Ruedi Frehner ist seit bald einem Jahr Präsident des Schweizerischen Original-Braunvieh-Zuchtverbandes. Seine Rasse weist seit Jahren, entgegen der Tendenz vieler anderer Rinderrassen in der Schweiz, steigende Herdebuchtierzahlen auf. Zeit, beim Viehzüchter aus Schwellbrunn (AR) nachzufragen.
Original Braunvieh gilt als robust und widerstandsfähig, aber auch als gemütlich und teils sogar stur. Wie erleben Sie die Rasse in Ihrer täglichen Arbeit?
Ruedi Frehner: Mir machen meine Original-Braunviehtiere bei der Arbeit im Stall jeden Tag viel Freude. Dank ihres ruhigen Charakters kann ich mein Jungvieh trotz Hörnern problemlos im Laufstall halten. Zahme und zutrauliche Tiere erleichtern die tägliche Arbeit und vermindern auch die Unfallgefahr für Mensch und Tier. Allerdings ist ruhiges Vieh aus meiner Sicht weniger eine Frage der Rasse, das ist mehr von der Betreuung abhängig. Auf unseren Schweizer Familienbetrieben mit der meist noch überschaubaren Tierzahl wird grossmehrheitlich sehr gut zum Vieh geschaut.
Die Kosten pro Stallplatz sind in der Schweiz hoch. Warum stehen bei Ihnen OB-Tiere, wo doch eine reine Milchrassenkuh fast die doppelte Jahresmilch-Menge produzieren würde?
Wir haben auf unserem Bergbetrieb auf 1000 m ü. M. nur Grünland, entsprechend können keine Ackerkulturen angebaut werden. Ich möchte aber dennoch eine Kuh im Stall, die Milch und Fleisch möglichst aus betriebseigenem Grundfutter produziert. Ich setze Kraftfutter nur zum Ausgleich eines allfälligen Energie- oder Eiweiss-Mankos ein. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis meiner Originalen überzeugt mich. 10 000er Leistungen machen an meinem Betriebsstandort keinen Sinn, denn solche Leistungen wären nur mit viel betriebsfremdem Futter realisierbar und führen vielfach zu hohen Tierarztkosten. Das erkennen immer mehr Milchbauern, entsprechend gross ist die Nachfrage nach unserer Zweinutzungsrasse. Zudem züchten viele Bauern mit leistungsstarken Milchrassen wieder vermehrt auf robuste Tiere und besamen mit OB-Stieren.[IMG 2]
Nachdem in den 1980er-Jahren die OB-Züchter noch vielfach belächelt wurden, ist das Original Braunvieh heute eine der wenigen Rassen in der Schweiz, die in den letzten Jahren bei den Herdebuchtierzahlen einen Zuwachs erzielen konnte. Macht Sie das stolz?
Ich bin sogar sehr stolz, Züchter dieser ursprünglichen Schweizer Rasse zu sein. Auch die Arbeit als Verbandspräsident macht mir Freude. Dazu bin ich auch dankbar, dass unsere Züchter in den schwierigen Phasen in den 1980er- und 1990er-Jahren dem Original Braunvieh trotzdem treu blieben, unseren Original-Braunvieh-Zuchtverband gründeten und sich auch auf Verbandsebene für Verbesserungen einsetzten.
«Ich achte beim Jungstierankauf auf bewährte Mutter- und Vaterlinien.»
Was sind die Gründe für diese Erfolgsgeschichte?
Da gibt es mehrere wichtige Punkte. Einerseits sind da die vielen Vorzüge der Rasse: OB ist robust, überzeugt in Fitness- und Fruchtbarkeitsmerkmalen und ist darum insbesondere auf Grünland- und Bergbetrieben standortgerecht. Dadurch ist sie auch von der Wirtschaftlichkeit her für eine grosse Zahl von Betrieben die richtige Kuh. Zudem hat die OB-Kuh in den vergangenen 20 Jahren züchterisch enorme Fortschritte gemacht. Dies einerseits im Exterieur, insbesondere in der Euterposition. Andererseits aber auch in der Leistung. Die Milchleistung ist in den letzten Jahren stetig leicht gestiegen und die Bemuskelung konnten wir erhalten. Ebenfalls ausschlaggebend für den Erfolg unserer Rasse ist der grosse Einsatz unserer Züchter. Sie setzten sich an Regional- und Kantonalschauen dafür ein, dass es separate Abteilungen und Misswahlen für das OB gab. Dadurch wurde unsere Rasse sichtbarer, und auch Züchter von anderen Rassen wurden auf die Vorzüge vom OB aufmerksam.
Die Zucht auf Milch- und Fleischleistung zeigt eine negative genetische Korrelation. In welche Richtung geht die aktuelle Zucht des Original Braunviehs?
Beide Leistungsmerkmale haben bei unserer Zweinutzungsrasse Platz. Aber es ist schon zu erkennen, dass Betriebe mit sehr milchigen OB-Tieren etwas an Bemuskelung verlieren. Es ist züchterisch sicher anspruchsvoll, hier die Balance und das Optimum für den eigenen Betrieb zu finden. Je stärker man bei unserer Rasse in Richtung hohe Milchleistung geht, desto anspruchsvoller wird das Management.
Also ging in den letzten Jahren zu viel Fleisch verloren?
Nein, das glaube ich nicht. Wenn das auf dem eigenen Betrieb so ist, sollte der Betriebsleiter sein Zuchtziel entsprechend anpassen, die Genetik dazu findet er beim Original Braunvieh. Das zeigt auch ein Blick in das aktuelle KB-Angebot, wo eine schöne Zahl der ausgewerteten Stiere einen positiven Index Fleisch aufweisen. Aber wir brauchen auch extreme Stiere, also beispielsweise Genetik mit viel Milch, um in der Zucht vorwärtszukommen. Diese müssen aber gezielt eingesetzt werden.
OB ist trotz Wachstum immer noch eine kleine Rasse, entsprechend gross ist die Gefahr, dass der Inzuchtgrad ansteigt. Wie begegnen Sie dieser Herausforderung?
Im Gegensatz zu grossen Milchrassen ist der Inzuchtgrad beim OB immer noch tiefer. Aber es stimmt, wir müssen auf dieses Merkmal achten. Jeder einzelne Züchter ist selbst in der Verantwortung, den Inzuchtgrad bei Anpaarungen im Auge zu behalten. Das Angebot der KB-Organisationen ist breit genug. Zudem haben wir OB-Züchter auch die Möglichkeit, über den Natursprung noch wenig verbreitetes Blut in unsere Herde zu bringen.
Gerade Mutterkuh-Bauern würden gerne mit Hornlos-Genetik arbeiten. Auch im Export von Samendosen gäbe es Potenzial von OB-Genetik mit dem Hornlos-Gen. Wie sieht die aktuelle Situation aus?
Wir sind sehr froh, werden unsere Tiere auch aus Mutterkuhbetrieben stark nachgefragt, entsprechend grosse Beachtung geben wir dem Merkmal Bemuskelung im Gesamtzuchtwert. In unserer Rasse wurde bisher noch kein Stier entdeckt, der die genetische Hornlosigkeit in sich trägt. Um die Hornlosigkeit in unsere Rasse einzubringen, müssten wir das Herdebuch öffnen. Das ist aus meiner Sicht für die grosse Mehrheit der OB-Züchter keine Option. Es gibt nur ganz wenige OB-Mutterkuhbetriebe, die ihren ganzen Bestand rassenrein anpaaren, viele kreuzen ihre Tiere mit Fleischrassen-Genetik ein. Wünschen sich diese die genetische Hornlosigkeit in ihre Zucht, dann ist ROB, sprich Rückkreuzungskühe, eine gute Alternative.
Warum sträubt sich der OB-Verband derart, Tiere mit einem ganz tiefen Fremdblut-Anteil ins Herdebuch aufzunehmen? Ist das Thema Reinrassigkeit nicht einfach eine Strategie des OB-Verbands, um seine Rassentiere rarer zu machen und dadurch von höheren Preisen profitieren zu können?
Wie schon erwähnt, ist aus meiner Sicht die Öffnung des Herdebuchs bei unserem Verband chancenlos. Wir sind es unseren Vätern und Vorfahren auch schuldig, zu dieser Reinrassigkeit Sorge zu tragen, denn sie haben damals enormen Durchhaltewillen aufbringen müssen, um das Original Braunvieh erhalten zu können. Wenn die Treue zu einer Rasse heute mit höheren Marktpreisen belohnt wird, ist das aus meiner Sicht positiv.
«Ich bin überzeugt, dass es bei unserer Rasse kaum Fremdblut gibt.»
Aber ist die Reinrassigkeit überhaupt realistisch? Bevor vor rund 60 Jahren Genetik von amerikanischen Brown Swiss (BS) in die Schweiz importiert wurde und die Braunviehrasse in die Zuchtrichtungen OB und BS aufgeteilt wurde, gab es in den Schweizer Ställen auch verschiedene Schläge, und sicher wurde auch die eine oder andere Paarung mit einem nicht reinen Braunvieh-Stier gemacht. Entsprechend wäre wohl auch bei den heutigen sogenannten reinen OB-Tieren Fremdblut zu finden?
Als reine OB-Tiere Ende der 1980-er Jahre entsprechend gekennzeichnet wurden, wurden deren Abstammungen bis in die 1960-er Jahre überprüft, um Fremdblut ausschliessen zu können. Vor dieser Zeit waren Einkreuzungen mit fremden Rassen bei den Viehzüchtern sowieso stark verpönt, so durften ja auf vielen Alpen nur rassenreine Tiere gesömmert werden. Aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass in unserer Rasse kaum Fremdblut zu finden ist. Ausnahmen werden mittlerweile dank der Genetik erkannt.
Apropos Genetik, die OB-Züchterschaft gilt ja gegenüber der genomischen Selektion als ziemlich kritisch. Dennoch ist der Jungstier-Anteil bei den Besamungen bei Ihrer Rasse mit fast 75 Prozent enorm hoch. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
Der Jungstier-Anteil ist tatsächlich sehr hoch. Auch bei diesem Punkt ist jeder Züchter selber in der Pflicht. Die Strategie, auf ausgewertete Genetik mit einer hohen Sicherheit zu setzen ist für die Zuchtbetriebe sicher auf lange Sicht nachhaltiger. Aber auch für die Rasse selber kann der übermässige Einsatz von einzelnen Jungstieren ein Risiko sein. Versagt ein Jungstier, von dem schon vor dem Nachzuchtresultat mehrere tausend Besamungen gemacht wurden, kann das die Rasse in ihrer Entwicklung zurückwerfen. Wir arbeiten darauf hin, dass OB-Jungstiere, welche bereits genügend Erstbesamungen für ein Nachzuchtresultat haben, von den Genetikanbietern nicht mehr beworben werden. Bei den Brown Swiss wurde dieses Vorgehen bereits erfolgreich umgesetzt.
Und wie stehen Sie persönlich zu den genomischen Zuchtwerten von Jungstieren?
Für die Absicherung der Abstammung und die Bestimmung von Erbfehlern ist die Genomik sehr wertvoll. Die Sicherheit von genomischen Zuchtwerten ist zwar höher als die der alten Abstammungszuchtwerten. Dennoch achte ich bei Anpaarungen oder dem Ankauf eines Jungstieres mehr auf bewährte Mutter- und Vaterlinien. Für mich ist es aussagekräftiger, wenn die Ahnen eines Jungstieres über dem Betriebsdurchschnitt liegen, als wenn seine eigenen Zuchtwerte sehr hoch sind. Ich möchte zudem wissen, auf was für Betrieben und wie die Stierenmütter gehalten werden. Das geht nur, wenn man aktiv in den Ställen unterwegs ist. Mein aktueller Zuchtstier Dimbo hat beispielsweise nur plus 73 Kilogramm Milch. Ich bin aber überzeugt, dass seine Nachkommen einmal gut Milch geben werden. Denn einerseits ist sein Vater Menovin ein starker Milchvererber, andererseits sind auch auf der Mutterlinie leistungsstarke Tiere zu finden.
Aber auch Ihr eigener Natursprungstier ist ein ungeprüfter Jungstier. Auch dieser kann in seinem Nachzuchtresultat enttäuschen.
Wir Natursprung-Züchter sind uns dieses Risikos bewusst, die meisten arbeiteten wohl auch schon mit Natursprunggenetik, die später enttäuschte. Der Unterschied ist, dass bei einem Natursprung-Stier das Risiko auf dem Betrieb bleibt. Bei einem stark eingesetzten KB-Jungstier besteht für die ganze Rasse ein Risiko. Das müssen wir OB-Züchter im Hinterkopf behalten.
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