Im November 2025 veröffentlichten die Irish Farmers’ Association und das «Irish Farmers Journal» den «Report into Brazil Investigation». Drei Delegierte reisten 3000 Kilometer quer durch vier brasilianische Bundesstaaten, besuchten Betriebe, Viehmärkte und Schlachthöfe. Was sie dabei dokumentierten, passt nicht zu dem, womit das Mercosur-Abkommen beworben wird: gleichwertige Produktionsstandards, Fortschritte bei der Antibiotikaresistenz, faire Wettbewerbsbedingungen.

In brasilianischen Agrarhandlungen konnten die Delegierten ohne jede Kontrolle und ohne Angabe von Tieridentität oder Herkunftsbetrieb Antibiotika frei über den Ladentisch kaufen – darunter Wirkstoffe, die als kritisch eingestuft sind, weil sie als letzte Reserve gelten, wenn gewöhnliche Antibiotika versagen. Solche Mittel wurden ohne Fragen, ohne Dokumentation, teils ohne Kassenscan verkauft, obwohl selbst die brasilianischen Etiketten auf eine Verschreibungspflicht hinwiesen.

Was die Schweiz seit Jahren aufbaut – und was in Brasilien fehlt

Abo Antibiotika kommen beim Milchvieh meist aufgrund von Euterkrankheiten zum Einsatz.   Tierhaltung Antibiotika: Abidat wird erweitert und schafft bessere Möglichkeit zum Vergleich Monday, 31. March 2025 Das ist kein technisches Detail. Die Schweiz kämpft seit 2015 mit der nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen gegen genau dieses Problem. Vier Bundesämter arbeiten dabei zusammen, das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) führt die Massnahmen im Tierbereich. Jede Antibiotikaverschreibung eines Schweizer Tierarztes wird heute im nationalen Informationssystem IS ABV erfasst und ausgewertet. 

Das Ergebnis dieser Arbeit ist messbar: Seit 2014 wurde der Einsatz kritischer Antibiotika in der Schweizer Nutztierhaltung um 76 Prozent gesenkt, der Gesamtverbrauch um fast die Hälfte. Das ist eine Leistung, die Tierärzte, Bauernfamilien und Behörden gemeinsam erbracht haben.

Gleichzeitig soll mehr Fleisch importiert werden aus einem Land, in dem niemand erfasst, welches Tier welches Mittel bekommen hat. Resistente Keime kennen keine Grenzen; sie reisen mit dem Fleisch, mit Menschen, mit der Umwelt. Was in einem brasilianischen Feedlot mit Antibiotika passiert, ist damit keine brasilianische Angelegenheit.

Kein Tier, keine Nummer, keine Datenbank

Brasilien hält 238 Millionen Rinder und verfügt über kein nationales Rückverfolgungssystem, das diesen Namen verdient. Die irische Delegation sah auf Viehmärkten Tiere ohne Ohrmarken, die direkt in Pferche getrieben wurden, allenfalls mit einem Farbanstrich zur Losunterscheidung versehen. Ohrmarken waren im nächsten Agrarhandel frei erhältlich, inklusive des Werkzeugs, sie wieder zu entfernen. Ein brasilianischer Bauer brachte die Haltung vieler Berufskollegen gegenüber der Delegation auf den Punkt: «Das ist Brasilien, wir brauchen das nicht.»

Seit Dezember 2024 gibt es offiziell ein brasilianisches Programm zur Einzeltieridentifikation, das PNIB. Es soll bis 2032 vollständig umgesetzt sein, sieben Jahre nach dem vorgesehenen Inkrafttreten des EFTA-Abkommens.

Jeder Schweizer Bauer weiss, wie das geht: Kalb zur Welt gebracht, innerhalb von 20 Tagen zwei Ohrmarken rein, die Geburt in der Tierverkehrsdatenbank TVD gemeldet. Lebenslang bleibt diese Nummer am Tier. Jeder Zukauf, jeder Verkauf, jeder Transport muss gemeldet werden, innert gesetzlicher Frist. Seit dem Jahr 2000 erfasst die TVD alle Geburten, Standortwechsel und Schlachtungen von Tieren der Rindergattung – eine lückenlose Rückverfolgbarkeit ist damit gewährleistet. Was der IFA-Bericht aus Brasilien beschreibt, ist das genaue Gegenteil davon.

Rote Linien und 110 Millionen Franken Forderung

Das Abkommen, das der Bundesrat Ende Februar ans Parlament überwiesen hat, verspricht Zollerleichterungen für 97,6 Prozent der Schweizer Exporte in die Mercosur-Staaten, was jährlichen Einsparungen von mehr als 155 Millionen Franken entspricht. Im Gegenzug gewährt die Schweiz 25 bilaterale Importkontingente für Agrarprodukte, darunter 3000 Tonnen Rindfleisch, 1000 Tonnen Geflügel sowie je 200 Tonnen Lamm und Schwein.

Abo Freihandel Das Mercosur-Abkommen überschreitet rote Linien: Der SBV verlangt 110 Millionen Franken Wednesday, 4. March 2026 Die Landwirtschaftskammer (Laka) des Schweizer Bauernverbands ist unmissverständlich: «Das geplante Abkommen macht Konzessionen zulasten der einheimischen Landwirtschaft.» Zwei rote Linien seien überschritten. Negative Auswirkungen erwartet sie namentlich bei Fruchtsaft, Brotgetreide, Fleisch und Wein. Nur mit wirksamen Begleitmassnahmen sei das Abkommen verkraftbar: 100 Millionen Franken pro Jahr zusätzlich für Strukturverbesserungen, also für Ökonomiegebäude, Neupflanzungen und Sortenumstellungen, sowie 10 Millionen Franken jährlich für die Absatzförderung, beides befristet auf acht Jahre. Bis zur parlamentarischen Beratung erwartet die Laka vom Bundesrat einen verbindlichen Plan.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Schweizer Konzessionen beim Rindfleisch gemessen am Marktanteil sogar über jene hinausgehen, die die EU den Mercosur-Staaten gewährt hat. Proviande hat dazu in ihrer Stellungnahme vom 3. Juli 2025 klar Stellung bezogen: «Handelserleichterungen, die auf Produkten mit geringeren Produktionsstandards beruhen, gefährden das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten und setzen die heimische Produktion potenziell unter Druck.» 

Brüssel hat nicht gewartet

Die EU-Kommission setzt ihr eigenes Mercosur-Abkommen seit Ende Februar vorläufig in Kraft, trotz heftiger Kritik aus Frankreich, Österreich und Irland und trotz laufender Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof. Möglich wurde das, weil Uruguay und Argentinien das Abkommen national ratifiziert haben. Das Abkommen ist also in der Nachbarschaft bereits Realität, bevor Bern überhaupt abgestimmt hat.

Der Bundesrat hält fest, das EFTA-Mercosur-Abkommen enthalte Bestimmungen zu nachhaltiger Landwirtschaft und Tierwohl und verpflichte die Vertragsparteien, auf hormonelle Wachstumsförderer zu verzichten. Was es nicht enthält, sind überprüfbare Vorabkonditionen für eine funktionierende Tierrückverfolgbarkeit und durchsetzbare Mindestanforderungen an den Antibiotikaeinsatz. Genau dort zeigt der IFA-Bericht die grössten Lücken.

Die Frage, die das Parlament stellen muss

Der IFA-Bericht kommt zum Schluss, dass brasilianisches Rindfleisch unter den aktuellen Bedingungen nicht glaubwürdig für den EU-Markt zertifiziert werden kann. Die Begründung ist sachlich: Wer nicht weiss, woher ein Tier stammt, was es bekommen hat und wo es sich während seines Lebens befunden hat, kann keine belastbare Aussage über das Fleisch machen, das daraus entsteht. Ein Farmer in Brasilien kann kurz vor der Schlachtung Ohrmarken am Handel kaufen, ohne Datenbankeintrag, ohne Kontrolle, ohne Konsequenz.

Die Schweizer Bäuerinnen und Bauern erfüllen täglich strenge gesetzliche Anforderungen. Sie melden jede Tierbewegung, werden laufend kontrolliert, und jede Antibiotikaverschreibung wird vom Tierarzt im System erfasst. Wenn nun Fleisch aus einem System auf den Markt drängt, das genau diese Anforderungen nicht kennt, ist das keine Frage des Freihandels. Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit. Ab dem 1. Juni hat das Parlament die Möglichkeit, sie zu beantworten.