In der Schweiz werden auf 1350 Alpen während des Sommers mit viel Herzblut rund 5500 Tonnen Alpkäse hergestellt. Es sind Sorten mit klingenden Namen wie Berner Alpkäse AOP, l’Etivaz AOP, Le Gruyère d’alpage AOP, Bündner Alpkäse, St. Galler Alpkäse oder Raclette du Valais AOP aus dem Wallis usw. Im Kanton Bern wird auf rund 500 Alpen die Milch noch verkäst – schweizweit am meisten. Doch der Absatzmarkt wird zunehmend zur Herausforderung, denn der Alpkäse ist an der Ladentheke einem grossen Konkurrenzkampf ausgesetzt. Deswegen wird auf den Alpen immer weniger gekäst. Die BauernZeitung sprach mit Marcel Rubin, dem Präsidenten der Sortenorganisation der Berner Alp- und Hobelkäse AOP (Casalp). Rubin geht im Sommer mit seiner Familie und seinen Kühen selbst auf die Alp und hat grosse Erfahrung beim Vermarkten von Alpkäse.
Obwohl der Berner Alpkäse AOP ein hervorragendes Produkt ist, gerät der Absatzmarkt ins Stocken. Wo sehen Sie die Hauptgründe dafür?
Marcel Rubin: Wir müssen vielleicht etwas differenzieren. Glücklicherweise haben wir zahlreiche bewusste Konsumentinnen und Konsumenten, welche direkt in Hofläden oder bei Produzenten unseren Alpkäse einkaufen. Rund zwei Drittel unserer gesamten Produktion werden so an den Endverbraucher abgesetzt. Die Herausforderungen im Gross- und Detailhandel sind national jedoch spürbar. Hier sind wir mit unserem Käse berechtigterweise im Hochpreissegment. Das bedeutet, Herr und Frau Schweizer entscheiden, welchen Griff im Regal oder an der Käsetheke sie tätigen. Mit dabei sind hier alle Schichten der Gesellschaft: Menschen, die sich für die Ernährung weniger leisten wollen, aber auch solche, die es vielleicht nicht können. Das Angebot an qualitativ hochstehenden Käsesorten ist breit, die meisten kommen aus industriellen Grossbetrieben und sind preislich oftmals im Vorteil zu unserem Alpkäse AOP.
Es wird behauptet, dass der Bergkäse ein grosser Konkurrent von Alpkäse AOP sei. Was ist Ihre Meinung dazu?
Für unsere bewussten Konsumenten ist der Bergkäse kein Konkurrent. Hingegen gibt es leider Verwechslungen bei der Benennung, weil Berg und Alp sich nahestehen. Die Produktion von Alpkäse jedoch hebt sich um Welten ab bezüglich Saisonalität, Rohstoff, Tradition und Gesundheit. Zum anderen ja, die Konkurrenz im Grosshandel ist da. Da spielt wieder der tiefere Preis eine Rolle und zudem werben unsere Mitbewerber in der Bergmilchverarbeitung mit ziemlich Alpähnlichen Marketingkonzepten.
Warum produziert man nicht mehr Mutschli oder Weichkäse auf den Alpen?
Es werden viele Mutschli und viel Weichkäse produziert! Wir haben Alpkäsereien, die sich spezialisiert haben und mehr solche Produkte herstellen als Hartkäse. Realität ist jedoch, dass der Markt dazu erschlossen sein muss. Dies ist auch abhängig von der Lage der Alp, denn diese Sorten müssen in einer gewissen Zeit verkauft und konsumiert werden, weil sie nicht lange lagerfähig sind.
Letztes Jahr wurden auf den Berner Alpen 5 %, das sind rund 600 000 kg Milch, weniger verkäst als die Jahre zuvor. Was bedeutet dieser Rückgang für die Alpwirtschaft?
Unsere Kulturlandschaft in den Alpen wurde über die letzten Jahrhunderte durch die Alpwirtschaft geprägt. Die traditionelle Bewirtschaftungsweise, wie sie auf den Käsealpen gemacht wurde, sicherte die Offenhaltung der Weiden, die Pflanzenarten und somit das gepflegte Landschaftsbild. Wenn die Käsealpen aufgrund der vorgängig erwähnten Herausforderungen vermehrt aufgegeben werden, verändert sich das Bild auf unseren Alpen, weil die Leute nicht mehr vor Ort sind. Dies hat oftmals zur Folge, dass Pflegearbeiten nicht mehr im selben Umfang ausgeführt werden, die Tiere selten eingestallt und die Infrastrukturen noch sekundär unterhalten werden. Das wird sich auswirken, auch für den Tourismus und die Gesellschaft im Alpenraum.[IMG 2]
Sie sind Präsident der Casalp. Können Sie die Organisation kurz vorstellen und sagen, wofür sie zuständig ist?
Unsere Organisation ist der Ansprechpartner im Kanton Bern für alle Themen rund um den Berner Alp- und Hobelkäse AOP. Wir betreiben Basismarketing, setzen uns für den Ursprungsschutz ein und wollen mit einem einheitlichen Marktauftritt die Vermarktung fördern. Bei zahlreichen Messen und Anlässen sind wir im Austausch mit Konsumentinnen und Konsumenten und machen nebst der Kommunikation für unsere beiden Produkte auch auf die Wichtigkeit der Alpwirtschaft an sich aufmerksam.
Für die Produzenten organisieren wir Material für die Direktvermarktung, stellen Konzepte für die Lebensmittelsicherheit zur Verfügung, oder decken in Zusammenarbeit mit dem Inforama die Beratung für Alpkäsereien und die Taxation ab. Mit unseren Käsehändlern sind wir im gegenseitigen Austausch und unterstützen sie im Absatz.
Mit welchen grössten Herausforderungen beschäftigt sich die Casalp zurzeit?
Unsere Herausforderungen sind divers; auf den Alpen herrscht Fachkräftemangel, Personen, die Verantwortung übernehmen wollen und können, sind rar. Diese Personen müssen im Winter einen geeigneten Arbeitgeber haben, damit eine Stelle auf einer Alp angenommen werden kann. Im selben Kontext steht die ökonomische Situation in der Alpwirtschaft. Meiner Meinung nach können je nach Struktur der Alp keine angemessenen Löhne bezahlt werden, was die Stellenbesetzung erschwert. Das sind Schwierigkeiten auf grösseren Alpen, welche sich auf die Arbeit unserer Beraterpersonen auswirken.
Spüren Sie auch einen Strukturwandel?
Bei Alpbetrieben, die als Familienbetrieb zusammen mit dem Talbetrieb geführt werden, ist der Strukturwandel spürbar. Die Arbeitsbelastung nimmt je Familienmitglied zu. Die Auswirkung ist bei einigen Betrieben, dass weniger Milch verarbeitet wird. Für unsere Organisation heisst das nicht weniger Aufwand, aber weniger Ertrag, da wir Mitgliederbeiträge für die verkäste Milchmenge erheben. Eine andere Herausforderung ist das veränderte Konsumverhalten und/oder die Kaufkraft unserer Gesellschaft.
Was unternimmt CasAlp, um den Alpkäsemarkt weiter anzukurbeln?
Wir versuchen, neue Wege zu gehen, beispielsweise mit unserem eigenen Anlass, der Berner Alpkäsemeisterschaft. Diese werden wir in die Stadt Thun BE verlegen, um näher bei den Konsumenten zu sein. Im Marketing verfolgen wir das Ziel, unsere Zielgruppe zu erweitern, auch auf junge Menschen. Wir sensibilisieren in der Kommunikation, indem wir den Leuten bewusstmachen, dass sie durch den Konsum unseres laktosefreien Käses sehr gesund leben und damit einen wichtigen Beitrag leisten zur Sicherung der Kulturlandschaft Schweiz. Im Weiteren machen wir uns Gedanken zu neuen Markterschliessungen und führen entsprechende Gespräche.
Sie gehen mit Ihrer Familie auch z Bärg. Wie und wo verkaufen Sie Ihren Käse?
Wir konnten von meinen Eltern ein fundiertes Direktvermarktungsnetzwerk übernehmen. Das ist ein jahrelanger Aufbauprozess. Mit der Idee, einen kleinen Hofladen zu eröffnen, konnten wir unsere Kundschaft erweitern. Ebenfalls dürfen wir ein paar kleinere Detailhändler sowie zwei Hofläden beliefern. Wir verkaufen praktisch nur portioniert und ladenfertig – was bedeutet, dass meine Frau Christine viel Zeit damit aufwendet und diese Arbeit im Verkaufspreis auch berücksichtigt werden muss.
Haben Sie in den vergangenen Jahren in ihrem Hofladen oder allgemein ein verändertes Konsumverhalten beobachten können?
Durchaus, wir haben etwa durch Preisanpassungen nach oben Leute verloren aus unserem erwähnten Netzwerk. Oder es werden kleinere Portionen nachgefragt, was heisst mehr Kosten und Zeit, bis das ganze Alpmulchen verkauft ist. Aber auch viel Erfreuliches, nämlich dass es durchaus Leute und Familien gibt, die sich bewusst ernähren wollen und auch bereit sind, dafür etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Oder die vielen positiven Rückmeldungen über unsere Qualität und Arbeit.
