Warum beginnen Kinder überhaupt zu lügen, und ab welchem Alter tritt das typischerweise auf?

Sabine Kinzer: Die Gründe fürs Lügen sind vielfältig und es können verschiedene Bedürfnisse dahinterstecken. Meistens beginnt das schon im zweiten bis dritten Lebensjahr. Da geht es eher noch um ein kleines, spielerisches Flunkern. Wenn man fragt: «Hast du das gemacht?», sagen die Kinder «nein», obwohl sie es offensichtlich getan haben. Richtig bewusstes Lügen startet erst später, etwa zwischen vier und fünf Jahren. In dieser Zeit entwickeln Kinder Empathiegefühle und beginnen zu verstehen, wie andere sich fühlen und dass andere Menschen eigene Gedanken haben. Erst dann können sie sich in andere hineinversetzen und über Konsequenzen nachdenken. Ab dem Schulalter wird Lügen dann strategischer.

Welche Motive stecken am häufigsten hinter kindlichen Lügen?

Es gibt viele Motive, diese können bewusst oder unbewusst sein. Kinder wollen gefallen, höflich sein oder jemanden nicht verletzen. Sie lügen auch, um Aufmerksamkeit oder Lob zu bekommen oder um Vorteile für sich zu erzielen. Ein grosses Thema ist Anerkennung: Wenn etwa ein Geschwisterkind gelobt wird, kann ein Kind denken: «Bin ich weniger wert?» und dann übertreiben oder etwas erfinden. Zum Beispiel erzählt es, es hätte auch so viele Saltos in der Turnhalle geschlagen wie sein Geschwisterkind. Häufig steckt auch Angst vor der Reaktion der Eltern dahinter, besonders, wenn Fehler passiert sind. Wunschdenken spielt ebenfalls eine grosse Rolle. Wenn man ein Buch vorliest, in dem ein Kind ein Pferd bekommt, erzählt das eigene Kind am nächsten Tag vielleicht im Kindergarten, dass es auch eines bekomme – nicht aus Täuschungsabsicht, sondern weil es sich das so sehr wünscht. Auch Überforderung oder Unsicherheiten sind häufige Gründe – oder der Wunsch, dazuzugehören. Gerade zwischen fünf und acht Jahren ist dieses Bedürfnis extrem ausgeprägt.

«Die Fantasie von kleinen Kindern ist sehr bunt.»

Sabine Kinzer, Fachfrau Erziehung, über unschuldige Lügen. 

Wie können Eltern Fantasiegeschichten von bewussten Unwahrheiten unterscheiden?

Bei kleinen Kindern verschwimmt das oft, denn ihre Fantasie ist sehr lebhaft und für sie selbst real. Wenn ein Kind sagt: «Das Krokodil ist unter meinem Bett» oder «Ich habe ein Pony im Zimmer», kann man sich darauf einlassen und mitspielen. Das ist für das Kind eine echte Realität. Abends können solche Geschichten sogar Angst machen, deshalb sollten Eltern Strategien entwickeln, zum Beispiel das Krokodil «hinaustragen» vors Haus. Bei älteren Kindern zeigt sich schnell, ob es Fantasie oder Absicht ist, wenn man nachfragt: «Wie bist du darauf gekommen?» Wenn man sie die Geschichte weiterspinnen lässt, erkennt man meist rasch, ob das Kind bewusst lügt. Dabei sollte man nicht werten oder das Kind verurteilen, sondern das Bedürfnis dahinter erkennen.[IMG 2]

Welche Rolle spielt das Erziehungsverhalten der Eltern für das Lügenverhalten der Kinder?

Eine sehr grosse. Ein strenges, kontrollierendes oder autoritäres Umfeld führt eher dazu, dass Kinder lügen, weil sie Ablehnung oder Bestrafung vermeiden wollen. Wenn sie wissen: «Wenn ich einen Fehler mache, wird das gar nicht akzeptiert», steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht die Wahrheit sagen. Ein offenes, wertschätzendes Familienklima hingegen stärkt Ehrlichkeit. Kinder trauen sich eher, Fehler zuzugeben, wenn sie wissen: «Ich bin wertvoll, ich werde geliebt, egal was passiert.» Eltern sollten vermitteln: «Wir finden gemeinsam eine Lösung.» Ausserdem beobachten Kinder, wie Eltern selbst mit Wahrheit und Unwahrheit umgehen. Auch kleine Notlügen lernen sie dadurch kennen – und wann sie angebracht sein können, um niemanden zu verletzen.

«Lügen brauchen das Gefühl, dass Ehrlichkeit sicher ist.»

Sabine Kinzer, Fachfrau Erziehung, über eine Voraussetzung für ehrlichere Kinder. 

Welche Auswirkungen haben Strafen, Druck oder hohe Erwartungen auf die Ehrlichkeit eines Kindes?

Strafen oder Drohungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder öfters lügen. Wenn Kinder mit Vorwürfen oder sogar körperlicher Gewalt rechnen müssen, verlieren sie Vertrauen. Dann trauen sie sich nicht mehr, mit allem nach Hause zu kommen und den Eltern von ihren Sorgen zu erzählen. Aussagen wie «Du bist ein Lügner» verletzen emotional und führen zu Scham, aber nicht zu Ehrlichkeit. Auch zu hohe Erwartungen – zum Beispiel schulisch oder sportlich – können inneren Druck erzeugen, sodass Kinder lügen, um nicht zu enttäuschen. Kinder brauchen das Gefühl, dass Ehrlichkeit sicher ist und nicht gefährlich.

Wie sollten Eltern reagieren, wenn sie ihr Kind beim Lügen ertappen – und was sollten sie unbedingt vermeiden?

Wichtig ist, ruhig zu bleiben und das Thema offen anzusprechen. Ich empfehle, Ich-Botschaften zu formulieren und keine Vorwürfe zu machen. Bei grösseren Kindern kann manchmal Humor helfen, die Situation zu entschärfen. Eltern sollten deutlich machen: «Ich bin froh, dass du mir jetzt die Wahrheit gesagt hast.» Der Fokus sollte immer auf dem Verhalten, nicht auf dem Kind liegen. Das Kind darf nicht beschämt werden. Stattdessen sollte man gemeinsam überlegen: «Warum hast du gelogen? Hattest du Angst oder Unsicherheit?» Und wie kann man die Situation wieder in Ordnung bringen – allein oder mit Unterstützung? Vermeiden sollten Eltern Vorwürfe, Beschimpfungen, Strafen, Drohungen, moralische Predigten oder das Kind in die Ecke zu drängen.

Wie kann man mit Kindern altersgerecht über Wahrheit, Verantwortung und Vertrauen sprechen?

Fehler passieren und dürfen sein – auch wir Erwachsenen machen sie. Eltern «lügen» zum Beispiel ebenfalls, etwa indem sie jahrelang vom Osterhasen, vom Weihnachtswichtel oder vom Samichlaus erzählen. Bei kleinen Kindern reicht eine kurze, konkrete Erklärung. Bei Kindern ab vier oder fünf Jahren, die bereits strategisch lügen können, sollte man sich Zeit für ruhige Gespräche nehmen, nicht zwischen Tür und Angel. Am besten setzt man sich bewusst zusammen und spricht über Vertrauen, Respekt und Zusammenhalt. Wichtig ist, die Gefühle anzusprechen: «Kann es sein, dass du Angst hattest?» oder «Manchmal ist es schwer, die Wahrheit zu sagen – aber es lohnt sich und ist wichtig.»

Welche praktischen Strategien helfen im Alltag, eine offene Kommunikationskultur zu fördern und Lügen vorzubeugen?

Eine offene, wertschätzende Kommunikation ist entscheidend. Eltern sollten beim Streit unter Geschwistern beide Seiten anhören und nicht sofort bewerten. Strategien wie Lob- und Belohnungssysteme sind nicht immer hilfreich. Wenn Kinder dauernd gelobt werden, entsteht oft unbewusster Leistungsdruck – und damit können wiederum Lügen entstehen. Besser ist es, realistische Erwartungen zu haben, Vorbild zu sein, offen zu kommunizieren und ein Klima zu schaffen, in dem Fehler erlaubt sind. Kinder sollten spüren, dass man bei Schwierigkeiten gemeinsam Lösungen findet.

«Lügen gehören zur kindlichen Entwicklung wie Wutanfälle.»

Sabine Kinzer, Fachfrau Erziehung, findet es wichtig, dass Bedürfnis hinter einer Kinder-Lüge zu suchen. 

Wann kann häufiges Lügen ein Hinweis auf emotionale Belastungen oder andere tiefer liegende Probleme sein?

Wenn Lügen sehr häufig oder zwanghaft auftreten oder wenn Fantasiegeschichten in höherem Alter extreme Ausmasse annehmen, sollte man genauer hinschauen. Auch wenn Kinder aus starker Angst oder Stress systematisch lügen, ist das ein Warnsignal. Manchmal steckt Mobbing dahinter, manchmal Unsicherheit oder Überforderung. Wenn Eltern merken, dass sie selbst überfordert sind oder die Situation sehr belastet, ist es sinnvoll, frühzeitig eine Fachstelle aufzusuchen. So können negative Muster verhindert werden, bevor sie sich verfestigen.

Was ist der wichtigste Rat, den Sie Eltern im Umgang mit lügenden Kindern mitgeben würden?

Lügen gehört zur kindlichen Entwicklung, genauso wie Wutanfälle. Wichtig ist, zu erkennen, welches Bedürfnis und welche Absicht hinter einer Lüge stecken. Ein Kind, das strategisch lügt, tut in diesem Moment das Bestmögliche für sich – um sich zu schützen oder ein Bedürfnis zu erfüllen. Gleichzeitig zeigen Studien:  Kinder, die sich gesehen, wertgeschätzt und innerlich gestärkt fühlen, lügen weniger. Sie handeln eher zum Wohle anderer und vertrauen auf ihre Fähigkeit, mit schwierigen Situationen offen umzugehen.

Beratung für Eltern

Die Elternberatung für die frühe Kindheit von Pro Juventute ist für Eltern von Babys und Kleinkindern von 0 bis 5 Jahren. Sie ist erreichbar von Montag bis Freitag zwischen 19 und 22 Uhr und am Samstag von 9 bis 11 Uhr per Telefon (Normaltarif) und Whatsapp-Chat unter der Nummer 044 256 77 99.

Für grössere Kinder ist die Beratung jederzeit unter 058 261 61 61 erreichbar. Beratung gibt es auch über WhatsApp oder per Mail.

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