Auf Facebook und WhatsApp kursiert seit Tagen ein Text, der die Gemüter erhitzt. Bauern teilen, liken und kopieren ihn fleissig. Die Botschaft: Die Medien lügen. Das Problem sei nicht zu viel Milch, sondern zu viel Import. Woher der Post ursprünglich stammt, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Eine Quellenangabe fehlt. Die Diskussionen unter den geteilten Versionen zeigen: Viele Landwirte fühlen sich nicht verstanden, die Kritik an der Medienarbeit ist deutlich.
Der virale Post im Wortlaut
Die BauernZeitung hat den Text rechtschreibkorrigiert übernommen:
«Die Schweizer Milchbauern haben grad ein spezielles Problem: Ihre Kühe geben zu viel Milch. So viel, dass Molkereien sie kaum mehr verarbeiten können. Tanklastwagen stehen Schlange vor den Fabriken, einzelne Betriebe nehmen vorübergehend keine zusätzliche Milch mehr an. Laut Branchenorganisation Milch wurden zuletzt rund 10 Prozent mehr Milch geliefert als im Vorjahr.
Das wird als Ausrede veröffentlicht.
Die Wahrheit ist aber anders!
Es gibt mehr Einwohner als vor 10 Jahren in der Schweiz. 2015: 8,3 Millionen, 2025: 9,1 Millionen.
Es gibt massiv weniger Milchkühe. 2015: 560 000, 2025: 521 000.
Milchproduktion 2015: 4 Milliarden Kilogramm, 2025: 3,5 Milliarden Kilogramm.
Da von einer Milchschwemme zu reden, obschon die Milchproduktion um eine halbe Milliarde zurückgegangen ist. Das Problem sind die Importe, welche sich innert 10 Jahren von rund 91 000 Tonnen 2015 auf 150 000 Tonnen im 2025 erhöht haben.
Beim Käse dasselbe. Import 2015: 55 500 Tonnen, Import 2025: 81 000 Tonnen. Nicht die Milchproduktion ist das Problem, sondern der Import von ausländischen Milchprodukten und Käse. Die Schweizer Milchproduktion sank in den letzten 10 Jahren sogar um über 12 Prozent. Also bitte keine Lügen, liebe Journalisten, die Fakten zeigen eine andere Wahrheit auf!»
Hagenbuch: «Zahlen halten genauerer Beurteilung nicht stand»
Stephan Hagenbuch, Direktor der Schweizer Milchproduzenten SMP, nimmt zu den Vorwürfen auf Anfrage der BauernZeitung Stellung. «Aktuell kursieren in den sozialen Medien verschiedene Zahlen, die einer genaueren Beurteilung nicht Stand halten», sagt er. Wer sich die Mühe mache, könne die relevanten Daten auf www.tsmservices.ch einsehen.
Hagenbuch präzisiert: Die für die Schweizer Milchverarbeitung relevanten Milcheinlieferungen im Jahr 2015 hätten 3,486 Millionen Tonnen betragen. «2025 dürften wir ungefähr auf demselben Niveau von rund 3,5 Millionen Tonnen landen», erklärt der SMP-Direktor. Die Milchproduktion sei also nicht stark zurückgegangen, wie im viralen Post behauptet.
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Käseimporte wachsen schneller als Exporte
«Fakt ist, dass der Käseimport im gleichen Zeitraum schneller gewachsen ist als der Käseexport», räumt Hagenbuch ein. Die Zahlen: 2015 wurden 55'255 Tonnen Käse importiert, 2025 waren es 80'368 Tonnen – ein Plus von 25'113 Tonnen. Der Käseexport stieg im selben Zeitraum von 68'349 Tonnen auf 81'083 Tonnen, also um 12'734 Tonnen.
Beim aktiven Veredelungsverkehr in der Nahrungsmittelindustrie gingen der Schweiz ebenfalls Marktanteile verloren, betont Hagenbuch. «Die Sicherung und Rückgewinnung von Swissness im Ladenregal und in der Schweizer Lebensmittelindustrie hat damit einen zentralen Stellenwert für die Schweizer Milch», sagt er.
Die Bevölkerung sei in den letzten zehn Jahren gewachsen, der Selbstversorgungsgrad bei der Milch aber von rund 110 Prozent im Jahr 2015 auf rund 105 Prozent im Jahr 2024 gefallen. 2024 habe der Exportüberschuss 162 Millionen Kilogramm betragen, 2015 seien es noch 330 Millionen Kilogramm gewesen.
Covid-Effekt bei Importen
Ein interessantes Detail nennt Hagenbuch zur Rolle der Importe: Während der Covid-Zeit – bei geschlossenen Grenzen und ohne Grenztourismus – seien die registrierten Importe angestiegen. «Nach Covid sind die Importe bei der Milch insgesamt hoch geblieben, aber auch der Grenztourismus ist wiedergekehrt», erklärt er.
Das Kernproblem: Ausserordentliches Milchaufkommen
Doch warum die aktuellen Massnahmen? Hagenbuch wird deutlich: «Das kurzfristige Milchaufkommen in der zweiten Jahreshälfte 2025, insbesondere ab August, ist ausserordentlich.» Selbst beim Ausstieg aus der Milchkontingentierung habe es in so kurzer Zeit kaum eine vergleichbare Entwicklung gegeben. Im Dezember 2025 hätten die Milcheinlieferungen rund zehn Prozent über dem Vorjahr gelegen, bei Bio deutlich höher als bei ÖLN-Milch.
«Der Bremseffekt bei den Einlieferungen hat auch im Januar 2026 erst zaghaft eingesetzt», sagt Hagenbuch. Die Erstmilchkäufer im Schweizer Milchmarkt hätten bis zum 20. Januar 2026 Zeit gehabt, die Eckwerte und Konditionen für die Einlieferungen ab dem 1. Februar 2026 zu kommunizieren. Gleichzeitig sei dies mehrheitlich zum Anlass genommen worden, klare Signale gegen die sehr hohen Einlieferungen der letzten Monate auszusenden und die Beschlüsse der BO Milch umzusetzen.
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Keine Überkapazitäten mehr
«Was aktuell auf die Milchproduzenten zurückfällt, sind die beschränkten – kurzfristig verfügbaren – Regulierkapazitäten in der Milchverarbeitung», erklärt Hagenbuch. Man müsse sich bewusst sein, dass in den letzten Jahren bedeutende industrielle Verarbeitungskapazitäten stillgelegt worden seien, unter anderem in Steffisburg, Lucens und Hochdorf. «Überkapazitäten gibt es keine mehr», stellt er klar.
Die Übernahme von Hochdorf Swiss Nutrition mit Verarbeitungskapazitäten in Sulgen durch einen Finanzinvestor habe das Überleben dieses Unternehmens zweifellos gesichert. «Doch steht nicht die Verarbeitung einer maximalen Regulier-Milchmenge im Fokus, sondern Renditeüberlegungen», sagt Hagenbuch. Dieses Faktum dürfte sich für die Milchproduzenten in den nächsten Monaten und Jahren weiter verschärfen.
Drosselung unvermeidbar
Hagenbuchs Schlussfolgerung ist eindeutig: «Deshalb gibt es zur kurzfristigen Drosselung der Milchproduktion aktuell leider keine Alternative.» Die Reaktionen der Bauern auf die Massnahmen seien nachvollziehbar. «Denn nun wird es konkret; allerdings gibt es einfach harte Fakten im Milchmarkt, die nicht ignoriert werden können.»
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