«Man arbeitet vom Morgen bis am Abend, trägt Verantwortung und weiss nicht mehr, ob man die Rechnungen bezahlen kann», schildert Niklaus Brönnimann den psychischen Druck, unter dem zahlreiche Milchbauern derzeit stehen. Ihm selbst fehlen jeden Monat 2000 Franken, weil sein Abnehmer Cremo 10 Prozent der gesamten Milchmenge als C-Milch vergütet. Zusätzlich drücken ihn die Kosten für den Bau eines Laufstalls für 60 Kühe vor vier Jahren. Der Landwirt aus Riggisberg BE trifft sich mit Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM), und der BauernZeitung zu einem Gespräch über den Milchmarkt, die Sicht von Produzenten und jene der BOM – und über Lösungen. Brönnimann wird begleitet von Jasmin Aulbach, die die Sicht einer bewussten Konsumentin vertritt.

Herr Kohler, wie bekommen Sie die schwierige Lage auf dem Milchmarkt bei der BOM zu spüren?

Stefan Kohler (SK): Es ist eine extrem intensive Zeit. Schon seit dem Sommer, als die Geschichte mit den amerikanischen Zöllen angefangen hat. Wir haben damals gerechnet, dass sehr viel Milch übrig sein wird, wenn das voll durchschlägt – das kam zum Glück nicht so. Ab dem Herbst waren wir dann mit den Milchmengen, die enorm gestiegen sind, beschäftigt. Bis und mit Januar sind es 10 Prozent mehr Milch im Vergleich zum Vorjahresmonat. Wir haben alle zwei Wochen eine Krisensitzung, in der wir besprechen, wer noch Kapazitäten zur Verarbeitung hat. Damit wollen wir verhindern, dass Milch weggeschüttet werden muss. Seit Februar hat die Mehrmenge gegenüber dem Vorjahresmonat nun etwas abgenommen, wir sind auf etwa 5 Prozent.

Wie nehmen Sie und die Bauern in Ihrem Umfeld die Lage wahr, Herr Brönnimann?

Niklaus Brönnimann (NB): Die Situation ist, dass wir von oben gedrückt werden. Es gibt die Forderung, Kühe zu schlachten und weniger Milch zu liefern. Wenn ich genug Milch bringe, um ausreichend Geld damit zu verdienen, werde ich obendrein bestraft.

Kommen Wut und Unverständnis auch bis zur BOM?

SK: Ich bekomme viele Anrufe von Bäuerinnen und Bauern. Ich stelle mich dem Gespräch und gebe Auskunft, so gut es geht. Das Zuviel an Milch kommt auf alle anderen Themen obendrauf.

NB: Das ist genau der Punkt. Sie sagen immer, es habe zu viel Milch auf dem Markt. Aber es wird weiter importiert. Das hören wir von Chauffeuren, die unsere Milch abholen. Oder von Nicht-Direktlieferanten, die um Mehrmengen sogar angefragt werden. Da fühle ich mich betrogen.

Was ist dran an Milchimporten?

Abo Milchkrise Milchkrise: «Nicht Überproduktion, sondern Importe sind schuld» – Viral-Post findet Zuspruch bei Bauern Tuesday, 3. February 2026 SK: Es gibt viele Importe von Käse, wir haben den Freihandel mit der EU. Butter und Milchpulver werden auch importiert und dann in Form von Nahrungsmitteln wieder exportiert, das ist der Veredelungsverkehr. Das finden wir auch nicht sinnvoll und stützen deshalb aus einem Fonds diejenigen, die Schweizer Rohstoffe für ihre Exportprodukte verwenden. Es sind aber die Konzerne, die über Importe entscheiden. Im gesetzlichen Rahmen ist das eben möglich. Es gibt jetzt viele politische Vorstösse, den Veredelungsverkehr zu erschweren. Aber ich glaube nicht, dass das Problem bereits in wenigen Monaten gelöst werden kann.

NB: Von einem Monat auf den nächsten heisst es einfach, es werde einem Geld genommen. Was SMP und BOM machen, ist nicht die Lösung gegenüber den Bauern.

 Wer sitzt denn in der BOM?

SK: Die Hälfte sind Vertreter der Bauern und die andere Hälfte vertritt die Verarbeiter und Detailhändler. Sie bestimmen gemeinsam die Regeln im Milchmarkt, etwa die Richtpreise oder die Spielregeln der Segmentierung. Keine der beiden Gruppen kann die andere überstimmen. In diesem Sinne ist die BOM neutral.

Was ist Ihre Kritik an diesem System, Herr Brönnimann?

NB: Das Problem wird auf die Bauern abgeschoben. Das finde ich schäbig. Wir leben von der Milch. Ist das bei den Produzenten in der BOM auch der Fall? Eure Aufgabe wäre, zu uns zu schauen. Mit den Bauern kann man verhandeln. Ihr drückt aber nur noch.

Wer sind die Produzenten in der BOM?

SK: Diese Vertreter werden von den bäuerlichen Organisationen demokratisch gewählt. Es hat aktive Landwirt(innen) im Vorstand der BOM und es hat Vertreter von bäuerlichen Organisationen. Diese kämpfen wirklich für die Bauern. Aber es ist am Ende ein Gesamtentscheid. Es ist vielleicht ein schlechter Trost, aber auch die Verarbeiter leiden unter der jetzigen Situation. Viele wissen nicht mehr, wohin mit der Milch. Die Tanks und Lager sind voll. Das bedeutet für sie auch ein unternehmerisches Risiko.

Jasmin Aulbach (JA): Kommen die denn am Ende des Monats auch nicht über die Runden mit dem Geld? Die haben sicher keine Abzüge.

Wie geht es der Abnehmerseite, Herr Kohler?

Abo Muss Milch entsorgt werden? «Wir müssen jetzt, heute, sofort handeln», warnt SMP-Präsident Boris Beuret Saturday, 17. January 2026 SK: Das sind Unternehmen. Man weiss, dass es nicht allen rosig geht. Es gab häufige Wechsel in den Chefetagen von grossen Unternehmen. Diese sind ein Zeichen dafür. Ein Unternehmen, das gute Produkte herstellen kann und damit Geld verdient, ist mir lieber als eines, das auf dem Zahnfleisch läuft. Dasselbe gilt für Käsereien. Das Bild, dass im Moment nur Bauern leiden, das möchte ich gerne ergänzen. Viele Verarbeiter, die ich kenne, hatten die letzten Monate harte Zeiten mit Zusatzschichten, hohen Lagern und Unsicherheiten für ihre Verkäufe.

Sind die Produzentenpreise einfach das Instrument der BOM, um Angebot und Nachfrage wieder ins Lot zu bringen?

SK: Ich mache ein Beispiel, das vielleicht wenig wahrgenommen wird. Damit die Übermenge an Schweizer Milch aktuell zu nicht allzu tiefen Preisen abgesetzt werden kann, braucht es einen Markt dafür. Daher hat die BOM einen dringenden Aufruf an alle Detail- und Grosshändler gemacht, damit sie von Importware auf Schweizer Produkte umstellen. Im Detailhandel gibt es oft Aktionen mit ausländischem Käse – dagegen kämpfen wir. Wir wollen, dass die wertvolle Milch, die Schweizer Landwirt(innen) produzieren, nicht als Butter auf den Weltmarkt muss. Wir können aber keine Ladenpreise oder Handelspreise beeinflussen.

Liegt der grösste Hebel in der Produktion, weil man den Konsumenten nichts vorschreiben kann?

SK: Nein, man kann die Mehrmengen-Situation nicht nur von der Produktionsseite her angehen. Erstens gibt es die gestützten Exporte. Das Zweite ist der Aufbau von Lagern, was für die Unternehmen ein Risiko ist. Sie wissen nicht, ob sie die Lagermengen im Sommer verkaufen können. Drittens gibt es die politische Ebene, z. B. die laufende Diskussion über Massnahmen gegen Importe. Darüber entscheidet die Politik. Diese Regeln hat auch nicht die BOM gemacht, sie wurden vor 20 Jahren eingeführt bei der Liberalisierung des Milchmarkts. Allerdings können höhere Hürden für Importe auch mehr Hindernisse für den Export mit sich bringen.

Es wird mehr Milch produziert, um bei tiefen Produzentenpreisen noch wirtschaftlich zu sein. Müsste der Konsum steigen, um das auszugleichen?

SK: Mehr Konsumation ist wohl eine Illusion. Allenfalls wird von einem Import- auf ein Schweizer Produkt gewechselt. Das ist super, aber es braucht Aufklärung.

JA: Ich bin überzeugt, dass ganz viele Konsumenten nicht über die Lage der Bauern Bescheid wissen. Wenn sie es tun würden, würden sie auch mehr für Schweizer Produkte bezahlen.

SK: Ich bin völlig einverstanden.

Welche Bemühungen laufen, um den Konsum von Schweizer Milch- und Milchprodukten anzukurbeln?

SK: Swissmilk, die Marketingorganisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP), macht einen guten Job. Ich sehe vielerorts die Werbung für die Vorteile einheimischer Milch. Auf Plakaten, im TV oder auch auf Social Media. Das ist nicht mein Ressort, aber ich sehe, dass hier viel gemacht wird.

Was würden Sie von der BOM erwarten, Herr Brönnimann?

NB: Ich bin enttäuscht von dieser Organisation, die eigentlich zu uns Bauern schauen sollte. Es ist ja nicht unser Problem, wenn die Verarbeiter nicht mehr nachkommen. Wir erwarten eine faire Entlöhnung für unsere Arbeit.

Die Frage steht im Raum: Wer muss es ausbaden?

Abo Milchmarkt in Schieflage «Schweizer Milchwirtschaft retten»: SVP fordert sofortigen Stopp von Milchimporten Monday, 19. January 2026 SK: Jetzt sind wir in der wirtschaftlichen Realität. Im Spätsommer 2025, als wir das Zuviel an Milch kommen sahen, wurde die geplante Einführung von C-Milch im Herbst kommuniziert. Gleichzeitig hat die BOM entschieden, die C-Milch mit 18 Rappen zu stützen. Sodass die Betroffenen fast auf den Preis von B-Milch kamen. Im Nachhinein war das ein Fehler. Es hätte schon früher ein klares Preissignal als Anreiz an die Landwirt(innen) gebraucht, weniger Milch zu liefern. So hat die Massnahme nicht gewirkt. Mitte Januar hat die BOM festgelegt, dass das Preissignal klarer sein muss. Man empfiehlt die 105-Prozent-Regel. Was an Milch über dieser Marke, gemessen an der Vorjahresmenge, geliefert wird, erhält einen Preis deutlich unter dem von C-Milch. Es ist ein Marktsignal – niemand muss über 105 Prozent liefern. Diese Massnahme zeigt jetzt Wirkung.

Für Sie kommt es trotzdem einer Strafe gleich, Herr Brönnimann?

NB: Die Bauern haben sich auch weiterentwickelt. Wir haben gebaut und es lohnt sich nicht für uns, Stallplätze freizuhalten. Das kostet nur.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine bessere Lösung gewesen?

NB: Wenn man es über die Preise machen will, hätte man auch sagen können: Bauern, wir geben euch einen anständigen Preis für eure Milch – einen Franken – und alles, was über der Vorjahresmenge ist, nehmen die Verarbeiter gratis. So hätte jeder Bauer selbst entschieden, was er mit seinen Kühen oder mit seiner Milch macht. Statt von den Verbänden zu hören, es seien Kühe zu schlachten.

1 Franken pro Liter – was würde das bedeuten?

NB: Das wäre einmal ein schöner Milchpreis. Mit dem heutigen Niveau hat man wirtschaftlich zu kämpfen. Den Richtpreis erhalten wir sowieso nie.

Fair Swiss zeigt, dass ein Franken pro kg Milch möglich ist.

SK: Es gibt verschiedene Fairmilch-Organisationen mit unterschiedlichen Modellen. Auf dem Produkt steht, ein Franken gehe an den Produzenten. Die Einnahmen gehen in einen Pool. Daraus wird das Geld auf die angeschlossenen Bauern verteilt. Weil der Absatz eben nicht so hoch ist, kommen die Produzenten auch hier nicht auf einen Franken.

Könnte die BOM dazu beitragen, ein solches Fairmilch-Modell in die Breite zu bringen?

SK: Wir haben vorhin darüber gesprochen, dass es bis zur Vorjahresmenge einen Franken geben soll und der Rest würde gratis geliefert. Das würde nur funktionieren, wenn die ganze Milchpolitik geändert würde. Man kann nicht in einem liberalisierten Markt sein und gleichzeitig einen rund 30 Rappen höheren Preis garantieren. Das müsste allenfalls der Staat in die Hände nehmen. Es bräuchte eine klare Mengenführung. Weiter wäre ein starker Grenzschutz nötig. Wahrscheinlich ginge man zurück in das Modell von vor über 25 Jahren, zur Kontingentierung.

Wie wäre es für Sie, mit einem Milchkontingent zu arbeiten, Herr Brönnimann?

NB: Die grosse Frage wäre, wie hoch das Kontingent ist und wie man es bemisst. Aber ich fände das fair: Jeder darf sein Kontingent liefern und entscheidet selbst über den Rest. Ob dann damit z. B. Kälber gemästet werden oder etwas anderes. Dem Bauern die Verantwortung übergeben und ihn bestimmen lassen, statt ihn zu drücken.

Warum kam man damals von der Milchkontingentierung weg?

SK: Anfang 00er-Jahre sprach alles über Liberalisierung. Die ganze Landwirtschaft sollte näher an den EU-Markt gebracht werden, und man wollte dort starten, wo man am konkurrenzfähigsten ist: bei der Milch. Die besten Chancen sah man beim Käse, also startete man damit. Vor 20 Jahren trat das in Kraft. Seither gab es keine weiteren Liberalisierungsschritte.

NB: Als es die Kontingentierung noch gab, ging es den Bauern besser. Sie hatten einen höheren Milchpreis als heute. Bis die Direktzahlungen kamen und es hiess, die Bauern würden damit gestützt. Inzwischen hat sich da auch wieder alles geändert.

Die Verkäsungszulage ist Ihrer Meinung nach keine Stützung?

NB: Es bringt uns einfach nichts. Die Schweizer Qualität ist da, aber die will man von oben nicht unterstützen. Es braucht keine Zuschläge, sondern anständige Preise.

SK: Die Verkäsungszulage ist eine Kompensation für den Freihandel. Die Preise im Laden sind konkurrenzfähig, aber der Produzent erhält 15 Rappen mehr. Das kommt schon bei den Bauern an.

NB: Ja, es kommt an. Aber der Milchpreis ist trotzdem zu tief. Viele müssen auswärts arbeiten gehen, damit das Einkommen reicht. Wir haben die volle Verantwortung zu Hause und werden dafür nicht ordentlich entschädigt.

Den Bauern ist die Freiheit aber auch wichtig; sie ist Teil ihres Berufs als Unternehmer.

Abo Milchmarkt «Da stimmt also irgendetwas nicht»: Das Rätsel um importiertes Milchpulver Tuesday, 10. February 2026 NB: Das ist richtig, wir sind aber auch stark eingeschränkt. Wir können nicht mehr viel selbst entscheiden. Nur noch über das Vieh und auch das wird uns nun genommen. Allein von der Milch zu leben, geht nicht. Es braucht die Direktzahlungen. Wir sind leider auf sie angewiesen, solange uns kein fairer Milchpreis bezahlt wird.

Sie haben ein zwiespältiges Verhältnis zu Direktzahlungen.

NB: Wir wollen weg von diesen blöden Direktzahlungen. Wir wollen die Verantwortung, eigene Unternehmer sein – aber dafür brauchen wir anständige Preise.

Ist es ein Gegensatz, Unternehmer sein zu wollen und sich gleichzeitig mit einem Kontingent die Liefermenge vorschreiben zu lassen?

NB: Nein. Ich habe einen Stall, der für mich passt, und weiss, wie viel meine Herde liefert. So kann ich aufs Jahr ausrechnen, wie hoch das Kontingent sein sollte.

Wer würde die Kontingente festlegen?

SK: Die Regelung mit den 105 Prozent ist eigentlich eine Art kurzfristige Kontingentierung, oder eine Mengensteuerung. Halt ohne 1-Franken-Milchpreis. BOM-intern wird jetzt stark diskutiert, ob man dieses Modell als Basis für eine neue Regelung einführen möchte. Dass in Krisenzeiten ab einer bestimmten Menge gegenüber einer Referenz ein massiv tieferer Preis bezahlt wird. Das führt allerdings zu wahnsinnig komplizierten Diskussionen. Was wäre z. B. eine faire Referenzmenge? Viele haben Angst, dass jene, die jetzt wenig produziert haben, eine zu tiefe Referenzmenge bekommen. Das war bei der Einführung der Kontingentierung damals auch so und es gab sehr viele Ungerechtigkeiten. Bei der Abschaffung war dasselbe der Fall.

NB: Das lief damals nicht fair. Schon damals wurde einfach über die Bauern bestimmt, statt mit ihnen über die Kontingentsfestlegung zu reden. Das geht nicht. Wir melken im Moment genau gleich viel, weil wir unsere Kosten decken müssen. Kleinere Betriebe haben vielleicht Kühe verkauft und ihre Produktion gedrosselt. Wenn jetzt eine Kontingentierung käme, wären das die Verlierer. Der Bauer fühlt sich nicht mehr sicher, sondern betrogen und im Stich gelassen.

Sie sagen, man spricht nicht mit den Landwirt(innen). Wie müsste man das machen?

NB: Es gibt die kantonalen Bauernverbände. Aber meiner sagte mir, mein Anliegen sei ausserhalb seines Ressorts. Aber wir zahlen jedes Jahr Beiträge, das ist unsere Anlaufstelle. Da sollte man wenigstens an jemand anderen weitergeleitet werden. Ich frage mich auch, wie die Stellen weiter oben besser mit den Landwirt(innen) ins Gespräch kommen könnten. Es ist für mich fraglich, ob man diese Verbände überhaupt noch unterstützen soll.

In der BOM sollte ein solcher Austausch eigentlich stattfinden.

SK: Die Produzentenorganisationen sind in der BOM vertreten, ja.

Würden Sie sich als Nächstes an Ihren Vertreter in der BOM wenden?

NB: Ja, irgendwie muss es weitergehen. Wir können mit diesem Milchpreis nicht weitermachen.

Die BOM scheint aktiv zu sein. Aber das kommt nicht an der Basis an?

NB: Bis Mai wird weiterhin C-Milch vergütet. Aber bis dahin müssen wir schauen, wie wir über die Runden kommen.   

SK: Ich verstehe das so, dass das Problem nicht erst die letzten Monate besteht, sondern generell. Dass Sie lieber Perspektiven hätten wie etwa einen Franken pro kg Milch.

Wäre das eine realistische Perspektive?

SK: Das werden auch die Produzentenvertreter nicht durchbringen. Einen Franken Milchpreis generell, das kann die BOM nicht lösen.

NB: Warum denn nicht?

SK: Dann müsste man die Milchmenge im liberalisierten Markt massiv einschränken. Sonst lassen sich die Produkte nicht mehr verkaufen.

NB: Das sehe ich nicht so. Ich habe das Gefühl, als wollte man es einfach nicht. Man diskutiert es nicht einmal.

Wäre eine bessere Marktbeobachtung mit Margentransparenz eine Lösung?

SK: Dass nur mit mehr Transparenz die Marge kleiner wird, das glaube ich nicht.

Könnte die BOM da genauer hinschauen, wenn Laden- und Produzentenpreise weit auseinanderklaffen?

SK: Vor drei Jahren haben wir das intensiv diskutiert, ob wir die Margentransparenz von Seiten BOM pushen wollen. Ich frage mich aber ehrlich – das ist keine Ausrede aus Arbeitsscheu – ob das etwas bringt. Ich denke, bei Butter, Rahm und Trinkmilch sind die Margen nicht so gross. Moderne Milchmischgetränke wie Proteindrinks usw. kosten 5 Franken pro 500 ml. Da spricht niemand von hohen Margen, sondern von erfolgreichen Produkten. Die Leute sind bereit, dafür viel zu zahlen. Lieber solche Produkte als 0815-Milchpulver zu Weltmarktpreisen abgeben. Hier sind die Grenzen der Margendiskussion.

Die Vision von einem Franken Milchpreis – wie kämen wir dahin?

NB: Ich weiss, dass jeder im Büro, die Verarbeiter und Leute wie Sie ihre Löhne haben müssen. Aber man könnte beim Personal und den Lohnkosten schon sparen. Dann hätte man die benötigte Geldmenge.

Die BOM sollte, wenn es dem Milchmarkt schlecht geht, Löhne kürzen?

NB: Mit uns macht man es genauso. Wir sollen unsere Kühe schlachten.

SK: Wobei das eine Empfehlung ist an Sie als Unternehmer. Es ist keine Pflicht.

NB: Richtig, es ist keine Pflicht – weil Sie keine Verantwortung übernehmen wollen. Aber wir haben keine andere Wahl. Sie bringen uns keine andere Lösung. Das stört uns. Es sind nicht alle eingerichtet, um Kälber zu tränken. Am Ende gibt es noch Sanktionen wegen tierschutzrechtlich falscher Einrichtung. Sie sehen ja auch nicht die Verhältnisse auf unseren Betrieben.

SK: Nein, ich sehe die 10 Prozent Übermenge.

Sie sind ein Unternehmer, der gezielt investiert. Sie sind aber auch gesteuert von den Direktzahlungen, die in Ihrem Fall den Stallbau nötig gemacht haben wegen Tierschutzvorschriften. Und jetzt stecken Sie in einer Sackgasse, weil der Markt nicht mehr mitspielt. Ist es dieses Gesamtbild, das sie in Gremien wie der BOM vermissen?

NB: Richtig.

Könnte die BOM besser darauf eingehen, die Einzelfälle und betriebsspezifischen Ansprüche?

SK: Wir sind drei Leute in der Geschäftsführung der BOM. Im Moment sind wir auch am Anschlag. Sie sind eher ein Talbauer. Dann gibt es die Bergbetriebe, Betriebe in verschiedenen Grössen – da eine gute Lösung inklusive bei den Direktzahlungen für alle zu finden, ist schwierig. Gerade auch, wenn es um eine gerechte Mengensteuerung ginge.

Könnte die BOM – ähnlich wie für die Exportstützung – einen Fonds für die Produzenten einrichten?

SK: Die Exportstützung ist für die Produzenten. Sie stützt den Milchpreis und den Absatz.

Ich meine zur finanziellen Unterstützung direkt an die Betriebe.

SK: Man würde damit also den Milchpreis konkret stützen – Fair Swiss für die ganze Schweiz?

Das wäre ein Gedanke.

SK: Woher nähme man das Geld dafür?

NB: Die Löhne kürzen. So wurde das bei den Bauern auch gemacht.

SK: Pro Rappen höherem Milchpreis braucht es 20 Millionen Franken. Das bedeutet, für 30 Rappen mehr – um auf einen Franken pro kg zu kommen – wären das 600 Millionen Franken pro Jahr. Da sind gar nicht genug Leute angestellt, um durch Lohnkürzungen auf diesen Betrag zu kommen.

NB: Aber der Milchpreis liesse sich immerhin etwas steigern.

SK: Es führt kein Weg daran vorbei, das Geld am Markt zu holen.

Wer vertritt die Schweizer Milchwirtschaft im Markt?

SK: Wir tun unser Bestes. Mit der Einführung des Branchenstandards Swissmilk Green konnten wir drei Rappen für die A-Milch herausholen für die Bauern. Das war eine grosse Arbeit. Aber 30 Rappen…

NB: Das ist machbar. Wir brauchen das, denn wir können nicht noch mehr arbeiten.

Muss man sagen, der Schweizer Milchmarkt funktioniert nicht?

SK: Ich bin davon ausgegangen, dass er funktioniert. Jetzt haben wir während eines halben Jahres wahnsinnig zu viel Milch. Ich erwarte jedoch, dass es sich um ein temporäres Problem handelt.

NB: Werden wir denn gerecht entlöhnt, wenn es vorbei ist? Wir haben keine Sicherheit, dass es ab Mai mehr für die Milch gibt.

SK: Ich würde Ihnen raten, nicht davon auszugehen, dass der Preis besser sein wird als 2024. Aber die C-Milch wird vorbeigehen.

JA: Der Verlust in einem halben Jahr bleibt und beläuft sich bei Niklaus auf 12 000 Franken. Das ist wahnsinnig viel Geld.

Ist BOM die richtige Adressatin für dieses Problem, oder muss es die Politik lösen?

SK: Diese Frage macht mich verlegen. Denn ich kann wirklich nicht helfen.

NB: Das hören wir eben von allen Seiten. Aber Sie wären dafür zuständig.

SK: Sie sind selbstständig, Sie erleben normale und schlechte Zeiten mit Ihrem Unternehmen. Das geht anderen Selbstständigen wie Coiffeuren, Konditoren und Schuhmachern auch so.

NB: Ist man wirklich selbstständig, wenn es heisst, man solle Kühe schlachten und der Milchpreis so gedrückt wird?

SK: Grundsätzlich hat Ihre Familie vor ein paar Jahren über die Investition in die Milchproduktion selbstständig entschieden.

NB: Unser alter Stall war funktionell. Wir waren wegen zwei Zentimetern aus Tierschutzgründen zum Bauen gezwungen. Oder der Betrieb hätte mit der Generation meiner Eltern geendet.

Kommt unser Milchmarktsystem einfach nicht mit sehr guten Futterbaujahren zurecht?

SK: Wir haben eigentlich eine gute Marktsituation. Es stellt Sie nicht zufrieden, weil der Milchpreis für Sie zu tief ist. Wir waren in einem stabilen Markt, aber das System kam wegen der von Monat zu Monat zunehmenden Milchmengen an seine Grenzen. Nochmal geht das nicht.

Sind wir bereit für ein weiteres gutes Jahr? Könnte es nochmal so weit kommen?

SK: Wir werden das ernsthaft analysieren. Es ist auch eine Frage der Kapazitäten und des Käsemarktes. Es sind viele Dinge zusammengekommen. Angefangen bei den US-Zöllen, dem hohen Wert des Schweizer Frankens, es kommt ausländische Billigware ins Land und es gab Pannen bei den Verarbeitern.

NB: Und wenn sich früher eine Lösung abzeichnet, gehen die Preise dann vor Mai wieder hoch?

SK: Nein. Erste Priorität hat, die C-Milchmengen zu eliminieren. Das wird auch Ihnen helfen.

Was ist Ihr Fazit aus diesem Gespräch, Herr Brönnimann?

NB: Ich sehe die Seite der BOM, aber es ist nach wie vor nicht befriedigend. Ich glaube Stefan Kohler, dass man sich bemüht. Aber es gibt kein Entgegenkommen. Für mich fühlt es sich schon fast an wie eine Kriegserklärung gegenüber uns Landwirten. Es muss weitergehen, Richtung Politik z. B. und die Produzentenvertreter. Die eigentliche Lösung habe ich noch nicht, aber ich sehe etwas weiter. Das ist gut.

Was nehmen Sie mit in die BOM, Herr Kohler?

SK: Niklaus Brönnimann ist ein junger Milchbauer, der melken möchte. Seine Vorstellung vom Markt, in dem wir sind, ist eine andere, als die heutige Realität. Ich meine das mit Respekt. Dass Sie sich starke Eingriffe wie eine Kontingentierung wünschen, ist für mich neu. Das nehme ich gerne auf, bisher hatte ich es nur von älteren Personen gehört. Ich bin mir nicht sicher, ob viele so denken wie Sie. Aber vielleicht täusche ich mich.

NB: Unseren Grosseltern ist es noch gut gegangen. Sie konnten sich Knechte leisten. Sie hatten einen Franken, sogar mehr. Weg von den Direktzahlungen und hin zu anständigen Preisen für unsere Arbeit. Das ist mein Ziel – und es war schon mal so. Daher halte ich es nicht für derart abwegig, dass es wieder möglich ist. Ein Franken würde uns zustehen.

SK: Dafür müsste sich viel ändern.

JA: Dann muss endlich der Anfang gemacht werden.