«Wir sind bereit!», betonte Ricarda Demarmels, CEO von Emmi, am Milchforum der Schweizer Milchproduzenten (SMP) zum Thema Nachhaltigkeit, anlässlich der Suisse Tier letzten Freitag. Die Milchbranche habe einen klaren Absenkpfad, der Klimarechner im Projekt Klimastar Milch sei erprobt, die Branchenorganisation (BOM) habe das Tool und sei für die Marktumsetzung bereit.
Paradoxe im Milchmarkt
Sie hielt ein flammendes Plädoyer für die Stärken der Schweizer Milch und wehrte sich gegen die falschen Vorurteile gegenüber der Kuh als vermeintliche Klimakillerin. Die Klimabelastung sei im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich, die Milchproduktion hierzulande standortgerecht und wegen dem wenigen Kraftfutter nur eine geringe Konkurrenz zu Nahrungsmitteln. Schweizer Käse schneide gemäss Agroscope-Studien gegenüber solchen aus dem Ausland viel umweltfreundlicher ab, und ein umweltoptimiertes Ernährungssystem sollte auf Importprodukte verzichten.
Die Realität sehe anders aus, bedauerte Demarmels. Sie wies auf zwei Paradoxe hin: Trotz der gesundheitlichen Bedeutung liege der Milchkonsum unter den Empfehlungen der Ernährungswissenschaft und sei rückläufig. Und trotz der geringeren Klimabelastung als bei importierten Milchprodukten sinke der Marktanteil von Schweizer Milch. Das Potenzial müsse besser genutzt werden, Chancen böten Klimastar Milch und «Swissmilk Green». Kurzfristig gebe es aus verschiedenen Gründen Probleme auf dem Milchmarkt, langfristig werde Milch aber knapp und die Zukunftsperspektiven seien gut.
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Veraltete Berechnung
Schon mehrjährige praktische Erfahrung in seiner Betriebsgemeinschaft mit dem Projekt Klimastar Milch hat Markus Kretz, Milchproduzent aus Schongau und Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes (LBV). Er wies auf den gegenüber fossilen Quellen natürlichen Kreislauf von CO2-Aufnahme im Gras, Futteraufnahme und Methanausstoss der Kühe bei der Verdauung, Zersetzung von Methan in CO2 und H2O in der Luft und schliesslich wieder Aufnahme im Gras hin. Es sei unverständlich, dass die Schweizer Kuh noch immer als klimaschädlich erachtet werde, und viele Beamte kaum von den aktuelleren Berechnungen der Umweltwirkung, welche um Faktoren geringer sei als früher angenommen, zu überzeugen seien, nervte sich Kretz.
Er konnte den CO2-Ausstoss pro Kilo Milch dank Massnahmen bei der Fütterung, im Herdenmanagemengt und bei den Hofdüngern schon deutlich senken, anderseits die Lebensleistung der Kühe innert fünf Jahren fast verdoppeln. Er wies allerdings auch auf mögliche negative Aspekte hin. So müsse bei steigender Laktationszahl auch mit steigenden Zellzahlen gerechnet werden, ebenso nehme das Risiko von Stoffwechselerkrankungen zu. Nicht zu unterschätzen seien die Kosten von Futterzusätzen wie Bovaer, allerdings könne er die kritischen Medienberichte zu diesem Methanhemmer nicht bestätigen. Mehraufwände für Klimamassnahmen müssten den Bauern grundsätzlich abgegolten werden, forderte Kretz und er mahnte zu mehr Zusammenarbeit. «Nicht jede Organisation sollte sich mit einem eigenen Klimarechner brüsten.»
Anspruchsvoller Prozess
Grosse Ziele zur Reduktion von Treibhausgasemissionen setzte sich eine Allianz von 23 Schweizer Organisationen aus der Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel mit der Absichtserklärung «Klimabündnis Lebensmittel.» Der Prozess sei anspruchsvoll, und nicht alle Partner seien gleicher Meinung, zudem gebe es Zielkonflikte, meinte dazu Marc Muntwyler, Leiter Nachhaltigkeit bei Coop. Das Problem beginne schon bei den unterschiedlichen Daten und Berechnungsgrundlagen.
Coop setze allerdings klar auf die Schiene Nachhaltigkeit und der Konzern strebe bis 2050 Netto Null Emissionen an, und wolle auch zum «Zero Waste» Unternehmen werden, heisst die Lebensmittelverschwendung und den Abfall reduzieren. Umwelt sei allerdings umfassender zu verstehen als nur auf die CO2-Thematik beschränkt, dazu gehöre auch Nahrungsmittelkonkurrenz, Wasserschutz und Biodiversität.
Fokus bei den Lieferanten
Bei den Emissionen sei es so, dass nur ein bis zwei Prozent bei Coop selber anfallen, hingegen 98 Prozent bei den Zulieferern und bei Transporten. Deshalb will Coop nachhaltiger beschaffen, und deshalb mache man beim Klimabündnis mit, erklärte Muntwyler. Derzeit herrsche allerdings ein harter Preiskampf im Detailhandel. «Coop wird sicher keinen ersten fundamentalen Schritt allein machen, es geht nur gemeinsam.» Und grundsätzlich stünden die Kundenwünsche im Vordergrund. «Die Konsumenten sollen die Wahlfreiheit haben.»
SMP Präsident Boris Beuret bedauerte, dass es bei den laufenden Gesprächen im Klimabündnis noch einige Bremser gebe, und noch kein Konsens spürbar sei. Auch für ihn sind viele Fragen zur Finanzierung von zusätzlichen Klima-Massnahmen noch offen, die Bauern müssten von einem Richtpreiszuschlag profitieren können.