«Schau, so kann ich meine Pfosten aus dem Köcher ziehen wie ein Bogenschütze seine Pfeile», sagt Helena Thoma und lacht. Geschickt greift sie über ihre rechte Schulter, zieht einen Fiberglaspfosten aus ihrem selbst entwickelten Rucksack und steckt ihn in den feuchten Boden.

Bevor sie ein paar Meter weiter den nächsten Pfahl in den Boden drückt, richtet sie ihren Blick ins Tal, wo der Walensee stahlgrau die herbstlichen Wolken reflektiert. Unweit des Hauses zieht ein Adler seelenruhig seine Kreise. «Der hat uns auch schon unsere Katzen geholt», meint Thoma und macht sich auf in Richtung ihres Hauses. Regen liegt in der Luft.

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Ein «berufsmässiger Aufstieg» und eine entscheidende Umstellung

Helena Thoma lebt mit ihrem Mann Andreas in Amden SG auf 1250 m ü. M., aufgewachsen ist sie auf einem Hof nur wenige hundert Meter weiter unten. «Du siehst, ich bin berufsmässig aufgestiegen» scherzt sie und blickt hinunter auf den Betrieb, den heute ihr Bruder bewirtschaftet. Gemeinsam mit ihrem Mann hat Helena Thoma hier oben viele Jahre lang den Hof Eggli geführt, den das Elternpaar dieses Jahr an Sohn Adrian übergeben hat.[IMG 2]

«Wir haben gemolken bis 2005. Weil mein Mann im Nebenerwerb ein Bagger-Unternehmen hatte, wurde das aber mit der Zeit zu umständlich und wir haben auf Aufzucht umgestellt. Mit einem Aufzuchtbetrieb ist man nicht so zeitgebunden und die Arbeit ist von der Bäuerin alleine einfacher zu bewerkstelligen», blickt sie zurück.

Zu Helena Thomas Hauptaufgaben auf dem Betrieb gehört heute neben der Buchhaltung, dem Heuen und der Betreuung der Tiere nach wie vor das Zäunen der vielen Weiden daheim und auf der Alp, die die Familie jedes Jahr mit den Aufzuchttieren bestösst. «Fast alle unsere Flächen sind in Hanglagen und auch die Alp Elmen ist ein ‹gächer› und vielfach steiniger ‹Cheib›», sagt sie. «Da ist das viele Zäunen eine umständliche und langwierige Arbeit.»

Eine geeignete Lösung für die Arbeit im schwierigen Gelände

Obwohl man heute Fiberglaspfosten verwende und nicht mehr wie früher Holzpfähle, «ist es mühsam, sich mit dem ganzen Material unter dem Arm am Hang herumzubewegen. Und man bekommt immer ‹schier dä Chrampf›», sagt Helena Thoma in ihrem breiten Ammler Dialekt. «Weil das Gelände bei uns meist zu steil ist zum Fahren, musste ich die Wege auch immer und immer wieder abgehen, um neue Pfosten zu holen. Das hat mich mit der Zeit ermüdet.» Ausserdem könne es im anspruchsvollen Gelände rasch gefährlich werden, wenn man die Hände nicht frei habe.

«Per Zufall habe ich vor einiger Zeit in einem Geschäft einen grossen Rucksack gesehen, der mich auf die zündende Idee gebracht hat», erzählt Helena Thoma dann am Küchentisch. «Der hat hinten und vorne nicht gepasst, die Tragriemen haben eingeschnitten, die Höhe war nicht ideal für die Zaunpfosten und oben ist er nicht offen geblieben. Also war er für mein Vorhaben untauglich. Aber die Idee war geboren.»

So schneiderte sie sich aus widerstandsfähigem Blachenstoff selbst einen passenden Rucksack. Der dicke Stoff sei kein einfaches Arbeitsmaterial, aber die Lebensdauer sei gut, findet sie. «Die Träger habe ich von einem alten Rucksack abgenommen, die sind ideal gepolstert und lassen sich vorn verschliessen, was die Stabilität erhöht. Und damit der Rucksack oben offenbleibt wie ein Köcher, habe ich einen Draht hinein genäht.» Beim Testen eines ersten Prototyps zeigte sich, dass der Boden des Rucksacks nicht genügend stabil war. Also hat Thoma aus dem Deckel eines Malerkübels kurzerhand eine Verstärkung gefertigt.

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Die Tiere im Schlepptau und Freude bei der Arbeit

Wie gut sich ihr Rucksack in der Praxis bewährt, demonstriert Helena Thoma im Gelände unter dem Stall. Im Schlepptau hat sie ihren Hund und ihre beiden kräftigen Ziegenböcke, die ihr folgen wie zwei neugierige Schosshündchen. «Schau, wie praktisch das funktioniert», freut sich die Bergbäuerin. «Zack, schon habe ich den Pfosten in der Hand, wenn ich einen brauche.»

Im Nu hat sie die Weide abgesteckt und den Köcher geleert. «Wenn man möchte, kann man auch gleich noch die Drahtrolle mitnehmen. Aber ich gehe das Ganze lieber in zwei Durchgängen an. Das ist immer noch eine riesengrosse Erleichterung. Ich habe die Hände und den Blick frei und kann mich an der Aussicht freuen. So macht das Ganze sogar richtig Spass.»