Der Durchschnittsbetrieb im Kanton Tessin umfasst zwölf Hektaren. Der als Schweizer Sonnenstube bekannte Kanton zählt rund 715 Ganzjahres- und 250 Sömmerungsbetriebe. Viele Bauernfamilien – überwiegend in der Bergzone 1 und 2  – bewirtschaften kleine, parzellierte Flächen, auf denen viel Handarbeit eingesetzt wird. Im Agrarbericht ist von einer «Selbstversorger-Landwirtschaft mit kleinen Flächen und Ställen» die Rede. Doch der Kanton besteht nicht nur aus steilen Hängen und unwegsamem Alpgebiet. In der Magadino-Ebene  gedeihen Gemüse- und Ackerkulturen, zum Teil sogar Reis, in vielen Regionen ist die Landschaft von der Rebe (vor allem Merlot) geprägt. In der Leventina und im Blenio-Tal existieren auch grössere, intensivere Milchwirtschaftsbetriebe.

3500 Milchkühe auf 200 Milchviehbetrieben

Gemäss dem Agrarbericht des Bundes 2019 halten etwa 200 Betriebe Milchkühe, rund 3500 Milchkühe werden im Tessin gemolken. Entsprechend relevant sind die Sömmerungsbetriebe und die damit verbundene Alpkäseproduktion in der Struktur der Tessiner Milchwirtschaft. Laut Agrarbericht werden neben den Tessiner Milchkühen jeden Sommer zusätzlich etwa 1000 Tiere aus anderen Kantonen auf Tessiner Alpen gesömmert.

In den Kupfer-Kessi der Tessiner Alpen entsteht oftmals der geschützte Tessiner Alpkäse DOP (Denominazione di Origine Protetta). Speziell dabei ist, dass er bis zu 30 Prozent Ziegenmilch enthalten darf, denn die Ziegenhaltung ist im Tessin aufgrund der Topografie stark verankert. Diese Spezialität wir im Maggia Tal produziert. Doch die Milch- und Käseproduktion steckt laut dem Direktor des Tessiner Bauernverbands (UCT), Sem Genini, in der Krise: «Dieser Sektor im Tessin befindet sich in einer äusserst schwierigen Übergangsphase», so Genini. Die Schliessung der wichtigsten Käserei des Tessins «Lati SA» Mitte 2024 habe die Situation weiter dramatisiert, sagt er.

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Die wichtigste Käserei des Kantons ist zu

Die Lati-Käserei spielte eine zentrale Rolle, da sie den grössten Teil der Milchproduktion des Kantons, insbesondere im Winter, aufnahm, während die Sommerproduktion von den einzelnen Betrieben für die Herstellung von Alpkäse verwendet wurde und immer noch wird.

Diese Saisonabhängigkeit führte jedoch zu Schwierigkeiten, sagt Sem Genini. «Nun fehlt leider die wichtige stabilisierende Präsenz der Käserei Lati und der Grossteil der Tessiner Milch wird über die Alpen transportiert. Die Beschaffenheit des Tessiner Terrains war bereits zuvor eine Belastung, da die Milch über weite Strecken transportiert werden musste, «ganz zu schweigen davon, dass sie nun über die Alpen transportiert werden muss», sagt Sem Genini. «Diese zusätzlichen Transportkosten machen bis zu 20 % des erzielten Preises aus.» Dadurch rücke das Ziel, zumindest die Produktionskosten mit den Einnahmen zu decken, noch weiter in die Ferne.

Die Tessiner Milchproduzent(innen) hätten daher grosse Schwierigkeiten, sich über Wasser zu halten, und viele von ihnen wechseln zur Mutterkuhhaltung.

«Sie können nicht Millionen Kilogramm aufnehmen, wie es Lati getan hat»

Sem Genini meint, die kleinen und mittleren Käsereien würden nicht so stark unter dem aktuellen Druck auf den Milchsektor leiden und es käme dort auch nicht zu vielen Schliessungen. «Diejenigen Käsereien, die ihre Milchverarbeitungsmengen steigern konnten, haben dies getan, aber sie können nicht die Millionen Kilogramm aufnehmen, die Lati verarbeitet und verkauft hat», weiss er.

Das Tessin ist, wie der restliche Teil der Schweiz, von Marktschwierigkeiten und vom starken Wettbewerb geprägt. Aber Sem Genini hat den Eindruck, dass die Konsumentinnen und Konsumenten relativ aufgeschlossen sind und die Kreativität der Käsehersteller und die Qualität ihrer Produkte zu schätzen wissen, obwohl auch viele Leute dann über die Grenze in Italien einkaufen gehen. Ob Wertschätzung alleine reichen wird, um die Milchproduktion im Kanton aufrechtzuerhalten? Nein, weiss Sem Genini. Entsprechend läuft derzeit ein regionales Entwicklungsprojekt namens «Blenio Plus», welches auch eine Käserei im gleichnamigen Tal umfasst. Das Projekt zielt darauf ab, die Situation zu verbessern und mehr Milch für die Verarbeitung im Tessin zu behalten. Allerdings ist das Projekt derzeit aufgrund einer Beschwerde blockiert.

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Es gibt auch Erfolgsgeschichten

Der Leiter des Tessiner Bauernverbands kommt zu einem Schluss: «Trotz der Schwierigkeiten bleibt der Landwirtschaftssektor im Tessin also lebendig, und es gibt Erfolgsgeschichten, sowohl bei den handwerklichen Käsereien als auch bei den grösseren Betrieben.» Sem Genini denkt dabei etwa an die Schaukäserei Gottardo. Er ist in dieser Sache überzeugt: «Entscheidend ist, dass wir die Produktion von Alpkäse DOP und Alpprodukten, einschliesslich Molke, noch besser verkaufen und weiter aufwerten können».

Alpen werden aufgegeben

Südlich der Alpen liegen ähnliche Probleme vor, wie nördlich davon auch: Obschon die Alpwirtschaft im Tessin von grosser Bedeutung ist, werden Alpen aufgegeben, vor allem steile, schwer zugängliche Flächen werden nicht mehr bewirtschaftet und verbuschen. Die Klimaerwärmung trägt auch ihren Teil bei: Der Wald drängt in die hohen Lagen, wo heute noch Bergwiesen zu sehen sind.

Weitere Hürden, mit denen die Tessiner Landwirte und Landwirtinnen konfrontiert sind, sind allen bekannt, denn es sind dieselben Probleme, mit denen auch ihre Kollegen und Kolleginnen jenseits der Alpen zu kämpfen haben.

Sem Genini listet auf: Zu niedrige Einkommen, endlose Bürokratie und Vorschriften, immer grössere Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierter Arbeitskräfte, um nur einige wenige zu nennen, schiebt er nach. «Bei uns sind einfach die Probleme noch ein bisschen schlimmer, da unserem Kanton in vielen Bereichen an letzter Stelle liegt», fügt er hinzu.

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Zum ersten Mal wurden mehr Ziegen als Schafe gerissen

In diesem Jahr habe denn auch die Wolfsfrage eine neue Dimension erreicht: «Es gab eine Rekordzahl an gerissenen Tieren und auch an Raubtieren. Und zum ersten Mal wurden sehr viele Ziegen, und nicht nur Schafe getötet.» Angesichts des kontinuierlichen Rückgangs der Zahl der auf Alp gehaltenen Schafe und Ziegen sei es unvermeidlich, dass sich dieses Problem auch auf die Produktion von Ziegenmilchprodukten oder gemischten Ziegen- und Kuhmilchprodukten, wie dem Vallemaggia-Käse, auswirkt, weiss er. «Und bald werden auch Rinder angegriffen, wie es bereits in anderen Regionen der Schweiz, beispielsweise im Kanton Waadt, der Fall ist.» Sem Geninis Forderung: Es müsse entschlossen und effektiver gehandelt werden, denn die Alpsaison sei für das Einkommen der Bauernfamilien die wichtigste Zeit. «Sollte sich dies in kurzer Zeit ändern, wäre das das Ende.»

Die Lebensqualität ist im Tessin und in der Westschweiz signifikant tiefer als in der Deutschschweiz

Laut den neusten Daten des Agrarberichts 2025 liegt der Lebensqualitätsindex der landwirtschaftlichen Bevölkerung im Mittel bei 13,9. Dabei war er in der Deutschschweiz signifikant höher (14,7) als im Tessin (11,7) und in der Westschweiz (10,4). Die Referenzbevölkerung hatte 2025 mit 16,8 einen klar höheren Lebensqualitätsindex. «Da der Lebensqualitätsindex zwischen –36 und +36 betragen kann, sind alle diese Werte grundsätzlich als positiv zu bewerten», heisst es im Bericht. Im Zeitvergleich war beim Lebensqualitätsindex der bäuerlichen Bevölkerung zunächst eine leichte Abnahme und ab 2013 bis 2021 eine Annäherung der Gruppen «Landwirtschaft» und «Referenz» festzustellen, 2025 ist diese Differenz wieder grösser.

Umfrageergebnisse zur Lebensqualität