Zunehmende Risse, hohe Kosten für Schutzmassnahmen, Aufgabe von Betrieben, Verunsicherung in der Bevölkerung: Das ist nach der Schilderung von Ständerat Fabio Regazzi (Mitte, TI) die «Realität in unseren Tälern». Der Metallbauunternehmer und Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV) kritisierte im Ständerat Ende März 2026 das heutige System zum Umgang mit dem Wolf in der Schweiz als zu langsam und schwerfällig. 

Regazzis Lösung ist die Definition eines Schwellenwerts, der zusammen mit den Kantonen festgelegt wird und regionale Besonderheiten berücksichtigt. Überschreitet der Wolfsbestand diesen Wert, soll regulierend eingegriffen werden können. «Das schafft Planbarkeit und Transparenz», ist sich der Tessiner sicher.

Nicht eliminieren, sondern «kontrolliert regulieren» 

Fabio Regazzi ging in seinem Votum gleich selbst vorsorglich auf mögliche Gegenargumente ein. Zum Schutzstatus des Wolfs gab er zu bedenken, auch andere geschützte Arten – etwa Steinböcke – würden in ihrem Bestand gezielt reguliert. «Niemand käme deshalb auf die Idee, von Ausrottung zu sprechen.» Zur möglichen Destabilisierung der Wolfspopulation und kompensatorischen Effekten räumte er ein, dass solche Effekte aus der Wildtierbiologie bekannt seien. 

«Sie treten aber nicht unbegrenzt ein und sprechen nicht grundsätzlich gegen eine kontrollierte, verhältnismässige Regulierung.» Ebenso wenig hält er es für garantiert, dass sich das Wachstum der Wolfsbestände konfliktfrei selbst auf ein tragbares Niveau einpendelt – insbesondere nicht in einer dicht genutzten Kulturlandschaft, wie sie die Schweiz aufweist. «Genau darum geht es hier nicht; Es geht nicht um Eliminierung, sondern um Regulierung.» 

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Quotenjagd werde keine Schäden verhindern

«Was Fabio Regazzi vorschlägt, ist eine Abkehr vom aktuellen System, dass Rudel dann und dort reguliert werden, wo Schäden ein eingetreten sind oder noch drohen», findet David Gerke. Stattdessen werde nach Abschussplan geschossen, es ginge nur noch um Zahlen statt um Verhalten. Der Geschäftsführer der Gruppe Wolf Schweiz (GWS), selbst Schafhalter und studierter Jagdwirt, hält das für «völlig untauglich» für die Verhinderung von Konflikten. 

Das sei wissenschaftlich gut untersucht. Der wissenschaftliche Konsens ist laut Gerke, dass eben nicht primär die Anzahl Wölfe in einem Gebiet das Mass der Konflikte bestimmt, sondern Faktoren wie der Ausbaugrad des Herdenschutzes, aber auch das individuelle Verhalten von Wölfen. «Eine Quotenjagd à la Regazzi wird daher keine Schäden verhindern», ist sich Gerke sicher. 

Abo Regulation der Bestände Wölfe werden proaktiv geschossen – und trotzdem gibt es immer mehr in der Schweiz Thursday, 20. November 2025 «Wenn in ein unauffälliges Rudel reingeschossen wird, können dadurch sogar mehr Konflikte entstehen.» Zum Beispiel die beiden Rudel Moesola und Muchetta in Graubünden hätten erst nach erfolgten Abschüssen ein unerwünschtes Verhalten entwickelt. Unauffällige Rudel sollten daher seiner Meinung nach in Ruhe gelassen werden. «Fabio Regazzi will aber etwas komplett anderes.»

Frankreich hat bereits eine Abschussquote

In Frankreich gibt es ein ähnliches System mit einer jährlich festgelegten Abschussquote. Diese Quote soll den Erhaltungszustand des Wolfes nicht gefährden, schliesslich hat Frankreich – wie die Schweiz – die Berner Konvention zum Artenschutz ratifiziert. Bei der Umsetzung der Abschussquote in Frankreich komme es zu schwersten Tierschutzverstössen, sagt David Gerke. 

Wölfe in Herdennähe könnten das ganze Jahr und unabhängig davon, ob es sich etwa um eine säugende Wölfin handelt, geschossen werden. Ganze Würfe würden so verhungern. «Fakt ist, dass Frankreich mit diesem System die Konflikte nicht in den Griff bekommen hat», fährt der Geschäftsführer der GWS fort. «Die Schäden bleiben auf sehr hohem Niveau.» Ein durchschnittliches Wolfsrudel in Frankreich reisse dreimal mehr Nutztiere als ein durchschnittliches Wolfsrudel in der Schweiz. «Die Kopie des französischen Modells ist eine Kopie des Scheiterns», schlussfolgert Gerke.

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Gerichtlicher Marschhalt der Wolfsjagd in Schweden

Fabio Regazzi zieht in seiner Motion den Vergleich zu Schweden: Dort lebten auf einer knapp elfmal so grossen Fläche wie der Schweiz rund 300 Wölfe, was etwa dem heutigen Bestand hierzulande entspricht. »Nichtsdestotrotz hat die schwedische Regierung einen Wolfsmanagementplan verabschiedet, dank dem der Wolfsbestand auf 170 Tiere gesenkt werden soll», schreibt der Tessiner. 

Abo Zur Regulierung sollen meist Jungwölfe geschossen werden – zwecks Lerneffekt im Beisein anderer Rudelmitglieder. Artenschutz Wölfe in der Schweiz: Internationale Kritik an Regulierungspraxis Saturday, 31. May 2025 Das schwedische Vorgehen sei mittlerweile gerichtlich gestoppt worden, weil es den Arterhalt des Wolfes gefährdet, bemerkt David Gerke. Laut GWS wurde der Zielbestand von 170 Wölfen in Schweden willkürlich politisch festgelegt und von der EU-Kommission nicht akzeptiert. In der Folge habe, so die GWS weiter, das schwedische Verwaltungsgericht Ende 2025 die für den Winter üblicherweise vorgesehene Lizenzjagd auf Wölfe gestoppt. Dies mit Verweis auf die EU-Rechtswidrigkeit und weil der vorgeschriebene günstige Erhaltungszustand des Wolfs in Schweden gefährdet sei.

«Population im Wallis ist völlig ausser Kontrolle»

Im Ständerat gab es keine kritische Wortmeldung zur Motion Regazzis. Stattdessen pflichtete ihm Beat Rieder (Mitte, VS) mit Zahlen bei. 2026 gebe es hierzulande 43 Rudel, 148 Welpen und geschätzt 300–500 Wölfe insgesamt. «Die Sättigung dieser Regionen ist noch nicht erreicht, die Wolfspopulation wird weiter exponentiell wachsen», so Rieder. Allein im Wallis gebe es 11 Rudel mit 100 bis 150 Tieren: «Die Population ist völlig ausser Kontrolle.» 

Rösti spricht trotz Abschuss von «massivem Wachstum»

Umweltminister Albert Rösti erinnerte an die Möglichkeiten, die das heute gültige Recht bereits zur Regulation und der Reaktion auf schadenstiftende Wölfe bietet. Er bat die Kantone, Gesuche für die winterliche proaktive Regulierung jeweils fristgerecht einzureichen, damit auch ab dem 1. September wirklich reguliert werden kann. 

«Wir haben festgestellt, dass bisher dank der Regulierung auf der einen Seite eine Verbesserung im Hinblick auf Schäden erzielt werden konnte und auf der anderen Seite die exponentielle Entwicklung etwas ausgebremst werden konnte», fuhr Rösti fort. Aufgrund der Wolfswelpen gebe es aber unverändert ein «massives Wachstum».

Nie alle zum Abschuss freigegeben Wölfe erwischt

Auch David Gerke der GWS stellt fest, dass die aktuelle Regulierung das Anwachsen des Bestands «sehr deutlich» verlangsamt habe. Gestoppt sei es dadurch aber nicht. «Dass sich der Wolf weiter ausbreitet und die geeigneten Lebensräume besiedelt, lässt sich kaum verhindern», ist er überzeugt. 

Analyse Wo sich Hirten und Wolfsschützer treffen Friday, 25. July 2025 Denn Tatsache sei, dass bereits heute nie alle zum Abschuss freigegebenen Wölfe geschossen werden können. Für diesen Umstand biete auch der Vorstoss von Fabio Regazzi keine Lösung. «Der geforderte Systemwechsel würde vor allem Politiker und Beamte fordern, aber an der Realität, dass der Wolf wieder grossflächig vorkommt, kaum etwas ändern.»

Albert Rösti will nicht mehr zuwarten

Frühere Motionen hatte der Bundesrat jeweils mit dem Argument abgelehnt, man wolle zuerst im Rahmen eines Postulatberichts die Wirkung der bestehenden Massnahmen prüfen. Da hat Albert Rösti offenbar seine Meinung geändert: «Wir mussten feststellen, dass das Wachstum einfach zu gross ist, um hier zuzuwarten.» Am erwähnten Bericht werde zwar weitergearbeitet, die Motion von Fabio Regazzi empfehle Rösti aber «in aller Klarheit» zur Annahme.

Aus Sicht des Umweltministers lässt sich der geforderte Maximalbestand gut in das bestehende Konzept einbauen. Heute schreibt die Jadgverordnung aus Gründen des Arterhalts einen Minimalbestand von insgesamt zwölf Rudeln vor. Was über den zu definierenden Maximalbeständen liegt. «Quasi für die Kantone zur Jagd freigegeben», fasste Albert Rösti zusammen. Er ergänzte: «Wir dürfen nicht vergessen, dass das ein starker Eingriff sein wird und wir diesen auch gut erarbeiten müssen.» Das werde Zeit brauchen, auch wenn es im besten Fall nicht zu einem Referendum kommt. Darum gelte es absolut, die Umweltorganisationen einzubinden.

«Wachstum in einem Mass, bei dem die Betroffenen mithalten können» 

Letztlich läuft es auf ein Verhandeln darüber hinaus, wie viele Wölfe es in der Schweiz künftig geben soll. Wölfe würden ihren Bestand selbst regulieren, «das ist evident und wissenschaftlich nicht bestreitbar», konstatiert David Gerke. «Die Frage ist aber, ob das auf einem Niveau geschieht, das die Gesellschaft als tragbar erachtet.»

Dazu, was gesellschaftlich tragbar ist, gingen die Meinungen bekanntlich weit auseinander. Für Gerke ist es jedoch Fakt, dass sich in einer Amtsstube keine Zahl bestimmen lässt, die für alle stimmt. «Für die Wolfsgegner sind es immer noch zu viele Wölfe, für die Wolfsbefürworter zu wenige», illustriert der Jagdwirt. Selbstverständlich brauche es einen Ausgleich der gesellschaftlichen Interessen, auch beim Wolf. «Entsprechend braucht es regulierende Eingriffe», betont er. Dies, damit das Wachstum in einem Tempo fortschreite, bei dem die Betroffenen mithalten können.

Schrittweise vorgehen, um alle Beteiligten einzubeziehen

So rasch wie möglich soll in einem ersten Schritt die Umsetzung der beiden Motionen zum Abschuss von Problemwölfen in Rudeln und in Jagdbanngebiete erfolgen, so der Plan von Albert Rösti. «Wir gehen davon aus, dass die Vorlage dem Parlament nach Möglichkeit bereits im Sommer 2026, spätestens aber im Frühling 2027 zur Beratung unterbreitet wird», kündigte der Umweltminister an. 

Anschliessend werde sein Departement eine umfassende Gesetzesänderung realisieren, in der die Motion Regazzi – sofern sie in beiden Räten angenommen wird – einzubeziehen sei. Das schrittweise Vorgehen anstelle einer umfassenden Vorlage soll dafür sorgen, dass alle Beteiligten – die betroffenen Landwirte, aber auch die Umweltorganisationen – einbezogen werden können.

Ohne Gegenrede hat der Ständerat die Motion Regazzi angenommen. Sie geht in die vorberatende Kommission des Nationalrats.