Der Schutz seiner Kulturen beginnt für Urban Dörig mit dem Boden. «Ein aktiver, belebter Boden ist die Grundvoraussetzung», sagt er, «wir versuchen schon an Ursachen zu arbeiten und nicht einfach Symptome zu bekämpfen.» Mit dieser Überzeugung hat er auf seinem 104-ha-Bio-Betrieb, der Domäne St. Katharinental in Diessenhofen TG, ein System aus ober- und unterirdischer Biodiversität aufgebaut. Fertig ist Dörig damit noch lange nicht. Aber für ihn ist klar: «Es ist mehr möglich, als ich am Anfang meiner Bauernkarriere gedacht habe.»

Pflügen ist eine Ausnahme für die Frühkartoffeln

Gesprächsrunde «Ich bekam eine andere Sicht auf die Natur und ihre Kreisläufe» – Preisgewinner Urban Dörig im Talk Thursday, 27. February 2025 Im Winter ist bei Urban Dörig möglichst alles grün. Aber dieses Grün muss weg, wenn es ans Säen geht. So steht bald das Pflanzen der Frühkartoffeln an, eine der wichtigsten Kulturen der Domäne St. Katharinental und jene, die der Thurgauer am intensivsten führt. Weil die Böden so früh im Jahr noch wenig aktiv sind, kommt ein Pflug zum Einsatz. Zu viel Material zu tief vergraben würde faulen, weshalb Dörig die künftige Frühkartoffelfläche im Herbst und im Frühling von Angus-Rindern oder Schafen beweiden lässt. «Seit 40 Jahren gibt es auf unserem Betrieb keine feste Tierhaltung mehr», hält Dörig fest. Einen reinen Ackerbaubetrieb findet er aber nicht vollständig, «Wiederkäuer gehören ins System.» Daher arbeitet er mit Nachbarn zusammen.

Gründüngungen und Untersaaten werden mit Mehrwert abgefressen

Beim Weiden verarbeiten die Wiederkäuer Gründüngungen, aufgewachsene Untersaaten und Kunstwiesen zu Dünger und Fleisch. Urban Dörig schätzt es, abends mit bestem Gewissen ein Stück so gewachsenes Fleisch zu geniessen. Für ihn sind die Wiederkäuer aber v. a. ein wichtiges Werkzeug. «Pflanzen schützen Böden, bauen die Energie der Sonne um, füttern und beleben so das Bodenleben und fördern den Humusaufbau, solange sie im vegetativen Zustand sind», erklärt Dörig. Die Nutzung des Grüns erfolge optimalerweise nicht zu tief, wodurch sie über ihre Wurzeln am meisten «Futter» ans Bodenleben abgeben.

Statt das Grün vor der Blüte maschinell und unter Dieseleinsatz zu mulchen oder anderweitig abzustoppen, überlässt er das möglichst den Tieren. Diese brächten zudem wertvolle Mikrobenflora mit ihrem Kot auf die Fläche. Die Fladen sind schnell belebt von Insekten – ein gefundenes Fressen für z. B. Vögel. «Die Vögel sind immer dort, wo die Herde gerade ist», schildert der Landwirt. Nicht nur Rückzugsmöglichkeiten wie Hecken gehören zu einem Lebensraum, man müsse auch das ganze Jahr über genügend Nahrung bieten.

Anstelle einer für Schnecken attraktiven fauligen Mulchschicht bleibt nach der Beweidung ein abgefressener Bestand, bereit für den Umbruch im zeitigen Frühling.

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Intensive Kultur profitiert von gesunden Böden

Die Frühkartoffeln werden auf der Domäne St. Katharinental zum Hacken und für eine allfällige Behandlung mit Pflanzenstärkungsmitteln abgedeckt. Tritt Krautfäule auf, reagiert Urban Dörig und spritzt auch ein Fungizid. «Da können wir es nicht drauf ankommen lassen», findet er. «Wir sind auf robuste Sorten angewiesen, die nachgefragt werden.» Bei den Frühkartoffeln hält der Thurgauer eine Anbaupause von sechs Jahren ein. In dieser Zeit schont und belebt er den Boden. Das unterstütze gute Frühkartoffelqualitäten und -erträge.

Grün in zwei Wochen verdaut, wenn es warm genug ist

Kulturen wie Mais, Soja, Sommerhafer oder Sonnenblumen werden erst gesät, wenn die Böden bereits warm und aktiv sind. «Wenn ich zu dieser Zeit eine kniehohe Gründüngung mit der Schälfräse oberflächlich einarbeite, ist sie nach zwei Wochen verdaut», sagt Urban Dörig. «Das bringt viel Biomasse in den Boden und ist eine gute Düngung.» Er redet gern von seinen «Kühen im Boden», die Pflanzenmaterial verarbeiten und Nährstoffe für die Kulturen freisetzen. Speziell Mikronährstoffe, oft entscheidend für gesunde Pflanzen, seien häufig blockiert oder nicht im Gleichgewicht. Leider fehle aber noch viel Bewusstsein für diese Abläufe und Zusammenhänge im Boden.

Ausgeglichene Ration im Boden dank Leguminosen und Gras

Wie die Angusrinder an der Oberfläche brauchen auch die «Kühe im Boden» eine ausgeglichene Ration: Leguminosen bringen Stickstoff, Gräser liefern Zucker. Dazu Kräuter als Gewürz. Aus diesem Grund kombiniert Urban Dörig die Pflanzengruppen – je nach Nachkultur – auch in Untersaaten. Klee, mit dem letzten Striegeldurchgang ins Getreide eingesät, gleicht den hohen Kohlenstoffgehalt des Strohs nach der Ernte aus. Dörig häckselt es und lässt das Stroh auf der Fläche. «Nach dem Dreschen kann ich einfach zusehen, wie die Untersaat beim ersten Regen aufwächst», sagt der Thurgauer. Die Untersaat ersetzt eine Gründüngung, die erst noch gesät werden müsste.

Durchdacht vernetzte BFF

Viel auffälliger als die «Kühe im Boden», die Urban Dörig pflegt, ist sein oberirdisches Netz von Biodiversitätsförderflächen. Es besteht aus 15 m breiten Streifen (2x 6 m Brache mit einem 3-m-Krautsaum in der Mitte) alle 168 m zwischen den Feldern. Der Aufbau stellt sicher, dass auch bei einer allfälligen Bearbeitung der Brachen Rückzugsmöglichkeiten bleiben. In den Krautsäumen sind Niederhecken gepflanzt. Stein- und Asthaufen ergänzen das Ganze. Statt den Feldrand entlang des Weges zu mähen, hat Dörig eine mehrjährige Blumenwiese gesät. Da es sich ums Vorgewende der Felder handelt, gibt das dafür keine Beiträge. «Aber die Spaziergänger freuen sich und die Insekten ebenso, so sind die Streifen zwischen den Feldern besser vernetzt.»

Betriebsspiegel Domäne St. Katharinental

LN: 104 ha
Kulturen: Weizen, Sommer-/ Winterhafer, Zuckerrüben, Soja, Kartoffeln, Karotten, Mais, Luzerne, Sonnenblumen, Ölkürbisse, Chicorée-Wurzeln, div. Versuche
Tierbestand: Beweidung von Gründüngungen und Randflächen mit etwa 30–50 Kühen mit Kälbern. Im Winter kommen Schafe dazu
Arbeitskräfte: Betriebsleiterpaar, ein Lehrling und ein Saisonier

«Die Läuse an den Zuckerrüben waren schnell weg»

Er habe explizit funktionelle Biodiversität haben wollen, blickt der Landwirt zurück. Er suchte nach entsprechenden Fachleuten, sprach mit vielen und wurde insbesondere bei der Vogelwarte fündig.

Wie genau sich die BFF auf seine Ackerkulturen auswirken, kann Urban Dörig nicht im Detail sagen. Die Entwicklung der Arten wird in einem Projekt ausgewertet. Aber dass sich Feldlerchen, Feldhasen, Wiesel und Rehe bei ihm heimisch fühlen, deutet er als Indikator für eine generell hohe Biodiversität. Auffällig seien seither überdies die vielen Spinnen überall in den Feldern bis hinein in seine Hallen. Dass Summen und Brummen auf artenreichen Flächen nicht nur schön sind, hat ihm ein Versuch mit diversen Streifen in Zuckerrüben vor Augen geführt. «Wir haben in einem FiBL-Projekt eine Mischung aus Ackerbohnen und Hafer zwischen die Rüben gesät», erklärt er. Als die Blattläuse kamen und die Rübenblätter voll davon hingen, erwiesen sich die Ackerbohnen als wertvolles Reservoir von Marienkäfern und Schwebfliegen. «Jeder Berater hätte eine Spritzung empfohlen», beschreibt Dörig die Situation. «Aber die Nützlinge sind ins Feld gewandert und die Läuse waren schnell weg.» Dieses Gleichgewicht hat ihn beeindruckt.

Er ist aber überzeugt, dass viele Prozesse und Zusammenhänge noch unerkannt und unverstanden sind. «Pilze spielen sicher ebenfalls eine grosse Rolle, auch in der Schädlingsregulation.» Rund ums Thema Boden und funktionelle Biodiversität würde sich der Thurgauer mehr angewandte Forschung wünschen.

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Lohnt sich das alles?

Urban Dörig schätzt den Anteil BFF an seiner LN auf rund 15 Prozent. Damit gibt er einen beachtlichen Teil seines guten Ackerlands dafür her. Untersaaten sind dafür bekannt, je nach Jahr zur ernsten Konkurrenz zu werden und Erträge zu schmälern. Und während die oberirdischen Rinder Angus-Fleisch liefern, ist der Nutzen der «Kühe im Boden» nicht vermarktbar. Lohnt sich das alles?

«Es geht immer um kg Erntegut oder um Tageszunahmen – aber über den Input oder Wasserkreislauf redet niemand», gibt der Biolandwirt zu bedenken. Einen klaren Fokus auf den Ertrag legt er vor allem bei den Frühkartoffeln und -karotten. Ansonsten geht er von Erträgen aus, die der Standort hergibt, und düngt z. B. das Getreide nur mit rund zwei Drittel des Normbedarfs. «Wenn ich eigenen Hofdünger hätte, würde ich vielleicht mehr geben», bemerkt Urban Dörig. Aber es widerstrebt ihm, viel aus dem Sack zu düngen. Lieber setzt er auf Kompost und etwas Gülle. Wiederum sind die Frühkartoffeln und -karotten seine Ausnahme: Sie bekommen Handelsdünger, auch um die nötige Qualität zu erhalten.

«Ich habe gemerkt: Landwirtschaft und Biodiversität, das ergänzt sich»

Jubiläumspreis 2024 - Gewinner Nachhaltigkeit Mit der Natur produzieren Friday, 4. October 2024 Die durchschnittlichen Erträge stimmen für Urban Dörig. Sie passen zum Boden, den oft limitierenden Niederschlägen und dem aktuellen Zustand des Bodens. «Vieles funktioniert, weil ich den natürlichen Kreisläufen Gewicht geben kann.» Begrenzter Input von aussen und viel Zusatznutzen bei optimalem Humusaufbau, das ist sein Ziel. Die sandigen Böden der Domäne St. Katharinental werden aus physikalischen Gründen nie auf ganz hohe Humusgehalte kommen. «Meine Böden sind immer hungrig», verdeutlicht Dörig. Damit das Bodenleben – die «Kühe im Boden» – nicht den Humus abbaut, versorgt er es mit ständiger Begrünung und somit Kohlenstoff aus der Photosynthese. Einst war Biodiversität für ihn ein Gegensatz, etwas, das keine Lebensmittel produziert. Heute versteht er die Artenvielfalt als Ergänzung und Teil des Kreislaufs. «Nach und nach habe ich gemerkt: Landwirtschaft ist auch Biodiversität, das ergänzt sich.» BFF will er nicht auf Direktzahlungen oder Unkraut reduzieren, sondern als Teil des Systems verstehen.

Früher hat Urban Dörig anders gearbeitet und gedacht

Urban Dörig hat 2022 auf Bio umgestellt und zuvor als Betriebsleiter eine andere Philosophie verfolgt. «Ich habe im Voraus festgelegt, wie viel Dünger ich gebe, welche Käfer ich haben will und was ich wegspritze.» Heute stehe er weiter zurück und versuche, an den Zügeln des Systems zu zupfen, um die Prozesse zu lenken, die oft sowieso geschehen. Dafür ist er oft auf seinen Flächen unterwegs, beobachtet, prüft den Boden und entscheidet je nach Situation. Dabei arbeitet Dörig wirtschaftlich. Aber er denkt über die jährliche Buchhaltung hinaus. «Vieles von dem, was ich tue und denke, ist auch für meine Nachfolger», sagt der Thurgauer. «Wenn ich gesunde Lebensmittel in einem funktionierenden Kreislauf produzieren kann und meine Böden dabei sogar noch ein bisschen fruchtbarer werden, darf ich zufrieden und dankbar zurückblicken.» 

Hinweis
Am 19. und 20. Juni 2026 findet der Bioackerbautag bei Nadine und Urban Dörig in Diessenhofen TG statt. 
www.bioackerbautag.ch

Kultur und Vielfalt schützen
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Wie gelingt es Pflanzenschutz, Produktion und Biodiversität sinnvoll zu kombinieren? In einer Serie in Zusammenarbeit mit der Plattform «Blühende Lebensräume» von FiBL, Agroscope, HAFL und dem Schweizer Bauernverband zeigen wir anhand von Praxisbetrieben cleveren Pflanzenschutz, der durch Nachhaltigkeit besticht.

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