IP-Suisse trennt sich von der Weichkäserei Le Grand Pré SA in Moudon VD und übergibt sie an das Freiburger Start-up Noula. Das Marienkäfer-Label soll aber weiterhin auf dem Käse bleiben. Was die Medienmitteilung vom 11. März 2026 nicht sagt: Die Käserei hat bereits mehrere Besitzerwechsel hinter sich, der langjährige Geschäftsführer verliess die Organisation bereits vor einem Jahr, und Noula ist ein junges Unternehmen ohne eigene Produktionsstätte. Fragen bleiben offen.
135 Jahre, fünf Eigentümer
Seit 1889 sucht Moudon nach einem stabilen Träger für seine Weichkäsetradition. Die Bilanz ist ernüchternd: Über 135 Jahre hinweg sind die Rezepte geblieben, die Eigentümer nicht. Gemäss der Unternehmensgeschichte auf legrandpre.ch folgten auf die kantonale Käsereischule die Konzernmolkerei Elsa, dann die Käserei von Champtauroz, dann der Milchverband Prolait, bevor IP-Suisse 2022 übernahm und nun Noula das Kapitel weiterführt. Die aktuelle Medienmitteilung nennt das «einen Schritt in Richtung Zukunft». Wer sich die Geschichte ansieht, liest darin auch ein Stück Kontinuität des Scheiterns.
Prolait hatte die Weichkäserei 2013 aus eigenem Antrieb gegründet, um den Mehrwert der eigenen Produzentenmilch zu steigern. Neun Jahre später, im März 2022, verkaufte Prolait die Mehrheitsanteile an IP-Suisse. Als Begründung wurde damals gegenüber der BauernZeitung kommuniziert, die Käseproduktion müsse «weiter ausgeführt und die Vermarktungstätigkeit intensiviert werden». Mit anderen Worten: Prolait wollte oder konnte das Projekt nicht mehr allein tragen. IP-Suisse übernahm, Schritt für Schritt, zuerst die Aktien, dann die Einrichtungen.
Rückzug auf Kerngeschäft
Nun, vier Jahre später, zieht IP-Suisse denselben Schluss. Der Rückzug wird in der Medienmitteilung damit begründet, dass sich IP-Suisse auf ihre «Kernaktivitäten» konzentrieren wolle. Das ist sachlich nachvollziehbar. Es enthält aber auch ein stilles Eingeständnis: Eine Milchlabelorganisation ist keine Käsereiführerin. Warum sie es 2022 trotzdem wurde, und was in diesen vier Jahren wirklich lief, bleibt in der Mitteilung unerwähnt.
Was finanzielle Details angeht, ist der Mitteilung nichts zu entnehmen. Kein Kaufpreis, keine Aussagen über die wirtschaftliche Lage der Käserei, kein Wort darüber, ob das Engagement für IP-Suisse rentabel war oder nicht.
Ein möglicher Hinweis auf die schwierige Phase findet sich in einer Personalmeldung, die in der aktuellen Kommunikation mit keinem Wort auftaucht. Jacques Demierre, der seit 2003 die IP-Suisse Romandie leitete und zuletzt gleichzeitig als Geschäftsführer der Käserei Le Grand Pré SA amtete, hat die Organisation bereits vor rund einem Jahr verlassen. Der Freiburger wechselte als Direktor zur Société coopérative des sélectionneurs (ASS), einer 1909 gegründeten Genossenschaft von 280 Saatgutproduzenten aus der Westschweiz.
Christophe Eggenschwiler, CEO von IP-Suisse, erklärt auf Anfrage, Demierres Abgang vor einem Jahr stehe in keinem Zusammenhang mit der jetzigen Veräusserung der Käserei. Das mag so sein.
Ein Start-up ohne eigene Käserei übernimmt
Auf der anderen Seite steht Noula. Gründer Lukas Bucheli ist ein Quereinsteiger mit Marketinghintergrund, der nach einem China-Aufenthalt in Grangeneuve FR die Käserlehre absolvierte und 2022 sein Start-up gründete. Zunächst produzierte er laut eigenen Angaben in gemieteten Räumlichkeiten in Mézières FR, an zwei Tagen pro Woche. Noula stellt Mozzarella und Burrata aus Freiburger Milch her, handwerklich, in kleinen Mengen, mit klarer Premiumpositionierung. Die Produkte sind überzeugend, die Marktnachfrage vorhanden. Das ist das Positive.
Aber Noula hat bisher keine eigene Käserei. Nun übernimmt dieses junge Unternehmen einen ganzen Betrieb, inklusive bestehendem Team, laufenden Produktlinien und dem Zusatzauftrag, ab März 2026 auch noch Mozzarella und Burrata in grösserem Massstab herzustellen. Bucheli sagt in der Medienmitteilung, er freue sich über einen Standort «nur 8 Kilometer von unserer aktuellen Produktionsstätte entfernt». Das klingt nach einer glücklichen Fügung. Die Frage ist berechtigt: Verfügt Noula über die Kapitalbasis und die Managementkapazität, um diesen Sprung zu stemmen? Die Mitteilung gibt darauf keine Antwort.
Kontinuität für Produzenten – vorerst
Für die Milch-Produzenten, die Le Grand Pré beliefern, ist die Botschaft offiziell beruhigend: Das Team bleibt, das Marienkäfer-Logo bleibt, die regionale Milchverarbeitung bleibt. Marc Bettex führt die Produktion, Corine Burdet den Verkauf. Das ist Kontinuität auf der operativen Ebene. Aber ein Produzent, der wissen will, wem er in fünf Jahren seine Milch liefert und zu welchen Konditionen, findet in dieser Mitteilung keine handfeste Antwort.
Was bleibt, ist ein Bild, das freundlicher klingt, als es sein könnte. Eine Käserei mit langer Geschichte und häufigem Besitzerwechsel wechselt erneut den Eigentümer. Ein Labelverband zieht sich aus einem Projekt zurück, das er vor vier Jahren mit Überzeugung übernommen hatte, nachdem sein wichtigster Mann in der Romandie die Organisation bereits verlassen hat. Ein ambitioniertes Start-up bekommt eine grosse Chance und eine grosse Verantwortung. Ob das der Beginn eines stabilen Kapitels ist oder eines weiteren Übergangs, bleibt abzuwarten.
In Moudon hat man das Aufgeben noch nicht gelernt
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Kommentar von Simone Barth
IP-Suisse hat ihre Weichkäserei abgegeben. Das ist nicht das eigentliche Thema. Das eigentliche Thema ist, warum in der Schweiz kaum jemand mit Weichkäse Geld verdient und warum trotzdem immer wieder jemand es versucht.
Es gibt eine einfache Regel im Käsegeschäft: Was einen AOP-Schutz hat, hat einen Preisboden. Gruyère hat ihn. Emmentaler hat ihn. Weichkäse – Camembert-Typen, Brie-Varianten, Rotschmierkäse – hat ihn nicht. Seit 2007 der Schweizer Käsemarkt für EU-Importe geöffnet wurde, ist der Inlandanteil am Käsekonsum laut Swissmilk von 76,7 Prozent auf rund zwei Drittel gesunken. Beim Weichkäse am stärksten.
Was im Regal wirklich liegt
Gemäss Erhebungen aus dem Jahr 2020 erzielte die Migros beim Weichkäse fast 60 Prozent ihres Umsatzes mit Importware, bei Coop und Denner lag der Mengenanteil zwischen 50 und über 70 Prozent, bei Aldi und Lidl über 80 Prozent. Lidl sagte es damals selbst: Im Frischkäsebereich bestehe nur eine geringe Nachfrage nach Schweizer Produkten. Der durchschnittliche Käse-Importpreis lag 2025 laut Switzerland Cheese Marketing bei 7.15 Franken pro Kilogramm: zu wenig für eine tragfähige Kalkulation mit Schweizer Milch und Schweizer Löhnen. Der laufende Preiskampf im Detailhandel verschärft das: Aldi senkte 2024 Fleischpreise um bis zu 36 Prozent, Migros zog mit dauerhaften Senkungen bei rund 1000 Produkten nach, Lidl meldete im August 2025 über 800 Preissenkungen seit Jahresbeginn.
Keine Tradition im Massstab
Brie kommt aus der Île-de-France, Camembert aus der Normandie, Burrata aus Apulien. Das sind keine beliebigen Herkunftsangaben. Das sind Jahrhunderte an Produktionstradition und Konsumentengewohnheit. Schweizer Weichkäse ist im Regal präsent, aber er teilt es mit Importware, bei der der Konsument oft schlicht auf die vertraute Herkunft setzt. Kein Camembert aus der Schweiz verdrängt den Camembert de Normandie. Im Zweifel entscheidet der Preis oder eben die Gewohnheit. Switzerland Cheese Marketing hat für 2024 einen «zusätzlichen Fokus auf Frisch- und Weichkäse» ausgewiesen. Das zeigt, dass die Branche das Problem kennt. Marketing senkt aber keine Produktionskosten.
Kein Aufgeben in Moudon
IP-Suisse hat 2022 die Weichkäserei Le Grand Pré SA in Moudon VD übernommen – mit über 135-jähriger Geschichte und fünf Vorgänger-Eigentümern. Vier Jahre später folgt der Rückzug auf «Kernaktivitäten». Warum genau, bleibt das Geheimnis von IP-Suisse.
Übernommen wird die Käserei vom Start-up Noula, das Mozzarella und Burrata handwerklich und mit klarer Premiumpositionierung herstellt – genau jenes Segment, das noch Luft hat. Der Mut, sich in diesem Markt zu positionieren, ist nicht selbstverständlich. In Moudon hat man das Aufgeben jedenfalls noch nicht gelernt.
