Auf einem Feld wird aus Pflanzenresten Humus, im Wald verwandeln Mikroorganismen abgestorbene Blätter wieder in fruchtbare Erde. Für jede Bauernfamilie ist klar: Der Kreislauf der Natur kennt kein Ende – alles wird wieder Teil des Bodens. Eine neue Bestattungsform greift genau diesen Gedanken auf: Bei der sogenannten Reerdigung oder Terramation wird der menschliche Körper in einem kontrollierten Prozess zu Erde umgewandelt. Während diese Methode in den USA bereits praktiziert wird und in Deutschland erste Pilotversuche laufen, läuft auch in der Schweiz eine Diskussion darüber. Der Verein «Werde Erde» setzt sich dafür ein, die Terramation auch hierzulande bekannt zu machen und wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Mitgründerin Lina Hänni erklärt im Interview, was hinter der Idee steckt – und warum sie auch für Menschen mit Bezug zur Landwirtschaft interessant sein könnte.
Was genau ist Reerdigung beziehungsweise Terramation?
Lina Hänni: Wir verwenden im Verein vor allem den Begriff Terramation. Der Prozess ist eigentlich relativ simpel: Der Körper wird in ein Pflanzenbett in einer Anlage gelegt. Durch natürliche mikrobiologische Prozesse wird er innerhalb einiger Wochen in Erde umgewandelt. Man kann es als eine Art Kompostierung unter kontrollierten Bedingungen und auf eine sehr schonende Weise beschreiben. Ziel ist es, den Körper wieder in den natürlichen Kreislauf zurückzuführen.
Wie sind Sie persönlich dazu gekommen, sich für dieses Thema zu engagieren?
Ich habe Umweltnaturwissenschaften studiert. Während meines Studiums ist meine Grossmutter gestorben. Das war das erste Mal, dass ich mich intensiver mit dem Thema Tod und Bestattung auseinandergesetzt habe. Gleichzeitig beschäftigten wir uns im Studium stark mit Kreisläufen und Ressourcen. Ich habe mich gefragt: Was passiert eigentlich mit unserem Körper nach dem Tod? Ich habe recherchiert, wie Kremation und Erdbestattung funktionieren und welche ökologischen Auswirkungen sie haben. Dabei bin ich auf das sogenannte Human Composting aus den USA gestossen. Mich hat fasziniert, wie einfach der Prozess eigentlich ist – dass aus unserem Körper wieder Erde entstehen kann, aus der neues Leben wächst.[IMG 3]
Sie haben den Bezug zu natürlichen Kreisläufen erwähnt. In der Landwirtschaft spielt dieser Gedanke ja eine zentrale Rolle. Ist die Reerdigung für Sie eine konsequente Weiterführung dieses bäuerlichen Kreislaufdenkens?
Ja, absolut. Der menschliche Körper ist letztlich Biomasse – ein Teil der Natur. Deshalb kann er auch wieder in Erde umgewandelt werden. Mikroorganismen übernehmen diesen Prozess. Für mich ist das eine sehr konsequente Form des Stoffkreislaufs und ein schöner Abschluss des Lebenskreislaufs.
Es gibt auch kritische Stimmen. Manche Menschen fragen sich, ob die entstehende Erde wirklich sicher ist – etwa wegen Medikamentenrückständen oder Implantaten. Was sagen Sie dazu?
Das sind berechtigte Fragen. In den USA, wo die Terramation bereits praktiziert wird, gibt es klare Richtwerte für die Qualität der Erde. Die bisherigen Laboranalysen zeigen, dass diese Grenzwerte eingehalten werden. Trotzdem setzen wir uns dafür ein, dass auch in Europa und in der Schweiz entsprechende Studien durchgeführt werden. Es ist wichtig, dass man wissenschaftliche Daten hat und transparent zeigen kann, was im Prozess passiert.
In der Schweiz ist die Terramation noch nicht erlaubt. Es gibt aber eine Einzelinitiative im Zürcher Kantonsrat. Wie ist der aktuelle Stand?
Die Einzelinitiative wurde angenommen und ist im Kantonsrat auf grosses Interesse gestossen. Das hat uns ehrlich gesagt überrascht. Der Regierungsrat hat nun Zeit, bis August 2026 darauf zu reagieren. Wir befinden uns also noch in einer Prüfungsphase. Es ist noch nicht entschieden, ob und wie die Terramation erlaubt werden könnte. Dafür braucht es vor allem wissenschaftliche Grundlagen.
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Wie gross schätzen Sie das Interesse in der Bevölkerung ein?
Für ein so sensibles Thema ist das Interesse erstaunlich gross. Unser Verein hat inzwischen rund 515 Mitglieder. Es sind sehr unterschiedliche Menschen: Einige kommen aus der Umwelt- und Naturszene, andere beschäftigen sich beruflich oder persönlich mit Abschied und Trauerkultur.
Gibt es Möglichkeiten für Kooperationen mit der Landwirtschaft?
Das wäre für mich persönlich sehr spannend. Ich könnte mir zum Beispiel Projekte im Bereich Agroforst vorstellen. Gleichzeitig sind hier auch ethische Fragen wichtig. Die Vorstellung, dass aus der eigenen Erde Gemüse wächst, ist nicht für alle ansprechend.
Aber es gibt sicher andere Formen – etwa Naturflächen oder Erinnerungsorte –, bei denen solche Kooperationen möglich wären.
Wie könnte die Terramation die Bestattungskultur verändern?
Viele Menschen setzen sich erst sehr spät mit dem Thema Tod auseinander. Wenn jemand stirbt, muss oft alles sehr schnell gehen: Organisation, administrative Schritte, Bestattung.
Bei der Terramation dauert der Prozess rund 30 Tage, danach reift die Erde nochmals einige Wochen nach. Insgesamt sprechen wir von etwa zwei Monaten. Dadurch entsteht mehr Zeit für Abschied und Trauer. Ich sehe darin ein grosses Potenzial.
Was sind die Ziele Ihres Vereins in den nächsten Jahren?
Unser Ziel ist es, die Einführung dieser Bestattungsform sorgfältig vorzubereiten. Dazu gehört Forschung, Austausch mit anderen Ländern, politische Arbeit und Öffentlichkeitsarbeit.
Uns ist bewusst geworden, dass das ein langer Prozess sein wird. Eine neue Bestattungsform einzuführen, braucht Zeit.
In Deutschland laufen bereits Pilotprojekte. Wie ist der Austausch?
Wir stehen im Kontakt mit den Initiativen dort. Die Projekte werden wissenschaftlich begleitet. Diese Ergebnisse sind für uns sehr wichtig – zum Beispiel zu Fragen nach Rückständen oder Grenzwerten. Es macht wenig Sinn, wenn jedes Land die gleichen Studien wiederholt.
In den USA ist die Terramation schon weiter verbreitet. Welche Bedeutung hat das für die Schweiz?
Es zeigt, dass der Prozess funktioniert. Gleichzeitig sind die lokalen Bestattungswesen sehr unterschiedlich organisiert. In den USA ist der Bestattungsbereich stark privatisiert und die Prozesse funktionieren anders. Deshalb kann man die Situation nicht eins zu eins mit der Schweiz vergleichen.
Warum engagiert sich Landwirtin Marlene Halter für Terramation? «Ich war fasziniert»
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Marlene Halter ist Köchin und Landwirtin – und Mitglied bei Werde Erde. Im Kurz-Interview sagt sie, warum.
Sie setzen sich in Ihrer Arbeit intensiv mit Tier, Verarbeitung und alternativen Formen der Fleischkultur auseinander. Was hat Sie persönlich dazu motiviert, sich auch für das Thema Terramation zu interessieren und im Verein Werde Erde zu engagieren?
Marlene Halter: Ich habe durch die Vereins-Mitgründerin Angela Denkinger, mit der ich zusammengearbeitet habe, erstmals von der Terramation gehört und war fasziniert. Ich hatte mir zuvor kaum ernsthaft Gedanken gemacht darüber, wie ich eines Tages bestattet werden möchte. Nun wurde ich angeregt, mich überhaupt erstmals tiefer mit dem Thema zu befassen, und ich habe festgestellt, dass die Kompostierung als Bestattungsform für mich sowohl intuitiv als auch argumentativ genau stimmig ist.
Sie haben in Ihrer bisherigen Tätigkeit Fleisch und Verarbeitung bewusst anders «gedacht», unter anderem in Ihrem ehemaligen Restaurant «Metzg» an der Zürcher Langstrasse. Sehen Sie Parallelen zwischen diesem Zugang und der Idee der Terramation als Teil eines natürlichen Kreislaufs, und welche Rolle spielt dabei für Sie der Bezug zur Landwirtschaft?
Mein Zugang zur Fleischverarbeitung, zur Landwirtschaft und überhaupt zur Lebensmittelproduktion ist angetrieben vom Interesse an Nachhaltigkeit, von einer ganz handfesten Faszination für (Nutz-)Tiere und Fleisch und vom Wunsch, natürliche Zusammenhänge zu verstehen und genau hinzuschauen. Ich sehe die Entfremdung des Menschen von einer naturnahen Lebensmittelherstellung als grosses Übel. So gesehen besteht eine Parallele zur Terramation, die ebenfalls auf Nachhaltigkeit und natürliche Zusammenhänge setzt.
Gerade wegen unserer Entfremdung von natürlichen Kreisläufen ist die Terramation für viele von uns eine so herausfordernde Vorstellung: Dass unser Körper von Mikroorganismen zersetzt und schliesslich in Form von Nährstoffen wieder Teil neuer Lebewesen wird.