Die Entwässerung der Linthebene wird von Historikern auch als grösstes Bodenverbesserungswerk der Schweiz gepriesen. Es schuf Arbeitsplätze und Produktionsfläche. Für Daniela Pauli von BirdLife Schweiz ist die Linthebene ein Beispiel für verlorene Lebensräume. Aber nicht nur: «Für die Natur war das super», verdeutlichte die Biologin, «für die Menschen aber etwa wegen Malaria problematisch.» Ausserdem eignete sich das damalige Feuchtgebiet kaum für die grossflächige Lebensmittelproduktion.
«Wir sind heute in einer anderen Ausgangslage»
In der Vergangenheit lag der Fokus darauf, das Wasser von den Flächen weg zu bringen – wie es in der Linthebene eindrücklich umgesetzt worden ist. «Wir sind heute in einer anderen Ausgangslage», ist sich Florian Altermatt vom Wasserforschungsinstitut Eawag, sicher. Mit dem Klimawandel stehe der Umgang mit Starkregen und das Halten des Wassers in der Fläche im Vordergrund statt wie früher die Eroberung von Platz für die Lebensmittelproduktion. Altermatt referierte wie Daniela Pauli an der Naturschutzfachtagung von Birdlife in Brugg AG. Das Thema des Tages waren blau-grüne Lebensräume, in denen Land und Gewässer in einander übergehen. Sie zeichnen sich durch hohe Biodiversität aus – und müssen nicht wie die einstige Linthebene aussehen.
Ein Werkzeugkasten für Schwammlandschaften
«Vor allem auf extensiven Flächen gibt es Chancen, Schwammlandschaften mit der Biodiversitätsförderung zu verbinden», erklärte Philipp Schuppli, Geschäftsführer der Apiaster GmbH. Schwammlandschaften nehmen – wie der Name es sagt – Niederschlagswasser auf und geben es langsam ab. Abflüsse werden gebremst, die Bodenfeuchtigkeit in Trockenphasen erhalten, so Schuppli. Zu den Werkzeugen für den Aufbau solcher Schwammlandschaften in Kulturlandschaften zählt er Baumreihen mit grossem Saum, Keylines, Hecken und Weiher bzw. Flachmulden, die sich je nach Regen füllen oder teilweise trockenfallen. Mit Keylines liessen sich bestehende Drainagen ergänzen, um Starkregen sinnvoll zu lenken. Landschaften würden durch solche Elemente auch attraktiver, ist Schuppli überzeugt.
Ein Prozess, der Jahre dauert
Als Projektleiter bewegt sich Philipp Schuppli im Spannungsfeld des Wünschenswerten und des Machbaren. «Ohne Direktzahlungsoptimierung steht man ziemlich im Schilf – oder eben gerade nicht», meinte er auf die Frage aus dem Publikum nach der Motivation der beteiligten Landwirte. Er arbeite aber auch viel mit Idealisten oder Menschen, die sich einfach über das Wiederauftauchen seltener Arten freuen. «Es ist ein Prozess, der Jahre dauert», ergänzte Schuppli.
Mancherorts kommt man dafür einfacher an Geld
Benachbarte Landwirt(innen) fänden die Veränderungen in der Landschaft ebenfalls gut und fragten, ob es noch finanzielle Mittel gäbe für etwaige Massnahmen auch bei ihnen. In den Projekten, die der Umweltingenieur vorstellte, waren etwa die Zielartenförderung in der Landwirtschaft oder beteiligte Gemeinden bzw. der Jurapark Aargau für die Finanzierung wichtig. «Im Kanton Aargau ist es einfacher als anderswo, an Geld zu kommen», bemerkte Schuppli in Bezug auf die Schaffung blau-grüner Lebensräume.
Der Biber macht keine halben Sachen
Biber arbeiten kostenlos an der engeren Verzahnung von Land und Wasser. Ihre Reviere mit unterschiedlich tiefen und entwickelten Gewässerbereichen seien sehr artenreich, stellte Christof Angst von der Biberfachstelle Schweiz fest. Er betonte: «Wenn Biber etwas machen, tun sie es richtig und anarchisch.» Das bleibt bekanntlich nicht konfliktfrei, gerade auf Landwirtschaftsland. Die Ausbreitung des Bibers in der Schweiz weckt daher Ängste. Zumal sich Betroffene nur innerhalb eines relativ engen gesetzlichen Rahmens gegen das Wirken eines Bibers wehren können und dies oft mit viel Aufwand sowie hohen Kosten verbunden ist.
Laut Christof Angst treten Konflikte vor allem dort auf, wo sich Biber bereits verbreitet haben; im Mittelland. «Jetzt steigen sie aber immer mehr in kleine Flüsse und Bäche auf.» In diesen höheren Lagen sei das Konfliktpotenzial geringer. Generell gebe es Probleme mit Bibern, wenn Menschen zu nahe an die Gewässer heranrücken. Ausreichend grosse Gewässerräume würden daher Linderung versprechen.
Progressivere Umsetzung des Gewässerschutzes
Aber auch auf die Festlegung von Gewässerräumen bzw. die Ausscheidung von Zuströmbereichen schaut man in der Landwirtschaft sorgenvoll. Sie sollen als blau-grüne Lebensräume Teil der ökologischen Infrastruktur werden. «Was gesetzlich vorgegeben ist, ist das funktionelle Minimum», sagte dazu Eawag-Forscher Florian Altermatt. Genügend grosse Gewässerräume und Zuströmbereiche seien «absolut entscheidend», um auch schädliche Einträge in Wasserläufe zu reduzieren. Die gesetzlichen Grundlagen seien gut, die Umsetzung müsse aber noch progressiver werden. Sie ist Sache der Kantone, wobei die politische Debatte auch in Bundesbern noch nicht abgeschlossen ist.
Gelungene Beispiele ökologischer Infrastruktur
BirdLife will anhand von Beispielprojekten aufzeigen, wie der Aufbau ökologischer Infrastruktur realisiert werden kann. Der Fokus liegt dabei auf umfangreichen Aufwertungen oder Wiederherstellungen wertvoller Lebensräume, die als Inspiration dienen sollen. Eine dieser «Naturjuwelen plus» ist das Lebensraum-Mosaik im Kulturland in Dachsen ZH. Dort sollen in den nächsten Jahren dornenreiche Büsche und Sträucher, Hochstämmer, Buntbrachen und Kleinstrukturen wie Stein- und Sandlinsen entstehen. Zur Sicherung der Fläche sind u. a. Verträge mit Landwirt(innen) vorgesehen. «Ziel ist die beispielhafte Schaffung einer vielfältigen Kulturlandschaft als Beitrag zum Aufbau der Ökologischen Infrastruktur der offenen und halboffenen Lebensräume», schreibt BirdLife. Nachdem der Verband die letzten Tage viel Kommunikationsarbeit zur ökologischen Infrastruktur geleistet hat, soll es nun mit der Kampagne der Naturjuwelen Plus um die praktische Umsetzung gehen.
Fledermäuse profitieren von Gewässern und vertilgen Schädlinge
An der diesjährigen Naturschutzfachtagung gaben verschiedene Fachleute Einblicke zu den diversen Artengruppen, die blau-grüne Lebensräume bevölkern. Unter ihnen sind Fledermäuse, die gemäss Stefan Greif, Birdlife, vor dem Flug in ihr Jagdgebiet gerne eine Trinkgelegenheit suchen. Dafür eignet sich offenes Wasser, denn Fledermäuse trinken im Tiefflug. «Fledermäuse sind Säugetiere und Insektenfresser», hielt Greif fest. An Gewässern gebe es sowohl viele Arten als auch grosse Mengen Insekten, die noch dazu oft weich zum Fressen seien.
Stabile Nahrungsgrundlage für die nächtlichen Jäger
So bieten Bäche, Weiher usw. den Fledermäusen eine stabile Nahrungsgrundlage – was sie nicht davon abhält, für die Landwirtschaft nützlich zu sein. Es gebe zwar verschiedene Zahlen, «aber sicher ist; sie vertilgen viel», meinte der Biologe. Er sprach von 30 bis 40 Prozent ihres Körpergewichts, das Fledermäuse in einer Nacht zu sich nehmen und damit einen Beitrag zur Schädlingsbekämpfung leisten können.
Strukturen für die Orientierung
Wichtig für die fliegenden Insektenfresser sind neben Wohnquartieren (hohle Bäume, Dachstöcke, Fledermauskäsen), nächtliche Dunkelheit und Strukturen wie Hecken in der Landschaft, an denen entlang sie des Nachts in ihr Jagdgebiet fliegen können. Auch die Wasserqualität müsse stimmen, da Fledermäuse in ihrem 30–40 Jahre langen Leben Schadstoffe in ihrem Körper ansammeln könnten. «Für mich sind Fledermäuse ideale Botschafter für blau-grüne Lebensräume», schloss Stefan Greif.