Unmittelbar am Dorfrand von Oberwil liegt der Hof Bröchli von Andrea und Franz Iten-Lingg. Ein stark frequentierter Spazier- und Veloweg führt gleich am Betriebsgelände vorbei, entsprechend gross ist das Potenzial in der Direktvermarktung. Dieses Potenzial wird auf dem Bröchli-Hof schon seit 100 Jahren genutzt. «In alten Dokumenten ist aufgezeichnet, dass hier schon im Jahr 1920 Obst und Schnaps direkt vermarktet wurden», erklärt Franz Iten.
Erfolg mit einfachem Marketing
Die Eltern von Franz Iten übernahmen den Hof Bröchli, ein Pachtbetrieb der Stadt Zug, im Jahr 1981. Seine Mutter habe lange Jahre einen kleinen und bedienten Hofladen geführt. Als Franz Iten die Pacht 2005 übernahm, stellte er wegen der langen Präsenzzeiten auf Selbstbedienung um. Als dann 2009 nach der Heirat seine Frau Andrea Iten-Lingg auf den Hof kam, wurde die Direktvermarktung ausgebaut und professionalisiert. Im Gebäude, wo sich früher Waschküche und Rossstall befanden, wurden eine Verarbeitungsküche und ein Kühlraum erstellt. Das Angebot wurde laufend ausgebaut. Heute finden Kunden hofeigene Produkte wie Milch und Most, beides aus dem Automaten, Obst, Honig, Eier, Sirup und Selbstgebackenes im heimeligen Verkaufsraum. Ergänzt wird das Sortiment mit Käse und saisonalen Produkten wie Beeren von anderen Höfen. Dank ihrer für diesen Betriebszweig perfekten Lage läuft der Hofladen auch ohne grosses Marketing. Einzig über Facebook und eine WhatsApp Broadcast mit 250 Kunden wird auf aktuelle Angebote aufmerksam gemacht.
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Netz gegen KEF und Passanten
Auch heute noch setzen Andrea und Franz Iten-Lingg auf Selbstbedienung. «Bisher ging das für uns auf, unsere Kunden sind mehrheitlich ehrlich», erklärt Andrea Iten-Lingg. Ein Grund, dass bisher kaum Produkte mitgenommen werden, ohne zu bezahlen, sei sicher, dass oft jemand in der Verarbeitungsküche neben dem Verkaufsraum anwesend sei. Dass es aber auch im reichen Kanton Zug Menschen gibt, die sich ohne zu bezahlen an Hofprodukten bedienen, zeigt sich bei den Hochstamm-Kirschbäumen der Familie Iten. «In unteren Bereichen der Bäume müssen wir nie Kirschen pflücken, diese werden von Passanten direkt ab Baum gegessen», erklärt Franz Iten. Viele Menschen seien heute der Meinung, Landwirtschaftsland und die darauf wachsenden Produkte seien Allgemeingut. Entsprechend sei die Volleinnetzung der 40 Aren grossen Kirschen Anlage nicht nur ein Schutz vor der Kirschessig-Fliege (KEF), sondern verhindere auch den Eintritt von Passanten.
Hochstamm-Kirschbäume werden gefällt
Das Problem mit dem Kirschen-Essen direkt ab Baum wird allerdings sowieso bald Geschichte sein: Franz Iten wird seine letzten 20 Hochstamm-Kirschbäume fällen. «In den letzten 15 Jahren hatten wir bloss drei Jahre, in denen wir nicht von der KEF betroffen waren.» Pflanzenschutzmittelbehandlungen gegen die KEF an Hochstammbäumen sei so nahe an Spazierwegen kaum mehr durchführbar. Seine Anlagen behandelt er meist in den sehr frühen Morgenstunden.
Letzter Milchbauer im Dorf
Die Bedeutung der Betriebszweige habe sich in den vergangenen Jahren verändert. «Früher waren die 24 Milchkühe am wichtigsten, heute ist das Einkommen aus der Direktvermarktung wegen der höheren Wertschöpfung bedeutend grösser.» Obwohl er mittlerweile der einzige Milchbauer im Dorf ist, möchte der 52-Jährige an der Milchwirtschaft festhalten. Dafür müssten aber in den kommenden Jahren im Anbindestall Investitionen getätigt werden.
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Kaum ein Durchkommen an schönen Wochenenden
Andrea und Franz Iten-Lingg führen ihren Hof mit der Unterstützung eines Lernenden. Dazu können sie vor allem während der Tafelkirschen-Ernte auf eine schöne Zahl von Aushilfen zählen. Während der Chriesi-Zeit läuft auf dem Hof entsprechend viel. Noch mehr Betrieb herrscht aber an schönen Wochenenden, an denen eine grosse Zahl an Spaziergängern und Velofahrern unterwegs ist. «Da müssen wir gar nicht an Arbeiten wie Silieren oder Heuen denken, es gäbe für die Traktoren kaum ein Durchkommen», so die 42-jährige Andrea Iten-Lingg, welche seit mehreren Jahren auch im Vorstand der Zuger Bäuerinnen mitarbeitet.
Berge und Musik
Das Betriebsleiter-Paar hat sich mit der Situation arrangiert. Sie bieten Passanten im Selbstbedienungs-Hofladen Kaffee und Kuchen an und der einladende Sitzplatz mit Zwerghühnern und Ziegen laden zum Verweilen ein. Andrea und Franz Iten-Lingg selber sind an solch hektischen Tagen vielfach weg vom Betrieb. Sie gehen auf eine Bergtour, steigen auf das Velo oder besuchen einen Volksmusik-Anlass. «Wir erklären den Menschen zwar gerne die Landwirtschaft und schätzen den Kontakt mit unseren Kunden. Aber an den Wochenenden ist der Andrang so gross, da kämen wir nicht mehr von den Passanten weg», so Franz Iten.
Smart Food Zug fördert Direktvermarktung
Das vom Kanton Zug initiierte Projekt Smart Food Zug möchte die nachhaltige Selbstversorgung mit lokalen Lebensmitteln steigern. So werden die im Kanton Zug häufig anzutreffenden Hofläden unterstützt. Auf der Smart Food Zug Homepage ist dazu beispielsweise eine Übersichts-Karte aller Zuger Hofläden zu finden. Ein weiteres Teilprojekt ist «Praktischer Unterricht auf dem Feld». Dieses verfolgt das Ziel, den angehenden Köchinnen und Köche vom gewerblich-industriellen Bildungszentrum Zug (GIBZ) zwei Praxishalbtage innerhalb ihrer Ausbildung auf einem Landwirtschaftsbetrieb zu ermöglichen. Damit wird den Köchinnen und Köche die Natur näher gebracht und das Theoriewissen mit der Praxis verlinkt. Kühe und Schweine können so authentisch in ihrer Stallumgebung erlebt werden, auch sollen die zukünftigen Gastgeber für die Herausforderung der Produktion wie optisch nicht ganz so perfektes Gemüse sensibilisiert werden. Im Sommer 2024 fand bereits das Praxismodul «pflanzliche Lebensmittel» mit drei Klassen auf dem Feld statt, im Herbst 2024 folgten dann die Stallbesuche, mit dem Praxismodul «tierische Lebensmittel». Im Jahr 2025 gehörten diese beiden Module bereits zum festen Bestandteil des Ausbildungsplans am GIBZ.