Martin Freund, wie würden Sie die aktuelle Situation der Lernendenzahlen im Beruf Gemüsegärtner am Standort Seeland beschreiben?

Martin Freund: Wir sind zuständig für die Gemüsegärtnerausbildung in der ganzen Deutschschweiz. Wir haben aktuell etwa 65 Lernende Gemüsegärtner/innen EFZ in drei Klassen. In den vergangenen Jahren hatten wir eher fünf Klassen, Zweitausbildner und Erstausbildner getrennt. Wir hatten Jahre, da sind 15 bis 20 Zweitausbildende dazugekommen, vor allem in den Corona-Jahren. Da hatten wir insgesamt über 75 Lernende. Jetzt haben wir wieder gemischte Klassen mit Zweitausbildenden und Erstausbildenden. Uns wäre eine separate Zweitausbildnerklasse lieber. Gemischte Klassen machen die Administration und Stundenplanorganisation schwieriger. Auch für die Lernenden kann es einfacher sein, wenn Zweitausbildende unter sich sind – man kann besser auf ihre Bedürfnisse wegen verpasster Unterrichtsinhalte des 1. Lehrjahrs eingehen. Andererseits kann es aber auch Vorteile bringen, wenn Jüngere und Ältere zusammen sind.

Gibt es Auszubildende mit Berufsattest (EBA)?

Die Ausbildung als Agrarpraktiker/in EBA-Spezialkulturen ist möglich, aber nicht bei uns. Diese Lernenden müssen an den Strickhof in Wülflingen ZH fahren. Das ist ein Nachteil, weil die Berufsfachschule nur mit Einzeltagen organisiert ist. Darum wird diese Ausbildung wohl auch weniger gewählt. Sie ist aber ein wichtiges Gefäss. Ich könnte mir als Modell vorstellen, die Ausbildung EBA-Spezialkulturen teilweise mit der EBA-Landwirtschaft zu kombinieren. Wenn Letztere die Tierhaltung behandeln, könnten für die anderen Mini-Blöcke im Bereich Gemüse gemacht werden. Das ist etwas, das ich schon eingebracht habe, aber das man weiter diskutieren muss.[IMG 2]

Wie viele Lehrverträge wurden bislang für den Lehrbeginn August 2026 abgeschlossen?

Wir sind traditionell später parat als in anderen Bereichen, weil die Lehrverträge erst kantonal bewilligt werden und dann irgendwann bei uns landen. Darum ändern die Lernendenzahlen bis Anfang/Ende August. Wir sind darauf angewiesen, dass die Kantone die bewilligten Lehrverträge schnell melden. Momentan haben wir überdurchschnittlich viele für August – rund zehn im ersten Lehrjahr und rund acht, die im zweiten Lehrjahr dazustossen – das wird sich hoffentlich bis August noch verdoppeln. Letztes Jahr um diese Zeit hatte es viel weniger Lehrverträge und trotzdem konnten rechte Klassen gebildet werden. Das macht die Schulorganisation schwierig – auch mit Lehrpersonen, wenn man erst spät entscheiden muss: kommt noch eine Klasse dazu oder nicht.

Wie viele Lehrstellen gibt es?

Die genaue Zahl kann ich nicht sagen – alle Lehrstellen sind aber auf www.gemuese.ch nach Kantonen sortiert einsehbar. Ich bin überzeugt, es würde vielen Betrieben etwas bringen, Lernende auszubilden, um später zum Beispiel auf ehemalige Lernende als Fachkräfte zurückgreifen zu können. Wenn es um passende Lehrstellen geht, ist die Auswahl auf Bio-Betrieben in den letzten Jahren eher knapp gewesen. Alle Lernende der verschiedenen Produktionsformen gehen in dieselbe Klasse. Unser Credo lautet, dass wir Unterricht für alle Produktionsformen geben. Ein Beispiel: Wenn wir Düngung unterrichten, dann wird Düngung mit Hofdünger, mit biologischem Handelsdünger und mit mineralischem Handelsdünger gleichberechtigt behandelt.

Diejenigen auf einem Biobetrieb lernen also auch etwas über die konventionelle Produktion und umgekehrt?

Genau. Jeder Lernende hört etwas von Hors-Sol, aber jeder hört auch etwas aus dem Biolandbau. Ich finde das gut, da jeder Lernende so seinen Horizont erweitert und auch, weil nicht jeder Lernende weiss, wo es ihn nach der Ausbildung hin verschlägt und auf welchem Betrieb er später arbeitet.

Wohnen Lernende im Gemüsebau auch auf den Lehrbetrieben?

Zum Teil, aber eher weniger. Auch das Modell wie in der Landwirtschaft – ein Jahr auf einem Betrieb, dann wechseln – ist im Gemüsebau weniger üblich. Viele bleiben drei Jahre auf dem gleichen Betrieb, wenn der Betrieb die Berechtigung hat, für die ganze Lehrzeit auszubilden. Wir empfehlen: eineinhalb Jahre und eineinhalb Jahre. Das ist sehr gut möglich. Wenn sie im Sommer nach einem Jahr wechseln würden, hören sie mitten in der Saison auf und haben von einer Kultur gar nicht den ganzen Ablauf mitbekommen. Wird nur im Pflanzensektor gearbeitet, ist das ein Nachteil. Darum sage ich: Im Herbst anfangen, dann Erntearbeiten, im Winter das Lager sehen, im Frühling die ganze Saison bis ins Folgejahr erleben und dann wechseln.

Sie haben gesagt, dass die Lernendenzahlen seit Corona abgenommen haben. Was sind die Gründe?

Das ist vor allem bei den Zweitausbildenden der Fall. Während Corona hat die Ausbildung ziemlich geboomt – gerade bei kleineren Lehrbetrieben mit Direktvermarktung oder Abosystemen. Ich hoffe, dass die Zahl aller Lernenden wieder zunimmt. Denn vom Arbeitsmarkt her könnten wir doppelt so viele ausbilden – die finden alle attraktive Jobs. Man muss sehen: Von schweizweit ca. 40 Abschlüssen pro Jahr bleibt mindestens ein Drittel nicht in der Branche. Einige steigen später daheim ein. So bleiben nicht mehr viele für den freien Arbeitsmarkt.

Wie verhält es sich mit den Arbeitszeiten, beeinflusst das die Jungen, ob sie Gemüsegärtner lernen oder nicht?

Die kommen jung aus der Volksschule und haben maximal eine 48-Stunden-Woche während der Lehre. Ich höre von einigen Lehrbetrieben, dass man das überdenken muss, die Arbeitszeit im ersten Lehrjahr vielleicht langsam steigert. Das wurde an der Berufsbildnertagung bereits diskutiert. Es gab unterschiedliche Meinungen. Arbeitszeit ist generell ein Thema. Und man muss sehen: Im Alltag wird auch heute noch viel gearbeitet. Wieso soll es in der Lehre ganz anders sein? Ich sage nicht, dass es unbedingt ändern muss, aber man muss darüber diskutieren und eventuell flexible Modelle entwickeln und prüfen.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Gewinnung potenzieller Lernender?

Der Beruf Gemüsegärtner ist immer noch zu wenig bekannt, man weiss oft nicht, was man sich darunter vorstellen soll. Oft wird der Beruf mit einem Landschaftsgärtner oder mit einem grossen Hausgarten verknüpft. Unter Landwirt oder Bauer kann sich jeder etwas vorstellen.

Welche Werte und Zukunftsaussichten bietet der Beruf?

Ein Wert ist: Der Gemüsegärtner verfolgt eine höhere Aufgabe. Er macht etwas für das Auge, aber auch für den Magen – für gute, gesunde Ernährung. Das ist ein hohes Gut, bringt aber auch Verantwortung mit sich. Der Beruf ist sehr abwechslungsreich: draussen oder drinnen, wechselndes Wetter, neue Techniken, Kontakt mit Menschen – Mitarbeitende, Kunden/Abnehmer. Der Beruf ist sehr jobsicher und es kann im Berufsleben schnell Verantwortung übernommen werden – als Vorarbeiter, Betriebsleiter, Stellvertretung – und es braucht keinen eigenen Betrieb. Zudem sind die Löhne gut, auch ausserlandwirtschaftlich verglichen.

Gibt es weitere Punkte, die die Attraktivität des Berufs erhöhen?

Wer Gemüsegärtner gelernt hat, kennt das Metier und ist für die ganze Branche wertvoll – ob als Einkäufer bei Grossverteilern oder bei Zulieferern. Auch für uns als Inforama-Arbeitgeber sind sie wertvoll. Etwa in der Beratung oder als Lehrpersonen.

Welche langfristigen Ziele haben Sie für die Ausbildung im Beruf Gemüsegärtner/in am Standort Seeland?

Die Grundausbildung Gemüsegärtner soll breit bleiben. Möglichst viele Lernenden von unterschiedlichen Betrieben und unterschiedlichen Produktionsformen möchten wir ausbilden. Was in der Landwirtschaft mit der Revision ändert, mit einer gewissen Spezialisierung in der Grundbildung, passt im Gemüsebau nicht. Wir sind schon ziemlich spezialisiert. Und man soll 16- oder 18-Jährige nicht so früh fragen: «welche Fachrichtung?» – sondern breit bleiben. Darum habe ich mich auch eingesetzt, dass es bei den Gemüsegärtnern keine Fachrichtung gibt und es bei drei Lehrjahren bleibt.

Sollten die Lernendenzahlen nicht steigen – was heisst das für die Gemüsebranche in der Deutschschweiz für die Zukunft?

Betriebe sind jetzt schon gezwungen, ungelernte Mitarbeitende aus dem Ausland oder aus anderen Branchen als Vorarbeitende einzusetzen. Die haben den fachlichen Background nicht, die Betriebe müssen es ihnen selbst beibringen. Das ist Aufwand und Fachkräfte fehlen trotzdem. Es führt vielleicht dazu, dass Betriebe noch spezialisierter werden oder stärker mechanisieren. Aber das birgt auch Gefahren. Die grösste Angst der Produzenten ist nicht der Absatz, sondern die Frage, ob in Zukunft noch genügend Mitarbeitende zur Verfügung stehen.

Ist die hiesige Gemüseproduktion deswegen gefährdet?

Das hoffentlich nicht. Aber es zwingt uns zu anderen Massnahmen. Wir haben auch schon Führungskurse angeboten für langjährige ausländische Mitarbeitende im Bereich Personalführung oder Gruppenführung. Bei Bedarf müssen wir in dieses Angebot vermehrt investieren. So wie die ganze Branche flexibel sein muss, so müssen wir als Ausbildungsstätte auch weiterhin flexibel sein.