Der Bruder eines befreundeten Bauern stirbt. Oder der Mann der Chefin. Oder die Mutter einer Kollegin im Landfrauenverein. Todesfälle gehören zum Leben. Doch wie geht man mit Trauernden im Umfeld um? «Viele sind verunsichert. Man redet nicht gern über das Thema, obwohl es alle betrifft», weiss Anja Niederhauser. Zusammen mit Zita Langenstein schrieb sie das Buch «Der Trauer-Knigge». Dieser beinhaltet fast 90 Stichworte rund um Trauerfälle – von A wie Abschied bis Z wie Zeit. Dabei geht es nicht nur um praxisbezogene Tipps. Es wird auch beschrieben, was beim Trauern passiert.
Ein Todesfall kann eine Familie prägen
Anja Niederhauser hat Theologie und Psychologie studiert und arbeitet als selbstständige Trauercoach in Zürich. Zita Langenstein ist Bauerntochter aus Nidwalden und ausgebildete Butleresse, so nennt man weibliche Butler. Sie arbeitet hauptberuflich als Leiterin Weiterbildung bei Gastro Suisse. Beide wissen, wie sich Trauer anfühlt. «Ich hatte drei Fehlgeburten. Das war sehr schlimm. Ja, sehr schlimm», schreibt Anja Niederhauser im Buch. Sie erlebte zudem, wie der Tod ihres Halbbruders, der mit 17 bei einem Töffliunfall starb, das Leben der Familie prägte.
Ein riesiger Schmerz
Als kleines Mädchen sah Zita Langenstein, was der Tod der Grossmutter mit ihrem Vater machte. «Sehr gut erinnere ich mich, wie der starke Bauer, den nichts ins Wanken brachte, vor Trauer um seine Mutter weinte.» Sie musste später den Tod des Vaters, der Mutter, zwei ihrer Brüder und schliesslich ihres Mannes verarbeiten. «Meine grosse Liebe ist in meinen Armen gestorben. Ich habe noch nie, nie, nie einen solchen Schmerz erlitten.»
Aus Angst vor einer Begegnung die Strassenseite wechseln
Buchtipp
Zita Langenstein, Anja Niederhauser
Der Trauer-Knigge
Für Trauernde und ihre Begleiter:innen
286 Seiten, Weber Verlag
Trauerfälle im Umfeld überfordern viele Menschen, machen sie hilflos, sprachlos und lassen sie vergessen, was Courage heisst. «Immer mal wieder erzählt jemand in einer Trauergruppe, dass Nachbarn die Strassenseite wechseln, um nicht mit der trauernden Person sprechen zu müssen», sagt Anja Niederhauser. «Oder sie geben Belanglosigkeiten von sich.»
Die beiden Autorinnen schrieben das Buch, um Betroffenen konkrete Leitlinien «in einer Phase des Chaos» zu bieten: Was hilft, was hilft nicht. Denn Trauernde seien oft wütend, traurig, verzweifelt, unkonzentriert oder gar hoffnungslos. «Das gehört dazu. Es ändert nichts an der Situation, wenn man die Trauer totschweigt.»
Konkrete Angebote helfen
Zum Beispiel zum Stichwort «Begleitung»: Was unterstützt eine trauernde Person tatsächlich? Wenig hilfreich sind allgemeine Fragen wie «Kann ich etwas für dich tun?» oder Hinweise wie «Gell, du meldest dich, wenn du etwas brauchst.» Hilfreich sind konkrete Angebote («Gehen wir am Donnerstagnachmittag zusammen spazieren?») oder handfeste Unterstützung, wie etwa den tropfenden Wasserhahn zu reparieren, einkaufen zu gehen oder etwas Selbstgekochtes vorbeizubringen.
Wie drückt man Mitgefühl aus?
Eine andere Frage ist, wie man mit «Beileid» oder dem «Kondolieren» umgeht? Viele wissen heute nicht mehr, ob und wie sie ihr Mitgefühl ausdrücken sollen. Doch «das Beileid auszudrücken, hilft den Trauernden», schreiben die Autorinnen. Wenn dies persönlich nicht möglich ist, darf es auch eine Karte sein, eine E-Mail oder eine WhatsApp-Nachricht. Hilfreich kann auch sein, «sich beim Kondolieren auf eine schöne Situation mit der Verstorbenen, dem Verstorbenen zu beziehen.»[IMG 3]
Schweigen hilft nicht
«Ganz schwierig ist das Schweigen, wenn jemand gar nichts sagt», weiss Anja Niederhauser. «Viele denken auch, dass die Trauer nach zwei, drei Monaten vorbei ist und melden sich nicht mehr.» «Dranbleiben ist wichtig», bestätigt Zita Langenstein. «Wenn die trauernde Person allein sein möchte, darf sie das aber sagen und sich nach einer Pause wieder melden. Man darf einfordern, was man braucht.» Trauernden mit aufrichtigem Mitgefühl zu begegnen ist eine Empathiefrage», ergänzt Anja Niederhauser. «Den Umgang damit kann man üben. Man sollte sich dem aussetzen, auch wenn es unangenehm ist. So baut man Ängste ab.»
Möglichst selbst entscheiden, wie viel man wieder arbeiten mag
In der Landwirtschaft arbeiten viele Menschen nach einem Trauerfall bald wieder, der Stall und die Felder lassen da oft wenig Spielraum. «Das kann helfen, oder auch nicht», weiss Anja Niederhauser. «Das ist sehr individuell. Doch man darf nicht vergessen, dass man auch trauert, wenn man arbeitet, nicht nur, wenn man weint. Es ist wichtig, die Trauer anzuschauen und sie nicht wegzuwischen.»
Von schönen Erlebnissen berichten, aber ehrlich bleiben
«In vielen Bauernfamilien sind die Traditionen noch wichtiger als in der Stadt», ergänzt Zita Langenstein. Als ihr Bruder starb, kamen viele zum Kondolieren auf den Hof zur Schwägerin. «Beim Tod meines Vaters schickte uns meine Mutter zum Einkaufen, weil sie wusste, dass wir viel Besuch haben würden.»
Sie erinnert sich an die vielen Geschichten, die sie damals über den Vater hörte. «Schöne Sachen, aber auch ehrliche Aussagen wie, dass er auch ein Chnusti gewesen sei – das war echtes Teilhaben.» Es lohne sich auch, jeden Tag zumindest kurz an den eigenen Tod zu denken und hin und wieder mit den Angehörigen darüber zu sprechen. «Es hilft, wenn sie wissen, wie sie was machen sollen.»[IMG 2]
Eine Schleife als Symbol
Dem Buch liegt eine Trauerschleife bei, als Symbol, Trauer zu unterstützen und zu ihr zu stehen. «Tragen Sie sie», raten die Autorinnen. «Sie werden mit Sicherheit darauf angesprochen. Damit haben Sie die Gelegenheit zu erklären, dass Sie an einen Verstorbenen, eine Verstorbene und an seine oder ihr nahestehenden Menschen denken.»
Mehr Informationen:
www.trauerinstitut.ch
www.zitathebutler.ch