Bei Mais und Raps sind Hybridsorten gängig, auch in der Schweiz. Beim Weizen ist das anders. Syngenta verkündet nun einen «Durchbruch»: Der X-Terra-Hybridweizen soll in Zukunft für stabilere und höhere Erträge sorgen. «Weizen ist die komplexeste Kulturpflanze überhaupt, mit drei verschiedenen Genomen», lässt sich James Melchiar, Portfolio-Manager Hybridgetreide von Syngenta, in einer Mitteilung zitieren. Daher sei man lange Zeit nicht in der Lage gewesen, die richtigen Gene für die Züchtung von Hybriden zu identifizieren.
Warum Hybride von Weizen schwer zu erzeugen sind
Das Genom von Weizen ist etwa fünfmal so gross wie das menschliche, alle Chromosomen liegen sechsfach vor. Das Erbgut von Mais ist hingegen annähernd mit dem eines Menschen vergleichbar, was die Grösse angeht. Weizen ist zudem natürlicherweise – und im Gegensatz zu Mais – selbstbestäubend, was die Produktion von Hybriden zusätzlich erschwert. Syngenta hat es nach eigenen Angaben 15 Jahre Arbeit gekostet, seinen X-Terra-Hybridweizen zur Marktreife zu bringen. Gemäss Mitteilung des Konzerns haben zwei Hybridweizensorten von Syngenta nun die Zulassung für die Saat 2026 in Frankreich erhalten.
Sorten müssen sich in offiziellen Versuchen bewährt haben
«Bis zu einem gewissen Grad kann man davon ausgehen, dass diese Weizensorten vielversprechend sind», so die Einschätzung von Boulos Chalhoub, Leiter der Forschungsgruppe Ackerpflanzenzüchtung und Genressourcen bei Agroscope. «X-Terra-Sorten sind in Frankreich bereits zugelassen, was bedeutet, dass sie in offiziellen Versuchen geprüft und dabei mindestens ebenso gute oder sogar bessere Leistungen erzielt haben wie die Vergleichssorten in denselben Versuchsreihen», gibt er zu bedenken.
Die guten Eigenschaften gehen leicht verloren
Bei Hybridsorten macht man sich den Effekt zunutze, der als Heterosis oder Hybrid Vigor bekannt ist: Aus zwei ingezüchteten Elterngenerationen gehen Pflanzen hervor, die weit bessere Eigenschaften als ihre Eltern aufweisen. Dabei kommt es auf die richtige Kombination an. Je unterschiedlicher die Elternteile, desto stärker fällt der Effekt aus. Anders als bei klassischer Kreuzung sind diese verbesserten Eigenschaften allerdings nicht fix. Vermehrt man Hybride aus den Samen, die sie selbst bilden, ist die Heterosis dahin.
«Rentabilität konnte bislang nicht nachgewiesen werden»
Die Schweiz hat eine lange Tradition der Getreidezüchtung, aber kein aktives Programm zur Züchtung von Hybridweizen. «Wir könnten jedoch bei Bedarf auf Systeme zurückgreifen, die seit vielen Jahren existieren», erklärt Boulos Chalhoub. Es sind demnach Wege bekannt, wie Hybride auch beim Weizen erzeugt werden könnten. Ein solcher Ansatz müsste sich aber bezüglich Kosten, Nutzen und Rentabilität beweisen, ergänzt Chalhoub. Agroscope beobachte die Entwicklungen im Ausland und würde einen Einsatz prüfen, sollte ein System verfügbar sein, das sich als machbar und rentabel erwiesen hat. «Hybridweizen-Systeme sind zwar seit mehreren Jahrzehnten bekannt, ihre Rentabilität konnte bislang aber nicht nachgewiesen werden», fasst der Agroscope-Forscher zusammen.
Wie vermehrt man Hybride?
Die Herstellung von Hybridsaatgut ist bei selbstbestäubenden Pflanzen anspruchsvoll und komplex: Während in der hierzulande praktizierten Vermehrung von Getreide Körner von einem kontrollierten und zertifizierten Feld zu Saatgut werden, muss jede Charge Hybridsaatgut wieder neu aus den Elternlinien gekreuzt werden – inklusive Massnahmen zur Vermeidung einer Selbstbestäubung der Pflanzen. Das macht Hybridsaatgut auch teuer. «Angesichts dieser höheren Kosten ist die Rentabilität von Hybridweizen – insbesondere hinsichtlich zusätzlichen Ertrags und Ertragsstabilität – bisher fraglich», hält Chalhoub fest.
X-Terra-Weizen mit Resistenz gegen Septoria
Die X-Terra-Sorten müssen sich in den Augen von Boulos Chalhoub erst noch in der Praxis beweisen. Wie erwähnt beginnt der Anbau in Frankreich ab Herbst 2026. «Um die überlegene Genetik von Hybridweizen zu optimieren, arbeitet Syngenta eng mit Landwirten zusammen», heisst es in einer Mitteilung des Konzerns. Auf diese Weise würden die Bedingungen auf dem Feld verbessert und das Wachstumspotenzial der Pflanzen maximiert. So sei X-Terra-Weizen resistent gegen Septoria.
Syngenta bezeichnet diese Krankheit als eine der «schwerwiegendsten und hartnäckigsten Herausforderungen für Landwirte in der EU und in anderen gemässigten Regionen weltweit.» Septoria-Resistenz ist auch in der Schweizer Getreidezüchtung ein Kriterium, neben weiteren Krankheiten, Qualitätsmerkmalen, Lagerresistenz, Klimabeständigkeit und anderen.
Mit Biologicals statt Fungiziden
«Um jedoch das Beste aus diesem Durchbruch herauszuholen, muss auch die Arbeit auf dem Feld anders gestaltet werden», heisst es bei Syngenta weiter. Offenbar wurde um den Hybridweizen ein ganzes Anbausystem entwickelt, das ihm zum Erfolg verhelfen soll. Boulos Chalhoub geht davon aus, dass es sich dabei um Empfehlungen zum Anbau von Hybridweizensorten handelt, die sich in agronomischer Hinsicht von den klassischen Sorten unterscheiden. Das könnte etwa die Saatdichte, Düngung oder Behandlungen betreffen. Syngenta zielt z. B. auf den Einsatz von Biologicals anstelle von Fungiziden im Frühstadium der Kultur.
Schweizer Züchtung orientiert sich an der Praxis
Könnte die Schweizer Getreidezucht von Syngentas «Durchbruch» profitieren? «Ja, sicher», sagt Boulos Chalhoub. «Genau wie bei allen anderen Weizensorten, sofern die neuen Sorten eine höhere Leistung erzielen als die herkömmlichen Sorten und die Vorteile die höheren Kosten für das Saatgut kompensieren.» Die Schweizer Getreidezucht würde sich an den Anforderungen der Praxis orientieren und so entscheiden, wie solche Hybridsysteme genutzt werden können.
Boulos Chalhoub betont, der Zugang zu einer breiten Vielfalt an (Hybrid-)Weizensorten müsse den Landwirt(innen) für ihre Standortbedürfnisse offenstehen. Bei anderen Hybridkulturen wie Mais und Raps sei das erfolgreich gelungen.
Die Wahl zwischen Sorten und Anbausystemen muss bleiben
«Meines Wissens gibt es keine Hinweise auf direkte negative Auswirkungen von Hybridkulturen wie Mais, Raps oder Sonnenblumen auf die Umwelt», fährt der Agroscope-Forscher fort. Diese Arten sind Fremdbestäuber und träten daher ihm zufolge in der Natur ohnehin überwiegend in hybrider Form auf. Weizen hingegen sei seit mehr als 10 000 Jahren auf Selbstbefruchtung eingestellt, weshalb nur selten Hybriden durch Fremdbefruchtungen entstehen. «Dennoch haben wir im Laufe der Zeit natürliche Züchtungsmechanismen genutzt, um den Weizen weiterzuentwickeln.» Wichtig sei, so Boulos Chalhoub, dass Landwirt(innen) weiterhin die Wahl haben zwischen verschiedenen Sorten und Anbausystemen.
20 neue Hybridprodukte in der Pipeline
Syngenta lässt keinen Zweifel daran, dass der Konzern in Hybridsorten Zukunft sieht. X-Terra-Hybridweizen soll als Nächstes nach Deutschland (2027) und Grossbritannien (2029) kommen. «Die Innovation geht weiter», schreibt Syngenta. Bereits befänden sich mehr als 20 neue Hybridprodukte in der Registrierungsphase für diese Märkte.


