Die SVP ist die grosse Gewinnerin der Berner Grossratswahlen vom 29. März 2026. Sie gewinnt sieben Sitze und stellt neu 51 der 160 Ratsmitglieder. Davon profitieren Kandidierende, die nicht unbedingt mit einem Mandat gerechnet haben. Auch aus landwirtschaftlicher Sicht gibt es Verschiebungen, die sich sehen lassen.

Nicht mit der Wahl gerechnet

Im Wahlkreis Oberland geht der SVP-Sitzgewinn auf Kosten der EVP: Die SVP bleibt mit neu sieben von 16 Sitzen stärkste Partei. Einer der drei neu gewählten SVP-Grossräte ist Simon Bach aus Turbach. 

Der 28-jährige Landwirt und Agronom FH aus dem Saanenland kandidierte auf der Liste SVP West und rechnete nicht unbedingt mit dem Mandat. Er holte 6195 Stimmen. «Der erste Ersatzplatz war sicherlich ein Ziel», sagt Bach. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er am Wahlsonntag in den Rat einzieht. [IMG 2]

Praxis in die Politik tragen

Gefeiert hat Simon Bach den Abend auf Tour durch sein Wahlgebiet: zuerst in Wimmis, dann in Zweisimmen, schliesslich in Saanen. Jetzt muss er sich organisieren. Betrieb, Geschäftsführung und Grossratsmandat unter einen Hut zu bringen, braucht Planung. «Ich muss einen Weg suchen, wie ich das Amt seriös ausüben kann», sagt er.

Mitgebracht hat er Erfahrung aus der Praxis: Als Geschäftsführer eines Milch- und Fleischvermarktungsprojekts hat er gelernt, dass gute Lösungen entlang der Wertschöpfungskette entstehen, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten. 

Dieses Denken will er in die Politik tragen. Landwirtschaft und Wirtschaft müssten beide stimmen. Auch für seine Generation soll es attraktiv bleiben, zu bauern.

«Das ist nicht das Wunschszenario»

Einen wichtigen Sitz für die Landwirtschaft holt im Emmental auch die FDP: Andreas Wyss aus Kirchberg. Der 47-jährige Gemeinderatspräsident und Unternehmer holte 2978 Stimmen auf der Liste Unteres Emmental. Neu in der FDP-Fraktion sitzt damit erstmals seit Längerem wieder jemand mit landwirtschaftlichem Hintergrund.[IMG 3]

Für Wyss persönlich verlief der Abend trotzdem nicht ganz nach Wunsch. Die FDP wollte im Emmental zwei Sitze holen. Daraus wurde nichts. Der Bisherige, Michael Elsaesser, Geschäftsführer der Bernerland Bank, verlor seinen Sitz mit 2814 Stimmen knapp. Unter dem Strich ein Nullsummenspiel für die FDP. 

«Das ist nicht das Wunschszenario», sagt Andreas Wyss. Die Stimmung in Burgdorf, wo die FDP den Wahlabend verfolgte, sei entsprechend etwas gedrückt gewesen.

Brückenbauer zur FDP

Organisatorisch steht Andreas Wyss vor keiner grossen Umstellung. Er muss als Selbstständiger keinen Arbeitgeber um Freistellung bitten. «Ich muss vor allem meine politischen und Verwaltungsratsämter sowie Mandate aufeinander abstimmen», sagt er. Das Jahr sei geplant, Überschneidungen möglich, aber handhabbar.

Was darf die Landwirtschaft von ihm erwarten? Wyss sieht sich als Grossrat weniger als Agrarpolitiker, denn als Brückenbauer. «Ich habe das Gefühl, dass ich einen wertvollen Beitrag leisten kann, indem ich die FDP-Fraktion informiere und sensibilisiere», sagt er.

Die Fraktion sei aktuell von der Landwirtschaft recht weit entfernt. Themen wie Raumplanung und Naturschutz seien Themen, die die Bauernfamilien stark betreffen – hier werde er im Dialog mit seiner Partei einen wichtigen Beitrag für die Berner Bauernfamilien leisten können. 

Aus landwirtschaftlicher Sicht hat die FDP im Emmental ihr Ziel also durchaus erreicht, auch wenn es die Partei selbst anders sieht.

«Kann mich bitte jemand kneifen?»

Zu den Neugewählten für die SVP gehört auch Ursula Jakob-Schmid, Bäuerin und Unternehmerin mit eigenem Modegeschäft aus Ins. «Das Ergebnis von 10 266 Stimmen macht mich stolz. Aber es ist irgendwie noch nicht real. Kann mich bitte jemand kneifen?», fragt sie am Telefon. 

Zwar habe sie sich eine kleine Chance ausgerechnet, aber ob es wirklich reiche, sei nicht abzuschätzen gewesen. Aus Selbstschutz vor einer Enttäuschung habe sie sich nur eine Position im Mittelfeld ausgemalt.[IMG 4]

Familie steht hinter Ursula Jakob-Schmid

Den Wahltag ging die Unternehmerin ruhig an. Nach der gewohnten Stallroutine holte sie Schlaf nach und machte einen Spaziergang. Auch der Abend mit dem Wahlteam sei ruhig verlaufen. Die erste Nacht als frisch gewählte Berner Grossrätin war hingegen nicht entspannt. Zu viele Gedanken kreisten der Bäuerin im Kopf herum.

Gut geplant hatte sie im Vorfeld ihre Abwesenheit auf dem Hof und im Geschäft im Falle einer Wahl. Kandidiert habe sie nur, da die Familie hinter ihr steht. Und auch die Mitarbeiterinnen im Laden haben ihre Unterstützung zugesagt. 

Sie werden die Abwesenheiten ihrer Chefin gemeinsam abdecken. Über dieses vorausschauende Planen ist Ursula Jakob-Schmid nun froh.

Christa Krähenbühl ist aus dem Häuschen

Anders sieht die Situation bei Bäuerin Christa Krähenbühl aus Oberhünigen aus. «Ich hätte niemals damit gerechnet, dass es mir reicht. Und dann auch noch mit so vielen Stimmen. Das ist unglaublich!» Die Bäuerin, die 10 400 Stimmen holte, und jetzt für die SVP im Grossen Rat sitzt, ist aus dem Häuschen. 

Hörbar ist grosse Freude, aber auch eine leichte Überforderung. Nun ist klar: «Es muss sich zu Hause etwas ändern.» Denn Krähenbühls betreiben Direktvermarktung, das Herzensprojekt der Bäuerin, wie sie erklärt. Aber: «Die müssen wir nun anders organisieren.» Wie genau, ist noch unklar.[IMG 5]

Der Wahltag verlief entspannt

Den Wahltag hat sie entspannt erlebt. Morgens sang Christa Krähenbühl mit den Jodlern in der Kirche und dann verbrachte sie Zeit mit der ganzen Familie. Abends begab sie sich nach Münsingen. Später auf dem Nachhauseweg wurde sie am Ortseingang mit einem Gratulationstuch von ihren Gemeinderatskollegen empfangen. 

«Ich fühle mich sehr getragen von meiner Wohngemeinde und der ganzen Umgebung. Das hat mich sehr berührt. Es gibt mir das Gefühl in meiner Arbeit, einiges richtig zu machen», erklärt sie.

Bei Leana Waber hat es auf Anhieb funktioniert

Zum ersten Mal kandidierte Leana Waber aus Kiesen für die SVP bei den Grossratswahlen und es hat auf Anhieb funktioniert. Die Agronomin ist beim Berner Bauernverband Mitglied der Geschäftsführung und arbeitet auf dem elterlichen Hof. 

Sie holte mit 11 148 Stimmen ein absolutes Top-Resultat. «Ich bin richtig überwältigt vom Wahlresultat», sagt Waber. «Am Wahlsonntag war ich zuerst gar nicht nervös, erst als eine Gemeinde nach der anderen ausgezählt wurde, merkte ich, dass es für einen Grossratssitz reichen könnte, dann stieg der Puls», freut sie sich. 

Im Parlament möchte sie sich vor allem für die Landwirtschaft einsetzen. «Brandaktuell ist beispielsweise das Raumplanungsgesetz 2 (RPG 2)», hält Waber fest. Hier gelte es, den Spielraum für die Landwirtschaft auszunutzen. 

«Dank meiner Tätigkeit beim Berner Bauernverband kenne ich das Dossier bestens und ich freue mich, mein Wissen in den laufenden Sessionen einbringen zu dürfen», sagt die Agronomin.[IMG 6]

Ruedi Sommer: «Ich habe mich riesig gefreut»

Freuen auf einen SVP-Grossratssitz darf sich auch Landwirt Ruedi Sommer aus Wynigen. Noch die Viehschau vom Samstag im Kopf, hatte Sommer erst noch nicht viel an den Wahlsonntag gedacht. 

«Am Sonntagmorgen rückte ich zuerst aus, um überall meine Wahlplakate zu entfernen», sagt der Landwirt. Erst am Nachmittag habe er die Wahlen mitverfolgt. «So gegen 15.30 Uhr bekam ich schon Anrufe und erste SMS, die mir mitteilten, dass es mit dem Grossratssitz reichen könnte», erzählt er. «Ich habe mich dann riesig gefreut, dass es schlussendlich funktioniert hat.»

Vorteil durch Verbandspräsidium

Denn man müsse so eine Wahl immer nüchtern anschauen. «Ich war mir sicher, dass zuerst alle Bisherigen gewählt werden und ich vielleicht auf dem fünften Reserveplatz landen werde», so Ruedi Sommer. Bei der Wahl kam ihm sicher seine Bekanntheit als ehemaliger Präsident des Emmentalischen Fleckviehzuchtverbands zugute.[IMG 8]

«Vom unteren Emmental bis zuhinterst ins Schangnau kannten sie mich, davon konnte ich sicher profitieren», hält Sommer fest. Im Parlament möchte sich der Landwirt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die KMUs und das ländliche Gewerbe einsetzen. 

«Es ist mir wichtig, dass wir im ländlichen Raum nicht nur die Arbeitsstellen sichern, sondern dass wir auch Lehrstellen schaffen können», sagt der neu gewählte SVP-Grossrat. Doch sein Herz schlage klar für die Anliegen der Landwirtschaft und hier möchte er im Parlament die Hebel ansetzen.

Viele Stimmen aus der eigenen Gemeinde

Schon etwas mehr Erfahrung im Grossen Rat hat Markus Gerber aus Bellelay. Obwohl er vor vier Jahren nicht gewählt wurde und auf den vordersten Plätzen der Ersatzliste landete, rutschte Gerber letzten November für die SVP in den Grossen Rat nach.[IMG 7]

«Natürlich war ich am Sonntag aufgeregt, denn es ist immer noch eine Wahl, und da weiss man nie, was passiert», sagt der Meisterlandwirt, der aktuell noch Präsident von Swissherdbook ist. Am späteren Sonntagnachmittag habe er realisiert, dass es reichen könnte. 

«Wichtig war für mich, dass ich auch in meiner Gemeinde viele Stimmen holen konnte. Als Gemeindepräsident hat man aber nicht nur Freunde», meint er. Im Grossen Rat werde er sich vor allem für die Teilrevision des Raumplanungsgesetzes (RPG 2) einsetzen. 

«Erstens interessiert es mich und zweitens hat das Raumplanungsgesetz massive Auswirkungen auf die Landwirtschaft und hier möchte ich mich zugunsten der Bäuerinnen und Bauern starkmachen», sagt Gerber.