Fromarte, der Dachverband der gewerblichen Käsereien, ruft die Branche zum Masshalten auf. Die Milcheinlieferungen seien zu hoch, die Milchproduzenten müssten ihre Produktion gezielt und spürbar reduzieren, heisst es in einer Medienmitteilung. Der Appell ging ausdrücklich auch an die eigenen Mitglieder, sich verantwortungsbewusst und solidarisch im angespannten Marktumfeld zu bewegen. Die BauernZeitung hat Fromarte-Präsident Hans Aschwanden nachgefragt, wie er die derzeitige Situation auf dem Markt beurteilt:
Sie rufen die Milchproduzenten, aber auch Ihre Mitglieder auf, die Produktion zu drosseln. Was passiert, wenn dieser Appell zur freiwilligen Reduktion der Menge nicht funktioniert?
Hans Aschwanden: Uns ist bewusst, dass dieser Aufruf keine grosse Wirkung hat. Es ist ähnlich wie bei den Schweinen, wo jeder denkt, der Nachbar soll. Kommt hinzu, dass die Milchbranche immer noch das «Trauma» der Einführung der Kontingentierung mit sich trägt. Wer damals dem Aufruf folgte und Mass gehalten hat, bekam ein tiefes Lieferrecht aufgrund der Bemessungsjahre. Obwohl das schon lange her ist, wirkt es immer noch nach. Aber es ist natürlich so, dass die Milch, die da ist, auch verarbeitet wird. Wollen wir die Produktion drosseln, muss das bei der Milchproduktion geschehen. Aber wir ermahnen auch unsere Käser, dass sie nicht auf Teufel komm raus Milch verkäsen. Gerade bei der Einschränkungsmilch, die nun vielleicht billig und im Überfluss auf den Markt kommt, ist es sicher eine Versuchung, diese noch irgendwie zu verarbeiten.
Sehr gutes Futter und viele junge, leistungsfähige Kühe stehen derzeit in den Ställen. Die Investitionen sind also gemacht. Können es sich einzelne Produzenten, Handel und Verarbeiter überhaupt leisten, dass sie die Menge freiwillig einschränken und damit Marktanteile riskieren?
Das ist sicher so, wenn es läuft in der Produktion, dann läuft es. Wir können nur an die Eigenverantwortung aller Marktakteure appellieren. Aber wirken wird schlussendlich nur ein Signal – und das ist eine massive Preissenkung. Nur das wird die nötige Drosselung bei Rohstoff bewirken. Vielleicht hätte es im Nachhinein diesbezüglich schon früher, etwa im August, Signale gebraucht. Und damit das Preissignal wirkt, müsste jetzt C-Milch nur noch rund 30 Rappen gelten. Doch die Milchhändler wollen natürlich ihren Mitgliedern möglichst keine C-Milch abrechnen. Dass der Preis der C-Milch durch den Fonds der BOM gestützt wird, verzerrt den Markt – und man hätte das vermutlich im Nachhinein nicht so machen sollen. So wäre die Botschaft klar, dass diese Milchmenge nicht produziert und nicht in den Handel gebracht werden sollte. Mit dem Stützungsfonds werden die Produzenten jedoch für C-Milch nur ein paar Rappen weniger bekommen als für die B-Milch.[IMG 2]
Hat die Schweiz wirklich zu viel Milch? Oder stellen wir die «falschen» Produkte her? Beispielsweise steigen bei Quark und Frischkäse die Importe laufend. Könnte man das nicht im Inland herstellen?
Dabei sehe ich zwei Faktoren: Einerseits sind unsere Käser auf Halbhart- und Hartkäse spezialisiert. Die Herstellung etwa von Quark gehört hier etwas weniger zum traditionellen Handwerk, und auch die entsprechenden Anlagen sind nicht vorhanden. Andererseits hat der Konsument bei diesen Produkten vermutlich etwas weniger das Bewusstsein, auf einheimische Ware zu setzen. Hier spielt wohl tatsächlich auch der Preis eine Rolle. Aber die Branche hat sich natürlich den Gegebenheiten angepasst. So wurde die Herstellung von Mozzarella oder auch Frischkäse in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Einzelne Firmen wie Züger versuchen sogar, sich damit im europäischen Markt auch gegen die Traditionsmarken zu behaupten.
Bei den Exporten verlagert sich das Sortiment von teuren Markenkäsen hin zu Industrieware. Hat die Schweiz bei solchen «Preiskampfprodukten» überhaupt eine Chance?
Man muss sich schon bewusst sein, dass in der Schweiz niemand verhungert, wenn wir nicht mehr käsen. Wir sind ein Hochpreisland in einem liberalisierten Markt und werden nie alleine über den Preis konkurrenzfähig sein können. Wir sind auf Konsumenten angewiesen, die bewusst auf unsere Produkte setzen und bereit sind, dafür den Mehrwert zu bezahlen. Dazu braucht es neben einer guten Produktion auch ein gutes Marketing und Verkaufspsychologie. Nur alleine guten Käse herzustellen, reicht heute als Verkaufsargument nicht mehr.
Die Exportmaschine Gruyère ist ins Stocken geraten. Viele Industriemilchproduzenten empfinden es nun als unfair, dass diese Einschränkungsmilch den Industriekanal belastet – nachdem die Gruyèreproduzenten viele Jahre von sehr guten Preisen profitiert haben. Was sagen Sie dazu?
Ich stelle fest, dass die Westschweiz besser auf die Appelle reagiert hat, als die Deutschschweiz. In der Westschweiz hat man scheinbar ein anderes Verständnis von Miteinander. Sicher ist der Gruyère derzeit unter Druck, aber er hat auch viele Jahre geholfen, den Milchpreis zu stützen. Jetzt ist es vielleicht kurzfristig anders. Aber die Gruyère-Produzenten haben durchaus reagiert und haben Kühe verkauft. Leider wurden diese dann in Lastwagen verladen und in die Ostschweiz gefahren, wo sie weiter Milch produzieren.
Auf der anderen Seite steht das Käse-Sorgenkind Emmentaler. Wo sehen Sie hier die künftigen Erfolgschancen?
Darüber haben sich schon sehr viele kluge Köpfe den Kopf zerbrochen. Ich masse mir nicht an, hier die Lösung zu kennen. Für mich ist der Emmentaler das Fiebermesser der Agrarpolitik. Ich erinnere mich, als ich in der Lehre war und der Emmentaler unser Königsprodukt war. Heute ist er – überspitzt gesagt – nur noch ein Synonym für einen Allerwelts-«Grosslochkäse». Die Liberalisierung der Märkte hat bei diesem Käse dazu geführt, dass er nur schwierig positioniert werden kann.
Auch die Cremo macht derzeit Schlagzeilen als Sorgenkind. Wie berechtigt ist diese Sorge?
Heute ist es im Milchmarkt so, dass wenn ein grosser Verarbeiter hustet, dann ist die Branche krank. Um Cremo sind viele Spekulationen im Umlauf, und man weiss nicht genau, wie angespannt die Lage wirklich ist. Mir persönlich machen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Cremo grosse Sorgen, und wir hoffen alle, dass ein verändertes Portfolio die Situation verbessern wird. Wir sind sehr froh um jeden Verarbeiter wie Emmi, bei dem es gut läuft. Das hilft der Branche sehr.
Braucht es in der Schweizer Milchproduktion und in der Verarbeitung noch mehr Strukturwandel, damit die Preise konkurrenzfähig werden?
Der Strukturwandel findet so oder so statt. Teurer werden wir immer sein, der Preis ist hier nicht das ausschlaggebende Kriterium. Auch die Grösse ist eigentlich irrelevant. Wichtig ist, dass die Buchhaltung stimmt. Dazu braucht es Marketing und Mehrwerte, über die wir uns abheben können. Aber alleine die Grösse ist kein Erfolgsrezept.
Wie findet die Schweizer Milch- und Käseproduktion langfristig zu einem stabileren Markt und kostendeckenden Preisen?
Wir müssen agiler werden mit unseren Preismodellen. Der ausbezahlte Milchpreis muss schneller auf hohe und tiefe Einlieferungen reagieren. Die aktuelle Situation nützt niemandem und bringt der gesamten Branche einen Wertschöpfungsverlust. Das Bild von «bösen Verarbeitern gegen arme Bauern», wie es in den Medien manchmal gezeichnet wird, entspricht nicht meiner Wahrnehmung innerhalb der BOM. Wir haben dort sehr konstruktive und gute Gespräche zum Wohle der gesamten Wertschöpfungskette. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir innerhalb der BOM Lösungen finden können, damit wir über den Milchpreis schneller Signale an die Produzenten senden können. Und dies muss in beide Richtungen möglich sein, nach oben und nach unten. Auch die aktuelle Milchwelle geht vorbei – und ich gehe davon aus, dass in ein paar Monaten die Krise überstanden ist. Dann wird es ein Debriefing brauchen. Lösungen sind immer erst nach der Krise möglich, nicht während.
Wie helfen die Erfolge bei den World Cheese Awards der Schweizer Käsebranche?
Der Nutzen liegt vermutlich weniger beim einzelnen Käser, sondern bei der ganzen Branche. Für den Schweizer Käse ist es natürlich ein grosser Erfolg, und ich freue mich riesig für den Gewinner Pius Hitz, dass er mit seinem Käse gewinnen konnte. Es zeigt auch, dass unser Schweizer Käse die Gunst einer internationalen Jury gewinnen kann und deren Geschmack trifft. Damit wird ein positives Bild von Käse im Allgemeinen und speziell von Schweizer Käse vermittelt. Als PR-Aktion ist der Anlass eine sehr gute Sache und hilft der Schweizer Käsebranche, dass sie im In- und Ausland wahrgenommen wird.
Welches Wunder würde sich die Fromarte vom Samichlaus wünschen?
Ich wünsche mir, dass wir innerhalb der Branche Instrumente finden, damit sich Marktverwerfungen, wie wir sie im Moment haben, nicht so extrem auswirken. Und ich wünsche mir einen Konsumenten, der unseren traditionellen Schweizer Produkten treu bleibt. Diesbezüglich haben wir eigentlich schon sehr viel Glück. Aber wir dürfen nicht vergessen, wir haben auch immer mehr Konsumenten, deren Wurzeln vielleicht nicht im Schächental sind und die eine andere Käsekultur kennen und lieben. Für sie braucht es vielleicht auch andere Produkte.


