Der Appell könnte nicht deutlicher sein: Auch die Milchhandelsorganisation Aaremilch AG kämpft mit zu viel Milch. Es werden derzeit rund 1,65 % mehr eingeliefert als in der gleichen Periode im Vorjahr. Gehen die Einlieferungen gesamtschweizerisch nicht zurück, lauert nächstes Jahr ein Preischaos für die Milchproduzenten am Horizont. Dies sagte nicht nur Urs Jenni von der Aaremilch AG, sondern auch Vertreter der Schweizer Milchproduzenten (SMP). 

Am Dienstag lud die Aaremilch zur dritten Vollversammlung der Interessenvertretung, zusammen mit der Regionaltagung der Schweizer Milchproduzenten, in die Alte Reithalle nach Thun ein. Neben wesentlichen Informationen vonseiten Aaremilch waren auch die SMP zu Gast, mit Schwerpunkten wie: die Milchmarktsituation mit Markteinschätzungen, das politische Umfeld, Swissmilk-Marketing sowie aktuelle Projekte. Die Themen bewegten. Gegen 300 Bäuerinnen und Bauern fanden den Weg in die Reithalle.

«Die Situation ist nicht lustig», hielt Urs Jenni fest

Urs Jenni, Präsident der Interessenvertretung der Aaremilch AG, appellierte an die Mitglieder: «Wir müssen die Kurve bei den Milcheinlieferungen bis zum Frühling brechen können, sonst sehe ich schwarz.» Er habe sogar schon Telefonate erhalten, bei denen man wissen wollte, wo man die Milch überhaupt noch abladen könne. Denn es hätten einige Milchverarbeiter mit Verarbeitungsengpässen zu kämpfen, so etwa die Cremo, die viel Milch von der Aaremilch AG bezieht. 

Abo Wegen Zollschock Verzicht oder C-Milch: Branchenorganisation Milch will Drosselung der Produktion Tuesday, 2. September 2025 «Die Situation ist nicht lustig», so Jenni weiter. Es habe schon Wochenenden gegeben, an denen man diskutiert habe, Milch zu entsorgen. Aufgrund reduzierter Milchabnahme durch einen Vertragspartner wurde die entsprechende Milchmenge zeitweise vollständig über die Cremo im Lohnauftrag des Vertragspartners verarbeitet. Diese sei neben der Elsa der wichtigste Milchabnehmer für die Aaremilch AG. So werde ab 2026 ihr Partner Nestlé wesentlich weniger Milch von ihnen unter Vertrag nehmen. Wie man aus der Branche munkeln hört, hat die Produzentenorganisation Mooh der Nestlé angeblich ein besseres Angebot unterbreiten können.

Ab Januar wird C-Milch zugewiesen

Nicht nur die Aaremilch AG kämpft mit zu viel Milch, auch schweizweit sieht das Bild ähnlich aus. So hat die Branchenorganisation Milch (BOM) entschieden, dass allen Milcheinkäufern ab Januar 2026 eine gewisse Menge an C-Milch zugewiesen wird. Auch die Aaremilch AG beteiligt sich an den Massnahmen. Ab Januar 2026 bis voraussichtlich Juni 2026 werde bei ihnen die C-Milch auf der Menge über die Monatsvertragsmenge abgerechnet. 

«Wer die Monatsvertragsmenge nicht überliefert, wird von C-Milch nicht betroffen sein», verspricht Urs Jenni. Die Milchproduktion, welche die Monatsvertragsmenge übersteige, sei grundsätzlich freiwillig. «Unsere Empfehlung lautet klar: So weit wie möglich, diese Milch nicht produzieren. Oder, die gelieferte Menge, die über die Vertragsmenge produziert wird, so klein wie möglich halten», so das Fazit von Jenni. Die Aaremilch AG sei aber weiter in Verhandlungen mit potenziellen Partnern für die Abrechnung der C-Milch ab Januar 2026.

Vorschläge aus dem Saal

Dass der Milchmarkt zurzeit happig und fordernd ist, sagte auch Boris Beuret, Präsident der Schweizer Milchproduzenten (SMP). «Die Natur hat es gut gemeint mit uns. Das Winterfutter melkt gut, das sehe ich selbst auf meinem Betrieb», so Beuret. Die Milcheinlieferungen müssten jetzt gesenkt werden, sonst drohe das Schiff, aus dem Gleichgewicht zu geraten. «Gebt ein, zwei Kühe früher zum Metzger oder tränkt ein paar Mastkälber selber ab», appellierte der SMP-Präsident. 

Rund 4 % weniger Milch brauche der Markt zurzeit. «Jeder Milchproduzent hat es selber in der Hand, ob er für 25 oder 30 Rappen C-Milch abliefern will», so Beuret weiter. Denn eine Bremsspur brauche es, man müsse die Milcheinlieferungen unbedingt auf das Niveau des Jahres 2024 zurückbringen können. «Wenn wir das nicht managen, droht uns am Milchmarkt ein riesiges Chaos», so der SMP-Präsident. Bei der offenen Diskussion kamen postwendend Wortmeldungen und Vorschläge aus dem Saal. Nachfolgend einige Denkanstösse:

Walter Lüthi, Allmendingen: «Man hat es gehört, es wird zu viel Milch eingeliefert. Ich erwarte, dass alle, die Kälber produzieren, zusammen mit den Verbänden an einer Branchenlösung mitarbeiten. Warum nicht selber eines oder mehrere Kälber auf dem Betrieb mästen? Letztes Jahr wurden hunderte Tränkekälber, die zwischen 60 und 80 kg waren, einfach geschlachtet. Das darf nicht passieren. Wenn das im Kassensturz kommt, ist die ganze Milchbranche im Verruf.»

Martin Rutschi, Konolfingen: «Ich habe letztes Jahr im Herbst sechs Stierkälber selber abgetränkt. Diesen Frühling habe ich sie ausgeschrieben und als Fresser für je 1800 Franken verkauft. Ich hätte 200 Stück am Telefon verkaufen können. Jeder, der das nicht macht, ist kein Unternehmer und selber schuld.»

Peter Sahli, Murzelen: «Den Klimarechner für die Nachhaltigkeit machen wir nur für die Grossabnehmer. Die Daten von uns werden wichtiger denn je, die Grossabnehmer haben ein grosses Interesse daran. Berufskollegen, überlegt es euch gut: Wollt ihr das? Die Importe spielen dabei für die Abnehmer keine Rolle, Hauptsache, die Margen stimmen.»

Abo Milchforum SMP Nachhaltigkeit in der Milchwirtschaft – zwischen Anspruch, Alltag und Zukunft Tuesday, 25. November 2025 André Stalder, Lützelfüh: «Dass wir für das Ausfüllen des Klimarechners nur im ersten Jahr 1000 Franken erhalten sollen und nachher nichts mehr, finde ich nicht korrekt. Ich will meinen Aufwand jedes Jahr dafür abgedeckt haben. Diese Daten sind wichtig, und sie sollen auch etwas wert sein.»

Quark wird immer beliebter

Obwohl der weltweite Milchkonsum von Jahr zu Jahr steigt, herrscht an der Front ein riesiger Preiskampf. «Alle wollen an der Verkaufstheke noch billiger sein», sagte Stefan Hagenbuch, Direktor der SMP. Dazu komme der Käsehandel mit der EU: «Schon seit ein paar Jahren wird mehr Käse importiert als exportiert. Auch wertmässig hat sich das Blatt zugunsten der EU gewendet.» Der Freihandel mit Käse sei für die Schweiz rückblickend ein schlechter Deal gewesen. 

Hoffnung setzt Hagenbuch in das veränderte Konsumverhalten. Quark (+14,3 %), Milchmix (+7,2 %) und Käse (+4,8 %) würden immer beliebter. Auch Frischmilch, Joghurt und Rahm konnten leichte Gewinne verbuchen. Hingegen werde Butter (-0,6 %) leicht weniger nachgefragt.

An der Versammlung in Thun BE wurde es auch politisch: Das Entlastungspaket 2027 im Parlament bereitet auch Boris Beuret Sorgen. So hat der Bundesrat nach der Vernehmlassung kaum Anpassungen vorgenommen. Für die Landwirtschaft würde das bedeuten, dass sie ab 2028 etwa 250 Millionen Franken weniger Unterstützung erhalten würde. «An den Mehrausgaben des Bundes hat die Landwirtschaft keine Schuld. Denn in den letzten 20 Jahren ist das Landwirtschaftsbudget immer gleich geblieben», argumentierte der SMP-Präsident.