Als weisse Flecken marschieren die Legehennen am Hang hinter dem Haus über ihre Auslauffläche, rundherum leuchten die Hügel sattgrün. Der Betrieb von Andrea und Bruno Stadelmann liegt in der voralpinen Hügelzone in Willisau LU und die weissen Hennen spielen hier die Hauptrolle. «Wir arbeiten daran, neue Ideen umzusetzen», sagt der Geflügelfachmann, der den Hof in vierter Generation führt.Für ihn ist klar: «Durch die Raumplanung hat unser Betrieb, so wie er heute ist, keine Zukunftsperspektiven.»
«Echte Schweizer Teigwaren» im Geschenkabo vom Hof
Innovationsgeist haben die Willisauer bereits insbesondere in der Vermarktung ihrer Eier bewiesen, die sie in Form selbst gemachter Teigwaren als Firmengeschenke anbieten. Geschäftsleute können bei Stadelmanns «Rund ums Ei GmbH» ein Abo abschliessen. Die Firma kümmert sich sodann um die Geschenke inklusive Lieferservice.
Der Hartweizen und die Kräuter für die Pasta stammen ebenfalls aus der Region – «echte Schweizer Teigwaren», resümiert Bruno Stadelmann. Auch das Fleisch seiner Mutterkühe vermarktet er als Mischpakete teilweise direkt. Durch Anlässe auf dem Bauernhof wie z. B. Schulbesuche trägt er zur Vermittlung von Wissen über die Herkunft von Lebensmitteln bei.
Hauptsächlich steht natürlich das «Ei-Wunder» im Mittelpunkt, wie er es nennt. «Es ist ein einzigartiges Naturprodukt, enthält alle lebensnotwendigen Nähr- und Mineralstoffe, ist bekömmlich und perfekt für völlig unterschiedliche Verwendungen geeignet», betont Stadelmann. «Ausserdem ist die tiergerechte Produktion nachhaltig und natürlich.»
Wegen des Markts nicht so nachhaltig wie gewünscht
Während er am Esstisch sitzt, dringt das leise Gackern der Legehennen durch die offene Terrassentür. Bruno Stadelmanns Tierhaltung ist BTS- und Raus-zertifiziert, er vermarktet einen Teil seiner Produkte direkt, ist sozial engagiert und fördert die Biodiversität mit extensiven Flächen sowie Hecken. Und doch spricht er von «dem Schmerz, nicht so nachhaltig arbeiten zu können, wie man möchte. Weil es der Markt nicht honoriert.» Nachhaltigkeitsleistungen – in allen Dimensionen – sollten seiner Meinung nach messbar sein, damit sie angemessen entschädigt werden können.[IMG 3]
Sein Ziel: «Lebensmittel mit Inhalt». Der Nährstoffgehalt von Lebensmitteln habe in den letzten Jahrzehnten markant abgenommen. «Das ist wissenschaftlich nachgewiesen, das muss man nicht diskutieren. Aber es darf uns nicht egal sein.»
Umfassende Nachhaltigkeit des Betriebs glaubhaft messen
Um dem Zielkonflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und umfassender Nachhaltigkeit zu entkommen, setzt Bruno Stadelmann grosse Hoffnungen in Agrimetrix. Dieses digitale Werkzeug wurde vom deutschen Bio-Landwirt Christian Hiss und seinem Team entwickelt, es basiert auf rund 350 Kennzahlen. «Bemerkenswertist, dass Christian mit seinem Team vor 15 Jahren damit begonnen hat. Damals hat man kaum von Nachhaltigkeit gesprochen», sagt Stadelmann. Es handle sich bei Agrimetrix also nicht um ein Trendprodukt, das aus der CO2-Diskussion entstanden ist.
Es werden etwa Leistungen für Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität, Wassermanagement, aber auch die Stärkung regionaler Wirtschaftsräume, faire Löhne oder Diversität im Team einbezogen. Derzeit läuft die Anpassung an Schweizer Verhältnisse. «Man muss ganz klar sagen: Zurzeit wird vehement administrative Entlastung gefordert, da wird man mit solchen Tools sicher nicht mit offenen Armen empfangen», ist sich der Willisauer bewusst. Agrimetrix habe aber das Potenzial, die Landwirtschaft in der Kommunikation zu unterstützen. «Es reicht nicht, lediglich zu sagen, dass wir gut sind. Wir brauchen praktische Werkzeuge, die uns aktiv unterstützen können.» Die erste Dateneingabe dauere je nach Betrieb fünf bis acht Stunden, in den Folgejahren reduziere sich der Aufwand um die Hälfte. Dafür erhält der Betrieb eine detaillierte Analyse zum Ist-Zustand, die Positives und mögliches Verbesserungspotenzial zeigt.
Der Geflügelfachmann stellt seinen Laptop auf den Tisch und scrollt langsam durch das, was Agrimetrix als Resultat liefert. Es ist ein Bericht, in dem Kacheln die Leistungen je nach Bereich in verschiedenen Farben darstellen.
Betriebsspiegel der Familie Stadelmann
Bruno und Andrea Stadelmann-Erni mit Anja, Ilona, Lynn und Sina, Willisau LU
LN: 12 ha Wiesen und Weiden
Tierbestand: 8200 Legehennen, 12 Mutterkühe mit Kälbern
Weitere Betriebszweige: Geschenkabo-Service mit selbstgemachten Eier-Teigwaren
www.rundumsei.ch
Punkte fürs Tierwohl, Potenzial bei der Verwertung
Grün wie die Wiesen und Weiden rund um den Betrieb leuchten die Kacheln beim Tierwohl. Ebenso schneiden Stadelmanns gut ab im sozialen Bereich. Hier punkten sie mit Wissensvermittlung oder Entlöhnung. «Familienangestellte und Aushilfen werden fair bezahlt», sagt Bruno Stadelmann. Agrimetrix berücksichtigt weiter, wie stark der Betrieb in der regionalen Wirtschaft verankert ist. Für einen Grossteil von Stadelmanns Eiern ist die Abnahme durch Verträge mit dem Grosshandel gesichert, die Direktvermarktung spielt eine kleinere Rolle.
Die Legehybriden eignen sich – im Gegensatz zu den Zweinutzungsrassen in der Mutterkuhherde – nur bedingt zur vollständigen Verwertung. Dass der Willisauer beim Rindvieh kein Kraftfutter einsetzt, bringt hingegen mehr Grün in die Kacheln.
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Das Einzigartige ist die Monetarisierung bei Agrimetrix
In der Schlussbilanz gibt Agrimetrix jeder Leistung einen monetären Wert, der zeigt, was die jeweilige Umsetzung kostet. «Die Monetarisierung ist das Einzigartige an Agrimetrix», betont Bruno Stadelmann. Sie richtet sich nach den entstandenen Sach- und Personalkosten, die nachhaltiges Wirtschaften verursachen. Man spricht nicht von schwer messbaren Wirkungen, sondern ausweisbaren Leistungen.
Wer in eine nachhaltige Landwirtschaft investieren will, soll sich daran orientieren können, findet der Geflügelfachmann. Denn hinter Agrimetrix stecke ein durchdachter Prozess mit Gesellschaft, Wissenschaft und landwirtschaftlicher Praxis, um das Berechnungsmodell glaubwürdig zu machen.
Bruno Stadelmann ist überzeugt, dass es ein Bedürfnis gäbe, in eine nachhaltige Produktion zu investieren – sei es von Privaten, Firmen oder Stiftungen. «Dazu müssen allerdings noch die nötigen Strukturen geschaffen werden», ist er sich bewusst.
Daran arbeitet derzeit die Regiowert Treuhand AG. Das hat auch eine politische Komponente: «Agrimetrix liefert die Evidenz für die AP 30 +», heisst es bei Regiowert. «Meine Überzeugung ist, dass wir neben den agrarpolitischen Massnahmen und Direktzahlungen mehr Mut und Weitsicht entwickeln und in den Verkäufermodus wechseln müssen», bemerkt Stadelmann. Denn jene Personen und Institutionen, die der Nutzen einer nachhaltigen Landwirtschaft interessiert, könnten in Zukunft die Zielgruppe der Landwirt(innen) sein.
«Dabei geht es darum, ihre Bedürfnisse zu verstehen und mit dem richtigen Werkzeug wie Agrimetrix und dem Aufbau der richtigen Strukturen und Prozesse diese Entwicklung zu unterstützen.»
Für den Betrieb in Willisau sind die bunten Kacheln aber auch eine Entscheidungshilfe.
«Bis alles funktioniert, bin ich pensioniert»
Bruno Stadelmann schätzt es, so Stärken und Schwächen sehen zu können und sich Überlegungen zur Weiterentwicklung zu machen. Agrimetrix sei deutlich umfassender als andere Nachhaltigkeits- oder Klimarechner und könnte auch gegenüber Behörden hilfreich sein, wenn es um Bewilligungen geht, hofft er. Denn: «Wir sind in einem Veränderungsprozess.»
Durch die Auseinandersetzung mit Agrimetrix und dessen Erfinder ist er auf die Regenerative Landwirtschaft gestossen, hat Kurse absolviert und möchte seinen Betrieb pflanzenbaulich diversifizieren. Dies, um das Wertschöpfungspotenzial auf den Grünflächen zu erhöhen und dem Hof angesichts der politischen Rahmenbedingungen Perspektiven zu gehen. «Bis alles funktioniert, bin ich pensioniert», schmunzelt Stadelmann. Aber er will optimale Grundlagen für die Zukunft schaffen. Und für ihn steht fest: «Das Ei ist spannend und bleibt als Lebensmittel wichtig.» Es dürften also auch in Zukunft Legehennen hinter dem Haus im Freien picken.Jil Schuller
Vor welchen Hürden stehen innovative Betriebe?
Bruno Stadelmann ist Teil des Netzwerks von Swiss Food Research, das die Innovation im Agrar- und Lebensmittelsektor fördert. Mit Umfragen unter Betriebsleiter(innen), gezielten Interviews und dem Austausch mit Beratungspersonen hat Swiss Food Research Hürden für innovative Betriebe identifiziert.
Häufige Überlastung, mangelnde Übersicht zu bestehenden Beratungsangeboten sowie Schwierigkeiten beim Abschätzen von Finanzierbarkeit und Marktpotenzial inklusive Erschliessung von Absatzkanälen zeigten sich als zentrale Hürden. Viele innovative Ideen würden bereits früh an der Kapitalbeschaffung scheitern. Für Bruno Stadelmann verspricht Agrimetrix eine Möglichkeit, sein nachhaltiges Tun dank nachvollziehbarem Preisschild in Wert zu setzen. Andererseits ist es für ihn eine Art Beratungstool aus der Praxis, da es ein deutscher Landwirt mit seinem Team entwickelt hat.
Swiss Food Research hat ein Projekt eingereicht, um Beratungsangebote für innovative Betriebe sichtbarer zu machen. Zusätzlich will man mehr Unterstützung bei der Marktvalidierung für zukunftsgerichtete Geschäftsmodelle entwickeln.
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