Durch die Wohnungstür dringen die Geräusche eines heftigen Streites zwischen einem Mann und einer Frau. Schreien, Weinen, lautes Knallen. Die hässlichen Geräusche häuslicher Gewalt. Bringt man den Mut auf, nicht wegzuhören und zu klingeln? Vor genau dieser Situation stand eine Klasse angehender Landwirtinnen und Landwirte am Inforama Rütti, begleitet von ihrem Lehrer. Sie besuchten die interaktive Ausstellung «Stärker als Gewalt», die seit 2019 durch die Schweiz tourt und bereits über 10 000 Jugendliche erreicht hat.
Zum ersten Mal wurde die Ausstellung im Dezember im Umfeld junger Menschen aus der Landwirtschaft gezeigt. Rund 40 Klassen aus der landwirtschaftlichen Grundbildung und der Berufsmaturität wurden in diesen zwei Wochen durch die Ausstellung geführt – begleitet von Mitarbeitenden der Kantonspolizei Bern sowie der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern, der Opferhilfestelle des Kantons Bern. Ziel ist es, frühzeitig zu sensibilisieren, Tabus zu brechen und konkrete Hilfsangebote aufzuzeigen.
Häusliche Gewalt: eine unterschätzte Realität
«Fünfmal pro Tag rückt die Kantonspolizei Bern wegen häuslicher Gewalt aus», erklärt Michael Fichter, Chef Prävention bei der Kantonspolizei Bern. «Bei jedem zweiten Einsatz ist ein Kind vor Ort. Jugendliche sind deshalb eine extrem wichtige Zielgruppe – gerade, weil man bei ihnen unter Umständen noch etwas erreichen kann.»
Statistiken und Forschung zeigen, wie wichtig Prävention ist: In rund 60 Prozent der Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt sind Familien mit minderjährigen Kindern betroffen. Zudem wird Gewalt häufig sozial weitergegeben. «Personen, die selbst Gewalt erlebt haben, tragen ein höheres Risiko, später selbst Gewalt auszuüben oder Opfer zu werden», sagt Fichter.
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Gewalt beginnt oft schleichend
In der Ausstellung setzen sich die Jugendlichen mit unterschiedlichen Formen von Gewalt auseinander – von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt über Kontrollverhalten bis hin zu Druckausübung über digitale Medien. «In Jugendbeziehungen kann es schleichend beginnen», erklärt Michael Fichter. «Ständiges Kontrollieren des Standorts, Fragen wie: ‹Mit wem warst du schon wieder unterwegs?›»
Häufig rückt die Polizei immer wieder wegen häuslicher Gewalt an die gleiche Adresse aus. «Oft findet eine betroffene Person lange nicht die Kraft, auszubrechen.» Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt sei nach wie vor hoch. «Viele Betroffene suchen die Schuld bei sich selbst oder reden sich ein, es sei ein einmaliger Ausrutscher gewesen», sagt Michael Fichter. «Je länger eine Gewaltbeziehung dauert, desto schwieriger wird es, auszusteigen.»
In der Stadt wird die Polizei häufiger gerufen
Dass die Ausstellung am Inforama Rütti gezeigt wird, ist bewusst gewählt. «Häusliche Gewalt ist ein Thema in allen gesellschaftlichen Schichten und Berufen – auch wenn man nicht gerne darüber spricht», sagt Marc Wyss, Leiter Fachbereich Grundbildung und stellvertretender Inforama-Direktor. Eine Lehrperson hatte ihm den Vorschlag gemacht, die Ausstellung ans Inforama zu holen.
Gerade im ländlichen Raum gebe es besondere Herausforderungen. «Im ländlichen Raum hört man weniger davon, aber das heisst nicht, dass es seltener vorkommt», betont Wyss. «Es gibt andere Abhängigkeiten, zum Beispiel wenn ein Hof gemeinsam geführt wird.»
Michael Fichter bestätigt diese Einschätzung: «Im städtischen Raum wird die Polizei häufiger gerufen, weil die Leute näher zusammenleben und häusliche Gewalt eher mitbekommen. Im ländlichen Raum ist sie aber vermutlich genauso verbreitet. Für Betroffene ist es dort oft noch schwieriger, Hilfe zu holen.»
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Auch in der Landwirtschaft ein Thema
Lernende in der Landwirtschaft kommen teils bereits mit 16 Jahren auf einen fremden Hof. «Wir wären weltfremd, wenn wir davon ausgehen würden, dass das immer idyllisch und problemlos ist», sagt Marc Wyss. «Wir müssen ehrlich sein: Auch in der Landwirtschaft kann häusliche Gewalt ein Thema sein.»
Das Inforama wolle den Lernenden deshalb ein Rüstzeug mitgeben. «Wir möchten aufzeigen, wie man mit solchen Situationen umgehen könnte – sei es, weil man selbst betroffen ist oder weil man etwas im Umfeld beobachtet.»
Auch für Lehrpersonen und Beratende sei dieses Wissen wichtig. «Unsere Lernendenberatung wird sehr oft genutzt», sagt Wyss. Neben schulischen Fragen oder Problemen mit dem Lehrmeister gehe es auch um persönliche Krisen. «Wir begleiten jedes Jahr rund vier akut suizidale Lernende bis in den Notfall – bei 2000 Schülerinnen und Schülern am Inforama.»
Warnzeichen erkennen und richtig handeln
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ist das Erkennen von Alarmzeichen häuslicher Gewalt. «Typisch können unerklärliche Verletzungen mit Ausreden sein, etwa, man sei die Treppe hinuntergefallen, oder wenn sich eine Person zurückzieht und immer stiller wird. Auch vermehrter Alkohol- oder Medikamentenkonsum kann ein Hinweis sein», zählt Michael Fichter auf.
Betroffenen rät Fichter, frühzeitig Unterstützung zu suchen: «Ein Tagebuch führen, Verletzungen dokumentieren, zum Hausarzt gehen – das kann später sehr wichtig sein.» Eine erste polizeiliche Massnahme sei oft die Wegweisung der gewaltausübenden Person. Häusliche Gewalt ist ein Offizialdelikt, das heisst, sie wird von Amtes wegen verfolgt. Erfährt die Polizei davon, muss sie aktiv werden – auch dann, wenn betroffene Personen dies nicht wollen.
Unterstützung und Schutzangebote
Sozialpädagogin Julia Müller, die ebenfalls durch die Ausstellung führte, berät und begleitet Frauen, die im Kanton Bern Schutz im Frauenhaus suchen. «Sie kommen, oft mit ihren Kindern, zu uns, nachdem sie häusliche Gewalt erlebt haben.»
Im Kanton Bern gibt es drei Frauenhäuser an geheimen Standorten, die jedoch praktisch immer ausgelastet sind. «Grundsätzlich bräuchten wir mehr Plätze», sagt sie. «Teilweise müssen wir Frauen ausserkantonal unterbringen oder vorübergehend in Hotels.» Der Aufenthalt dauere meist zwischen einem und vier Monaten, oft auf engem Raum.
Besonders hoch seien die Hürden für ältere Frauen, Frauen mit einer Beeinträchtigung oder für Frauen, die neu in der Schweiz sind. «Der Zugang ist für sie erschwert», erklärt die Beraterin. «Umso wichtiger ist es, dass Hilfsangebote bekannt sind.» Ab Mai soll zudem unter der Nummer 142 eine nationale Hotline rund um die Uhr erreichbar sein.
Eine Wohnung als Lernraum
Währenddessen wechseln die angehenden Landwirtinnen und Landwirte von Zimmer zu Zimmer. Die Ausstellung ist aufgebaut wie eine Wohnung mit einer Küche, einem Badezimmer, einem Kinderzimmer, einem Jugendzimmer und einem Elternschlafzimmer. In jedem Raum gibt es unterschiedliche Informationen, Videos und Audios zum Anhören.
Die Ausstellung gibt jungen Menschen Werkzeuge an die Hand, wie sie bei der Situation vor der Haustür mit lautstarkem Streit vom Anfang reagieren könnten: Handeln, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen (Zivilcourage), auf das eigene Bauchgefühl hören und lieber einmal zu viel als zu wenig eine Beratungsstelle kontaktieren oder im Notfall die Polizei unter 112 oder 117 anrufen.