Eine fiese Bise zieht durch den Offenstall von Familie Etter in Unterseen BE. Aber die vielen Tränker im ehemaligen Tenn wirken munter. In den Gruppenbuchten tummeln sich die verschiedensten Kreuzungen. Bald kommt das Milchtaxi.
Kälber aus der Milchproduktion extensiv mästen
Der Biobetrieb von Etters ist speziell aufgestellt; sie melken neuseeländische Holstein-Kühe und andere Weiderassen, mästen Rinder und Ochsen auf der Weide aus und produzieren gleichzeitig Remonten.
Damit machen sie etwas, das vielen zu aufwendig und zu wenig rentabel ist: Kälber aus der Milchproduktion extensiv mästen. An der Weidemast-Tagung von Mitte Februar ertönten Stimmen, die genau darauf hinwiesen. «Wenn es so einfach wäre, würden es die meisten schon machen», so der Tenor.
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Und doch nahmen 25 Personen die Reise ins Berner Oberland auf sich, um zu sehen, wie es Etters machen. Denn in der Bioszene bewegt sich etwas: Die Branche möchte den hohen Anteil an Bio-Tränkern, die in den konventionellen Kanal gehen, schon seit geraumer Zeit verringern.
Das Abtränken auf dem Geburtsbetrieben fördern
Mit punktuellen Projekten versuchen Branchenakteure wie Bio Suisse, Bio Bern, Bio Luzern, KAG Freiland und verschiedene Stiftungen jetzt, das Problem konkret anzugehen. Einerseits durch die Förderung des Abtränkens auf den Geburtsbetrieben bis zum Alter von mindestens 120 Tagen, andererseits mit dem Mästen dieser Remonten auf Partnerbetrieben bis zu einem Alter von 999 Tagen und einem Schlachtgewicht von über 350 kg.
Damit will das Projekt von Bio Bern die Milch- stärker mit der Fleischwirtschaft koppeln. Der Anlass bei Etters diente dazu, die Milchproduzenten mit den potenziellen Mästern zu vernetzen. Und tatsächlich entstanden um die Kaffeemaschine herum Gespräche, die den Anfang einer solchen Zusammenarbeit ermöglichen könnten: «Melkst du? Willst du Remonten mästen?»
Hindernisse für die Milchbetriebe sind der Mehraufwand und die Rentabilität des Abtränkens auf dem Geburtsbetrieb. Erst, wenn ein Skaleneffekt besteht, ergebe das Sinn, so ein Fazit des Treffens.
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Arbeitsaufwand, Investitionsbedarf und Fütterung beeinflussen Rentabilität
Die Rentabilität der Remontenproduktion hängt stark vom Arbeitsaufwand, dem Investitionsbedarf und der Fütterung ab. Wie hoch ist der Arbeitsaufwand pro Kalb? Braucht es einen neuen Stall? Wie viel Milch wird gegeben, zu welchem Milchpreis und wie lange?
Etters halten die Mastremonten gemeinsam mit den Aufzuchtkälbern in bestehenden Ställen. Gefüttert wird Joghurt an Gruppentränken, ab März wird geweidet. Dadurch können die Kosten für Arbeit und Infrastruktur auf einem überschaubaren Niveau gehalten werden. Etters rechnen mit 600–700 kg Milch pro Kalb über eine Zeitspanne von 100 Tagen. Letztes Jahr verkauften sie 18 Mastremonten mit einem Durchschnittsgewicht von 230 kg und einem Alter von 230 Tagen. Die Tageszunahmen lagen bei 900 g. Mit diesen Zahlen sehe die Rechnung gut aus, sagen sie. Ergänzend zur Weide füttern sie Heu, Zuckerrübenschnitzel und Maissilage.
Wenn diese Komponenten auf einem Milchviehbetrieb nicht vorhanden seien, würde die Bilanz ganz anders aussehen, so der Einwand eines Teilnehmers.
Eckdaten Wydihof von Familie Etter
LN: 30 ha (davon 10 ha über 35 % Hangneigung in Bergzonen)
Arbeitskräfte: Betriebsleiterfamilie
Tierbestand: 37 Milchkühe, 18 Aufzucht- und Weidemastrinder, 32 Aufzuchtkälber und Mastremonten, 20 Engadinerschafe
Saisonale Abkalbung: Januar/Februar
Fütterung Sommer: Weide, wenig Heu
Fütterung Winter: Grassilage, Heu, Maissilage, Zuckerrübenschnitzel (kein Kraftfutter)
Milchproduktion 2025: 182 000kg Milch plus 1700 kg Alpkäse sowie Kälbermilch (25 000 kg)
Direktvermarktung: Alpkäse, Weidebeef und Lammfleisch
Die Wirtschaftlichkeit der Remontenproduktion hänge auch von den saisonalen Schwankungen des Tränkerpreises ab, betonte Luzi Etter.
Seit Anfang 2026 laufen die ersten Schlachtungen für das Berner Bio-Weiderind-Projekt. Die Vermarktung über das Projekt lohnt sich für Tiere, die die erwünschte Fettabdeckung von 3 oder 4 erst mit einem Schlachtgewicht von über 350kg erreichen. So lässt sich auf die Zufütterung von Mais verzichten und die Mast funktioniert auch auf einer weniger intensiven Futterbasis.
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Welche Tiere in welchen Kanal?
Mitten in den Diskussionen rund um die Vermarktung stellte sich die Frage, wie der Produzent entscheidet, welche Tiere er bei den bestehenden Handelspartnern anmeldet und welche er über das Projekt vermarktet. Die Frage ist berechtigt: Wer übernimmt die Auffuhrplanung, damit der Schlachthof verlässliche Informationen hat und entsprechend planen kann? Schliesslich würden die Viehhändler nicht «für nichts» einen gewissen Prozentsatz einkassieren, so der Einwand eines anderen Teilnehmers.
Die Anmeldung der Tiere erfolge teils relativ weit im Voraus, so ein Teil der Antwort. Stand heute ist es im Rahmen des Projekts im Kanton Bern so, dass alle Anfragen über die Projektleiterin Regula Etter laufen. «Aber zehn Jahre lang kann ich das schon nicht machen», sagte sie mit einem Lächeln.
Auch im Projekt brauche es eine gute Planung und verlässliche Partner, betonte Regula Etter. «Wir sind jedoch zeitlich etwas flexibler, da die Metzgerei, mit der wir zusammenarbeiten, keine Abzüge für Gewicht und Fettklasse 4 macht. Zudem ist das maximale Alter mit 999 Tagen höher angesetzt als bei den andern Mastprogrammen.»
In einem nächsten Schritt will Bio Bern die Schlachtungen koordinieren, weitere Metzgereien ins Boot holen und zusätzliche Absatzkanäle erschliessen.
Berner Bio-Weiderind-Projekt
Ziel:
- Kälber von Milchbetrieben werden auf Bio-Weidebetrieben gemästet
- Absatzkanal für schwere Weideochsen und Rinder
- Kälber aus der Milchproduktion werden auf dem Geburtsbetrieb abgetränkt und auf einem Berner Bio-Weidebetrieb mit 100 % Raufutter, hauptsächlich Wiesen- und Weidefutter, ausgemästet
- Schlachtung in Thun BE und Vermarktung über eine regionale Metzgerei an die Gastronomie zu einem Fixpreis ohne Gewichtsabzüge