Die Schweizer Milchwirtschaft steuert auf eine kritische Situation zu. Trotz bereits ergriffener Gegenmassnahmen liegen die Milcheinlieferungen im Dezember 2025 bis zu 10 Prozent über dem Vorjahr. Die Branchenorganisation Milch (BOM) hat deshalb am Mittwoch eine Verschärfung der Massnahmen beschlossen: Ab Februar sollen Produzenten, die mehr als 105 Prozent ihrer Vorjahresmenge liefern, für die Übermenge einen deutlich tieferen Preis erhalten als den aktuellen C-Richtpreis.

In einer Online-Marktanalyse vom 5. Januar hat die BauernZeitung die strukturelle Überproduktion als systemisches Problem beschrieben. Die BauernZeitung hat Boris Beuret, Präsident der Schweizer Milchproduzenten (SMP), zur aktuellen Krise, zu dieser Analyse und zum jüngsten Entscheid der BOM befragt. Warum braucht es drastische Preismassnahmen, wenn die SMP seit Jahren die «Erhaltung der Milchmengen» als zentrales Ziel formuliert? Ist die aktuelle Krise nicht auch ein Versagen der Selbstregulierung der Branche?

Es ist keine strukturelle Krise

«Die aktuelle Krise ist nicht auf ein systemisches, schweizerisches Strukturproblem zurückzuführen. Ein Blick über die Grenzen reicht: In Europa sehen wir eine analoge kurzfristige Produktionsentwicklung», betont Boris Beuret. Er ist überzeugt, dass es in der Schweiz mittel- und langfristig keinen Milchüberschuss geben wird. «Das 2025 geerntete Futter ist von aussergewöhnlicher Qualität, was zu einer um 10 Prozent höheren Produktion als üblich in dieser Saison führt. Die Milchgehalte sind auch aktuell sehr hoch.» Andererseits fliesse Überschussmilch aus der gewerblichen Käseproduktion in die Molkereimilch. Die Schwierigkeiten auf dem Käsemarkt im Zusammenhang mit den US-Zöllen und dem starken Franken, insbesondere gegenüber dem Dollar, und der Veredelungsverkehr verschlimmerten die Situation noch.

Auch die Rahmenbedingungen seien entscheidend: «Der Milchmarkt ist – im Gegensatz zum in der Analyse erwähnten Schweinemarkt – ein halboffener Markt. Wir importieren mehr Käse, als wir exportieren. Übrigens: Auch der Weinmarkt ist bekanntlich stark unter Druck, obwohl der Inlandanteil nur 35 Prozent beträgt. Jegliche Produktion aus der Schweizer Landwirtschaft kommt letztlich unter Druck, wenn der Grenzschutz nicht stimmt.»

Besteht kein Widerspruch?

Einerseits fordert die SMP seit Boris Beurets Amtsantritt höhere Milchpreise und mehr Investitionen, um junge Landwirte in der Milchproduktion zu halten. Andererseits empfiehlt die BOM nun dringend Produktionseinschränkungen und droht mit deutlich reduzierten Preisen bei Überlieferung über 105 Prozent der Vorjahresmenge. Wie erklärt Beuret diesen Widerspruch gegenüber Produzenten, die gerade investiert haben?

«Wir verfolgen die Situation sehr genau und arbeiten bereits seit Juli innerhalb der Branche daran, den Markt zu stabilisieren. Aktuell haben wir den gesamten Spielraum, der uns in den BOM-Fonds zur Verfügung steht, ausgeschöpft. Die Kassen sind leer, und das Problem ist, dass die Produktion weiter angestiegen ist und noch jetzt weiter steigt», so der SMP-Präsident. Die kurzfristige Botschaft sei aber noch nicht breit in der Basis angekommen. «Aus der Milchgeldabrechnung vom Dezember 2025 könnte man meinen, die Welt sei in Ordnung. Aus diesem Grund wurde als nächster Schritt die Einführung von C-Milch ab dem 1. Januar 2026 beschlossen. Diese muss per Definition auf den Weltmarkt exportiert werden.»

Freie Wahl oder Druck?

Die vorgeschlagene Massnahme sieht vor, dass Mehrmengen deutlich unter dem aktuellen C-Richtpreis (27,3 Rappen im Dezember 2025) bezahlt werden. Gleichzeitig betont Boris Beuret, dass es jedem Produzenten «freistehe», die Produktion zu kürzen, statt C-Milch zu liefern. Ist das in der Praxis wirklich eine freie Wahl, oder wird hier der Druck auf die Produzenten abgewälzt, während strukturelle Ursachen unbeantwortet bleiben?

«Wir müssen jetzt, heute, sofort handeln und den Markt stabilisieren.»

«Wir haben bereits im Oktober 2025 Alarm geschlagen und darauf hingewiesen, dass sich die Produktion stabilisieren müsste. Es muss festgestellt werden, dass man uns zwar höflich zugehört hat, aber bisher nicht richtig auf uns hören und nicht handeln wollte.» Seit Oktober habe sich die Situation noch weiter verschlechtert, sodass die Branche in den nächsten Wochen nicht mehr in der Lage sein werde, die gesamte in der Schweiz produzierte Milch zu verarbeiten, «denn trotz des guten Willens aller Akteure reichen die Kapazitäten nicht mehr aus, um diese extrem hohe Produktion, die wir seit August 2025 erleben, aufzunehmen. Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen jetzt sehr schnell und drastisch die Produktion drosseln.»

«Das wäre ein noch nie dagewesenes Desaster»

Es gebe Alternativen, etwas Milch anders zu verwerten (Kälbermast etc.) oder Schlachtkühe etwas früher aus der Produktion zu nehmen. «Der offizielle C-Milchpreis liegt jetzt bei rund 23 Rappen, Tendenz sinkend. Bei diesen Perspektiven sollte der Entscheid für die letzten 5 Prozent relativ schnell klar gefällt sein», so Beuret.

Interne Prognosen der Branche gehen davon aus, dass «wir, wenn nicht per sofort etwas unternommen wird, grosse Mengen Milch wegschütten müssen und die Buttervorräte, die derzeit bei knapp 6000 Tonnen liegen, bis zum Jahresende auf über 15 000 Tonnen ansteigen könnten. Das wäre ein noch nie dagewesenes und ein echtes, langanhaltendes Desaster für den Milchpreis und für das Einkommen der Produzenten.»

Ist diese Agenda noch realistisch?

Die SMP setzen sich für bessere Rahmenbedingungen in der AP 2030+ ein, für höhere Verkäsungszulagen und für die Stärkung der graslandbasierten Milchproduktion. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Zahlen: 126 Millionen Kilogramm Regulierungsmilch, A-Preis auf 78 Rappen gesenkt, Überproduktion von sechs bis zehn Prozent. Ist die politische Agenda der SMP vor so einem Hintergrund noch realistisch, oder müsste die Branche nicht grundsätzlich über Mengenbegrenzung nachdenken? Auf diese Frage sagt der SMP-Präsident: «Laut mehrerer internationaler Experten wird das weltweite Milchangebot die Nachfrage spätestens in drei Jahren nicht mehr decken können. Dies wurde am letzten Gipfeltreffen der International Dairy Federation erneut bestätigt.» Es wäre völlig falsch, dass die Schweizer, weil sie ein kurzfristiges Problem hätten, bereits jetzt aufgeben, resignieren und sich auf eine defensive Strategie neu orientieren würden, ist er sicher. «Eine defensive Strategie mit den offenen Grenzen, die wir aktuell haben, kann nur zu einem erhöhten Druck auf die inländische Produktion führen. Mit Marktanteilsverlusten als Folge.»

«Ich gebe zu, dass wir in Bezug auf die Stabilisierung in einer schwierigen Lage sind.»

Aus strategischen Gründen der gesunden und nachhaltigen Nahrungsmittelversorgung dürfe man auch nicht vergessen, «dass der Selbstversorgungsgrad der Schweiz mit Milch in den letzten Jahren stetig gesunken ist und dass unser Land, das Land der Milch schlechthin, in Zukunft möglicherweise nicht mehr autark sein wird. Es ist daher keineswegs angebracht, die wettbewerbsfähigste landwirtschaftliche Produktion der Schweiz zu schwächen. Ich bin der Meinung, dass wir im Rahmen der AP 2030+ die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen müssen, damit dies funktioniert. Das sollte das Ziel einer neuen Agrarpolitik sein, die auch den Anspruch hat, eine nachhaltige Ernährungspolitik zu sein.»

Vier Handlungsfelder, in denen etwas gehen muss

Boris Beuret identifiziert vier Bereiche, in denen nun gearbeitet werden müsse:

  1. Grenzschutz I: «Die Entscheidung des Parlaments, die Verkäsungszulage um 5 Rappen zu erhöhen, ist eine indirekte Verbesserung des Zollschutzes zur Erhaltung der Schweizer Produktion. Wir begrüssen diese Massnahme. Die Verkäsungszulage ist der Grenzschutz für den Schweizer Milchmarkt.»
  2. Grenzschutz II: «Verringerung des aktiven Veredelungsverkehrs und verstärkte Verwendung von Schweizer Milchrohstoffen. Das ist auch Grenzschutz pur.»
  3. Swissness und aggressivere Verteidigung der Marktanteile: Insbesondere die Importabwehr beim Käse müsse anders organisiert werden. «Wir sind viel zu wenig breit aufgestellt. Es muss mehr Dynamik in den Markt von innen heraus kommen. Damit wollen wir auch die Swissness im Inland stärken. Sowohl im Detailhandel als auch in der industriellen Verarbeitung gibt es hier ein klares Potenzial.»
  4. Resilientes Marktmanagementsystem: «Ich gebe zu, dass wir derzeit in Bezug auf die Stabilisierung des Marktes in einer schwierigen Lage sind. Wir müssen es in Zukunft besser machen. Wir müssen schnell aus dieser vorübergehenden Krise lernen, und es wird unsere Aufgabe sein, ein effizienteres Marktmanagementsystem einzuführen, das es der Milchbranche ermöglicht, in Zukunft widerstandsfähiger, also resilienter, gegenüber schwankenden Bedingungen zu sein. Klimawandel, geopolitische Instabilität – die Welt ist weniger stabil als in der Vergangenheit. Wir werden in Zukunft so schnell wie möglich ein System zur Marktregulierung und Produktionssteuerung in Zeiten der Überproduktion benötigen, das noch effizienter ist als das, was uns derzeit zur Verfügung steht.»

Wer ist betroffen?

Die Massnahme gilt ab Februar 2026 für vier Monate und betrifft primär Betriebe, die über 105 Prozent der Vorjahresmenge liefern. Welche Betriebe trifft das überproportional – die wachstumsorientierten oder die bereits unter Druck stehenden? «Die Produktion ist Anfang Januar 2026 weiter gestiegen, und die Lage ist so angespannt, dass wir keine massgeschneiderten Massnahmen für jeden einzelnen Betrieb anbieten können», konstatiert Boris Beuret.

Es brauche einfache und wirksame Lösungen. «Das muss uns bewusst sein. Insgesamt werden jedoch diejenigen Betriebe am stärksten benachteiligt sein, die ihre Produktion seit dem letzten Jahr gesteigert haben. Das ist auch logisch, denn die von ihnen zusätzlich produzierte Milch hat überproportional zur Destabilisierung des Marktes beigetragen.»

Wird graslandbasierte Produktion benachteiligt?

Eigentlich passiert jetzt das Umgekehrte von damals mit der Einführung der Kontingentierung: Wer im Vorjahr bereits viel geliefert hat, der hat jetzt Glück. Das dürften jene sein, die entweder schon früher investiert haben oder generell weniger von Jahresschwankungen abhängig sind – vielleicht, weil sie ohne viel Weiden bereits am Maximum produzieren. Besteht eventuell die Gefahr, dass man jetzt genau jene abstraft, die Milch aus Gras produzieren?

«Wir produzieren in der Schweiz primär Milch aus Raufutter. Da sind wir international top. Der Kraftfutteranteil ist bescheiden», stellt Boris Beuret klar. Es sei jetzt nicht der Zeitpunkt, um Ausnahmen und Entschuldigungen zu suchen, ergebnislose Debatten zu führen und dabei Zeit zu verlieren. «Wir müssen jetzt, heute, sofort handeln und den Markt stabilisieren. Alle müssen einen Beitrag leisten», sagt der SMP-Präsident.

Angesprochen darauf, ob Bonuszahlungen für reduzierte Lieferungen vielleicht die bessere Variante oder immerhin eine sinnvolle Ergänzung sein könnten, zeigt sich Beuret transparent: «Bei der BOM ist diesbezüglich nichts vorgesehen; zudem sind die Fonds-Töpfe da jetzt leer, aber Mooh beispielsweise wird Boni vergeben, um diejenigen zu belohnen, die sich bemühen, ihre Produktionsmenge zu reduzieren.»