursday, 12. March 2026 «Eigentlich habe ich immer gesagt, ich brauche keinen Mann mehr», sagt Esthy Schmied. Man hört es dem «eigentlich» in der Aussage der 42-Jährigen an. Das Schicksal wollte es anders. Im Herbst 2024, fünf Jahre nach der Trennung vom Vater ihrer beiden Kinder, fragte sie eine Kollegin, ob sie einem Bekannten bei der Viehschau helfen würde. Esthy Schmied fragte, bei wem. Bei Daniel Grünenwald aus Wila ZH, lautete die Antwort. Sofort war der Zürcherin klar: «Ich kannte Dani schon als Jugendliche flüchtig.»

Eine Viehschau bringt acht Leben zusammen

Also half sie an der Viehschau mit – und es funkte sofort zwischen der Bauerntochter und dem Landwirt aus dem Tösstal. Schnell war ihnen klar, dass sie ab jetzt gemeinsam in die Zukunft gehen würden, doch die beiden waren nicht allein. Gemeinsam haben sie sechs Töchter – eine grosse Patchworkfamilie war geboren:

• Ilona (15, Daniels Tochter)
• Rahel (14, Daniels Tochter)
• Mira (11, Esthys Tochter)
• Lorena (10, Daniels Tochter)
• Elin (8, Esthys Tochter)
• Céline (6, Daniels Tochter)

Gemeinsame Kinder sind da kein Thema mehr. «Nein, nein, wir werden beide 43», wehrt sie lachend ab. Wenn Esthy Schmied über ihr Familienleben spricht, klingt es nicht nach Ausnahmezustand – eher nach etwas, das sich über die Zeit zu einem System eingependelt hat. Sechs Kinder, zwei Erwachsene, dazu ein Milchviehbetrieb mit 58 Kühen. Gemolken wird mit einem Melkroboter. Die Rinder und Kälber werden selbst aufgezogen.

«Dani und ich haben ein Motto: ganz oder gar nicht», erklärt Esthy Schmied mit fester Stimme. Deshalb habe sie sich auch keine grossen Gedanken über die Patchwork-Konstellation gemacht. Für sie war klar: «Meine Kinder gehören zu mir. Wer das nicht akzeptieren kann, hat keinen Platz in meinem Leben.» Ihr neuer Partner habe dieselbe Haltung gehabt. Seine Kinder kannten Esthy Schmied bereits aus der Zeit, als sie bei der Viehschau mithalf. Deshalb war es nie ein Thema, die Beziehung zuerst geheim zu halten: «Kinder sind nicht dumm. Sie merken sowieso, was läuft.»

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Die Vorahnung des Grossvaters

Dass sie sich endgültig auf diesen neuen Lebensabschnitt einliess, verbindet Esthy Schmied auch mit einer sehr persönlichen Geschichte. Zu ihrem Grossvater hatte sie eine besonders enge Beziehung und begleitete ihn bis zu seinem Tod. «Er sagte immer, ich würde einmal ein Haus voller Kinder haben – fünf müssten es mindestens sein.»

Ein Moment habe sich ihr besonders eingeprägt: Als sie Céline kennenlernte und nach ihrem Geburtstag fragte, «bekam ich sofort Gänsehaut.» Das Mädchen wurde genau 100 Jahre nach Schmieds Grossvater geboren. Für die Bäuerin fühlte sich das wie ein Zeichen an, dass alles so sein sollte.

Schmied war relativ schnell viel mit ihren Töchtern bei Dani auf dem Hof. «Meine Kinder gehen aber noch in Bäretswil ZH zur Schule, weil man nicht mitten im Schuljahr wechselt. Und das Haus, in dem ich noch ‹wohne›, ist für mich wie ein letzter Ankerpunkt. Es ist das Elternhaus meiner Grossmutter und gehört meinen Eltern.»

«Die Wechsel sind manchmal herausfordernd»

Die Konstellation ist klar geregelt: Daniel Grünenwalds Kinder sind im 50/50-Modell bei Mutter und Vater – von Sonntagabend bis Mittwochmorgen sind sie auf dem Hof (in den Ferien bis Mittwochmittag). Jedes zweite Wochenende kommen sie schon am Freitagabend. Esthy Schmieds Kinder sind jedes zweite Wochenende von Freitagabend bis Sonntagabend bei ihrem Vater – «so ein bisschen der Klassiker», sagt sie.

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«Die Wechsel sind manchmal herausfordernd.» Bei den anderen Elternteilen leben die Kinder im Dorf nahe an der Strasse, ohne Tiere. Auf dem Hof hingegen läuft das Leben ununterbrochen weiter: Kühe melken, Kälbergeburten, Kälber tränken, füttern, kontrollieren. «Hier geht es weiter – und wenn sie zurückkommen, ist es wie ein Umschalten: zack, zack, zack.» Genau dieses Hin und Her braucht Begleitung, Geduld und immer wieder ein neues Einfinden.

Klare Regeln geben Halt im turbulenten Familienleben

Eine wichtige Basis: klare Regeln, für alle die gleichen. «In unserem Freundeskreis gelten wir eher als strenge Eltern. Aber wir finden: Kinder wollen Strukturen», sagt Esthy Schmied. Am Esstisch sitzen alle gemeinsam, niemand läuft einfach davon. Und: Es wird von allem mindestens ein Bissen probiert.

Mit der Zeit hat die Familie Wege gefunden, um Widerstände zu umgehen, ohne die Regel aufzugeben. Beim Salat etwa steht die Sauce oft separat auf dem Tisch. «Ich habe gemerkt: Es geht nicht um den Salat, sondern um die Salatsauce. Jetzt nehmen zuerst die, die keine Sauce mögen, und danach alle anderen.»

Pragmatismus statt Perfektion

Auch sonst setzt Esthy Schmied auf Pragmatismus statt Perfektion. «Mit sechs Kindern kannst du nicht alles geschniegelt haben», sagt sie und zeigt auf Fensterscheiben, die nicht immer blitzblank sein können. Wichtig sei, dass der Alltag funktioniere. «Irgendwann merkt man, dass man ein System hat.»

Im Alltag zeigt sich auch, dass die Patchwork-Konstellation für die Kinder selbstverständlich geworden ist. Die sechs Mädchen kommen gut miteinander aus, auch wenn es – wie in jeder grossen Familie – nicht immer nur harmonisch zugeht. «Sie haben immer jemanden um sich herum.» Neben den eigenen Geschwistern entstehen neue Bezugspersonen, man unterstützt sich beim Lernen oder hilft einander im Alltag auf dem Hof. Gerade die Älteren übernehmen dabei Verantwortung für die Jüngeren.

Auch bei der Raumaufteilung musste die Familie pragmatische Lösungen finden. Ein eigenes Zimmer für jedes Kind liegt nicht drin, deshalb teilen sich die jüngeren Mädchen ein Zimmer, ebenso die mittleren. Die Älteren haben etwas mehr Rückzugsmöglichkeiten, und je nach Situation wird auch mal flexibel gewechselt.

In Konfliktsituationen wird nicht geschwiegen, sondern geredet – oft am Tisch und im Beisein der Kinder. Themen wie Respekt, Umgangston oder Verhalten in der Schule werden gemeinsam besprochen. «Fehler zu machen, ist okay», sagt Esthy Schmied. «Aber Respekt und Anstand sind nicht verhandelbar.»

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«Ich bin keine Stiefmutter – ich bin einfach Esthy»

Auf die Frage nach ihrer Rolle in der Patchwork-Konstellation reagiert die Bäuerin klar: «Ich bin keine Stiefmutter.» Sie sei für Danis Kinder «einfach Esthy». Ein Satz eines Kindes habe sie besonders berührt: «Ich habe Papi, ich habe Mami – und ich habe Esthy.»

Auch im Umgang mit den Ex-Partnern versucht die Familie, diesen Grundsatz zu leben. «Unsere Ex-Partner sind und bleiben Mama und Papa der Kinder – für immer», sagt sie. Das heisse nicht, dass immer alles einfach sei.

Wenn der Hof den Familienrhythmus vorgibt

Auf dem Hof wird um fünf Uhr aufgestanden, gegessen wird abends um 19 Uhr. Wenn die Kinder im Bett sind, gehen Daniel Grünenwald und Esthy Schmied noch einmal gemeinsam in den Stall auf einen Rundgang. «Auch mit Melkroboter musst du jeden Tag im Stall sein, sonst verlierst du den Kontakt zu den Tieren», sagt sie. 

Die Milch geht als Heumilch an die Käserei Preisig im nahen Sternenberg ZH. Die Rollenverteilung ist klar: «Dani ist der Bauer, ich bin das weibliche Pendant dazu.» Auch seine Eltern arbeiten viel mit, «dafür sind wir sehr dankbar. Sie sind eine grosse Stütze für uns und die Kinder.»

Paarzeit zu finden, ist nicht immer einfach. Trotzdem finden Esthy Schmied und Daniel Grünenwald Inseln – etwa an kinderfreien Wochenenden bei einem gemeinsamen Badeausflug ins Alpamare oder einem Abendessen.

Wenn die ganze Familie an der Viehschau mithilft

Für die Kinder bedeutet der Hof vor allem eines: Platz. «Der Auslauf ist ein riesiger Pluspunkt.» Draussen sein, irgendwo mithelfen oder sich auch mal zurückziehen. Es gibt immer etwas zu tun, neben den Kühen auch bei den Hasen, Hühnern oder Hunden.

Die Landwirtschaft schweisst die achtköpfige Familie zusammen. Das zeigt sich besonders im Oktober, wenn die Viehschau ansteht. Voller Stolz treibt die Familie dann die Kühe in Tracht auf den Viehschauplatz im Dorf; der Blumenschmuck wird mit Hilfe der ganzen Familie und von Freunden selbst gemacht. Die Kinder führen ihre geschmückten Viehschau-Kälbchen vor – mit Sprüchen und Gedichten.

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Ein Hof als Ort für neue Ideen

Zurzeit ist Esthy Schmied Vollzeit auf dem Hof, auch wenn sie bald wieder Teilzeit arbeiten möchte. Sie war in jungen Jahren auf der Alp, zuletzt mehrere Jahre in einer landwirtschaftlichen sozialpädagogischen Institution in Adetswil ZH mit beeinträchtigten Erwachsenen beschäftigt. Daraus ist ein Traum entstanden: eine Tagesstruktur auf dem Bauernhof. «Ein Hof bietet so viel Halt», sagt sie. Noch steht diese Idee am Anfang, auch weil im Kanton Zürich bisher nur solche Plätze mit Übernachtung unterstützt werden. «Das können wir aktuell nicht bieten, weil das Haus bis zum Anschlag voll ist.»

Auch organisatorisch und finanziell bringt eine Patchworkfamilie auf dem Bauernhof eigene Herausforderungen mit sich. Grössere Anschaffungen werden gemeinsam entschieden – etwa das grosse Familienauto. Vieles regelt sich unkompliziert: Mal erledigt sie den Einkauf, mal ihr Partner; gleichzeitig stammen zahlreiche Lebensmittel direkt vom Hof.

Mit Blick in die Zukunft beschäftigt die Familie auch die Frage der nächsten Generation. Landwirtschaft ist für alle Kinder wichtig, doch Verpflichtung soll daraus keine entstehen. Eine der grösseren Töchter zeigt Interesse an einer landwirtschaftlichen Lehre – ein schöner Gedanke. Für Esthy Schmied ist das zweitrangig. Wichtig ist, dass jedes Kind seinen eigenen Weg findet – und das Haus voller Leben bleibt. So, wie es ihr Grossvater sich für sie gewünscht hat.