Wenn Christian Pfister in der Nacht aufwacht und auf sein Handy blickt, sieht er mit wenigen Daumenwischern, ob seine Zäune noch genug Strom geben, ob das Tränkefass auf der Weide noch über genügend Wasser verfügt oder ob er die Heubelüftung jetzt ausschalten soll, weil es gerade zu regnen angefangen hat. In letzterem Fall kann er dies bequem mit einem Daumendruck erledigen, sich anschliessend umdrehen und weiterschlafen.

Dank der von seinem Bruder Andreas Pfister eigens entwickelten Birki-App kann er viele Maschinen seines Betriebs aus der Ferne steuern oder einfach ihren Status abfragen. Die App hat Andreas Pfister aus eigenem Antrieb entwickelt. Er erzählt, wie es dazu gekommen ist.

«Eigentlich fing alles damit an, dass wir unsere Kühe sicher über die Strasse bringen wollten», sagt Pfister, Polymechaniker, ETH-Agronom und Landwirt aus Uster ZH.

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Eine malerische Gegend ausserhalb der Agglomeration

Zusammen mit seinem Bruder Christian Pfister, seiner Familie und zwei Mitarbeitern hat Andreas Pfister bis Anfang 2025 den Birkenhof bewirtschaftet. Der Birkenhof ist ein Milchwirtschaftsbetrieb mit 60 Milchkühen, den Nebenstandbeinen Acker- und Futterbau sowie etwas Waldwirtschaft und Pflege von Biodiversitätsflächen.

Der Birkenhof liegt ausserhalb der stark wachsenden Zürcher Agglomerationsgemeinde. Unweit vom Greifensee, unterhalb eines Hügels gelegen, umgeben den Betrieb die betriebseigenen Flächen. Hangseitig wachsen auf den schrägen Weiden ein paar Nuss- und Marronibäume, aus deren Wipfeln die Finken pfeifen. In Richtung des flachen, nun drainierten Moors liegen die fruchtbaren Ackerböden und ebenen Weiden. Aus dem verbliebenen Sumpf, dem Grabenriet, quaken jeden Abend die Frösche dem Stall- und Betriebsgebäude entgegen.

Wie eine einsame Bandnudel am unteren Steilrand einer Bratpfanne trennt die Wührestrasse diese beiden Teilbereiche des Betriebs. Tagsüber fahren spärlich Autos auf ihr. In den frühen Morgen- und späten Abendstunden jedoch, zu Stosszeiten, schwillt der Verkehrsstrom an. Ihre gerade und leicht geschwungene Form lädt die Autofahrer dann besonders zu einer dynamischen Fahrweise ein. Das ist gefährlich, weil eben gerade dann die Kühe aus dem Stall vom Melken auf die Weiden gehen.

«Wollten wir mit unseren Kühen dann über die Strasse, war das aufwendig und gefährlich», sagt Andreas Pfister. Aufwendig, weil man mindestens zu zweit die Strasse absperren musste, und gefährlich, weil die Autofahrer auf der geschwungenen Strecke schnell um die Kurve kamen und rasch auf die Bremsklötze treten mussten.

Die Autofahrer gewöhnten sich bald an die Warnschilder

«Als erste Lösung installierte Christian an der Strasse Warnschilder mit Kühen darauf», sagt Andreas Pfister. Das habe die Autofahrer jedoch nur für eine kurze Weile verlangsamt. Nach einer Weile gewöhnten sich die Motoristen an die Schilder und sie fuhren wieder zügig über die Strasse. «Was also tun?», fragten sich die Brüder Pfister und suchten weiter.

Drehtlichter müssten her, am besten solche, die sich ferngesteuert aktivieren lassen, fanden sie. Da sie für ihren Betrieb keine passende Lösung auf dem Markt fanden, beschloss Andreas kurzerhand, selbst eine zu bauen.

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Wie ein Wlan mit mehr Reichweite, dafür aber langsamer

Er entwarf eine elektrische Schaltung mit ferngesteuerten Relais, baute diese in wasserdichte Schaltschränke ein und montierte das Ganze auf Halterungen aus rostfreiem Stahl. Anschliessend installierte er herkömmliche Traktor-Drehlichter auf die Halterungen und verdrahtete diese mit den Relais. Zwei Viehhüter-Akkus stellten die Energie bereit, kleine Antennen auf den Schaltschränken ermöglichten die Kommunikation. Zum Schluss baute Andras Pfister die fertigen Drehlichter an den bestehenden Signaltafeln an.

Auf dem Stall installierte er eine Hofantenne – sie verbindet nun alle Geräte mit dem Betriebs-LAN. Die Kommunikation zwischen Geräten und Hofantenne läuft über Lorawan (Long Range Wide Area Network. Dies ist eine Funktechnologie, die grosse Reichweiten bei geringem Stromverbrauch ermöglicht.

Der Aufbau vom Lorawan verläuft ähnlich wie bei einem klassischen Wlan zu Hause. Gegenüber dem Wlan verfügt das Lorawan jedoch über eine Reichweite von mehreren Kilometern und einen wesentlich tieferen Stromverbrauch. Die Nachteile des Systems: Die Datenübertragung liegt mit ihren ca. 50 kbit/s deutlich unter denen eines modernen Wlan, mit dem mehrere Millionen kbit/s möglich sind.

Immer wieder hiess es für Pfister: neu planen und bauen

Damit die Familie und Mitarbeiter auf dieses System von überall her zugreifen könenn, programmierte Andreas Pfister dazu noch ein eigenes Programm fürs Handy: die Birki App entstand – und sie funktionierte.

Doch Pfister hörte hier nicht auf. «Als ich mit den Drehlichtern fertig war, überlegte ich mir, auf welche Funktionen, Maschinen oder Informationen ich gerne via App Zugriff hätte, und fügte diese jeweils modular hinzu», sagt Pfister. Dazu setzt er sich jeweils mit den elektrischen Schaltplänen auseinander und entwirft jeweils ein massgeschneidertes Datenempfängermodul, mit dem er es via Lorawan – oder je nach Stromanschluss via Ethernet-Kabel – ansteuern kann.

Schritt um Schritt ist die Birki-App so gewachsen. Stand Oktober 2025 verfügt sie über Funktionen in verschiedenen Bereichen.

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Erhöhte Sicherheit und verbessertes Tierwohl auf der Weide

Auf Knopfdruck aktiviert die App Warn-Drehlichter für die Strassenüberquerung der Milchkühe.

Sie informiert via mobil verstellbare Zaunwächter über die Stromversorgung der Weidezäune und schlägt Alarm, wenn zu wenig oder kein Strom fliesst. Festinstallierte Weidezäune lassen sich via App ein- bzw. ausschalten.

Die App zeigt den aktuellen Füllzustand der Tränkefässer auf der Weide an. Leerfahrten entfallen, die Tiere sind stets mit ausreichend Wasser versorgt.

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Besseres Handling der Tiere sowie Zugriff auf wichtige Maschinen

Die App informiert über die Kuh-Besuche an den Kraftfutterstationen und schliesst den Zugang zu den Stationen, wenn die Tiere zum Melken geholt werden oder man sie auf die Weiden treibt.

Die App informiert in Echtzeit über die Temperatur, den Druck und die Feuchtigkeitswerte der Heubelüftung, die neu ortsunabhängig via Birki-App ein- und ausgeschaltet werden kann. Zusätzlich koordiniert die App den Belüftungs-Einsatz mit der energieintensiven Pasteurisierungsanlage auf dem Hof und vermeidet so eine Überlastung der Sicherungen und Stromausfälle.

Sie gewährt Zugriff auf den Mistschieber und die Güllepumpe. Leerfahrten bzw. übermässiger Betrieb werden so vermieden, was Energie spart und die Arbeitsabläufe erleichtert, weil der Gang zur Maschine entfällt.

Die App ist mit einem Regenmesser und einer Bodensonde verbunden. Sie liefert so Informationen, ob ein Weidegang sinnvoll ist, oder ob der Boden schon mit Traktor und schweren Maschinen befahren werden kann.

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Der Gang in die Selbständigkeit mit «Fink und Frosch»

«Ich weiss nicht mehr genau, wie lange es gedauert hat, das alles zu entwickeln», sagt Andreas Pfister. Er habe zwischen den betrieblichen Arbeitsspitzen häufig an diesem Projekt gearbeitet. «Für unseren Hof hat es sich extrem gelohnt», sagt er. Gerade weil der Birkenhof viele ältere Maschinen einsetzt, habe die selbstgebaute App einen bedeutenden Mehrwert gebracht.

Und wie geht es weiter? «Das Programmieren der Birki-App, die Planung und die technischen Herausforderungen bei der Anbindung der Maschinen haben mir enorm Freude bereitet und mich gepackt», sagt Pfister. Er hat Anfang 2025 beschlossen, im Familienbetrieb kürzer zu treten, um künftig auch andere Betriebe bei der Automatisierung und Digitalisierung zu unterstützen.

Vor Kurzem übernahm sein Bruder Christian den Birkenhof vollständig, Andreas Pfister gründete sein eigenes Unternehmen. «Wer bestehende Maschinensteuerungen modernisieren, manuelle Arbeitsschritte automatisieren oder ein Sensor-Netzerk aufbauen möchte, kann sich gerne bei mir melden» sagt er. Besonders reizt ihn, dass er für jeden Betrieb individuelle Lösungen entwickeln kann – à la carte, abgestimmt auf die jeweiligen Abläufe und Vorstellungen der Betriebsleiter.

Und der Name der Firma? Für diesen liess er sich von Tieren der beiden Hofteilbereiche inspirieren. Sie heisst «Fink und Frosch GmbH».

Betriebsspiegel Birkenhof

Christian Pfister, Uster ZH (seit 2025)

LN: 76 ha, davon 33 ha Fruchtfolgeflächen, 20 ha düngbares Grünland und 23 ha nicht-düngbare Flächen wie Magerwiesen, Streuflächen, Buntbrachen
Kulturen: Getreide und Mais
Tierbestand: 60 Milchkühe
Weitere Betriebszweige: Pflege von kantonalen Naturschutzgebieten sowie 5 ha Wald
Arbeitskräfte: Betriebsleiter sowie zweieinhalb Arbeitskräfte

www.hofmolkerei.ch