Die grosse Erleichterung war in der Küche auf dem Tenger Betrieb in Schleitheim zu spüren: Die letzte Zuckerrübenfuhr ging vor zwei Tagen in die Fabrik. «Wir sind mega froh!», strahlt Evelyn Tenger.
Die 25-jährige gelernte Landwirtin arbeitete viele Stunden, bis die letzten Rüben geladen waren. Ihre Eltern Rita und Heinz Tenger betreiben neben der Landwirtschaft ein Lohnunternehmen. Die Tochter war zuständig für die Planung der Rübenabfuhr, eine besonders anspruchsvolle Aufgabe nach dem Ausfall der Zuckerfabrik Frauenfeld. Jetzt kann sie sich entspannt zurücklehnen.
Angst, dass sie es körperlich nicht schaffe
Am 1. Januar 2027 wird Evelyn Tenger den Ackerbaubetrieb ihres Vaters übernehmen. Ein anderer Beruf kam für die Frau im schwarzen Hoodie mit den klaren, dunklen Augen nie infrage. Als es Zeit war, eine Berufslehre zu beginnen, zögerte sie jedoch. «Ich hatte Angst, dass ich es körperlich nicht schaffe.»
Sie entschied sich zunächst für eine Lehre als Detailhandelsfrau. Noch heute arbeitet sie als Aushilfe bei einer Topshop-Tankstelle im Verkauf. «Mir ist der Kundenkontakt wichtig und ich habe ihn auch gern.» Diese Freude kommt ihr bei der Arbeit im Lohnunternehmen zugute. Vorerst führt ihr Vater dieses weiter, doch geplant ist, dass die Tochter es mit der Zeit ebenfalls übernimmt.
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Administration wird immer aufwendiger
Im Büro ziert eine grössere Sammlung von Traktoren- und Landmaschinen-Modellen in allen Farben und Marken die Wände. Die Buchhaltung für den landwirtschaftlichen Betrieb, der nach ÖLN-Richtlinien geführt wird, übernimmt zunehmend Evelyn Tenger. Die dazu notwendige Arbeit wird immer aufwendiger; mit ein Grund, weshalb Vater Heinz den Betrieb schon vor seinem 65. Geburtstag übergeben will.
Die vielen administrativen Arbeiten geben auch der Tochter zu denken. «In der Landwirtschaft wird es immer komplizierter – auch von politischer Seite. Ich möchte daher den Betrieb so einfach wie möglich gestalten.» Ihr Vater wird weiterhin auf dem Betrieb helfen. In Bezug auf die Zusammenarbeit ist Evelyn Tenger zuversichtlich: «Wenn ich eine andere Idee einbringe, denkt mein Vater zuerst eine Weile darüber nach. Manchmal machen wir es dann so, wie ich es vorgeschlagen habe, oder es gibt einen Kompromiss.» Die Betriebsübergabe wird von ihrem Treuhänder begleitet.
Tenger ist zufrieden, wie sie ist
«An Evelyn sind sieben Buben verloren gegangen!», pflegt Mutter Rita zu sagen. Früher wäre Evelyn Tenger tatsächlich manchmal lieber ein Junge gewesen. «Heute bin ich zufrieden, wie ich bin», erzählt die Landwirtin mit den lackierten Fingernägeln, farblich passend zum Lieblingstraktor. Auf dem Hof musste sie sich ihren Platz erkämpfen. Ihr Vater war anfangs überzeugt, gewisse Arbeiten seien eher Männersache. «Ich sagte einfach: Zeig es mir, ich kann das auch!» Es brauchte seine Zeit, bis sie als fähig akzeptiert wurde, den Betrieb zu übernehmen.
Dass der Vater sich dann extra Zeit nahm, an ihre landwirtschaftliche Lehrabschlussfeier zu kommen, obwohl im Betrieb Hochsaison war, rechnet ihm die Tochter hoch an. Er sei kein Mann vieler Worte oder Komplimente.
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Das Traktorfahren vom Grossvater gelernt
Auf Instagram gewährt Evelyn Tenger Einblicke in den Betriebsalltag. «Schon mein Grossvater hatte immer eine Kamera im Sack», schwärmt sie lächelnd. «Wir Kinder waren viel mit ihm unterwegs. Von ihm lernte ich das Traktorfahren. Diesen Traktor haben wir immer noch, den darf man nicht verkaufen.» Am liebsten arbeitet sie heute mit grossen Maschinen. Säen, eggen oder pflügen – da ist sie im Element.
Im Hochsommer, wenn viele in ihrem Alter in der Badi und in den Ferien weilen, ist die Landwirtin drei bis vier Wochen fast ständig für den Betrieb unterwegs. Für private Vergnügungen und Beziehungen bleibt dann wenig Zeit. Sie versucht trotzdem, am Sonntag möglichst wenig zu arbeiten. «Ich brauche auch mal einen freien Tag.»
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Ein gutes Miteinander im Dorf
Der Tenger Betrieb liegt eingebettet am östlichen Ende von Schleitheim. «Ich möchte in keinem anderen Dorf wohnen», beteuert Evelyn Tenger. «Wir Bauern rufen einander an, wenn wir Hilfe brauchen. Es ist ein gutes Miteinander, kein Gegeneinander, auch in der Hochsaison im Sommer.» Neben der vielen Arbeit auf dem Betrieb ist sie Vorstandsmitglied der Landi Schleitheim und aktiv bei der Feuerwehr im Dorf. Als Präsidentin der Guggenmusik in Beringen betreibt sie auch für diese eine Instagram-Seite.
Kürzlich hörte Evelyn Tenger von einer jungen Mutter, die plötzlich starb. Das gab ihr zu denken. «Was wäre, wenn dem Papi oder dem Mami etwas geschieht? Ich muss noch so viel lernen!» Tröstlich ist für sie der Gedanke, dass die Mitarbeiter den Betrieb kennen und ihr sicher helfen würden, damit der Hof weiter bestehen könnte.
Fragen an Evelyn Tenger
Wohin möchten Sie einmal reisen und warum?
Nach Australien. Dort haben wir Verwandte und das Land gefällt mir so.
Welches Kompliment freut Sie?
«Du hast es gut gemacht.» Das höre ich selten und so freut es mich umso mehr.
Was möchten Sie sich abgewöhnen?
«Das Dreinreden, wenn andere am Reden sind.»
Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung?
«Da sind so viele. Aber meine erste Traktorfahrstunde mit meinem Grossvater vergesse ich nie.»
Wie belohnen Sie sich selbst?
«Ich gönne mir einen freien Tag und fahre weg.»