Es gibt Momente auf dem Hof, die mich jedes Jahr neu berühren. Nicht die grossen, die man plant und erwartet. Sondern die kleinen, die einfach kommen. Einer davon ist das erste Brummen der Blauschwarzen Holzbiene.

Sie kündigt sich an, bevor man sie sieht. Ein tiefes, fast schon dreistes Summen, kein zartes Geräusch, sondern ein Ton mit Gewicht. Und dann sitzt sie da, an einem warmen Apriltag, ein grosser schwarzer Körper, der auf einmal blau aufleuchtet, wenn das Licht ihn trifft. Blau-violett, wie ein Edelstein. Wie Seide über Kohle.

Eine Biene, die Eindruck macht

Die Blauschwarze Holzbiene (Xylocopa violacea) ist mit fast drei Zentimetern Körperlänge die grösste Wildbienenart der Schweiz. Wer sie zum ersten Mal sieht, ist womöglich etwas unsicher, wenn nicht verängstigt. Sie wirkt mächtig. Fast adelig. Und tatsächlich ist sie das, in gewisser Weise: ein Tier, das in seiner Erscheinung nichts Entschuldigendes hat. Schwarzer, runder Körper, dunkle Behaarung an den Beinen, und diese Flügel... blau schimmernd, schillernd, fast wie lackiert.

Dabei ist sie trotz ihrer Grösse ausgesprochen sanft. Sie sticht nicht leichtfertig. Sie ist einfach da, und sie macht ihr Ding, mit einer Gelassenheit, die mir ganz oft fehlt.

Das Holzscheit mit dem grossen Loch

Neben unserem Garten steht ein Altholzkasten, zwei mal zwei Meter gross, extra für Insekten gebaut, vollgepackt mit alten Scheiten. Jedes Jahr sucht sie sich ein neues Holzscheit aus, setzt sich, prüft kurz, und beginnt dann zu nagen. Das Ergebnis ist beeindruckend: fingerdicke Gänge, mehrere Zentimeter tief, mit dem eigenen Kiefer ins Holz gefräst. Das dabei entstehende Sägemehl verklebt sie mit Speichel zu Trennwänden zwischen den Brutkammern. In jede Zelle legt sie ein Ei und einen Pollenvorrat, alles, was die Larve braucht.

Sie baut allein. Keine Kolonie, kein Volk. Nur sie, das Holz und ein Instinkt, der älter ist als jede Landwirtschaft.

Wicken für den Sommer

Ich säe jedes Jahr Wicken im Garten. Für den Sommer, damit die Holzbiene auch bei mir bleibt. Inzwischen kommen die Wicken auch wild, weil wir uns das so eingerichtet haben, die Wicken und ich. Wicken gehören zur Familie der Schmetterlingsblütler, einer der bevorzugten Nahrungsquellen der Holzbiene. Dass sie dann auf diesen Blüten landet, ist nicht Sentimentalität, es ist Ökologie. Sie weiss, wo sie hingehört.

Warum uns diese Begegnung beglückt, biologisch betrachtet

Dass ich jedes Jahr auf sie warte, hat auch mit mir zu tun, nicht nur mit ihr. Die Forschung spricht von «Biophilie», der tief verwurzelten menschlichen Zuneigung zu anderen Lebewesen, besonders zu solchen, die gross, auffällig und unverkennbar sind. Die Holzbiene erfüllt all diese Kriterien. Sie ist nicht niedlich, sie ist imposant. Und genau das löst etwas aus: nicht das Beschützenwollen, sondern echte Bewunderung. Das, obschon sie eben das Erstere auch nötig hätte.

Die Holzbiene überwintert als fertig entwickelte Biene, in Spalten von Totholz oder verlassenen Gängen. Wenn sie an den ersten warmen Apriltagen wieder auftaucht, ist das kein Zufall, sondern ein präzises Signal: Die Temperaturen stimmen, die Lichtmenge passt. Für mich ist es mittlerweile eines der verlässlichsten Frühlingszeichen, die ich kenne.

Was sie braucht und was wir ihr geben können

Mit klassischen Insektenhotels kann die Blauschwarze Holzbiene nichts anfangen. Sie braucht echtes, festes Totholz, sonnig gelegen, am besten Laubholz wie Pappel, Weide oder Apfel. Wer altes Holz im Garten lässt, tut ihr einen grossen Gefallen. Wer Wicken, Platterbsen oder Muskatellersalbei pflanzt, liefert das Buffet dazu.

Bienen Schweiz hat sie zur Biene des Jahres 2026 gewählt, in einem Publikumsvoting, aus dem sie klar als Siegerin hervorging. Ich finde das richtig. Nicht weil sie die seltenste oder gefährdetste ist, sondern weil sie zeigt, was Wildbienen sein können: eindrückliche, eigenständige Tiere mit eigenen Ansprüchen. 

Laut Bienen Schweiz gilt heute fast die Hälfte aller Wildbienenarten in der Schweiz als gefährdet. Viele sind hochspezialisiert, angewiesen auf ganz bestimmte Pflanzen, ganz bestimmte Niststrukturen. Wenn wir diese Vielfalt erhalten wollen, braucht es mehr als Blumenwiesen als Gewissensberuhigung. Es braucht echtes Verständnis dafür, was diese Tiere wirklich benötigen.