Kurz nach Mittag auf dem Tannenhof: Fünf Kälber tummeln sich um ihre Mütter. Mal stillen sie ihren Hunger an den Zitzen, mal schauen sie neugierig zwischen Mamas Beinen hervor. Das Zusammensein von Kuh und Kalb gehört hier zum Alltag: Familie Kägi, die im thurgauischen Affeltrangen einen Biomilchviehbetrieb bewirtschaftet, setzt auf die muttergebundene Kälberaufzucht (MuKa).

Dazu bleiben die Kühe während der ersten 10 Tage mit ihrem Nachwuchs in der Abkalbebox. Anschliessend gehen sie in die Herde zurück, während die Kleinen in den Kälberschlupf gleich nebenan wechseln. Dreimal am Tag kommen Mütter und Kälber für je rund 45 Minuten zusammen. Die Kühe werden täglich gemolken, da sie mehr Milch produzieren, als es für den Nachwuchs braucht. Im Alter von 10 bis 12 Wochen ziehen die Jungtiere dann in eine Gleichaltrigengruppe im Stall nebenan um. «Zu diesem Zeitpunkt haben Mutter und Kind bereits begonnen, sich voneinander zu lösen», sagt Brigitte Kägi.

Der Melkroboter stellt keine Hürde dar 

Mit der muttergebundenen Kälberaufzucht angefangen, hat die Familie 2018, als die Bäuerin in der Ausbildung zur Homöopathin war. «Während dieser Zeit begann ich, die Kuh mehr als Ganzes zu sehen», erzählt sie. «Dazu gehört neben der Milchproduktion auch ihre soziale Aufgabe, das Kalb zu pflegen und zu beschützen.» Die Familie entschloss sich, bei der Haltung fortan diesen neuen Weg zu gehen, bei dem das Tierwohl im Fokus steht. 

Vor fast 10 Jahren waren Kägis damit noch schweizweit unter den ersten, die MuKa auf ihrem Betrieb einführten. Gleichzeitig investierten sie im Zuge einer Modernisierung in einen Melkroboter. «Dieser gilt eigentlich als Hürde für diese Art der Aufzucht», stellt Brigitte Kägi fest. Dies, weil der Roboter einen Fehler melde, wenn er feststelle, dass ein Viertel des Euters leer sei, kurz nachdem das Kalb getrunken habe. 

Keine grosse Sache, wie Kägis feststellen konnten: «Das lässt sich lösen, indem nach jeder Mutter-Kalb-Zusammenkunft jemand präsent ist und die Kühe gut beobachtet», so Kägi weiter. Wolle eine Mutter sofort in den Roboter, müsse man sie hineinbegleiten und die Maschine manuell betätigen. Zu dieser Zeit sei ohnehin immer jemand vor Ort, da man kurz vorher die Kühe wieder in die Herde lasse.

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Die Kälber sind weniger anfällig für Durchfall

Nicht umständlicher, sondern einfacher sei es mit der muttergebundenen Kälberaufzucht geworden, meint Brigitte Kägi. Sie nennt die Vorteile: «So ist es nicht mehr nötig, zum Tränken extra Milch zu wärmen und anschliessend die Kessel auszuwaschen.» Stattdessen hole sich das Kalb selbst, was es braucht. Einzig der spätere Umzug in die Kälbergruppe mit Selbsttränke stellt eine kleine Hürde dar. «Der Saugmechanismus ist ein anderer, die Tiere müssen sich zuerst umgewöhnen.»

Auch die Gesundheit der Kälber habe sich deutlich verbessert. Allein schon durch die Tatsache, dass das Kalb während der ersten 10 Tage permanent mit der Mutter zusammen ist und daher in kleinen Portionen trinken kann, wird der Labmagen nie überdehnt. «Dadurch kommt es auch später weniger zu Durchfall», so die Tierhomöopathin. Wenn doch, dann weniger drastisch – und es kämen kaum Elektrolyte zum Einsatz. Die Tierarztkosten seien tiefer geworden und auch die Homöopathie brauche es seltener.

Betriebsspiegel Tannenhof

Brigitte und Bruno Kägi, Sohn Morris (Generationengemeinschaft)

Produktionsart: Bio
LN: 65 ha
Viehbestand: 70 Milchkühe, 10 Mutterkühe der Rasse Lowline, 50 Damhirsche
Ackerbau: Weizen, Mais, Kunstwiese
Vermarktung: Milch via Züger Frischkäse AG sowie via 24-h-Hofautomat, Direktverkauf Fleisch via Hofladen

Die meisten Kühe haben einen guten Mutterinstinkt

Die soziale Pflege durch die Mütter bewirke zudem, dass die Kälber insgesamt gelassener und stabiler seien. «Dies zeigt sich unter anderem daran, dass sie das Anbringen von Ohrenmarken oder das Enthornen leichter über sich ergehen lassen», ist Brigitte Kägi überzeugt. Zudem sind die Kälber laut der Bäuerin nie allein, sondern entweder mit der Mutter oder den Gleichaltrigen zusammen, daher leiden sie nicht unter Verlassenheitsängsten. Ausserdem zeigen Mutter und Kalb nach etwa 8 bis 10 Wochen kaum mehr Trennungsschmerz, wenn jeweils die Gruppenstunde vorbei ist. Manche Mütter kommen mit der Zeit nicht mehr von sich aus zum Treffen, und einige der Kälber trinken auch bei anderen Müttern.

Nebst dem Milchvieh leben auf dem Tannenhof Lowline-Mutterkühe zur Fleischproduktion. Beobachten sie Unterschiede zwischen den beiden Herden in Bezug auf das mütterliche Instinktverhalten? Brigitte Kägi verneint: «Auch Milchkühe sind fähig, zu ihren Kälbern zu schauen, selbst wenn sie ihnen seit Jahrzehnten weggenommen wurden.» Zwar reagiere nicht jede gleich, aber die allermeisten würden sich mütterlich verhalten.

Das Aufzuchtsystem kann auch für Lernende spannend sein

In den rund acht Jahren, seit sie die muttergebundene Kälberaufzucht praktizieren, haben Kägis nicht viel an ihrem System verändert. «Es hat von Anfang an gut funktioniert», sagt die Thurgauerin, die auch als Beraterin beim Verein komplementäre Tiermedizin Kometian tätig ist. Einzig die Zeit, welche Kälber und Mütter zusammen verbringen, hätten sie allmählich etwas verlängert. Gerne würden sie das Beisammensein sogar auf 24/7 ausdehnen. «Doch dafür hat es zu wenig Platz, wir müssten den ganzen Laufhof umbauen und die Liegeboxen für die Kälber aufgeben», so Kägi.

Und wie sieht es punkto Wirtschaftlichkeit aus? «Die Kälber trinken bei der Mutter insgesamt grössere Mengen an Milch an als bei ad libitum-Tränken», räumt Brigitte Kägi ein. Bis zu 17-20 Liter pro Tag seien es schätzungsweise. «Insofern führt es zu einer gewissen finanziellen Einbusse, die wir in Kauf nehmen.» Sie sei überzeugt, dass jeder Betrieb einen Weg für die muttergebundene Kälberaufzucht finde, wenn der Wille da sei. «Wichtig ist, dass alle Beteiligten mitmachen und bereit sind, aufmerksam zu beobachten.» Das System könne nicht zuletzt auch für Lernende spannend sein.

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