Im Moment stehen beim Käseexport vor allem die USA im Fokus. Der Bundesrat hat eine Absichtserklärung erreicht, dank der die Zusatzzölle von 39 Prozent auf 15 Prozent sinken sollen. Nun steht fest, dass dies rückwirkend per 15. November 2025 in Kraft tritt.
Käseimporte aus der EU haben stark zugenommen, sagt Binswanger
Gegenüber der EU ist die Zollschranke für Käse hingegen schon lange aufgehoben. Seit 2007 herrscht Käsefreihandel, den insbesondere der Dachverband der Schweizer Käsespezialisten (Fromarte) stets als förderlich für die Branche bezeichnet. Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger sieht das ganz anders: Wenn man den Käsefreihandel mit der EU als Testlauf bezeichne, sei die Schlussfolgerung, «keine weiteren Liberalisierungsexperimente mehr durchzuführen.»
Binswanger hat die Auswirkungen des Käsefreihandels im Auftrag der Basisorganisation für einen fairen Milchpreis (Big-M) untersucht. Die Ergebnisse seiner Studie wurden im Rahmen der Jahresversammlung von Big-M vorgestellt, die Anfang Dezember in Mettmenstetten ZH stattfand. Der Wirtschaftswissenschaftler zitiert Statistiken, wonach die Käseimporte aus der EU in die Schweiz seit 2007 stark zugenommen haben. Vor der Liberalisierung habe es hohe Zölle für den Import von EU-Käse gegeben, umgekehrt aber bereits tiefe Zölle für die Ausfuhr von Schweizer Käse in die EU. Daher schlussfolgert Binswanger, dass die EU mehr vom Freihandel profitiert habe. «Die Schweiz hat sich ab 2012 im Verhältnis zur EU von einem Nettoexporteur zu einem Nettoimporteur entwickelt», sagte er an der Jahresversammlung. Das liege an gesenkten Zöllen, dem Trend zu Frisch- und Weichkäse sowie einem Exportrückgang beim Emmentaler, ist in der Studie zu lesen.
Hartkäseexporte im Sinkflug
Der Fall Emmentaler zeigt, es muss zwischen Käsesorten unterschieden werden. So habe der Freihandel beim Halbhartkäse den erhofften Effekt gehabt. Die Schweiz sei nach wie vor netto ein Halbhartkäse-Exporteur. Dasselbe gilt für den Hartkäse. In jüngster Zeit hat der Halbhartkäse den Hartkäse unter den Exportschlagern überholt. «Insgesamt zeigt sich ein deutlicher Rückgang der Hartkäseexporte, der bereits vor Beginn des Käsefreihandels einsetzte und seither kontinuierlich weiterging», schreibt Mathias Binswanger. Das stärkste Wachstum bei den Käseexporten stellt er umgekehrt fast ausschliesslich ausserhalb der EU fest. V.a. die Exporte in die USA – hauptsächlich von Gruyère – hätten stark zulegen können. Obwohl diese Käsesorte bis vor Ausbruch des Zollstreits bereits mit 12 Prozent des Exportwertes verzollt wurde.
«Erfreuliche Zahlen aus den USA verschleiern das Desaster mit der EU»
Wenn verschiedene Organisationen den Käsefreihandel als Erfolg sehen, würden die Exportzahlen in die EU und jene in nicht-EU-Länder wie die USA vermischt, sagt Big-M. «Ist das Absicht oder ein Versehen?», stellte Big-M-Sekretär Werner Locher seine Frage in den Raum. «Mit den erfreulichen Zahlen aus den USA und Kanada wird das Desaster mit der EU verschleiert», ist er überzeugt. Man habe die Studie in Auftrag gegeben, um Klarheit zu schaffen, wer vom Käsefreihandel profitiert habe und wie die Kehrseite der Medaille aussieht.
Starker Franken und kein Markenschutz für Emmentaler
Fromarte-Direktor Paul Meier kann nicht alle Schlussfolgerungen Binswangers nachvollziehen, wie er auf Anfrage sagt. «Meiner Meinung nach muss man etwas weiter gehen, als nur über den Freihandel zu sprechen», meint Meier. Er gibt zu bedenken, dass auch Mathias Binswanger die Problematik des starken Frankens anspricht, der Exporte erschwert. Dass der Emmentaler auf europäischer Ebene keinen Markenschutz geniesst, habe nicht geholfen. «Ausserdem ändern sich auch die Konsumgewohnheiten, das muss berücksichtigt werden.» Die Menschen wollten Vielfalt im Geschmack und der Preis werde immer wichtiger, beobachtet der Fromarte-Direktor. Die Öffnung der Grenze für EU-Käse hat es seiner Meinung nach ermöglicht, wettbewerbsfähige Käsereien in Marktnähe zu haben, «die noch lange überleben können.» Sie seien effizienter und in vielen Bereichen besser geworden.
«Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben»
Dass die Argumentationen von Fromarte einerseits und Big-M und Mathias Binswanger andererseits auseinanderklafften, begründet Paul Meier damit, dass sein Verband nicht nur Zahlen berücksichtige. Man betrachte den gesamten Kontext. «Wie würden die Konsument(innen) reagieren, wenn sie die gleiche Auswahl wie 1990 hätten? Wären die Sichtweisen noch dieselben?», so seine Frage. Es sei wichtig, nahe am Markt zu bleiben. «Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben und sehen, dass wir erfolgreich sind. Dann schaffen wir es auch, andere Käsesorten nach Europa zu exportieren.»
Von 400 Millionen auf noch 100 Millionen Franken geschrumpft
Für die Produzent(innen) entscheidend ist letztlich der Preis. Beim Emmentaler führten die sinkenden Exporte laut der Analyse von Mathias Binswanger zu einer «drastischen Senkung» der totalen Wertschöpfung. Der resultierende Preis pro kg Milch, die zu Emmentaler verkäst wird, sei zwar hoch, die exportierte Menge aber eben klein. Von 1990 bis heute verzeichnet der Wissenschaftler einen Wertschöpfungsrückgang von 400 Millionen auf noch 100 Millionen Franken. Mozzarella erziele zwar weniger Franken pro kg Milch, werde heute aber in grösserer Menge auch in der Schweiz produziert. Damit sei die Wertschöpfung von 60 Millionen Franken 1990 auf mittlerweile 160 Millionen gestiegen (Stand 2023). Am besten schneidet Gruyère ab mit einer Gesamtwertschöpfung von über 300 Millionen Franken. Zumal wie erwähnt die Exportmengen in die USA zugenommen haben.
Wem nützt denn nun der Käsefreihandel mit der EU? «Primär dem Handel», sagt Werner Locher. Der Freihandel verunmögliche den Schweizer Milchbäuer(innen) eine kostendeckende Produktion. Auch werden durch den Freihandel seiner Meinung nach «Wünsche nach mehr Nachhaltigkeit in der Milchwirtschaft zur Illusion degradiert.» Locher weist darauf hin, dass der «grüne Teppich» bisher nicht zu höheren Auszahlungspreisen geführt habe.
Es brauche neue Märkte, die es aber sorgfältig zu prüfen gelte
«Wir haben in der Schweiz den höchsten Milchpreis in Europa. Und das sieht man an den Exporten», hält Paul Meier dagegen. Es gelinge, den Schweizer Käse zu exportieren und den hohen Milchpreis zu garantieren. «Die Liberalisierung hat es uns ermöglicht, unsere Strukturen wettbewerbsfähiger zu gestalten und weiterhin attraktiv für die Konsument(innen) zu bleiben», so sein Fazit. Der Käsefreihandel bringe heute sowohl den Schweizer Käsern als auch den Schweizer Milchproduzenten Vorteile. Wäre Fromarte demnach offen für einen weiteren Ausbau des Freihandels im Milchmarkt? «Ich denke, wir brauchen neue Märkte», sagt Meier. «Aber wir müssen sie sorgfältig prüfen.» Der Verband sei der Ansicht, dass etwa das Mercosur-Abkommen gut für die Branche ist.
Konsequenzen des Freihandels kennen, nicht schönreden
Wer Freihandel fordere, müsse über die Konsequenzen für die einheimische Landwirtschaft Bescheid wissen, findet Werner Locher. «Wenn diese Konsequenzen dann bewusst in Kauf genommen werden, weil der erwartete Gewinn für andere Wirtschaftszweige bestechend ist, ist das ehrlich.» Würden aber negative Folgen für die Landwirtschaft ausgeblendet oder schöngeredet, «dann grenzt das an Betrug.»
Drei Forderungen an die Politik
Mathias Binswanger erklärte an der Big-M-Jahresversammlung, der Produzentenmilchpreis müsste schweizweit rund 50 Rappen höher liegen, also bei 1,15 Franken pro Liter. In Bergregionen bräuchte es 70 bis 80 Rappen mehr, um einen angemessenen Lohn zu ermöglichen. Die Verkäsungs- und Verkehrsmilchzulagen könnten gewisse Abfederungen bieten, lösten jedoch das strukturelle Problem nicht. B-Milch unter 50 Rappen und C-Milch seien für viele Betriebe nicht kostendeckend, ergänzte Werner Locher. Er stellt folgende Forderungen an die Politik:
- Verkäsungszulage erhöhen: klare und direkte Auszahlung an die Produzenten.
- B- und C-Milch freiwillig liefern: Betriebe sollen selbst entscheiden können.
- Zollfreikontingente definieren: künftige Freihandelsabkommen sollten mengenmässig begrenzte Kontingente enthalten.
Zudem wurde auf die Notwendigkeit hingewiesen, das Vermarktungssystem zu überprüfen, da die aktuelle Regelung veraltet sei. Locher meint: «Nachhaltig Milch zu produzieren, für die keine Nachfrage existiert und die dann entsorgt werden muss, passt nicht zu einer ressourcenschonenden Milchproduktion.»
Ein heikles Traktandum an der Jahresversammlung war die Unterstützung des Vereins «Faire Märkte Schweiz» (FMS). Man diskutierte eine Zusammenarbeit von Big-M mit FMS und entschied sich schliesslich, durch eine einmalige finanzielle Unterstützung in der Höhe von 5000 Franken ein Zeichen zu setzen. Weiter will Big-M sich für faire Milchpreise einsetzen, wobei das Konzept «Faire Milch» zur Umsetzung dieser Vision auf dem Markt eine wichtige Rolle spiele.
