Der Wolf, die Moderhinke oder auch das Wetter – die Alpwirtschaft hatte letztes Jahr wiederum mit grossen Herausforderungen zu kämpfen. «Trotzdem dürfen wir zufrieden sein», bilanzierte Hans Kohler, Präsident vom Verein Alpwirtschaft Bern an deren Hauptversammlung auf dem Hondrich. So tröstete die solide Milch- und Käseproduktion doch über vieles hinweg.
Die zunehmende Wolfsproblematik auf den Alpen macht auch Kohler mehr und mehr zu schaffen: «Der psychische Druck auf die Älplerfamilien ist enorm. Ständig müssen sie in der Angst leben, dass sie ihre Tiere tot finden werden», hielt er fest. Daher stehe für ihn eine Wolfsregulierung klar im Vordergrund.
Verlorene Kühe im Nebel stifteten eine Ehe
An der Hauptversammlung wurde aber nicht nur politisiert, ein grosser Höhepunkt war die Ehrung der langjährigen Älplerinnen und Älpler. Stellvertretend für alle dürfen hier sicher Samuel und seine Frau Lisbeth Pieren aus Adelboden erwähnt werden. Sie verbringen schon den 61., beziehungsweise den 55. Alpsommer auf der Engstligenalp.
Bei ihrer Ehrung wurden sie um eine Anekdote aus ihrem Alpleben gebeten. Im breiten Adelbodner-Dialekt erzählte Samuel Pieren, wie er damals seine Frau Lisbeth gefunden hatte: «In diesem legendären Sommer kehrte das Wetter plötzlich um, es wurde kalt und nass. Wir wechselten von Nacht- auf Tagweide», so der Älpler. Die Kühe gerieten aus dem Rhythmus, kamen am Abend nicht mehr zum Stall zurück. Man musste sie suchen, stockdicker Nebel erschwerte das Unterfangen. Lisbeth, die damals bei ihrem Grossvater war, suchte stundenlang nach den Tieren. Sie kam auch zu der Hütte, wo Sami war, und fragte ihn, ob die Kühe vielleicht hier gewesen seien.
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Plötzlich lagen 60 cm Neuschnee
«Nein», meinte Sami, «aber i cha dr hälfe guge ob mir se fingä. Beide gingen darauf den Hügel hinauf, ruften nach den Tieren. Lauschten, ob sie vielleicht Glockengeläut hören würden. «Mir hisä de ändlich im Näbel o gfunge, und gfunge hani de o mi Frou», sagte Sami Pieren etwas verlegen. In all den Jahren haben er und seine Frau Lisbeth auf der Engstligenalp viel erlebt.
Zum Beispiel im Jahr 1980, als sie wegen des vielen Schnees erst am 25. Juli z Bärg konnten. «Vili hi denn gseit, mir göngi ja numä uf änä Schulreis», erzählt der Älpler. Doch im Herbst konnten sie dafür etwas länger bleiben. Oder als es im darauffolgenden Jahr am 19. Juli 1981 zu schneien begann: Plötzlich lagen 60 cm Neuschnee auf der Engstligenalp. «Da heimer scho ä zitlang müesse Hö fuerä», erinnerten sie sich beide zurück.
Neben den Älplerehrungen standen die Alptaxierungen im Vordergrund. Diese zeigten auf, welchen Aufwand die Älperinnen und Älper jeden Tag auf sich nehmen. «Die Alp in Schuss halten und immer wieder die Infrastruktur verbessern, zeugt von viel Herzblut für die Alpwirtschaft», bilanziert Hans Kohler. Damit es auf vielen Alpen nicht zur Verbuschung komme, müsse dafür viel Handarbeit erledigt werden.
«Verbuschung wird in Zukunft zur grossen Herausforderung»
Die Verbuschung könnte in Zukunft noch stärker werden, denn es gehen immer weniger Tiere z Bärg. «Das wird in Zukunft zur grossen Herausforderung», sagte auch Ernst Wandfluh, Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands (SAV). Die Alpen sind auf die Bestossung der Tiere angewiesen, daher fordert Wandfluh vom Parlament mehr Geld. «Pro Normalstoss gibt es momentan 40 Rappen, und wir möchten 2 Franken», so der SAV-Präsident. Nicht nur die Sömmerungsbeiträge gelte es zu stärken, sondern auch die Alpungsbeiträge, welche den Talbetrieben zugutekämen, wenn sie Tiere auf die Alp geben.
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Illegale TiertransporteI bereiten Sorge
Im Weiteren orientierte Ernste Wandfluh über die aktuelle Tierseuchenlage, etwa hinsichtlich der Lumpy-Skin-Krankheit. «Das ist eine Viruskrankheit des Rindes, die durch Insekten übertragen wird und bisher vor allem in Frankreich für grosse Schäden sorgte», hielt er fest. Illegale Tiertransporte hätten in unserem Nachbarland zu diesem Fiasko geführt. «Haben wir auch nur einen einzigen Fall von Lumpy Skin in der Schweiz, bedeutet das das Ende des Exports von Rohmilchkäse», warnte Wandfluh. Auch die Schlachtnebenprodukte könne man dann nicht mehr exportieren, sondern sie müssten verbrannt werden. Daher gelte es alles Mögliche zu tun, damit die Viruskrankheit nicht in die Schweiz gelange.
Die Geehrten
Diese Senninen und Sennen wurden für ihre langjährigen Einsätze geehrt: Samuel und Lisbeth Pieren, Adelboden (Alp Engstligenalp, 61 und 55 Jahre); Beat Blatter, Reichenbach (Alp Bohl, Lombach, 50 Jahre); Susi Büschlen, Adelboden (Alp Hintersilleren, 45 Jahre); Ueli Siegenthaler, Grindelwald (Alp Grindel, 45 Jahre; Alfred Kolb, Lütschental (Alp Hintisberg, 45 Jahre); Kathrin Bigler, Reichenbach (Alp Bohl, Lombach, Gfellenalp, 25 Jahre); Anita Kohler, Schattenhalb (Alp Seilialp und weitere, 25 Jahre).
Alptaxationen: Familie Linder, Gsteig b. Gstaad (Alp Topfel und Gründweid); Christop und Christina Gerber-Wittwer, Aeschlen (Alp Aeschlenalp); Andreas Hebeisen, Kirchlindach (Alp Aeschlenalpgenossenschaft).