Die Nerven auf dem Milchmarkt liegen blank. Die Produzenten fühlen sich im Stich gelassen. Es kommt gar zu Rücktrittsforderungen gegenüber der Spitze der Schweizer Milchproduzenten (SMP). Wir haben Präsident Boris Beuret zur aktuellen Lage befragt.
Der A-Richtpreis liegt bei 78 Rappen. Viele Produzenten erhalten effektiv noch rund 40–45 Rappen pro Kilo. Niklaus Brönnimann aus Riggisberg BE verliert monatlich 2000 Franken. Wie rechtfertigen Sie diesen Graben zwischen Richtpreis und Realität?
Boris Beuret: Der A-Richtpreis ist ein sogenannter Rampenpreis, also der Preis geliefert franko Rampe Verarbeiter. Zwischen diesem und dem Hofpreis liegt eine Differenz von rund 5 Rappen, z. B. für die Logistik. Die konkrete Abrechnung des erwähnten Cremo-Produzenten kennen wir nicht. Gemäss unserem Milchpreismonitoring lag der durchschnittliche Milchpreis bei Cremo im Januar 2026 bei rund 64 Rp. – Mix von A-, B- und C-Milch für einen Milchproduzenten mit 60 Kühen. Gleichzeitig gibt es in der Schweiz tatsächlich Produzenten, die aktuell Milchpreise von rund 45 Rappen erhalten.
Die SMP hat sich innerhalb der BO Milch stets für eine proportionale Lastenverteilung auf alle Produzenten in dieser schwierigen Marktsituation eingesetzt. Dazu haben wir entsprechende Grundlagen erarbeitet und diese sowohl im SMP-Vorstand als auch mit Produzenten diskutiert. Einige Erstmilchkäufer sehen sich derzeit jedoch aufgrund von Volumenverschiebungen mit einem starken Rückgang ihres A-Milch-Anteils konfrontiert, während ihr Anteil an C-Milch überproportional hoch ist. Darauf hat die SMP keinen Einfluss. Dies führt dazu, dass der Durchschnittspreis für bestimmte Produzenten sehr niedrig ist.
Diese grossen Preisunterschiede zwischen Produzentengruppen bereiten uns grosse Sorgen. Sie sind problematisch und gefährden langfristig das bestehende System. Marktturbulenzen lassen sich am besten vermeiden, wenn die Lasten möglichst gleichmässig verteilt werden. Wir appellieren deshalb an alle Marktakteure – inzwischen auch sehr öffentlich –, ihren Beitrag zu leisten. Die SMP selbst kauft oder verkauft jedoch keine Milch und kann niemanden zu Massnahmen zwingen.
Was ist die Preisstrategie der SMP für das zweite Halbjahr – und was sind die konkreten Hebel, um die Lage zu verbessern?
Entscheidend ist, dass wir bis Mitte Jahr eine Stabilisierung der Milchmenge erreichen. Das derzeit hohe Produktionsniveau könnte sonst zu weiter steigenden Butterlagern führen. Sehr grosse Buttervorräte würden uns mittelfristig benachteiligen, was wir vermeiden wollen und müssen. Gleichzeitig sind die Verarbeitungskapazitäten aktuell am Limit. Aus diesem Grund werden die Produzenten gebeten, ihre Produktion zu drosseln. Dies ist derzeit die einzige Möglichkeit, damit sich die Preise hoffentlich ab Sommer verbessern.
Die Überproduktion war ab August 2025 ausserordentlich hoch. Doch die Zeichen einer angespannten Marktlage waren früher sichtbar. Was hat die SMP konkret zwischen Frühjahr 2025 und dem Herbstalarm getan?
In der Branche machen wir grundsätzlich monatlich eine Standortbeurteilung zum Markt. Bis Juni wurde noch Rahm aus den Freigaben ab 1. Januar 2025 exportiert. Ab Juli 2025 zeigte sich jedoch, dass zusätzliche Massnahmen erforderlich sind. Im August 2025 war für eine Mehrheit innerhalb der BOM klar, dass weitere Schritte nötig sind. Die SMP hat diesen Prozess aktiv vorangetrieben.
Stefan Kohler räumt ein, dass die anfängliche C-Milch-Stützung auf 18 Rappen ein Fehler war. Welche Rolle hat die SMP in diesem Entscheid gespielt?
Eine Produktionssteigerung in der Grössenordnung, wie sie sich bis Dezember 2025 gezeigt hat, hat niemand erwartet – weder die Milchproduzenten noch die Branche insgesamt. Ähnliche Entwicklungen waren auch im umliegenden Ausland zu beobachten. Eine erste Massnahme war logischerweise, die Mittel aus den Fonds zu benutzen. Alles andere wäre nicht nachvollziehbar gewesen. Dies reichte jedoch letztlich nicht aus.
Die SMP hat zudem eine grosse Koordinationsarbeit zwischen den Marktakteuren geleistet, auch wenn dies von aussen oft wenig sichtbar ist. Gegen Ende 2025 war nicht mehr überall gewährleistet, dass alle Milch abgeladen werden kann. Damit wurde die Situation zu einem nationalen Kapazitätsproblem.
Produzenten haben das Gefühl, dass die Krise einseitig auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Was sind die konkreten Massnahmen der SMP, um auch Verarbeiter, Handel und Importeure stärker in die Pflicht zu nehmen?
Die Milchproduzenten und die SMP unternehmen alles, damit die vorhandenen Verarbeitungskapazitäten ausgeschöpft werden können.
Wir fordern zudem Transparenz bei den C-Milchmengen und den Exporten. Gleichzeitig setzen wir uns politisch und marktseitig für eine Reduktion des Veredelungsverkehrs ein. Darüber hinaus stehen wir mit allen wichtigen Detailhandelskanälen in Kontakt, um die «Swissness» im Verkaufsregal zu fördern – also mehr Schweizer Produkte und weniger Importe.
Welche konkreten politischen Vorstösse unterstützt oder lanciert die SMP in dieser Session – namentlich beim Veredelungsverkehr, bei den Käseimporten und bei der Verkäsungszulage?
Zum Thema Veredelungsverkehr wurden am 2. und 3. März 2026 gezielte Vorstösse durch Parlamentarier im Ständerat und Nationalrat eingereicht. Zur Verkäsungszulage wurde schon lange die Motion 24.4269 überwiesen. Diese zeigt nun im Prozess der AP2030+ erste Wirkung.
Die BOM begrüsst die Bundesratsvorschläge vom 18. Februar zur Erhöhung der Verkäsungszulage. Produzenten sind skeptisch: Wie viele Rappen kommen davon tatsächlich beim Produzenten an – und ab wann?
Die Verkäsungszulage ist die einzige Möglichkeit, den Grenzschutz bei der Milch indirekt zu erhöhen, da der Käsemarkt gegenüber der EU geöffnet ist. Damit das Geld auch bei den Produzenten ankommt, hat der Bundesrat im Papier zur AP2030+ die Motion von Jacques Nicolet aufgenommen. Das ist im Papier des Bundesrats vom 18. Februar 2026 so festgehalten.
Die weitere Diskussion muss nun auf diesem Pfad geführt werden. Sollte der Bundesrat diese Anpassung zeitlich zur AP2030+ vorziehen wollen, wäre das ebenfalls ein guter Weg.
Der Inlandsmarkt ist gesättigt, der Export unter Druck. Welche neuen Absatzkanäle oder Marktsegmente verfolgt die SMP mittelfristig – und mit welchem Zeithorizont rechnen Sie mit messbaren Mengen- und Preiseffekten?
Wir sehen durchaus Potenzial, die Marktanteile im Inland weiter zu steigern. Der Inlandmarkt entwickelt sich positiv.
Wir müssen mehr in die Importabwehr investieren, insbesondere beim Käse. Da braucht es auch Innovationen seitens der Unternehmen. Das ist ein grosses Branchenprojekt und eine Branchenaufgabe. Ein Beispiel: Wenn heute koscheres Milchpulver über den Veredelungsverkehr importiert wird, liegt das auch daran, dass es in der Schweiz kaum koschere Milch gibt. Solche Projekte sind langfristig angelegt, können aber dazu beitragen, den Markt widerstandsfähiger zu machen.
Der Regulierungsfonds wurde leer gefahren, das erste Preissignal war zu schwach, und die Basis war zu spät informiert. BIG-M stellt öffentlich die Frage, ob in der SMP-Führung personelle Konsequenzen nötig sind. Was antworten Sie darauf?
Es war völlig logisch und nachvollziehbar, zunächst die finanziellen Mittel aus den Branchenfonds einzusetzen, um Preisrückgänge zu vermeiden, und danach weitere Massnahmen zu ergreifen.
Die Fonds sind im Übrigen nicht leer; die Mittel sind lediglich bereits verplant. Diese Entscheide wurden von der Delegiertenversammlung und dem Vorstand der BOM gefällt und sind somit breit abgestützt. Die Preissignale werden grundsätzlich durch die Erstmilchkäufer gesetzt. Deutlichere Preissignale wurden erst notwendig, als sich die Kapazitätsprobleme in der Verarbeitung verschärften.
Wir haben bei den ersten Zeichen der erhöhten Produktion sofort reagiert, kommuniziert und innerhalb der Branche koordiniert. Und wir werden diesen Weg im Interesse der Schweizer Milchproduzenten konsequent weitergehen. Die Mitglieder der SMP können über ihre Organisationen und Delegierten jederzeit Einfluss auf die Besetzung der Führungsgremien nehmen. Wir arbeiten auf allen Ebenen mit einem engagierten und verantwortungsbewussten Team. Kritik gehört dazu, aber pauschale Forderungen nach personellen Konsequenzen halten wir weder für fair noch für zielführend.
Was die BOM entschieden hat
Der Vorstand der Branchenorganisation Milch (BOM) hat an seiner Sitzung vom 25. Februar weitere Stützungsgelder aus dem Fonds Regulierung freigegeben. Konkret werden zusätzliche 1325 Tonnen Butter aus C-Milch exportgestützt – zu den bereits beschlossenen 3530 Tonnen. Damit umfasst die Exportstützung in der laufenden Kampagne insgesamt 2000 Tonnen Rahm und 4855 Tonnen Butter. Die Kosten belaufen sich auf rund 24 Millionen Franken.
Hintergrund ist die anhaltende Überproduktion: Im Dezember 2025 und Januar 2026 lagen die Milcheinlieferungen bis zu zehn Prozent über dem Vorjahr. Zwar geht die Mehrproduktion seit der Marktmassnahme vom 1. Februar leicht zurück und nähert sich einem Plus von rund fünf Prozent, doch das Butterlager liegt weiterhin 2000 bis 3000 Tonnen über dem Normalwert.
Den A-Richtpreis von 78 Rappen pro Kilogramm – beschlossen bereits im Dezember – hat der Vorstand nicht angetastet. Er gilt bis Ende 2026.
Die BO Milch warnt vor übermässigem politischem Aktivismus und betont, der Milchmarkt sei grundsätzlich robust. Für die Aufarbeitung der Krise hat der Vorstand ein neues Gremium eingesetzt und ein zweitägiges Seminar anberaumt.
