Dass Landwirtinnen und Bäuerinnen sich ganz direkt und unmittelbar mit dem Detailhandel austauschen können, kommt normalerweise nicht vor. Die BauernZeitung und Lidl Schweiz wollten das ändern und brachten am Dienstag, 10. März, 25 Frauen in den Hauptsitz des Detailhändlers nach Weinfelden TG. Ganz unter dem Motto: Dialog statt Distanz.

Lidl Schweiz wollte wissen, wie der Alltag von Frauen in der Landwirtschaft aussieht. Die Landwirtinnen und Bäuerinnen sollten im Gegenzug erfahren, was im Detailhandel passiert. Die BauernZeitung organisierte diesen Tag exklusiv für Frauen aus der Landwirtschaft, weil sie mitreden und mitgestalten sollen.

«Ohne Sie wären unsere Regale leer»

Nicholas Pennanen, CEO von Lidl Schweiz, begrüsste die Frauen persönlich. Er zeigte sich beeindruckt von ihrem täglichen Engagement. «Ich sehe hier Frauen, die jeden Tag anpacken und dafür sorgen, dass wir in der Schweiz Lebensmittel produzieren können», sagte er. Dieses sei für die gesamte Lebensmittelversorgung zentral. «Ohne Sie wären unsere Regale leer.»

Pennanen betonte zudem, dass der Detailhandel auf eine enge Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft angewiesen sei. Für Lidl gehe es deshalb nicht nur darum, Produkte einzukaufen. «Wir wollen nicht einfach nur ein Abnehmer sein», erklärte er. «Unser Ziel ist es, ein langjähriger und verlässlicher Partner zu sein.»

Austausch zu Herausforderungen im Alltag

Lidl Schweiz in Zahlen

- Markteintritt in der Schweiz: 19. März 2009
- Start mit 13 Filialen
- 2 Warenverteilzentren: Weinfelden TG und Sévaz FR
- 195 Filialen in der ganzen Schweiz
- 5000 Mitarbeitende
- 2500 Produkte im Standardsortiment
- Über 300 Schweizer Lieferanten beliefern Lidl Schweiz
- Über 700 Frischprodukte im Sortiment
- Mehr als zwei Drittel der Frischprodukte stammen aus der Schweiz
- 100 % Schweizer Herkunft bei Trinkmilch und Rahm
- 100 % Schweizer Kalbfleisch
- Rund 90 % Schweizer Rindfleisch
- Über 50 % des Umsatzes erzielt Lidl mit Schweizer Produkten

Nach einem Einblick in die Unternehmensgeschichte und die Arbeit von Lidl Schweiz in den Bereichen Kommunikation, Politik, Nachhaltigkeit und Klima tauschten sich die Bäuerinnen und Landwirtinnen in Gruppen zu drei Fragen aus. Die Resultate wurden anschliessend im Plenum vorgestellt.

Die erste Frage lautete: «Was sind Ihre täglichen Herausforderungen im Alltag?» Genannt wurden viele Abhängigkeiten und viel Unvorhergesehenes (Wetter, Tiergesundheit), die notwendige hohe Flexibilität, finanziell enger Spielraum, viel Bürokratie, Fachkräftemangel, kaum Feierabend und wenig Ferien. Aufgezählt wurde auch die Herausforderung, allen Rollen gerecht zu werden, die Frauen innehaben («zehn Arme nötig»), dass einen die Geburt der Kinder für mehrere Jahre ausbremse und es deshalb schwieriger sei als für einen Mann, Karriere zu machen oder externe Ämter anzunehmen. 

Damit verbunden kam die Forderung auf, dass Männer bei der Kinderbetreuung mehr Verantwortung übernehmen sollten. Gesagt wurde auch, dass die Landwirtschaft nach wie vor eine sehr männerdominierte Welt sei. Auch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage war ein Thema, genauso wie die Feststellung, dass der Detailhandel zu wenig Schweizer Milchprodukte kaufen würde.

Dialog zwischen Landwirtschaft und restlicher Bevölkerung

Die zweite Frage lautete, wie ein besserer Dialog zwischen Landwirtschaft und Bevölkerung möglich sein könnte. Dabei wurde festgestellt, dass die Begriffe Bäuerin und Landwirtin leider oft verwechselt würden und dass es mehr Frauen in den Verbänden und Fachkommissionen brauche.

In den Medien müsse offen und ehrlich kommuniziert und generell mehr zugehört werden, was die Landwirtschaft sagt. Manchmal würden Begriffe falsch verwendet (Pestizide statt Pflanzenschutzmittel). Auch die Kooperation mit Umweltverbänden wie z. B. Birdlife wurde als eine Möglichkeit genannt.

Ausserdem müsse man dringend schon bei Kindern das Verständnis für Saisonalität wecken. Da sei auch der Detailhandel mit seinen «obligaten» Spargeln und Erdbeeren im Februar in der Pflicht.

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Was würden die Frauen als Lidl-CEO ändern?

Abo Analyse 99 Rappen fürs Brot – wer zahlt den Preis wirklich? Thursday, 13. November 2025 Der letzte Punkt knüpfte nahtlos an die Frage an, was die Frauen (anders) machen würden, wenn sie einen Tag lang CEO von Lidl Schweiz wären. Die Frauen würden mehr auf Saisonalität achten und sich von der Konkurrenz im Detailhandel abheben, indem sie keinen Spargel aus dem Ausland ausserhalb der Saison verkaufen würden. Sie würden Aktionen mehr auf die aktuelle Angebotssituation ausrichten (zum Beispiel aktuell: hohe Getreidevorräte, zu viel Milch und Butter). Dazu würden sie das billigste Brot teurer machen, und auch nicht perfekte und generell mehr nachhaltige Produkte verkaufen.

Die Landwirtinnen und Bäuerinnen würden die Öffnungszeiten reduzieren, damit es weniger Personal braucht, diesem dafür einen höheren Lohn zahlen. Sie würden keine einstöckigen Filialen mehr bauen und statt grosser Parkplätze Tiefgaragen unter die Filialen.

Sie würden als Lidl Schweiz der Branchenorganisation Milch (BOM) beitreten, mehr Werbung für Schweizer Produkte machen und die eigenen Mitarbeitenden für je einen Tag zur Arbeit auf einen Bauernhof schicken.

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Podiumsdiskussion zeigt unterschiedliche Perspektiven

Nach dem gemeinsamen Mittagessen folgte eine Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern aus Landwirtschaft, Detailhandel und Medien. Unter der Moderation von Grazia Grassi, Head of Corporate Affairs und Leiterin der Unternehmenskommunikation, diskutierten Eliane Morgenthaler (Berner Landwirtin), Peter Hinder (Geschäftsführer Thurgauer Bauernverband), Nicholas Pennanen (CEO Lidl Schweiz) und Simone Barth (Chefredaktorin der BauernZeitung).

Den Auftakt machte Eliane Morgenthaler mit einem Einblick in ihren persönlichen Weg in die Landwirtschaft. Die Leidenschaft dafür hat sie von ihren Eltern übernommen. «Bei uns zu Hause wurde immer mit viel Herzblut gebauert.» Der elterliche Betrieb ging zwar an ihren älteren Bruder, doch Morgenthaler suchte ihren eigenen Weg. Im Nachbardorf bewarb sie sich erfolgreich für einen Pachtbetrieb und führt heute eine Betriebsgemeinschaft mit ihrem früheren Arbeitgeber. Diese Zusammenarbeit sei für sie sehr wertvoll: «Dort, wo ich körperlich oder bei Maschinen an Grenzen komme, können wir uns gegenseitig unterstützen.» Ihr Partner arbeitet zwar zu 100 Prozent ausserhalb der Landwirtschaft, unterstützt sie aber im Betrieb.

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Preisdruck und Zusammenarbeit

Nicholas Pennanen, der seit zweieinhalb Jahren an der Spitze von Lidl Schweiz steht, betonte die Rolle des Detailhandels als Plattform für landwirtschaftliche Produkte. «Wir können eine Bühne bieten und Geschichten erzählen», sagte er. Lidl halte sich grundsätzlich an die vereinbarten Abnahmemengen. Wenn beispielsweise mehr Tomaten aus der Schweiz verfügbar seien, versuche man auch mehr abzunehmen – allerdings könne man dies nicht jederzeit und jede Woche garantieren. Pennanen räumte ein, dass Lidl im Vergleich zu anderen Marktteilnehmern heute noch nicht zu den Besten gehöre, wenn es um Schweizer Produkte gehe. «Aber wir können sicher besser werden.»

Simone Barth griff die Wahrnehmung der Discounter in der Landwirtschaft auf. «Sie gelten halt immer noch etwas als die Deutschen, die den Preis kaputtgemacht haben», stellte sie fest.

Nicholas Pennanen entgegnete, Lidl stehe für Effizienz und günstige Preise für Konsumentinnen und Konsumenten. «Wir sind sehr effizient organisiert», erklärte er. Man betreibe keinen Onlineshop und habe seinen Sitz bewusst im Thurgau und nicht im teuren Kanton Zürich.

«Die Schweiz ist ein Milchland»

Peter Hinder, seit Januar Geschäftsführer des Thurgauer Bauernverbands und zuvor während 30 Jahren bei Micarna und in der M-Industrie tätig, kennt sowohl die Sicht der Produzenten als auch jene der Verarbeiter. Er ist selbst Bauernsohn und stammt aus einer Viehhändler-Familie. Heute hält er 40 Schafe sowie fünf Pferde.

Zur Zusammenarbeit der Landwirtschaft mit Lidl Schweiz sagte er: «Wir hören, dass Abmachungen eingehalten werden.» Gleichzeitig sprach er strukturelle Herausforderungen an. Gerade im Milch- und Schweinemarkt stelle sich die Frage, wie schnell auf Veränderungen reagiert werden könne. «Die Reaktionszeiten sind in den letzten Jahren eher länger geworden.»

Für Hinder ist klar: «Die Schweiz ist ein Milchland.» Produkte, die nicht aus Schweizer Milch hergestellt werden, müsse man grundsätzlich hinterfragen. Zwar gebe es Fortschritte, doch in manchen Sortimenten liege weiterhin Potenzial brach. «Gerade bei Frischkäse oder Hüttenkäse sehe ich noch Luft nach oben, was Schweizer Rohstoffe betrifft.»

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Swissness und Saisonalität

Die wirtschaftliche Situation auf den Betrieben sprach Betriebsleiterin Eliane Morgenthaler offen an. Besonders in der Milchproduktion sei der Druck spürbar. «Man fragt sich schon: Will man das so noch oder nicht?» Investitionen seien vielerorts kaum mehr möglich.

Auch Simone Barth erinnerte daran, dass der Markteintritt von Aldi und Lidl in der Schweiz den Preisdruck verstärkt habe. Nicholas Pennanen widersprach nicht grundsätzlich, stellte aber die Perspektive der Konsumentinnen und Konsumenten in den Vordergrund: Diese seien froh über mehr Wettbewerb. Gleichzeitig verwies er auf die Rolle von Lidl im Export: «Wir sind heute der zweitgrösste Käseexporteur der Schweiz.» Im vergangenen Jahr habe das Unternehmen 4700 Tonnen Schweizer Käse exportiert.

Auch im Inland wolle man den Anteil Schweizer Produkte weiter erhöhen. Andreas Zufelde, Einkaufschef von Lidl Schweiz, ergänzte, dass etwa Cottage Cheese bereits seit längerem aus Schweizer Produktion stamme. Zudem arbeite man daran, eine Schweizer Alternative zu bekannten Frischkäseprodukten zu entwickeln.

Nicholas Pennanen betonte grundsätzlich die Bedeutung von «Swissness». In anderen Ländern beobachte er eine deutlich stärkere Identifikation mit der eigenen Landwirtschaft. «Franzosen und Schweden sind sehr stolz auf ihre Landwirtschaft», sagte er. Auch in der Schweiz sei für Konsumentinnen und Konsumenten klar: Je frischer ein Produkt sei, desto eher solle es aus der Schweiz stammen.

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Erdbeeren und Buttergipfeli auf Platz 1 und 2

Peter Hinder gab jedoch zu bedenken, dass die Bevölkerungsgruppe, die konsequent Schweizer Produkte kauft, kleiner werde. Gleichzeitig stelle sich die Frage nach der Saisonalität.

Der Einkaufschef erklärte, dass beispielsweise die Nachfrage nach Wein rückläufig sei, weshalb nicht mehr alle Regionen im Sortiment berücksichtigt werden könnten. Kürzlich habe man sich auch mit dem Schweizer Obstverband über saisonale Vermarktung ausgetauscht.

Hinder sieht gerade beim Thema Saisonalität grosses Potenzial – aber auch viel Aufklärungsbedarf. «Richtig saisonal sind heute eigentlich nur noch die Hofläden», sagte er.

Ein Blick auf konkrete Verkaufszahlen sorgte für einen kurzen Perspektivenwechsel: Laut Pennanen standen Erdbeeren an diesem Dienstagmorgen auf Platz zwei der meistverkauften Produkte bei Lidl. An erster Stelle lag – wenig überraschend – das Buttergipfeli am Morgen.

Simone Barth nutzte die Gelegenheit für eine zugespitzte Frage: Wenn in der Schweiz eine so gute Getreideernte wie vergangenes Jahr vorliege und die Lager voll seien, müsse man dann wirklich Teiglinge importieren – oder könne man vermehrt Schweizer Getreide und auch Schweizer Butter einsetzen? Einkaufschef Andreas Zurfelde bestätigte, dass man daran arbeite und den Anteil von Schweizer Getreide erhöhen wolle.

Appell an Bäuerinnen und Landwirtinnen: «Erhebt eure Stimme – ihr werdet gehört»

Zum Abschluss kam die Diskussion nochmals auf die Rolle der Bäuerinnen zu sprechen. Eliane Morgenthaler erzählte schmunzelnd, dass sie selbst zuvor noch nie in einem Lidl gewesen sei. Der Austausch mit anderen Landwirtinnen und Landwirten habe ihr jedoch gezeigt, dass viele ähnliche Herausforderungen hätten.

Peter Hinder sprach  die geringe Präsenz von Frauen in landwirtschaftlichen Gremien an: «Es sind noch immer sehr viele Männer in den Gremien. Erhebt eure Stimme – ihr werdet gehört.» Er zeigte sich überzeugt, dass der Anteil von Frauen in der Branche deutlich steigen werde. «Der Nachwuchs ist da.»

Simone Barth zog zum Schluss ein positives Fazit der Diskussion: «Ich nehme ganz viele Ideen mit.» Und die Vertreterinnen und Vertreter von Lidl Schweiz hielten fest, dass sie den Anlass in einem Jahr wiederholen wollen – diesmal vielleicht auf einem Bauernhof.

Zum Abschluss durften die Frauen das hochmoderne Logistikzentrum besichtigen, von dem aus Tag und Nacht die Filialen der Vertriebsregion Ost von Lidl Schweiz beliefert werden.