In der Diskussion um das Ernährungssystem der Zukunft zeichnet sich ein neuer Schwerpunkt ab: Regional verankerte Strukturen statt zentraler, grosser Unternehmen.

Versorgungssicherheit als Teil der sicherheitspolitischen Strategie

Der Berner SVP-Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger verlangt in seiner neuen Motion «Versorgungssicherheit im Bereich Ernährung», dass der Bundesrat «resiliente, regional verankerte Verarbeitungsstrukturen entlang der ganzen Wertschöpfungskette» stärkt. Die fortschreitende Konzentration in der Lebensmittelverarbeitung erhöhe die Verwundbarkeit, argumentiert Rüegsegger. Er sieht seinen Vorstoss im Zusammenhang mit dem aktuellen Weltgeschehen – die sicherheitspolitische Lage habe sich verschärft. 

Daher müsse der Bundesrat die Versorgungssicherheit im Bereich der Ernährung als zentralen Bestandteil der nationalen Sicherheit behandeln und entsprechend in seine sicherheitspolitische Strategie 2026 aufnehmen. Diese Strategie befindet sich noch bis Ende März 2026 in Vernehmlassung.

Bündelung in wenigen Unternehmen bringt Risiken

«Dezentral organisierte Wertschöpfungsketten sind eine unserer zentralen Forderungen», hält Faire Märkte Schweiz (FMS) in einer Mitteilung fest. Damit liessen sich nicht nur systemische Risiken für die Versorgung reduzieren, sondern auch die Funktionsfähigkeit der Märkte verbessern. 

Die zunehmende Bündelung in wenigen Unternehmen an wenigen Standorten schaffe strukturelle Abhängigkeiten und erhöhe das Risiko, dass einzelne Akteure ihre Marktmacht ausnutzen. «Heute werden beispielsweise zwei Drittel des Brotgetreides von zwei Mühlen an zentralen Standorten im Mittelland verarbeitet», schreibt FMS. Der Verein unterstützt die erwähnte Motion von Hans Jörg Rüegsegger.

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Bericht der ZHAW betont lokale Marktstrukturen

Auch Greenpeace stösst ins selbe Horn. Acht Jahre nach der Vorstellung ihrer Vision «TOP» für eine «tiergerechte, ökologische Produktion» legt die Umweltorganisation «PLANT» vor. Wiederum hat die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Auftrag von Greenpeace einen Bericht zum Ernährungssystem der Zukunft verfasst. 

«PLANT» steht für «pflanzlich – lokal – ausgewogen – nachhaltig – tiergerecht» und verlangt zwei zentrale Anpassungen des Status quo: Einerseits einen Wechsel vom auf tierische Produkte ausgerichteten zu einem primär auf pflanzliche Lebensmittel ausgerichteten System. Andererseits brauche es eine Dezentralisierung und Diversifizierung der Akteure. 

Abo Markus Langensand vor dem Weizenfeld mit der Biosorte Montalbano. Auf Herbizide, Halmverkürzer und Insektizide wird verzichtet. Die wenigen Gräser der Vorkultur Kunstwiese seien nicht problematisch. Tschifeler Getreide In Obwalden erlebt der Ackerbau eine Renaissance mit eigenem Brot Thursday, 30. June 2022 Vor allem in der Lebensmittelverarbeitung und im Detailhandel ist das laut Bericht der ZHAW wichtig für ausgeglichene Machtstrukturen und Vielfalt in den Wertschöpfungsketten. Der Fokus auf eine vermehrt pflanzliche Ernährung ist bei Greenpeace nichts Neues – die Betonung lokalerer Marktstrukturen hingegen schon.

NRP-Projekte können so was fördern

In der Schweiz gibt es bereits verschiedene Förderinstrumente für den Aufbau regionaler Wertschöpfungskette, schreibt die ZHAW und erwähnt Regiosuisse. Diese Netzwerkstelle für Regionalentwicklung des Bundes führt mehrere Programme, zum Beispiel die «Neue Regionalpolitik» (NRP). 

Sie ist ein Förderinstrument zur Stärkung von Berggebieten, des ländlichen Raums und von Grenzregionen. NRP-Projekte erhalten finanzielle Unterstützung von der öffentlichen Hand, wenn die jeweils zuständigen Stellen bei Bund, Kantonen oder Regionen grünes Licht geben.

«Einzige Mühle in Unterwalden – getragen durch regionale Partner»

Die Kornmühle Sachseln im Kanton Obwalden ist das Resultat eines solchen NRP-Projekts. Die letzte gewerbliche Mühle in der Region hatte 2021 den Betrieb eingestellt. «Nach dem Tod des langjährigen Geschäftsführers war die Nachfolge der Pfisternmühle nicht geregelt und sie wurde geschlossen», erklärt Simon Odermatt. 

Der Landwirt aus Alpnachstad OW ist Präsident des Ackerbauvereins Ob- und Nidwalden, der am Aufbau der Kornmühle Sachseln beteiligt war. Der neue Verarbeitungsbetrieb ist auf dem Areal einer ehemaligen Möbelfabrik einquartiert. 

«Die einzige Mühle in Unterwalden – getragen durch regionale Partner, gebaut für eine unabhängige, hochwertige Getreideverarbeitung», heisst es auf der Website der Kornmühle Sachseln.

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Die Produzenten bestimmen den Preis des Mehls

Aus dem NRP-Projekt ist eine florierende Wertschöpfungskette für regionales Getreide entstanden. «Die Kornmühle mahlt unser Getreide im Lohn, die Vermarktung läuft über den Ackerbauverein», schildert Simon Odermatt. 

Je nach Jahr und abhängig von der Fruchtfolge produzieren 10 bis 15 Landwirt(innen) Getreide für das Chornwaldmehl auf etwa zehn Hektaren, Tendenz steigend. Dieses Jahr erwartet Odermatt – im Fall einer guten Ernte – 50 t Weizen und 4 t Dinkel. «Letztes Jahr hatten wir nur 6 t Mahlgetreide, der Rest ging ins Futter», erinnert sich der Landwirt. 2025 war in weiten Teilen der Schweiz ein ideales Ackerbaujahr, aber in Ob- und Nidwalden herrschte feuchtes Wetter. 

Abo Nach den Berechnungen von FMS könnten die Schweizer Getreideproduzenten pro Jahr insgesamt bis zu 15 Millionen Franken mehr verdienen. Faire Märkte Schweiz Anzeige wegen «Missbrauch von Marktmacht» beim Getreide Friday, 31. May 2024 «Wir haben keine Trocknungsanlage für das Getreide – dieser technische Nachteil wurde uns 2025 zum Verhängnis», bemerkt Odermatt. Angesichts der bisher kleinen Mengen wären Auslastung und Amortisation der Investition in eine Trocknungsanlage fraglich.

Quereinsteiger mit Affinität zum Pflanzenbau

Das vergleichsweise feuchte Klima war laut Simon Odermatt einer der Gründe, weshalb vor rund 50 Jahren der Getreideanbau in Ob- und Nidwalden deutlich zurückging. Der Klimawandel bringt hier Veränderungen. 

«Ausserdem haben wir eine starke Viehzucht in Ob- und Nidwalden und wenn man in einem Bereich stark ist, bleibt man meist dabei.» Odermatt war 2020 der erste, der in neuerer Zeit überhaupt wieder Getreide angebaut hat. Als gelernter Landschaftsgärtner und somit Quereinsteiger in die Landwirtschaft hatte er einen anderen Hintergrund und eine Affinität zum Pflanzenbau. 

Als Odermatt Land dazugewann, aber keine zusätzlichen Lagerkapazitäten für Futter hatte und seinen Milchviehbestand nicht kurzfristig aufstocken konnte, um die neuen Flächen zu bewirtschaften, säte er Getreide. Das kam gut an und Odermatt sieht auch agronomische Vorteile. «Es gibt wieder eine Fruchtfolge und man kann schlechte Grasbestände eher einmal wenden», findet er.

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Gute Zusammenarbeit mit Bäckern und Konditoren

Der Ackerbauverein Ob- und Nidwalden vermarktet sein Getreide nach der Verarbeitung in der Kornmühle Sachseln unter der Marke «Chornwald». Jeder Landwirt im Verein habe so seine Kontakte und Kanäle, schildert Simon Odermatt. 

Wertvoll ist aber auch die Zusammenarbeit mit dem Bäcker- und Konditorenverband. Die Confiseure und Bäcker aus Ob- und Nidwalden setzen das Chornwald-Mehl für ihre Spezialbrote, Snacks, Spezialitäten und Riegel ein. «Das hilft ihnen auch, sich mit Regionalprodukten abzuheben», bemerkt der Landwirt. 

Die Preise bestimmen die Getreideproduzenten im Ackerbauverein selbst. Das Mehl steht für 3,90 Franken im Regal und ist somit deutlich teurer als das, was man im Detailhandel bekommt. «Die Leute kaufen unsere Chornwald-Produkte, weil sie regional sind», ist Odermatt überzeugt.

«Die Gesellschaft muss das Projekt mittragen»

Hier sieht der Obwaldner einen Vorteil in der geringen Grösse der beiden Halbkantone: Die Familien könnten mit ihren Kindern an den Getreidefeldern entlang spazieren und sehen sofort, woher das Mehl stammt. 

Ausserdem kenne man sich generell in den Dörfern. «Die Gesellschaft muss so ein Projekt mittragen», findet Simon Odermatt. Bei seiner Wiederbelebung des Getreideanbaus samt lokaler Wertschöpfungskette hat das funktioniert. Der Ackerbauverein war allerdings nicht untätig, um seine Produkte bekannt zu machen. 

«Wir haben einen Brunch veranstaltet und einen Velo-Feld-OL mit Tafeln aufgestellt, bei denen man ein Brot gewinnen konnte», erinnert sich der Landwirt. Er ist zuversichtlich, dass sich das Ganze noch ausbauen lässt. Schliesslich sei das Chornwald-Mehl bisher nach Beginn des Mahlens im September immer relativ früh im Jahr – bereits im März/April – ausverkauft gewesen. «Ich habe schon das Gefühl, dass es da noch Kapazität gibt», bekräftigt Odermatt.[IMG 5]

Neue Mühle dank finanzieller Unterstützung

Auch ein Ausbau der Mühle wäre denkbar, um mehr verschiedene Produkte anbieten und kleinere Mengen verarbeiten zu können. Im Anbau sei man offen für andere oder alte Getreidesorten wie Emmer oder Einkorn. Vielleicht kommt einmal eine Zusammenarbeit mit der Kernser Pasta AG in Obwalden zustande.

Die finanzielle Unterstützung seitens der öffentlichen Hand war laut Simon Odermatt wichtig, um den Aufbau der neuen Mühle überhaupt berappen zu können. Sie wird heute als AG geführt und verkauft – neben den Lohnarbeiten für den Ackerbauverein – auch eigene Produkte. Es seien viele Kleinaktionäre beteiligt, die die regionale Getreideverarbeitung begrüssen und die Rechtsform als AG habe geholfen, das benötigte Kapital aufzutreiben.

Eine breit aufgestellte IG brachte den Erfolg

Mitgezogen haben im damaligen NRP-Projekt der IG Mühle Obwalden neben dem Ackerbauverein der ehemalige Geschäftsführer der Mühle Pfistern und der Besitzer der alten Möbelfabrik, in der nun Getreide vermahlen wird. 

«Er fand es eine gute Idee, dass wir in der Region Ackerbau betreiben wollen und hat daher diesen Standort vorgeschlagen», erklärt Odermatt. Die alte Mühle Pfistern konnte man nicht übernehmen, daher kam die frühere Möbelfabrik gelegen. 

Abo Getreidemarkt Der Kampf gegen Tiefkühl-Gipfeli: 200 000 Tonnen Importe verdrängen Schweizer Getreide Wednesday, 18. February 2026 Mit Bettina Hübscher war auch eine Fachperson an der IG beteiligt, die sich fachkundig um die Formalitäten für das NRP-Projekt kümmern konnte. Die zukünftige Geschäftsführerin brachte zusätzlich bereits ihre Ideen ein. «Die geknüpften Kontakte durch Ständerat Erich Ettlin gaben dem Projekt Schwung», ergänzt Simon Odermatt.

Systematisch auch Gemeinschaftsgastronomie einbeziehen

«Der erfolgreiche Aufbau lokaler pflanzlicher Wertschöpfungsketten erfordert eine stufenübergreifende Zusammenarbeit aller Akteur(innen), ausreichende finanzielle Ressourcen für die Markteinführung sowie eine wirksame Kommunikation mit der Konsumentenschaft», fasst die ZHAW im Greenpeace-Bericht zusammen. 

Mit lokalen Wertschöpfungsketten für Lebensmittel liessen sich «essenzielle Verbindungen» zwischen Produktion, Verarbeitung und Endverbrauchern schaffen, heisst es weiter. Dies zum Beispiel durch Märkte, lokale Food-Festivals oder andere Veranstaltungsformate. «Um eine möglichst breite Zielgruppe zu erreichen, sollten dabei systematisch auch Bildungseinrichtungen und die Gemeinschaftsgastronomie einbezogen werden», so die ZHAW. 

Nur eine breiter abgestützte Verarbeitungslandschaft verhindere übermässige Marktungleichgewichte, reduziere die Gefahr von Marktmachtmissbrauch und sorge für Märkte, die auch in Krisen funktionsfähig sind, findet FMS. 

Funktioniert das auch andernorts?

 «So ein Projekt wie die Kornmühle Sachseln kann sicher auch woanders funktionieren, wenn es den nötigen gesellschaftlichen Rückhalt gibt», meint Simon Odermatt. In seinem Fall habe beim Aufbau der regionalen Wertschöpfungskette sicher geholfen, dass der Getreideanbau in der Region etwas Neues war. 

Ähnliche, erfolgreiche Beispiele kenne er aber etwa von der Vermarktung für Hochstammobst oder Getreide im Aargauer Seetal.