Durch Bern rollt eine Tomate in der Grösse eines Gymnastikballs. Ihr Sujet hat das Bündnis hinter der Lebensmittelschutz-Initiative passend zu ihrem Signet gewählt. Über 137'000 Unterschriften sind für das Anliegen einer strengen Regulierung von neuen Züchtungstechnologien (NZT) zusammengekommen, die feierlich der Bundeskanzlei übergeben werden. In den Augen der Befürworter sind NZT nichts anderes als Gentechnik. Daher soll die Initiative dafür sorgen, dass es für ihr Inverkehrbringen ein Bewilligungsverfahren samt Risikoprüfung braucht und entsprechende Produkte gekennzeichnet werden müssen. Mögliche Kosten, die zur Sicherstellung der Koexistenz «gentechfreier» Produktion entstehen, müsse der Inverkehrbringen tragen.
Der Inverkehrbringer soll bezahlen
Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli erklärte anlässlich der Unterschriften-Einreichung, dieses Verursacherprinzip sei für die Bio-Betriebe essenziell. Würden Bioprodukte beim Anbau, Transport oder der Verarbeitung verunreinigt, dürfe es nicht sein, dass der Biohof für den wirtschaftlichen Schaden geradestehen muss. «Es geht hier nicht um Ideologie, sondern ganz einfach um Existenzen», so Brändli. Nur mit einer Kennzeichnungspflicht – wie sie die Initiative verlangt – sei die Wahlfreiheit vom Acker bis auf den Teller zu garantieren. Für Konrad Langhart, Zürcher Mitte-Politiker und Landwirt, geht es hier auch um Berufsstolz.
«Täuschungsmanöver» bei der Kennzeichnung
Der Bundesrat sieht in seinem Spezialgesetz für Pflanzen aus NZT ebenfalls eine Kennzeichnungspflicht vor, allerdings mit den Worten «aus neuen Züchtungstechnologien» oder «aus neuen genomischen Verfahren.» Der Verein für gentechnikfreie Landwirtschaft, der hinter der Lebensmittelschutz-Initiative steht, bezeichnet dies als «Täuschungsmanöver». Das Spezialgesetz des Bundesrats war 2025 in der Vernehmlassung, die definitive Fassung soll im ersten Quartal 2026 publiziert werden.
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Die Lebensmittelschutz-Initiative kommt zeitlich also gerade recht. Bei der Einreichung warnte Marionna Schlatter, Präsidentin Schweizer Allianz Gentechfrei und Grünen-Nationalrätin, eindringlich vor den Risiken im Zusammenhang mit Gentechnik. Die Interaktion so veränderter Pflanzen mit der Umwelt führe zu unvorhersehbaren und ungewollten Mutationen, die sich unkontrolliert verbreiteten. «Es besteht die Gefahr erhöhter Invasivität etwa durch Resistenzen, Anpassung und Auskreuzung mit Wildpflanzen», sagte Schlatter. Dabei sei die Frage nicht «ob», sondern «wann».
Gesundheitsrisiken und teureres Saatgut
«Vermehrt Allergene in Lebensmitteln oder das Zurückbleiben von Antibiotikaresistenzgenen aus dem Herstellungsprozess sind ernstzunehmende Probleme, die sorgfältig geprüft werden müssen», meinte Marionna Schlatter weiter. Die bisherigen Versprechen hätten Gentechpflanzen bisher nie einhalten können. Konrad Langhart sieht ausserdem die Gefahr, dass Landwirtschaft und Züchtung in eine immer stärkere Abhängigkeit von Konzernen geraten. «Landwirt(innen) müssten in Zukunft patentiertes Saatgut zu höheren Preisen kaufen», befürchtet der Landwirt.
«Das ist nicht zu viel verlangt»
Ueli Schmezer ist als Verfechter von Konsumenteninteressen aus dem SRF-«Kassensturz» bekannt. Mittlerweile ist er SP-Nationalrat und im Vorstand des Vereins für gentechfreie Lebensmittel. «Wir sind nicht grundsätzlich gegen Gentechnik», hielt er fest. «Wir sagen lediglich: Wer in der Schweiz Gentechnik anbaut, soll dafür die Verantwortung übernehmen.» Und die Konsument(innen) sowie Landwirt(innen) sollten wählen können. «Das ist nicht zu viel verlangt», findet Schmezer, «das ist eine Selbstverständlichkeit.»
Konzerne halten Forderungen für illusorisch
Bayer und Syngenta äussern sich auf ihrer Plattform «Swiss-Food» zur Unterschriftenübergabe der Lebensmittelschutz-Initiative. «Die Initianten scheinen Tomaten auf den Augen zu haben», heisst es dort. Gentechnik sei schon längst auf unseren Tellern und in unserem Leben angekommen. Nach Meinung der beiden Konzerne müsste man im Verständnis der Initianten auch seit Jahren angewandte Züchtungsmethoden als «Gentechnik» ablehnen. Ihre Forderungen seien daher illusorisch und würden zu mehr Bürokratie führen.