Nils Hofmann hat ein zwiespältiges Verhältnis zu Unkraut: «Wenn mal etwas schiefgeht, dann meist, weil das Unkraut überhandgenommen hat.» Gleichzeitig sieht der Gemüsegärtner und Ökologe den Herbizidverzicht als grösste Fördermassnahme für die Biodiversität. Und damit als wichtigen Faktor in der Schädlingsregulierung. «Wenn wir im Frühling Salat im Freiland anbauen, hängt die Kamille meist voller Läuse und Marienkäfer. Der Salat bleibt aber verschont.» 

Nils Hofmann ist Anbauleiter am Markhof im deutschen Rheinfelden. Dies ist der zweite Standort der Agrico-Genossenschaft, die auf dem Birsmattehof in Therwil BL beheimatet ist. 

Trotzdem ist der Acker ein Ökosystem

«Wir sind wahrscheinlich die zweitälteste Konsumenten-Produzenten-Genossenschaft der Schweiz», sagt Jonathan Hexges, der den Pflanzenbau auf dem Birsmattehof leitet. Die Agrico ist nicht nur alt, sondern auch gross: Sie hat rund 3000 Gemüseabos und 10 Marktstände pro Woche. Es wird zu 100 % direkt vermarktet und alle Flächen sind biologisch bewirtschaftet.

«Wir bauen alles an, was hier möglich ist», beschreibt Jonathan Hexges. Bio-Spritzmittel kommen beim Freilandgemüse nicht zum Einsatz. Der Fokus liegt auf der Prävention. «Ein Acker ist zwar kein natürliches Ökosystem», gibt Nils Hofmann zu bedenken. «Und trotzdem ist er ein Ökosystem, das durch Diversität stabiler wird», erklärt er.

Begrünte Bewässerungsgassen erleichtern den Umgang mit Kulturschutznetzen

Zum Markhof gehören rund 70 ha im Freiland. «Wir haben jeweils 10 Beete à 180 cm, dazwischen eine mit Klee-Gras begrünte Bewässerungsgasse von ebenfalls 180 cm Breite», sagt Nils Hofmann. Die Bewässerungsrohre blieben liegen und der Streifen diene als Rückzugsraum oder Korridor für Insekten und Kleintiere wie Wiesel sowie Bodenlebewesen. 

Die Streifen vereinfachten aber auch die Arbeit mit Kulturschutznetzen, die der Markhof grossflächig einsetzt. «Alle Kohlsorten schützen wir so als Jungpflanzen vor Erdflöhen und anderen Kohlschädlingen», sagt Hofmann.  Zum Hacken entfernen sie die Netze und legen sie auf die Bewässerungsrohre. Entscheidend sei das Management, betont der Landwirt: Bleiben die Netze zu lange auf der Kultur, drohen in der Feuchte Pilzkrankheiten. Sie würden die Netze eher früher entfernen, weil sich die Temperaturen mit dem Klimawandel ändern würden, erklärt Hofmann. «Und Pilzkrankheiten sind gefährlicher als Schädlinge.»

Betriebsspiegel Agrico-Genossenschaft
 
Standorte: Birsmattehof, Therwil BL und Markhof, Rheinfelden (D)
LN: 25 ha (Birsmattehof) bzw. 70 ha (Markhof)
Kulturen: Rund 200 Sorten Gemüse in Freiland, Glashaus und Tunnel, Kräuter, Kartoffeln, Kunstwiese
Tiere: 10 Aubrac-Mutterkühe mit Kälbern und 700 Legehennen auf dem Birsmattehof
Arbeitskräfte: 35 Vollzeit-Stellen, verteilt auf rund 65 Mitarbeitende, die allermeisten ganzjährig
Vermarktung: Rund 3100 Gemüse-Abos mit Depot-Lieferungen und 10 Marktstände pro Woche

Der Schneckendruck hält sich in Grenzen

Es steht bei dieser Beetanordnung zwar 10 % weniger Anbaufläche zur Verfügung. Nils Hofmann ist aber vom Zusatznutzen überzeugt. Beim Rosenkohl verhinderten die Netze die ersten zwei Generationen der Weissen Fliege, was einen massiv geringeren Druck im späteren Bestand bedeute.

«Ich würde nicht sagen, dass Schnecken nie Probleme machen», sagt er. Aber der Druck halte sich in Grenzen, weil sie den Boden intensiv bearbeiten und die Beete jedes Jahr versetzen. Ausserdem können kleinere Frassschäden am Gemüse in der Direktvermarktung erklärt werden. Im Notfall greift Hofmann an stark betroffenen Stellen zu Schneckenkörnern. Gegen Mäuse wird das Gras kurz gehalten.

Auf dem Birsmattehof ist die verfügbare Fläche kleiner, weshalb Alurohre für die Bewässerung in den Fahrspuren verlegt werden. Dafür kommen die Schnecken aus den zahlreichen Hecken. «Wir haben den Wendestreifen an diese Seite gelegt, das hilft», sagt Jonathan Hexges Leiter des Pflanzenbaus.

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Weniger Feuchtigkeit im Bestand dank Mulchschicht

Sowohl der Birsmattehof als auch der Markhof pflanzen ausgewählte Kulturen in eine rund 15 cm dicke Mulchschicht. Als Mulch dienen frisch geschnittenes Klee-Gras, Silage oder Wick-Roggen aus der Winterbegrünung, die gehäckselt und mit dem Miststreuer ausgebracht werden. Beim Rosenkohl helfe das gegen Russtau. 

«Die Feuchtigkeit bleibt im Boden und dadurch wird das Mikroklima um die Pflanzen trockener», beobachtet Nils Hofmann. Für das Ausbringen des Klee-Gras-Mulchs rechnet er etwa 2 – 3 Tagen für 60 – 70 a. Der Rosenkohl werde mit einer Mulchpflanzmaschine gesetzt und gelinge in diesem System seit drei Jahren sehr gut.

Wenn sich der Mulch zersetzt, liefert er zusätzliche Nährstoffe für die Kultur. Je nachdem wird ein bis zwei Wochen oder auch mal nur fünf Tage vor dem Setzen gemulcht. Die Agrico macht gute Erfahrungen mit Gewächshaus-Tomaten im Mulch.

Ein Zentimeter näher an die Pflanze herangehackt spart 30 Stunden Jäten

Für die Genossenschaft spielt Planung im Pflanzenschutz eine grosse Rolle. «Auf dem Markhof gibt es je eine Fruchtfolge für die Flächen mit schweren, mittleren und leichten Böden», erläutert Nils Hofmann. Kohl kommt auf schweren, Kartoffeln auf leichten Boden. 

Gesät wird mit GPS, denn die geraden Reihen erleichtern das Hacken. Für die mechanische Unkrautbekämpfung seien gute Maschinen, richtige Einstellung und passendes Timing wichtig. Ein Zentimeter näher an die Nutzpflanze herangehackt, bedeute 30 Stunden weniger Jätarbeit, ergänzt Jonathan Hexges. «Vor allem im Sommer kommt es auf einen oder zwei Tage an, ob die Hirse davon wächst und sie überhandnimmt», sagt Hofmann. Im Vorauflauf nutzt er ein Abflammgerät bei allen gesäten Kulturen.

Auch der Pflanzzeitpunkt ist präventiver Pflanzenschutz

Oft sei auch der Pflanzzeitpunkt entscheidend. Mit dem Klimawandel bringt Nils Hofmann die Setzlinge später ins Freiland. So können Landwirte etwa eine Generation der Weissen Fliege quasi auslassen. Durch die längere Vegetationsphase wächst die Kultur länger auf dem Feld, entwickelt sich später in der Saison aber langsamer. «Das Gemüse ist länger lagerfähig», sagt Hofmann. Ob es bis zur Reife reicht, hänge von Kultur, Sorte und Wintertemperaturen ab. «Man muss sich getrauen, auch mal etwas auszuprobieren und anzupassen», findet der Landwirt.

Die Agrico folgt einem Nützlingsplan von Andermatt Biocontrol. Dieser werde von der Beratung erstellt und gebe grob vor, wann wo welche Nützlinge einzusetzen sind. Nils Hofmann nutzt zusätzlich eine konventionelle Beratung in Deutschland, aber nur fürs Monitoring von Schädlingen. «Den Spritzplan befolgen wir nie. Die Anbauberater wundern sich teils, dass wir doch etwas ernten.»

Maximal einmal pro Jahr pflügen

Zur Unkrautkontrolle wird nicht auf den Pflug verzichtet. «Wir pflügen maximal 20 cm tief und trotz Mehrfachbelegung der Beete nur einmal im Jahr», erklärt Jonathan Hexges. Der Gemüsebau ist intensiv, was die Bodenbearbeitung anbelangt – wenn auch mit Speedy-Setzlingen heute nach dem Eggen seltener eine Fräse folgt. 

Hexges prüft den Untergrund mit einer Sonde auf Verdichtungen, die er einmal in der Fruchtfolge – also etwa alle fünf Jahre – gezielt mit einem Tiefenlockerer aufbricht. Er ist ausserdem sicher, dass Fungizide das Bodenleben aus dem Gleichgewicht bringen würden. «Dann können sich Schadpilze besser ausbreiten.»

Austariertes System ohne Fokus auf Maximalerträge

Der Markhof wird viehlos geführt, zum Birsmattehof gehören hingegen eine kleine Mutterkuhherde und Legehennen. «Zusätzlich haben wir Mistabnahmeverträge mit Pferdehaltern», ergänzt Jonathan Hexges. Den Mist kompostiert die Agrico in Feldrandmieten und mit Rüstabfällen auf der Mistplatte, die Gülle düngt Grünflächen. 

Fürs Gemüse braucht es zusätzlich Biodünger-Pellets, was die beiden Anbauleiter als Makel im System empfinden. Schliesslich muss dieser Dünger von aussen zugeführt werden. Klar ist aber, dass bei der Agrico-Genossenschaft Wirtschaftlichkeit und nicht Maximalerträge an erster Stelle stehen. Das lässt Raum – auch Raum für Biodiversität.

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Verschiedene Lebensräume, Kulturen und Sorten

Die Agrico kombiniert die Produktion mit Feucht-Biotopen, über einen Kilometer Hecken und fünf Weihern. Der Feuchtlebensraum neben den Glashäusern ist Kontrast und Ausgleich in Einem. Die Erfolge der Biodiversitätsförderung zeigen sich etwa im Auftreten seltener Brutvögel, mäuseregulierender Greifvögel und Wiesel. 

Auf den Produktionsflächen steht eine Vielfalt an Kulturen und Sorten nebeneinander, was Massenvermehrungen von Schädlingen vermeidet. «Ein Kohlschlag kann schon mal zwei ha gross sein, aber mit verschiedenen Sorten», sagt Nils Hofmann. Durch die Direktvermarktung hat die Agrico die Möglichkeit, zu verkaufen, was es gerade gibt und Ausfälle durch eine andere Kultur zu kompensieren.

Das Credo von Nils Hofmann lautet, möglichst wenig einzugreifen: «Wer gegen Schädlinge spritzt, dezimiert immer auch die Nützlinge und muss immer weiter spritzen.» Ein natürliches dynamisches Gleichgewicht werde so nie erreicht. Lieber lässt Hofmann natürliche Feinde die Schädlinge auf ein tolerierbares Mass dezimieren – am besten in einer ungefährlichen, artenreichen Restverunkrautung.

Kultur und Vielfalt schützen
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Wie gelingt es Pflanzenschutz, Produktion und Biodiversität sinnvoll zu kombinieren? In einer Serie in Zusammenarbeit mit der Plattform «Blühende Lebensräume» von FiBL, Agroscope, HAFL und dem Schweizer Bauernverband zeigen wir anhand von Praxisbetrieben cleveren Pflanzenschutz, der durch Nachhaltigkeit besticht.

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